Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5. Frankfurter FsraeMMS FaMilienblatt. Seite 3. fragte in seiner bescheidenen Weise, ob der hochwürdige Herr Prior es vielleicht vorziehen würde, in seinem Zimmer zu speisen. Dieses Anerbieten dankend ablehnend, begab er sich nun eilig mit seinem Gaste in den Speisesaal. Hier waren die Mönche seit beinahe einer Viertelstunde vollzählig beisammen. Sie standen hinter ihren Sitzen, denn keiner hätte es gewagt, sich niederzulassen, bevor nicht der von allen hochverehrte Obere seinen Sitz eingenommen hatte. Der Prior bedauerte, daß er sie habe warten lassen, aber in der Unterhaltung mit seinem lieben Gast, dem Bruder Diego aus dem Kloster do Eonipostel, von dem Bruder Anselmo ihnen vermutlich berichtet habe, hätte er der Zeit vergessen. Dann sprach er den Segen. Sein Bruder staunte, er hatte zwar, was in jüdischen Kreisen nicht Sitte ist, die Hände gefaltet, doch in dem ganzen innigen, tief empfundenen Gebet war auch nicht ein einziges Wort, das nicht ani Tische frommer Juden hätte gesprochen werden können. „Nun, lieber Bruder," wandte er sich «n seinen Gast, „saget, mit wem Ihr speisen wollt; ich habe das Gelübde getan, mich ausschließlich von Fastcnspeisen zu nähren; doch das' darf (Sud), nicht kümmern, hier gibt es auch Fleischbrühe, Braten und dergleichen mehr. Ich denke, Ihr ziehet die Fleischkost vor." „Das tvill ich ini allgemeinen nicht in 'Abrede stellen, doch heute, als Euer persönlicher Gast, hochwürdiger Vater, möchte ich sehr darum bitten, mit Euch speisen zu dürfen — vorausgesetzt, daß Ihr dadurch nicht hungern müßt, sonst —" „Seid unbesorgt, in unserm Kloster hungert man nicht, dafür sorgt schon unser würdiger Mchenmeister und unser wackerer Koch. Und nun greifet zu und laßt's Euch munden." Eine Weile vernahm man in dem weiten Raum kaum ein anderes Geräusch, als das Klappern der Teller und der Messer und Gabeln. Doch als der erste Hunger gestillt >var, kam sehr bald eine flotte Unterhaltung in Gang, an der sich der junge als Kapuziner verkleidete Mann lebhaft beteiligte. Sein Bruder staunte über die Elastizität des Geistes eines Menschen, der am Morgen dem grauenvollsten Tode unerschrocken in's Antlitz geschaut und der nun am Abend mit heiterster Gemütsruhe, bald über ernste Angelegenheiten, bald über harmlose Gegenstände zu plaudern wußte. Und dabei wußte er so amüsant zu erzählen, Schrullen und Possen, die sich sämtlich iii s einem Kloster zngctragen haben sollten, daß die Mönche nicht ans dem Lachen kamen. Die Tischgenossen hätten ihm noch stundenlang zuhören mögen, aber der Prior hob die Tafel auf und forderte seinen Gast auf, ihm tvieder iik sein Zinnner zu folgen. Hier saßen sie dann in traulicher Unterhaltung, bis die Klosterglocke sie zum mitternächtlichen Gottesdienst rief. „Ich mache Dir mein Kompliment, Alfonse, Du hast Dich selbst übertroffen." „Warst Du mit mir zufrieden?" „Na, und ob! — Ich habe fortwährend gestaunt, wie Tu so vollständig den richtigen Ton mit den Mönchen getroffen hast. — Bist Du denn schon einmal in einem Kloster gewesen?" „O, gewiß. Das ist doch bas so unsäglich Traurige, daß wir von Jugend auf an's Lügen und Heucheln gewöhnt werden. Wir sind Juden und fühlen uns 'als Inden und bringen die größten Opfer, um im Geheimen unsere heiligen Gesetze zu erfüllen, und dabei sind wir getauft, nennen uns Neuchristen und machen all' das mit, was für uns als Juden Firlefanz sein muß." „Ja, Du hast recht, daran habe ich nicht gedacht. So lange ich bei den Eltern war, habe ich von Heimlichtuerei wenig gemerkt, außer daß wir am Sabbat und au Feiertagen mit einer Anzahl Glaubensgenossen in einer Abteilung des Kellergewölbcs, die als Synagoge eingerichtet war, gebetet haben. Wir wohnten in einer alleinstehenden Villa; ich erinnere mich nicht, dort je einen Nichtjuden gesehen zu haben, alle unsere Hausgenossen waren Juden, eine Köchin, ein Hausmädchen und mein Lehrer, der auch, das Geflügel — anderes Fleisch als Geflügel dürfte ich wohl nie gegessen haben — geschlachtet hat. Ter Vater war öfters verreist, die Mutter und ich' nie, und der Vater ist auch iminer spätestens am Freitag nach Hause