Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Heite 2. KrmrkfmZer FsrMitWeS Fmnilienblakt. Nr. 4 . Aus cUler Wett. Deutsches Reich. Berlin. Preußische Ausweisungs- Praxis. — Die Firma Heinrich Buchholz u. Cie. sandte ihren Geschästsfrcunden das solgendeSchrcibcn: „Bor zirka zwei Jahren engagierten wir auf Veranlassung des hiesige» Vereins zum Schutze aus Rußland ausgewiesener Juden einen Arbeiter namens Bernhard Kirstcin, der in Rußland das Wäschczuschneiden erlernt hat. Wir richteten ihn hier für unser Systemmit der Maschine schneiden, ein, und er hat sich vermöge seines Fleißes und Intelligenz unsere vollste Zufriedenheit erworben. Vor zirka % Jahre» bekam er, wie alle anderen Russen, die Mitteilung, er müsse das Land verlassen. Infolgedessen gingen wir bis an das Ministerium des Innern und haben mit der Begründung, daß wir es hier mit einem sehr ordentlichen, intelligenten Menschen zu tun haben, der bereits 6 Mk. pro Tag verdient und keinem Menschen zur Last fällt, durchgesetzt, daß er bis zum 28. Dezember hier.bleiben dürfe. Vor Ablauf dieses Termines wandten wir uns wiederum an den Minister des Inner» und bekommen nun heute den Bescheid, daß aus Prinzip unserer Bitte nicht entsprochen werden kann, Kirstein muß Preußen verlassen. Wir bedauern außerordentlich, diesen intelligenten, fleißigen Zuschneider verlieren zu müssen. Aus Humanitätsrücksichtcn interessieren wir uns dafür, dem Manne anderwärts ein gutes Plazement zu verschaffen und da er Jude ist, und nicht überall Unterkommen finden kann, so erlauben wir uns, die Bitte an Sie zu richten, ob Sie wohl geneigt wärm, einen fleißigen Arbeiter, der das Stanzenschneiden mit der Ataschinc perfekt versteht, zu engagieren." Berlin. Preußischer Landtag. Im Justiz-Etat für 1988 werden 108000 JL für die Beschaffung geeigneter Räume für den jüdischen Gottesdienst im Strafgefängnis Plötzcusce gefordert. Wiesbaden. W e beitautet, wird hier von Herrn Adolf Deutsch, Sohn des O.-Gyaller orthodoxen Rabbiners und Schwager des Marienbäder Restaurateurs David Lettner, ein R e st a n - raut unter Aufsicht der Frankfurter Jsr. Religionsgcsellschaft errichtet worden. WÄrrburg. Eine Scklächtdebatte Auch in Bayern sind die als Tierschützler verkappten Antisemiten eifrig an der Arbeit. Das in Hof vor mehreren Jahren ergangene, inzwischen wieder aufgehobene Schächtverbot, der ominöse „Straubinger Fragebogen"- welcher vor zwei Jahren eifrig kolportiert ward, beweisen dies zur Genüge. Im Jahre 1902 hatte auch Würzburg seine schächtdebattc. Man wollte dir Schechita ohne Betäubung nicht zulassen. Und jetzst wagte man wieder eine neue, wenn auch etwas harmlosere Petition. Dem Aiagistrat lag am 17. Januar das Gesuch vor,, ein Schächtverbot „l edig - lach für die christlichen Metzger" zu erlassen: Offenbar hatte mau es mit diesem „gemäßigten" Antrag nur mit einer Rede zum Fenster hinaus zu tun. In der Abstimmung wurde denn auch der ganze Antrag mit allen gegen 2 Stimmen abgelehnt. Der Schlachthausrcferent Rechtsrat Körbel erklärte sich vom sachlichen und juristischen Standpunkte, also aus Opportunitätsgründen, gegen den Antrag. Es würde in der Praxis zu gefährlichen Unzuträglichkeiten führen, wollte man ein partielles Schächtverbot i.rauguricren. So sei nur an den Austausch der Border- und Hinterviertel zwischen christlichen und jüdischen Metzgern erinnert. Auch gehe es nicht an, polizeiliche Vorschriften auf besondere Personen zu beschränken. Dies habe der preußische Verwaltungsgerichtshof in einer Schächtentscheidung bereits anerkannt. Uebrigens würde ein etwaiges partielles Verbot dadurch umgangen werden können, daß christliche Metzger auf Grund von Privatabmachungen auf den Namen der jüdischen schlachten würden. Polizeilich könne nur die Hiutanhaltung von Tierquälereien, insofern sie aufgelegte Roheiten darstellen, iu's Auge gefaßt werbciu Die Frage, ob Schächten Tierquälerei sei oder nicht, könne hier nicht untersucht werden, da sich überdies in dieser Frage nicht einmal die Sachverständigen einig seien. Der Referent schloß, daß partielle Einschränkungen keinen Wert hätten, so lange die Schechita nicht reichsgesetzlich verboten sei. Darum sei er gegen den Antrag.! Hatte der Referent sohin nur vom praktischen und juristischen Standpunkte aus, nicht aus Begeisterung für . die jüdische Schlachtmrthode gegen den Antrag gesprochen, so sprach sich M.