Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692567--03743-2698488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (eini schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i _- . — .- 9 A-daKtio« «nd Hefchäftsstekke Srsnkfurt s. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Gerefo« 10807. Aeraitsgever: Saks chests. . JnsertionSPreise: .. l,,l Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. -_ - ' 6. Jahrgang. Freitag, den 28. Schwat 5668 (31. Januar 1908). Ro. 5. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdische Probleme. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Prior. — Vier Generationen, vier Testamente. — Bunte Chronik. — Aus der Geschäftswelt. — Wochen- Kalender. — Brieikasten. — Familien- Nachrichten. — Barmizwohs. Jüdische Probleme. Von Maxime ^Le M a! t r e - Bern. I. V o m jüdischen Sein. Ich frage hier nicht, ob das Sein das rein identische Urteil ist, ob es das Gegenteil vom Nicht-Sein darstellt, auch frage ich nicht mit Hegel, ob das reine Seiir mit der Qualität identisch ist, was — anbei bemerkt — Hegel bejaht. Auch geht mich an dieser Stelle nicht an, wie sich Schein zu Sein, Sein zu Für-sich und' an sich-Sein verhält. Das sind alles Fragen, die in das dunkele Sanktuarium der Metaphysik und der Begrifssdichtung gehören. Wenn ich das jüdische Sein als Problem hinstellc, so habe ich etwas rein Reales im Auge. Nicht das Sein als Begriff, nicht das logische und erkenntnisthcoretische Sein, sondern das Sein als Tatsache, das Sein in der Geschichte, in unserem Falle: das jüdische Sein in der We ltgeschichte. Ein besonderer Grund bestimmt mich, gerade jetzt die Frage vom jüdischen Sein anfzuwerfen. Die Träger unserer Wirtskulturcn geben sich nämlich seit einiger Zeit die redlichste Mühe, uns aus der Wcltgeschichte hinausznbugs i e r e n. Vom großen M o m in s e n bis ans den feuilletonistischen Allwisser und wissenschaftlichen Nichtswisser Huston Chamberlain, vom ehrlichen Gobinau bis auf V v l t m a n n ist nur eine Grundtendenz wahrzunehmen: Uns und unseren kulturellen Habitus aus der Weltgeschichte zu eliminieren. Dies also bestimmte mich, an die Erörterung und etwaige Klärung dieser Grundfrage heranzutreten. Sind wir in der Geschichte? Haben wir.irgend welchen Einfluß auf ihren Werdegang? Oder sind wir, d. h. unser Kulturbewußtsein, ein schon längst erstarrter Traum, der nur noch irr im Weltenall nmherschwcbt, form- und planlos wie ein Schatten des Mythos huscht? Mancher Leser wird freilich meinen, dies sei eine Hundstagsfrage für metaphysische Spinner. Ich aber meine, diese Frage sollte jeden gebildeten Juden interessieren. JederJude m u ß c i n Kämpfer sein, und jeder Kämpfer soll wissen, wofür er kämpft. Die Summe von Ideen und ihre Verwirklichung bilden den Inhalt der Weltgeschichte. Daß es bei Verwirklichung von Ideen nicht ohne Kampf und Konflikt abgeht, weiß schon Fritz in der Tertia. Die Kulturgeschichte der Menschheit gleicht einer Symphonie, zu der jedes Volk innerhalb der Geschichte seinen Akkord liefert. Jedes Volk bringtseine Idee in die Geschichtedenn die Idee hat es zum Volk gemacht. Das Volk ist somit die Verkörperung und Trägerin einer historischen Idee. Handelt es sich aber uni universelle Ideen, Erzeugnisse menschlicher Denknotwcndigkeiten, dann produziert sic jedes Volk nach seiner Eigenart. Zur Zeit des Urchristentums z. B. sehen wir den Kommunismus überall auftauchcn. Der Kommunismus war nach jener Lage der Dinge eine generelle historisch-psychologische Jdcenwindung. Alle drei großen Kulturträger des Altertums — Römer, Griechen und Juden — haben je nach ihrer sozialen Eigenart eine besondere Form des Kommunismus oder des Sozialismus hervorgebracht. Die philosophisch gebildeten Hellenen zeitigten den philosophischen Komniunismus, die „rechttucndcn" Römer erzeugten die Bewegung der Gracchcn, den agrarischen Sozialismus, die Juden vollends — dank ihrer Thora — einen sittlich-religiösen, demokratischen Sozialismus. Jeder Philosophie-Professor weiß seinen Hörern mitznteilen, daß sich unsere Gesamtkultur ans griechischen, jüdischen und römischen Elementen zusammcnsetzt. In jedem größeren Geschichtswerk ist zn lesen, den Juden verdanken wir die Religion, den Griechen die Kunst und die Philosophie und den Römern das Recht und die Politik. Was an dieser Binsenwahrheit richtig ist, wird noch an anderer Stelle untersucht werden müssen. Hier soll nur konstatiert werden, daß der jüdische Einfluß auf die Gcsamtkultur allgemein