Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Frankfurter JsraelltisHeS Fmnilienblatt. summen wurden beschafft, die Hauptquelle, die größere Hälfte bestehend in einer Sammlung unter den Inden, denen ein großes zweitägiges Fasten anferlegt ward." Warschau. Wie das Volk ausgebetzt wird! — In Nr. 31 der angesehenen medizinischen Zeitschrift: „Praktitscherski Wratsch" lesen wir folgendes: „Das „schwarze Hundert" läßt keine Gelegenheit vorübergehe», die unwissende Menge ans die Intelligenz zu Hetzen; sie benutzt dazu sogar die an der Wolga vorgekommenen Cholera- und Pcstfälle. Der „Towanjschtsch" (29. Juli) bringt Auszüge von einem in der „Rnßkoje Snamja" (Russische Flagge) aögedrnckten Artikel unter dem Titel: „Die neue Rcvollition", in welchen: ein Nichtsnutz, gezeichnet ,.Niczydolub 17" (Ein Nichtjuden Liebender), kein Vorkommnis und keine Phantasie, sondern seinen Traum zum Besten gibt. — Ich träumte, erzählt der Mitarbeiter der „Russischen Flagge", als befände ich niich in einem ärztlichen Exterimentiersaal. Ileberall Schränke mit Destillierkolben, Gläsern und Töpfen. An der Wand das Porträt Herzenstcins, aus dessen Munde eine Flamme mit ungeheuren Zungen funkelte, die das ganze Zimmer beleuchtete. Beim Lichte dieser Illumination fing sich der Raum an zu füllen init Polen und mit Juden in lbeißen Kitteln. Jeder von diesen hatte an der 'Seite ein Doktor-Abzeichen und auf^der Brust einen mit schwarzer Seide geflickten Schädel mit zwei gekreuzten Knochen und roter Ueberschrift: „Gift". — Die versammelten verleumderischen Aerzte nahnien jhre Plätze ein, und dann erschien aus einem schranke der Redner mit einem Tallis auf dem Kopf und hielt eine Rede, die Juden und Polen einladend, gegen die russische Regierung zu kämpfen vermittelst Pest-, Cholera- und dergl -Bazillen, in dem man solche ans die Kosarcn- Dörfer, auf die Dörfer der Altzeremoniellen und überhaupt auf die graue Bauern-Herde lvsläßt. Es ist auch^eine Erwähnung überflüssig, daß der Vorschlag des Schurken mit dem Tallis auf dem Kopf von seinen gleichdenkenden Kollegen mit Entzücken ausgenommen wurde: sie schrieen, sprangen, applaudierten. Als nun der Redner sich von ihrer vollkomnienen Ergebenheit überzeugt hatte, begann er seine eigentliche Arbeit: Man fing an, aus den Schränken die Bazillen loszn'assen. Zuerst wurden die Pest-Bazillen hinansgelassen, dann die des Typhus und endlich kam man ai>ck> an diejenigen der Cholera. „Geht nun, Ihr Dorf- und Ihr städtischen Aerzte!" lud er ein, „nehmet von jeder Gruppe für eine alfgemcine Partei und wirkt mit dieser neuen Bolks-Sozialistischen Partei. Mit diesen Helden werdet 'Ihr die ganze grane Bauern-Herde anSPropagandieren, so daß sie nicht mehr äusschlagen wird (mit den Hinterbeinen), sondern sich wälzen. — So gehört es ihnen auch! Wer sich uns nicht ergeben wird, den veranlassen wir, nicht zu leben, sondern sich in Krämpfen zu drehen, — und nun soll nian uns fassen, etwas Nachweisen!" Wir führen das iveitere des Aufsatzes der schwarzen Offiziösen nicht mehr an, in der Voraussetzung, daß der Grundgedanke der „Russischen Flagge" auch ohne dies klar dasteht. — Das Schwarze Hundert will augenscheinlich den Moment benützen und macht Anstrengungen, das eingeschlafcne Cholera - Empörungs-Gespenst aus seinem Schlafe zu wecken, um im Volke die alte Legende von de» giftmischcnden Aerzten wachzurufen, von den vergifteten