-R. Frey offen gegen die Schechita aus. Nur „humanitäre" Gründe bestimmten ihn dazu. Darauf ließ sich Magistratsrat Schmitt dahin aus, er könne dem Antrag nicht zustimmen, weil erstens die Metzgermeister geschädigt würden, sodann aber — das sei sein Hauptgrund — könne er nieund nimmercin er Abmachung oder Verordnung seine Zustimmung geben, die einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft in Ausübung ihres Kultus hinderlich sein. — Der jüd i s ch e Magistratsrat Kahn nannte das Schächten gerade die Methode, die Vorzüge vor jeder andern besitze. Das sage er nicht als Jude, sondern vom allgemeinen Standpunkte aus. — Magistratsrat F r e y gab noch schächtgegnerische Gutachten zum Bestan. Das hinderte jedoch nicht, daß der tierschützlerische j Antrag schließlich mit allen gegen 2 Stimmen Abi lehnnng fand.; Karlsruhe. Der Verein zur Wahrung . der Interessen des g e s e tz e s trc n e n Jude n t u m s in B a d e n versendet folgendenA n f r n f: i „Zur Steuer der Wahrheit! S.iicns einiger Karlsruher Herren wird an inaß-; gebende Persönlichkeiten im ganzen Lande ein Aufruf ■ verschickt, der zur Gründung einer „liberalen Vereinigung" in der badischen Landessynagogc anffordcrt. Die unberechtigten Vorwürfe, dic ' in jenem Aufruf den Anhängern der grsetzestrcncn Richtung gemacht werden, zwingen uns zu einem Worte der Abwehr und der Anftlärnng. I n jenem Aufruf i st b e z c i ch n c n d e r Weise von der Gebetbuch frage, die allein augenblicklich die b a d. Indenhcit aufs lebhafteste beschäftigt, mit keinem Worte die Rede. Dic Herren haben wohl gefühlt, daß der bloße Hinweis auf diese Frage allen ihren Behauptungen den Boden entzieht. Die Orthodoxen waren wahrlich lange genug schweigsam und gefügig. Jahrzehnte lang duldeten sie, die Religiösen, ruhig, daß kein Gesinnungsgenosse ihre Ansprüche in der obersten Rcligionsbehörde des Landes vertreten konnte. Erst die Gebetbuch frage wardieuächsteUrsachc,daßdieGesetzcstreuen sich z u s a m m e n s ch l o s s e n und sich mit allen anderen Gegnern des Reformgibetbuches zu gemeinsamer Abwehr vereinigt haben. Dieses Gebetbuch ist nicht aus einem Bedürfnis weiter Voliskrcisc hcrrorgcgange», es ist nur eine Licbhabcrci Einzelner, wclckie ihre bevorzugte «tellung innerhalb der Lande-- synagoge zur Vcrwirllichnng' ihrer Ideen benutzen und damit Zwietracht und Unfrieden fiste». Gegen diese Uebergriffc haben wir unsere heiligsten U e b c r z e u g u n g e n verteidigt. Wir haben in Flugblättern und Versammlungen auf die Gefahren, die allen echt jüdisch Empsindciidcn durch dieses Gebetbuch drohen, nachdrücklich hingcwicscn. Diese Abwehr gegen den gewaltsamen Angriff auf unsere innerste Ueberzeuguug wagt man zu verunglimpfen und als F r i e d e n s st ö r u n g hinzustellen. Mit unwahren Behauptungen sucht man die Gegner des neuen Gebetbuches zu verdächtigen. Es ist nicht wah r, daß wir den Liberalismus beschimpft haben. Wir haben uns lediglich dagegen gewehrt, daß man unter d e in Deckmantel des Liberalismus uns nicht zu Worte kommen ließ. E s i st nicht wahr, daß wir Zwietracht und Unfrieden in dic Gemeinden getragen habe». Der Oberrat war es, der in Ge st alt seines Gebetbuchentwurfs den Zankapfel unter die badischen Juden geworfen und alle Erregungen und allen Streit der Meinungen hcranfbeschworeu hat. Oder sollen viclleichtjudische Väter ruhigen Auges zuschauen, wenn die Gefahr droht, daß dies radikale Werk der Reform allgemein