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Neue jüdische Presse · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette & Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Das E-urcau der I e w i s h Cvlonisation Association (,,Jca") in Paris hat uns in liebenswürdiger Weise üoec die jüngste Reise ihres Direltors Dr. Sonnen selb, in Kanada einen Bericht zugesandt. Wir entnehmen diesem Berichte folgende Notizen: Kanada hat 6J000 Juden, davon 30000 in Montreal, 8—10 000 in Toronto und 6—<000 in Winnipeg. — Die Baron Hirsch-Kolonie, gegründet 1892, zählt auf 11 040 acces 41 Familien mir 211 Pferden und 213 Stück Hornvieh. — Die Stotonie litt’ Ap elle, gegründet 1899, zählt 153 Pächter auf 24 617 acres und 274 Pferde und 693 Stück Hornvieh. — Bei Winnipeg gibt es etwa 300 jüdische Landwirte, die viel Gemüse, Milch und Butter nach der Stadt verkaufen. — Außerdem gibt es in Kanada noch eine aus 24 Familien bestehende Gruppe jüdischer Ackerbauer. Frankfurt a. M. Sli,tung. Zur Er.nne.ung an ihre verstorbenen Eltern spendeten Fräulein Hedwig und Herr Dr. Franz Hausman n dem Gumpertzschen «iechenhause den Betrag von 40,000 zur Errichtung einer „Jakob Isaak und Charlotte Hausmann, geb. Emden-Stiftung". Hanau. Der Magistrat hat eine Eingabe des Hanaueu Tierfchutzvereins, in der darum ersucht wurde, das Schächtenvon Großvieh im hiesigen Schlachthof bis zum Erlaß einschränkender gesetzlicher Bestimmungen ans das den tatsächlichen Bedürfnissen entsprechende Maß beschränke» zu wollen, abgelehnt. Berlüt. In einer Auüien, soll der Zar angeblich dem neuen Generalgouverneur Telmaschew von Odessa den Befehl gegeben haben, die Ruhe in Odessa aufrecht zu erhalten. Diesen Befehl übermittelte Telmaschew in förmlicher Weise den Berbändlern. Wie diese gewillt sind, diesem Befehle nachzukommen, zeigt folgendes Telegramm des Hilssvereins der Deutschen Juden: Odessa, 23.1.08. Gestern Abend begingen die Verbändler wiederum Exzesse. Eine Bande von ungefähr 20 Mann überfiel im Zentrum der Stadt ein jüdisches Restaurant, schlug dort die Fenster ein und mißhandelte einen greisen Inden sehr schwer. Nachdem sie durch ihre Untaten eine außerordentliche Panik hervorgerufen hatten, verschwanden sie. Später tauchte eine andere Bande auf dem Platze vor dem Hauptgebäude auf. Diese verprügelten alle vorübergehenden Juden. Schließlich trat die Polizei dazwischen und verhaftete 4 halbwüchsige Burschen. Berlin. Der Berliner Tierschutz-Verein versendet an 7000 Zeitungen allmonatlich eine Korrespondenz, deren Inhalt er kostenfrei abzudrucken gestattet. In der soeben erschienenen Nummer dieser Korrespondenz finden wir folgende Notiz: „Eingaben in Sachen der Schlachtfrage Hat der Verband der Tierschutz-Vereine des Deutschen Reiches an alle Negierungen der deutschen Einzelstaaten gerichtet. Er beantragt, daß bei sänitlichen Schlachtungen vor der Blutentziehung eine andauernde Betäubung der Schlachttiere stattzufinden habe. Früher kam diese Eingabe wiederholt ergebnislos im Reichstage zur Verhandlung; jetzt ist sie an die einzelnen Bundesstaaten gerichtet. Man darf begierig sein, was ihr Schicksal dort sein wird. Die vom Verbände mitvorgelegte Denkschrift über die Betäubung der Schlachtticre schildert den bisherigen Verlauf der Bestrebungen zur humanen Schlachtungsreform, und daß sie an dem Widerspruch der Juden scheiterte. Sic bespricht ausführlich die Gutachtensammlungen, welche für die Zwangsbetäubung und gegen das jüdische Schlachtverfahren (Schächten) vorliegen. Die große entscheidende Frage: „Ist das Schächten eine Tierquälerei?" wird von der übergroßen Mehrzahl der jetzt lebenden Schlachthofdirektoren und Schlachthoftierärzte bejaht. Die Sachlage hat sich gegen früher durchaus geändert, da heute die Schußtoter vorhanden sind, im Vergleich mit denen das Halsanschneidcn eine barbarische Tötungsmethode ist. Nun wird es Sache der Gesetzgebung sein, hieraus die Konsequenz zu ziehen und das Schächten nicht länger als eine religiöse Einrichtung unbehelligt ausüben zu lassen." Man sieht, daß die Herren nicht rasten und nicht ruhen, um ein Gesetz zu erreichen, das Nach Gutachten zahlreicher erster christlicher Fachleute nicht im Tierschutz seine Begründung hat. St. Ludwig. Kaisergeburtstagsfeier. Iw der letzten Sitzung des Kriegervereins wurde beschlossen, am Kaisersgeburtstag der religiösen Feier in der Synagoge beiznwohne n. Am Montag Morgen um 10 Uhr versammelte sich dieser Verein, dem sich die Mitglieder des hiesigen Bahnbeamtenvereins,und noch ein großer Teil der hiesigen Bürgerschaft anschlosfen, unter Musikklängen in unserem Gotteshaus. Der Chor gcleftet von Herrn Kantor Lehmann, begann die Feier mit „Ma towu", worauf die Atusikkapelle „St. Ludwig" „Die Himmel rühmen" ertönen ließ. Anknüpfend an die Worte des weisen Königs Salomo „Ehrfürchte, mein Sohn, Gott und den König" schilderte unser Rabbiner, Herr Dr. Schüler, die Be¬ Frankfurter FsraelitffHeS FamMenbltckt. deutung des Tages, und mit begeisterten und zündenden Worten ermahnte er die in dem Gottcshause versammelten Konfessionen gemeinsam, verbrüdert unter dem Schirmherr des deutschen Reiches, unter dem Sprößling des großen Hohenzollerngeschlechtcs mit Gott für Kaiser und Reich zu arbeiten. Die von Herzen kommenden Worte drangen zu Herzen. Nachdem der Kantor unter „Wajhi binssoa"-Gesange die Thorarolle ausgehoben hatte, wurden die Psalmen 21, 61 und 112 rezitiert, worauf der Rabbiner das Kaisergebet sprach, und im Anschluß an dasselbe intonierte oie Musik „Heil Dir im Siegerkranz". Mit aberinaligem Gesänge schloß der würdige und imposante Gottesdienst. Diese recht schöne und erhebende Feier, welche oon neuem ein glänzendes Zeugnis der Eintracht niserer feieaeu.lieb-.io.n Bürgersafast ist, wird lange j.i uns in Andenken bleiben. Oesterreich-Ungar«. Wien. Fahnenflüchtig! Im Dezember und Januar meldere» hier 47 Personen ihren Austritt aus dem Judentum an, darunter: Laudesgerichtsrat Kurl Fischer, kaiserl. Staatsbeamter Dr. Emil Staudt (früher Kohn), Hofopernsängerin Zdenka Atargareta Kraus, Dr. Ludwig Ebstein, Advokaturskandidar Dr. Ludwig Witrofsky, Jurist Artur Fuchs, Ingenieur Ernst Kronstein und Redakteur Viktor «lern. Wien. Die Strafe des Mörders des jüdischen Soldaten Herschkovits. — Im November erregte der Tod des Infanteristen Herschlo- Vits des 51. Infanterieregimentes großes Aussehen. Der Genannte wurde am 24. November nachmittags in einem Mannschaftszinimer der Stiftskaserne durch einen vom Korporal.Johann Balint, nachdem dieser ihn vorher aufs schändlichste durch fortwährende Uebungen gequält hatte, aus einem Dienstgewehre abgegebenen Schuß getötet. Die vom Garnisonsgerichte einvernommenen Zeugen sagten aus, daß sie den Eindruck gewonnen hatten, daß der Tod des Infanteristen Herschkovits von Balint nicht beabsichtigt war, infolgedessen lautete das kriegsgerichtliche Urteil gegen den Korporal Balint nur auf 3 Jahre schweren Kerkers, verbunden nnt Degradation, für den