Brunnen, von den giftigen Krankenhäusern nsw. Wir unternehmen es nicht, zu beurteilen, in wiefern dieser Kniff gelingen wird und ob viele russische Aerzte von den Fäusten der unglücklichen Schwärze werden ermordet werden; aber eins ist hierbei beachtenswert. Früher hat das unwissende Volk von gistmischendcn Aerzten nur in den Schnapsschenkeu gehört, oder in den Freßbuden, auf dem Marktplatz. Die alten Ketzerinnen erzählten ihm davon, halbdumme Kräiner und die auf die Sanitäts-Angehörigen erbosten Kreppel- und Banschtsch (Krautsuppe) -Verkäufer. — Jetzt aber liest das Volk zum ersten Mal, seitdem in Rußland die Druckpresse besteht, von den gistinischcnden Aerzten in. den Zeitungen. Von den -Druckspalten aus wird dem Volke ein Gift der abergläubigen Angst Zuströmen, eine gedankenlose Verdächtigung, eine fanatische Boshaftigkeit! Und dieses Gist wird bekräftigt werden durch die „Autorität" der legalisierten Partei, an deren Spitze kein Geringerer als Doktor Tnbrowi» steht. Run, denn, wenn rin Arzt selbst in seiner Zeitung sagt, daß die Aerzte das Volk vergifte», so ist es doch gewiß wahr! So arbeiten die schlvarzen Bolksvergister, von dem Wunsche beherrscht, die Revolution und die Cholera zu vereinigen." Kiew. Die Libedsker Jüd Garküche, die 1903 von I. W. Brodski gegründet wurde, verausgabte 1905 81782 und 1906 105 636 Mittagessen. Täglich werden etwa 100 Schulkinder gespeist. Lodz. Die meisten Fabriken arbeiten gegenwärtig nur 4 Tage in der Woche, weil es an Bestellungen fehlt. Dabei kostet jetzt ein Pfund Brot 7 Kopeken (gegen 'früher 3 Kopeken) und ein Pfund Fleisch 20 Kopeken (gegen'früher 12 Kopeken). Amerika. Rew-Aork. UeverdieDezentralisierung der jüdischen Einwanderer gibt der Bericht der „Industrial Removal Office" Aufschluß. Danach sind seit dem Bestehen dieser Institution, also seit 1902, durch dieselbe etwa 30 000 jüdische Einwanderer nach dem Süden und Westen der Vereinigten Staaten geschickt worden. Die „Industrial Removal Office" bemüht sich, die Leute dahin zu schicke», wo nach Männern ihres Berufes Nachfrage ist. Diese Zerstreuung ist wirtschaftlich selbstredend sehr zweckmäßig, jüdisch-ideell bedeutet sie aber den Ruin. — Die Zahl der Juden Newyorks lrird gegenwärtig auf rund eine Million geschätzt. — Die Wage »fahrt der Insassen des Jüd. Alterversorgu ngsheim, die jährlich einmal die gesamten Männlein und Weiblein dieses Hauses durch die Straßen der Stadt fährt, fand jüngst ivieder statt. Diesmal in Automobilen. In dem ersten „schnanferl" saßen 2 Leutchen, die das 100., und 3 Leutchen, die das 90. Lebensjahr überschritten habe». Die Wngenfahrt endete mit einem Diner im Hause einer Philanthropin. Palästina. Jerusalem. Die Apotheke des „Lemaan Zion" fertigte im Dezember 1655 Rezepte an, und die 'Aerzte des Vereins behandelten in diesem Zeiträume 1860 Angenkranke und 1206 sonstige Kranke. Personalien. Berlin. Die Repräsentanten der isracl Gemeinde wählten LouisSa chs znm Vorsitzenden und Geheiinrat Blumen t h a l und 2r. Minden zum stellvertretenden Vorsitzenden. — Architekt Richard Wolfe »stein , 2. Vorsitzender der Vereinigung Berliner Architekten, wurde znm königl. B a u r a t ernannt. — Professor Siegfried Ochs, Direktor des Philharmonischen Chors, erhielt den Roten Adle r o r d e n 4. K l a s s e. Mannheim. In den ' eschäftsleitenden Vorstand der isracl. Gemeindevertretung wurden gewühlt: Retsanwalt Dr. Alex I