gekommen. Ach, was war das für eine schöne Zeit! — Die glücklichen Tagei — Die herrlichen trauten Freitagabende! — So glücklich bin ich in meinem ganzen Leben nicht wieder gewesen." „Das hat unser Vater auch oft gesagt, Ihr seid zu glücklich gewesen und dadurch zu sorglos, hattet der Vorsicht ermangelt, hattet vergessen, daß Ihr Euch trotz jahrelanger Ruhe im Lande und in der Gewalt unseres Todfeindes befandet. — Dadurch ist dann das ganze Unglück gekommen, daß Du geraubt wurdest, daß Deiner Mutter das Herz gebrochen ist, daß unser Vater Jahre hindurch der Verzweislu.ig nahe gewesen ist und nie aufgehört hat, sich anzuklageit. — Was gäbe ich darum, wenn er Dich nur ein einziges Mal so gesehen hätte, wie ich Dich sehe, in Deiner hohen angesehenen Stellung, die 'Du nur dazu benützest, unglücklichen Glaubensgenossen das Lcbcir zu retten und daß Du in dieser ganzen langen Zeit, in diesen dreiundzwanzig Jahren Deines Aufenth altes im Kloster noch nicht ein einziges Gebot übertrete» hast." „Verzeihe, das habe ich nicht gesagt. Ich bin ein sündiger Mensch, der sicherlich, sei es aus Ungewißheit oder ans Irrtum, gar manches Gebot übertreten hat; aber wissentlich oder gar absichtlich habe ich nie ein Gebot übertreten. — Das habe ich gesagt." „Ja, ja. Du hast recht, das hast Du gesagt. — Doch um wieder auf meinen Plan von vorhin zurück zu kommen — nicht wahr — Du hast es überlegt — wir bleiben zusammen, Du gehst mit mir nach 'Amsterdam?" Der Prior fuhr sich mit der Hand über die Stirn und atmete tief auf. „Es hätte sicherlich einen großen Reiz für mich, mit Dir zusammen zu sein —" „Und hätte cs nicht auch großen Reiz für Dich, frei und offen den Gott Deiner Väter zu bekennen?" „Gewiß hätte es das — aber. Du hast mich heute essen sehen und hast sogar mit mir gegessen, so wie ich tagtäglich esse in Gegenwart aller Insassen des Klosters — nun sage mir offen, hast Du dabei irgend etwas wahrgenommen, was nicht hätte sein dürfen?" „Nein, ich wüßte nichts." „Du hast mich auch beten gehört, lvie ich vor jeder Mahlzeit bete. Hast Du auch nur ein einziges Wort vernommen, 'das nicht an dem Tisch unseres Vaters hätte gesprochen werden dürfen?" „Nein, ich habe gleich darüber gestaunt." „Ich hoffe. Du wirst Dich überreden lassen, noch einige Tage hier zu bleiben, denn dann könntest Du mich am Sonntag predigen hören. Ich bin ein beliebter Redner, die Kirche ist jedesmal überfüllt; ich habe sogar Aussicht, zum Hofprediger ernannt zu werden, der Großinquisitor hat mich vorgeschlagcn. Und doch weiß ich mit Bestimmtheit, Du würdest in allen meinen Reden nicht einen einzigen Satz finden, den nicht jeder Rabbi in der Synagoge hätte aussprechen dürfen." Staunend schüttelte der Andere den Kopf. „Du bist ein seltener Mensch! — Dennoch weiß ich, daß ich recht habe, daß Du hier, wo Du unaufhörlich lügen und heucheln mußt, nicht an Deinem Platz bist." „Wer sagt Dir das? — Ich lüge und heuchle weder, wenn ich bete, noch wenn ich predige, noch wenn ich die Leute ermahne, einander zu lieben und keinem etwas zu tun, was man nicht wünschen würde, daß es uns geschähe, oder wenn ich sie zur Keuschheit ermahne und zur Sittlichkeit." „Nun ja, ja — dagegen läßt sich freilich 'nichts sagen. — Ab r das alles könntest Du doch in Amsterdam auch tun." ' „Das weiß ich gar nicht, hier habe ich meinen Beruf." „Hier hast Du Deinen Berus!" Ein spöttisches Lächeln umspielte die Lippeu des Jüngeren. „Hier hast Du Deinen Beruf!" wiederholte er, „Deinen Berus als Ordenspriester, als Prior des Benediktinerklosters." (Fortsetzung folgt.) Vier Generationen, vier Testamente. Skizze von L. Perez, deutsch von F. Hur Witz. 1. Als Reb. Lasar Chajkes starb, fand man unter seinem Polster einen Zettel: „Mein Wille ist, daß meine Kinder im Waldgeschäfte zusammen bleiben sollen. Nach meinem Begräbnisse sollen sie einen Zaun am Friedhose machen und das Dach an der Synagoge verbessern lassen. Die „Sfurim" (Talmudbücher) soll mein unverheirateter lieber Sohn Benjamin nehmen. Die anderen Söhne und die Schwiegersöhne haben schon zu ihrer Hochzeit „sfurim" mitbekommen. Meine Frau, soll leben, soll weiter i.r der Wohnung bleiben, nur soll sie eine arme Waise zu sich nehmen, damit sie nicht allein'bleibe. — Kidesch und Hawdule (Segenssvrüche über Wein am Anfang und Ausgang des Sabbat) kann sie selber machen. Voni Vermögen soll sie gleichen Anteil wie alle Erben haben. Und außerdem. . . ." Hier waren hie Buchstaben verwischt und unleserlich; wahrscheinlich'hatte er es noch feucht unter das Polster gelegt. 