zweiten angcklagten Korporal Walisch auf «ein Jahr schweren Kerkers und Degradation und für den Kameradschasiskomniandanten auf 3 Monate schweren Kerkers. Wien. Die Ausschußsitzung des »Allgem. Oesterr. Israel. Bund" (Präsident: Dr. Alfred Stern, beschloß, die einleitenden Schritte behufs Durchführung der Gesamtverfassang der Judenschüft Oesterreichs sobald als möglich zu unternehmen, sowie ferner, eine Rechtsschutz- 2 ektionfürjü dis cheGemeinde-und Kulturrechtssachen einzurichten. Die Sitzung beschäftigte sich außerdem mit der Herausgabe der Geschichte der Juden in der ö st er r. -ungar. Armee, mit welcher Arbeit bereits der Schriftsteller Moritz Frühling begonnen hat, und mit der R e g e l - nng des jüd. Archivwesens in Oesterreich. Budapest. Kultusminister Graf Apvonh> hat in Beantwortung des von der neologen Landeskanzlci an ihn gerichteten Memorandums der neologen und der orthodoxen Landeskanzlei folgenden Erlaß zugesandt: „Da ich mich mit der Regelung der Angelegenheiten der vaterländischen Judenschaft eingehend beschäftige, fordere ich zum Zwecke der Sicherung des Erfolges die israelitische Landeskanzlei auf, die notwendigen Verfügungen in der Hinsicht zu treffen, daß die Versammlung der israelitischen Distriktspräsidenten in einer mir dringlich zu erstattenden Unterbreitung ein Gutachten darüber abgebe, welche Verfügungen und welches Vorgehen sie für zweckdienlich erachtet, damit ein allgemeiner israelitischer Kongreß einberufen werden könne, welcher berufen wäre, über die Schaffung einer einheitlichen Organisation der israelitischen Konfession zu verhandeln." Daraufhin hat die n e o l o g e Kanzlei am 20. dss. Mts. eine Kommission von 21 Mitgliedern mit den Vorbereitungen für das etwaige Zustandekommen des Kongresses betraut. Die orthodoxe Kauzlei wird sich jedoch ablehnend verhalten, da sie die Distanz zwischen den jüdischen Anschauungen der Orthodoxen und den der Neologen als eine so große ansieht, daß sie jegliche Vereinigung für ausgeschlossen hält; sie hat dem Minister ihren ablehnenden Standpunkt bereits zur Mftteilung gebracht. Rußland. Petersburg. Anläßlich des russischen Neujahrs bringt der „F r a i n d" einen 'Rückblick, dem wir folgende Stellen entnehmen: Die rechtliche Lage der russ. Juden hat sich im vergangenen Jahre nicht gebessert, in gewisser Beziehung sogar verschlechtert. Die Schaffung von nattonalen Kurien durch das Gesetz vom 3. Juni 1907 hat die jüd. Bevölkerung fast vollständig der Möglichkeit beraubt, sich eine Repräsentanz in der Volksvertretung zu sichern. Bei den neuen Senatserllärungen macht 3lt. 5. sich eine Tendenz in der Richtung der schärferen Auslegung der Bestimmungen über die Begrenzung der Rechte der Juden fühlbar. Es genügt der Hinweis auf die Erklärung betreffs Wohnrecht gewisser Kategorien von Juden in Moskau, durch> welche Hunderten, seit vielen Jahren in Moskau wohnenden jüd. Kaufleuten große Schlvierigkeiten bereitet wurde. Pogrom im Umfange der großen Oktober- Massatres sind allerdings im abgelaufenen Jahre nicht vorgekommen, aber in vielen Städten, besonders in Odessa, pflegen die Volksverbändler tagtäglich Juden zu schlagen und zu morden. Die wirtscraftliche Lage der Juden ist in stetem Niedergange begriffen. Die Zahl der Arbeits- und Erwerbslosen wird immer größer, und die Auswanderung nimmt immer mehr zu. Die allgemeine Krise und die Lebensmitteltcueruiig hat nirgends so schwere Folgen gezeitigt, wie im jüdischen Ansiedlungsrayon. Täglich kommen