e s s e l s o h n (Obmann), Bankdirektor Isidor Haas, Emil Hirsch', Hermann K a u s m a u n und Stadtrat I. Mainzer. Nürnberg. Kommer-ienrat Ludwig von Gern groß erhielt den Charakter eines Geheimen Kommerzienrates. Ttratzburg. Im Alter von 72 Jah'en verschied nach kurzem Krankenlager Sanitätsrat Dr. Gustav Levy, Präsident des Israel. Konsistoriums des Unterelsaß. Levy wurde 1835 in saarburg geboren und promovierte ^nach glänzenden medizinischen Studien l858 in Strasburg. Hier übernahm er dann die Praxis seines Onkels Dr. Rufs. Als Arzt erwarb er sich die uneingeschränkteste Hochachtung aller Kreise. Nie ließ er sich von einem Arme» bezahlen, im Gegenteil : er verschaffte ihnen noch Medizin und Lebensmittel. Und mit einer keine Mühe scheuenden Anfopfernngswilligkeit stand er im Dienst seines Berufes. Im Kriege 1870/71 pflegte er Tag und Nacht hindurch Kranke, sodaß ihm das Rotckrenz, veranlaßt durch seine bewunderungswürdige Tätigkeit, ein Ehrendiplom überreichte. Jahrzehnte lang wirkte Dr. Levv als Direktor des Bürgerhospitals, bis 1902 gehörte er dem Gcmeinderate an. Das Begräbnis Dr. Lcvy's war eine so große Knndgebung der Teilnahme und Verehrung, wie sie straßbnrgs Mauern noch selten gesehen haben. Die Regierung war durch Unterstaatssekretär Exzellenz Di. Petri, den Bezirkspräsidenten und zahlreiche andere höhere Beamten vertreten, die Stadt durch ihren Bürgermeister, den Ält-Bürgermcister und zahlriiche Gemeinderatsniitglieder. Die meisten Aerzte Straßbnrgs und Deputationen sämtlicher Israel. Jnstitutioiien, bei deren »leisten er Jahre lang mit rastlosem Eifer das Präsidium führte, folgten. Fast sämtliche Rabbiner nnd zahlreiche israel. Gemeindevorsteher Ivaren herbeigeeilt, um dem Verschiedenen die letzte Ehre zu cpweisen. Nachrufe hielten: Oberrabbincr Ury, CharlesLevy- Kolmar, Präsident des israel. Konsistoriums für das Ober-Elsaß, Oberrabbiner Dr. Netter- Metz, Marc Blum, Präsident der Straßburger israel. Kultusgemcinde, Pr.- fessor Koeberle und Fabrikant Gentzburgcr, der im Namen der Verwaltung der israel. Knust- und Gewerbeschule sprach. Breslau. Dr. med. Oskar Brieg wurde der Titel Professor, Geh. Medizinalrat Dr. Herni a n n Kornfeld der Rote A d l e r o r d c it 4. Klasse verliehen. — Stadtrat Fedor Pringsheim legte wegen hohen Alters —' er geht ins 8l. Jahr — sein Amt als Stadtrat nieder. Ratibor. Svcd'teur Adolf Cohn wurde einstimmig zum Stadtverordneten vor st eh er wiedergewählt. Sohrau -Obettchlesien). Ein seltenes Jubiläum! 80 Jahre wohnt die 83jährige Frau I e t t e l Steiner in dem Hanse der katholischen Familie Gorsick. Schönlanke. Geb. Sanstätsrat Dr. Sachs wurde anläßlich seines 70. Geburtstages vom Kaiser der Rote A d l e r o r d e n 4. Klasse und von der Stadt das Ehrenbürgerrecht verliehen. Wien. Der Großmdulnielle kaiserl.Rat Salomon Kohnberger, Chef der Gnmmifabrik Schrek u. Seite 3. Kohnberger und früher Mitglied des israeli Knltusvorstandes, ist verschieden. — In Prag verschied der Professor an der 1. deutschen Staatsrealschule GersonStern schneid er. Gaya (Nvädren). Im 58. Lebensjahr ist Karl Müller, Bürgermeister der politischen Inden-Gemeinde, Obmann des Ortsschulrates und Vorstandsmitglied der israe'it. Kultusgemeinde, verschieden. In IIng.