2 Reb. Benjamin, der Sohn von Reb. Lasar Chajkes, schrieb schon mehr. „Schon kommt die Zeit, daß ich das Pfand werde zurückgeben müssen an den, dem alle Pikdens (Pfänder) gehören. Ein Mensch ängstigt sich vor dem lieben Gott und seinem Richterspruche; doch ich gehe ohne Trauer mit der großen Hoffnung zum Barmherzigen, daß er mit Mitleid und Milde mich richten werde. Ich weiß ja, daß der Mensch trotz bestem Willen und streben nicht sündcnrein sein kann." Und nun überblättern wir sein ganzes Sündenregister, sowie seine Morallehren an die Kinder und lesen weiter: „Die Füße werden mir kälter, der Kopf jedesmal schwächer. . . gestern hatte ich ein eigentümliches Erlebnis: während des Lernens war ich «ingeschlafen, mir träumte und das Sefar*) entsiel meinen Händen! Ich erwachte, und da verstand ich sofort, was dies bedeute: man ruft! Das, was auf dieser Welt mir wirklich gehörte, lasse ich nur für einige Zeit hier, das wird mir über 120 Jahre Nachfolgen, mit dem werde ich, mit Gottes Hilfe und unter seinem heiligen Schutze, mich Wiedersehen. — Amen, so sei Gottes Wille! Und was mir nicht Nachfolgen wird, das war nie mein, und der liebe Gott weiß, daß ich es ohne jegliches Bedauern verlasse. Ucber mein Vermögen lasse ich kein Testament; ich hoffe, daß meine teuere Familie, meine Bnei Bejsi Schechje (mein teueres Hausgesinde) weiter in Eintracht und Frieden Zusammenleben werden, sollten sie sick> teilen wollen, so werden sie dies nach Gesetz und Gerechtigkeit tun; Einer wird den Anderen gewiß nicht übervorteilen. Und ich verlange von meiner Familie, d. h. von meiner teueren Frau und von meinem Sohne und Schwiegersöhne, daß sie das Vermögen verzehaten sollen und zwar wie folgt . . ." Und hier folgt nun ein langer Bericht, wie dies zu verzehnten sei und wie er beim Leben stets zu verzehnten pflegte und dgl. mehr. „Und geben sollen sie diesen Zehnten für fremde Arme, nicht für Anverwandte. Für arme Verwandte werden sie selber wissen, wieviel sie zu geben haben; nur nicht von obigen Wobltätigkeitsgeldern, denn von diesen darf man keinen Nutzen haben, und wenn man' Verwandten 'gibt, ist es, als ob man sich selber gebe. Auf nleinen Grabstein solle man nur meinen Namen und das Datum des Todestages setzen. Meine Söhne und Schwiegersöhne bitte ich sehr, sich nicht zu sehr den Genüssen dieser Welt hinzngeben und auch nicht zu große Kaufleute sein zu wollen; denn je größer der Handel, desto kleiner der Jude: auch bitte ich sie, die Geschäfte nicht gerade in weiter Ferne suchen zu wollen und ihr bischen Geld nicht in alle Winde zu zerstreuen. Der liebe Gott kann überall helfen und sein Segen kann im kleinen wie im großen Geschäfte kommen. Am meisten bitte und beschwöre ich darum meinen teueren Sohn Jechiel, da ich bemerkt habe, daß er große Begierde nach Reichtum und irdischen Gütern hat. Hauptsächlich bitte ich, jeden Tag wenigstens ein Blatt Talmud zu lernen. Zum Rabbi sollen sie wenigstens einmal im Jahre fahren. Die Frauen sollen Kaw-Hajuscher (ein Buch der Sittenlehre/ in Uebersetzung lesen. An Schabbos und Jontof sollen sie „Zienu-urenu" (ebenfalls ein Erbanungsbuch für Frauen) lesen. Jedes Jahr an meinem Todestage sollen die Männer den ganzen Tag lernen**), die Frauen sollen an die Armen Geld verteilen, hauptsächlich an verschämte Arme." 3. Als MoritzBenditsohn.einSohnBen- I a m i n' s, starb, fand man einen Zettel in polnischer Sprache: „Man depeschiere nach Paris und warte mit dem Leichenzuge bis zur Ankunft des Sohnes. Zehntausend Rubel deponiere man für ewige Zeiten beim „Dosor" (Fiskus) und verteile die Zinsen dieses Geldes jedes Jahr am Jahrzeit an Arme. Zehntausend Rubel hinterlasse ich für ein Bett im neuen Spital mit der Bedingung, daß es meinen Namen trägt.' *) Talmudbuch. **) lernen, d. h. Talmud studieren.