aus den jüdischen Städten und Städtchen die traurigsten Nachrichten über die Teuerung und die damit verbundene Not. Ausgiebige Hilfe wäre hier vonnöten, sic kann jedoch, nicht in hinreichenden! Maße geleistet werden, da die Ereignisse der letzten paar Jahre unter den jüdischen Gemeindcanstalten und Unterstützungsvereinen eine wahre Zerstörung angerichtet haben. Auch die jüdischen politischen Vereine sind von dieser Zerstörung nicht verschont geblieben. Nicht nur die proletarischen, sondern auch die allgemein jüdischen. Der „Verein für jüdische Gleichberechtigung" ist eingegangen, und von allen seinen zahlreichen Abteilungen und Filialen ist bloß das Petersburger Komitee übrig geblieben. Die „Demokratische Gruppe" hat gar kein Lebenszeichen von sich gegeben; ebenso die „Bolkspartei" nicht, und von der sogenannte» „Volksgruppe", die sich anfangs große Mühe gab, das Erbe des „Vereines für jüdische Gleichberechtigung" anzutreten, ist heute nichts zu hören. Eine Schlaffheit und Müdigkeit hat sich der jüdischen Gesellschaft bemächttgt, die in den letzten Jahren so viele und starke Erschütterungen durchgemacht hat. Warschau. Das Ende einesBluthundes. Im yiesigen w.ili.äihospital verschied Oberst Tisch on o w s k y, der Urheber der fürchterlichen Siedlce'er Judenmetzeleien, nachdem er sich in selbstmörderischer Absicht durch einen Revolverschuß schwer verletzt hatte. NowoWileisk. Ein Mädchen ins Kloster entführt! — Hiesigen armen jüdischen Eltern wurde die 12jährigc Tochter geraubt und nach Wilna ins Kloster entführt. Die Bemühungen, das Kloster zur Herausgabe des Mädchens zu veranlassen, waren umsonst. Rumänien. Bukarest. Eine Hölle, schlimmer als Rußland, ist für seine Juden das von einem deutschen Fürsten regierte Rumänien. Hier hat der Jude die Pflichten eines Staatsbürgers und die Rechte nicht einmal eines Ausländers, denn dem Ausländer steht noch der Schutz seines Staates zur Seite. So muß der Jude seiner Militärpflicht genügen, kann aber trotzdem jeden Tag ausgewiesen werden. Die Taktik der rumänischen Regierung den Juden gegenüber übertrifft an Grausamkeitdie spanischeJnqnisitio n! Verhungern ist schlimmer als verbrennen, — und die rumänische Regierung läßt ihre Juden systematisch verhungern. Vier- bis fünftausend jüdische Familien will Rumänien wieder dem Hungerstode überliefern! Der soeben verösfenllicyte Gesetzentwurf für die Alkoholvcrstaatlichung verlangt als Schankinhabcr und als Bedien>tete im Schankgewerbe rumänische Staatsbürger und macht damit wieder 4—5000 jüdische Familien trotz des Berliner Vertrages von 1878 brotlos. Doch das europäische Gewissen schweigt, — und die so überaus kumanen westeuropäischen Inden werden weiter Millionen für interkonfessionelle Zwecke verschenken! 0 leuÜMon. 0 Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) „Sei ohne Sorgen, ich werde nichts vergessen." Aber der Aeltere hatte ihm noch so mannigfache Verhaltungsregeln einzuschärfen, daß die hungrigen Klosterinsassen ungeduldig zu werden begannen; sie waren es nicht gewöhnt, daß sie auf ihren Prior warten mußten — er übersetzte das Sprichwort: „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit aller Fürsten" in „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit aller Vorgesetzten" —, und sie besorgten daher, daß das Unwohlsein, das ihn an der Richtstätte befallen hatte, noch nicht ganz vorüber sei. Da kam auch schon der Küchenmeister und

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