-Brod wurde Leopold I. Schön zum 4. Male znm Bürgermeister der politischen Judcngemcinde gewählt. Paris. Divistons-G nmal Naquet-Laroque ist znm Großosfizier der Ehrenlegion ernannt worden. New-Aork. Abrabam Goldfaden, der Begründer des jüdischen Theaters, dessen 'Ableben wir in der vorwöchentlichen Nummer berichteten, wurde 1840 in Alt-Konstatin geboren. Er besuchte den Cheder und 8 Jahre lang die Shitomirer Jeschiwa nnd begann seine Lausbahn als Lehrer in Simperapol und Odessa, in welch' letzterem Orte er eine Tochter des bekannten Schriftstellers A. M. Werbel heiratete. Er zog dann nach Lemberg und gab hier das Witzblatt „Jisrolek" und später in Czernowitz (1877) das „Volksb.att" heraus, doch beide Unternehmungen mißlangen, da ihnen die russische Zensur den Eintritt in Rußland verwehrte. So mußte er denn,d'en Wandecstab wieder in die Hand nehmen. In Jassy traf er mit einer jüdischen Sängertruppe, den Brodyern zusammen, und hierdurch reiste in ihm der Gedanke, in Bukarest ein Theater zu begründen. Der Versuch gelang materiell u. ideell. Tie Theaterstücke schrieb Goldfaden selbst, und seine Schauspieler hat er unter Opfern an Zeit und Geld ans den untersten Volksschichten - herangezogen. Das jüdische Theater ist heute die Quelle der Unterhaltung nnd Be.ehrnng für die große jüdische Masse und als.letztere ein bedeutender Kultursaktor, schätze hat es freilich seinem Schöpfer nicht gebracht — er ist als arnier Mann gestorben — aber in die Annalen der jüdischen Geschichte hat es ihn eingeschrieben. Rew-Nork. In Louisville starb Fräulein Beatrice Peixotto, Tochter des verstorbenen Generalkonsui Benjamin Franklin Peixotto, eines Lohnes des im Jahre 1800 in 'Amsterdam geborenen Arztes, Schriftsteller und Philanthropen 'Daniel Levy Madnro-Peixotto. — In Baltimore verschied im 67. Lebensjahre Dr. Alois Kaiser, Kantor des Eutaw-Place-Tempels, in den 60er Jahren Kantor des Neuen Tempels zu Prag in Böhmen. Alois Kaiser, der angesehcndste Kantor 'Amerika's, >var Gründer und Präsident der .,Geftl schasi amerikanischer Kantoren" mb gab eine Reihe synagogalec Kompositionen heraus. © leuiffefon. © Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Der Prior war erblaßt, seine Lippen bebten. „Auf 'diesen Vorwurf deinerseits war ich nicht gefaßt —" „Ach verzeih'! verzeih'!" rief der Jüngere, indem er den Aeltern mit beiden Armen umschlang, „ich. sehe es ein, ich bin undankbar. Mit Gefahr deines Lebens hast dir mein Leben und das meiner Gesährten gerettet — und ich Undankbarer!-Aber nicht 'wahr, du wirst jetzt mit mir entfliehen nach Holland, zu unfern Genossen, zu unserer Schwester, wirst dort mit uns den Gott unserer Väter frei bekennen, nicht wahr?" Mit seltsamem Ausdruck blickte der Geistliche auf den jugendlichen Eiferer. „Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich schon in der vorigen Woche meinen Posten aufgegeben und dem Lügen und Heucheln ein Ende gemacht hätte?" „Gewiß wäre das besser gewesen, je früher je besser." ' „Und wenn ich das in der vergangenen Woche bereits getan hätte, wo wärest du jetzt? — und wo wären deine drei Genossen?" Dunkle Röte überzog für einen Moment das Angesicht des Jüngern. „Verzeihe, ich sehe ja ein, ich bin undankbar! — aber ich kann mir nicht Helsen, ich kann nicht einsehen, daß man immer alle Gebote übertreten darf, um andere zu retten." „Wer sagt dir denn, daß ich alle Gebote übertrete?" „Ja, welche Gebote übertrittst du denn nicht?" „Du willst den Spieß nnrdrehen, aber ich wiederhole meine Bitte, nenne mir die Gebote, die ich übertrete,"