anerkannt wird. Selbst der Verfasser „der Sendung Muses, nach meinem Dafürhalten ein ausgesprochener Antisemit, hebt hervor, daß aus dem Judentum das Christentum und der Islam hervorgegangen ist. „Zwei Religionen, welche den größten Teil der bewohnten Erde beherrschen, das Christentum und der Jslamismus, stützen sich beide ans die Religion der Hebräer und ohne diese würde es niemals iveder ein Christentum noch einen Koran gegeben haben." Und Schiller fährt fort: „Ja, in einem gewissen Sinne ist es unwiderleglich nahe, daß wir der mosaischen Religion einen Teil der Aufklärung verdanken, deren wir uns heutigen Tages erfreuen." In noch viel schärferer Form heben die englischen Theisten des achtzehnten Jahrhunderts, Toland und Tindtal, den Anteil des Judentums an der Formation unserer Kultur hervor. Aber nicht auf Zitate und schöne Sentenzen kommt es uns hier an, sondern auf die Feststellung von nackten Tatsachen. Die Genesis unseres Einflusses beginnt in einem welthistorischen Moment, dessen kräftige Nachwirkungen noch heute nicht ganz ansgezittcrt sind — im Christentum. Pfleiderer, der Verfasser der „Entstehung des Christentums", hat in feinsinniger Weise die Zusammensetzung des Christentums aus den Resten drei antiker Kulturen nachzuweisen gesucht. Nach seinen Darlegungen war es das Essäertnm, der Neoplatinismus und stoische Elemente, die zur Bildung des Christentums geführt haben. In Konkreta mag diese Genealogie stimmen, — betrachtet man aber jene matte Kulturerscheinung vom Gesichtspunkte der reinen Jdcenbildung, dann tritt sofort eine andersgeartete Gestall in die Erscheinung. Begrifflich ist das Christentum ein Produkt der widerspruchsvollen Stoa. Die Stoa lehrte auf der einen Seite Soziabilität, auf der andern Seite Individualität, in der Form des Ideals der Weisen. Der Stifter ihrer Religion ist die Verkörperung des stoischen Ideals der Weisen — die höchste Form aller Jndivioualität. Tiefe Individualität stand dem Volk, dev Masse, gegenüber. Zwischen Masse und Individualität klafft immer ein unüberwindlicher Gegensatz. Eine harmonische Verschmelzung dieser zwei Gegensätze ist nur mittels einer höheren Einheit möglich. Diese höhere Einheit — das Einheitsbewußtsein hat das Judentum geliefert — denn das jüdische Einheitsbewußtsein umspannt alle Individualität und Universalität. So verdankt das Christentum dem Judentum nicht nur seinen ethischen Gehalt, sondern die Möglichkeit seines Entstehens überhaupt. Ohne das jüdische Einheitsbewußtsein und die Einheitslehre als Korrektur znm stoischen Widerspruch Soziabilität und Individualität, hätte das Christentum gar nicht ins Leben treten können. Als die römische Fleischkultnr über die christliche Askese gesiegt und das Christentum, mit dem Einbüßen seines ncoplatonischen und jüdischen Lehrgehalts innerlich bankerott, Staatsreligion geworden war, da mußte es, um an seinen! inneren Zusammenbruch nicht zu verbluten, wieder zu einer Korrektur greifen. Das aufstrebende Germanentnni hatte Rom gebrochen. Bon Rom und Römertum war nur noch der Begriff „Cäsar" geblieben. Ten irren Massen fehlte eine kulturelle Führung. Im Verlaufe des Geschehens hat auch das stoische Individualitäts-Prinzip über das der Soziabilität gesiegt. Jedes Einheits-Bewußtsein war geschwunden. Es handelte sich nunmehr darum, den äußeren Bankerott des Christentums aufzuhalten. Da tritt Augustin auf den Plan. Mit seinem Werke „Civita5 Dei" wird er zum philosophischen Begründer der Christenheit und des Katholizismus. Aber sein „Civitas Dei" ist ein veränderter Abklatsch des jüdischen Staatsprinzips. Es handelte sich um eine Begründung einer Gesetzesherrschaft, die dem Papst die Macht eines Cäsars verleiht, kurzum um die eigentliche Begründung der Machtstellung des Papsttums. Das Christentum ist eine Herrschaft Gottes, eine Theokratie, und der Papst, hat die Mission, die Herrschaft Gottes auf Erden zu führen. Und so baut sich der Katholizismus, wie einst das Christentum, auf einem von Augustin veränderten jüdischen Kulturprinzip aus. Und so hat es einen tieferen Grund, daß später ein Gregor VII. oder!Bonif atius VIII. sich in ihren Schreiben an die französischen Könige in einem fort auf den Propheten Jeremias berufen und behaupten, daß sie gleich dem Propheten von Gott die Mission haben, zu bauen und zu zerstören. So hat der jüdischeKulturgeistdie Kulturphysiognomie des ausgehenden Altertums und des beginnenden Mittelalters bestimmt. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.