in den Schulen als Relig ionslehr buch ein geführt wird und dadurch'ihre Kinder gewaltsam der Reform in die Arme getrieben werden? Es i st uich t w a h r, daß wir gegen dic staatliche Organisation der Landcssynagoge anstürmen. Auch wir erkennen an, daß diese Organisation, nachdem sie einmal 100 Jahre besteht, nicht ohne Gefahr aufgehoben werden könnte und daß sic nur mit dem Geiste der Gerechtigkeit und Unparteilichkeit erfüllt werden muß, um Heil und Segen zu stiften. Daß abcrdicvberste Rcligionsbehörde offen die Ziele der extremsten Reform propagiert, das ist es, was wir bekämpfen. Das kann doch nicht als Gerechtigkeit gelten, daß seit 30 Jahren kein Anhänger der ges e tz e s t r e u c n N i ch t u n g m c h r i n d e n O b e r - rat berufen wurde. Trotzdem haben dic Orthodoxen geschwiegen, bis — der Oberrat das unglückselige Gcbetbuchprojekt brachte und uns damit den Kampf für unsere Gewissensfreiheit aufgczwungcn hat. Klingt es da nicht: wie ein H o h n, wenn dic Herren des Aufrufs noch die Kühnheit haben, zu behaupten, diese völlig von der Verwaltung der Landcssynagoge ansgeschaltetc Orthodoxie nehme für sich dic Alleinberechtigung in Anspruch? Es i st nich t wa hr, daß wir die Autorität der Synode untergraben wollen. Auf ihr gerade beruht ja unsere Hoffnung. Sie soll uns dazu verhelfen, daß, um mit Worten des 'Ausrufs zu reden, „nicht Spaltung, sondern Einigung, nicht Vergewaltigung der einen oder anderen religiösen Richtung, sondern, entsprechend dem Geiste des Judentums, Frieden und Gerechtigk eit für alte in der Landessynagogc vereinigten Richtungen" geschaffen wird. Oder haben wir Unfriede in dic Gemeinden der Landessynagoge hineingetragen, wen» der O b e r r a t mit allen Mitteln danach strebt, bas neue Neformgcbctbuch zur Einführung zu bringen, das nicht nur von den Orthodoxen, sondern auch von allen jüdisch Fühlenden, ja von allen gerecht Denkenden unbedingt verworfen wird? Will man es u n s zum Vorwurf machen, wenn der Ober rat den mißglückten Versuch gemacht hat. sein.- Ziele durch eine reaktionäre Verschlechterung des Wahlrechts zur Synode zu fördern, so daß sich sogar' die gewiß nicht orthodoxe „Frankfurter Zeitung" in ihrem 4. Morgcnblatt voni 1s. März 190? genötigt sah, den neuen Wahlentwnrf des badischen Oberrats aufs schärfste zu brandmarken? Wir warnen nach alledem diejenigen, welche cs mit dem Juden tnm ernst meinen, vor dem B e i t r i t t z n d e m neu zu gründenden Bunde. Ein Verein, der mit solchen falschen Behauptungen und grundlosen Verdächtigungen auf den Plan tritt, ka.nn nimnrermehr dem Frieden und der Eintracht d i c n e n. Während unsere Vereinigung nicht dem Kampf, sondern nur der Abwehr dienen soll, kann der neue Bund nichts anderes bedeuten als eine Kampsorgauisation, die leoigiich dazu dient, bei den bevorstehenden Synodalwayien die Geschäfte der Aeöetbuchfrennde zu besorgen. Leihe keiner sei ne Mit hülfe eine nt Werke, das.nur dic Gegensätze ver- ^$1^« und die Bestrebungen derer unterstützen wird, welche es auf dic llnterdrückung der Orthodoxie abgesehen haben!" Köln a. Rh. Am 26. ds. Mts. tagt hier der Gemeindetag des .Provinzialverbandes rheinischer Synagoge »gemeinden. München. In den E.ntau, der bayrt,chen Abg e o r d n e t e n k a m m e r ist auch dic Petition der R a b b i n e r um Gehaltserhöhung bezw. Zuschuß aus Staatsmitretn, gelangt, welche mit dem in 14 Tagen zur Beratung stehenden Ausbesserungsgesetz für Beamte, Geistliche und Lehrer ihre Erledigung finden und günstige Aussicht auf Erfolg haben soll. Buckeburg. Zurücknahme des Schächtverbotes. — Durch Polizeiverordnung des Fürstlich-Schaumburg-Lippeschen ^Ministeriums vom 30. November war die vorgeschriebene Betäuvung auch auf oas «chächten ausgeoehut worden. Auf Eingabe der Vorstänoe der jüdischen Gemeinden ist nunmehr die Polizeiverordnnng zurückgezogen worden. Wreschen. Eine für die Juden lehrreich e W a h l g e s ch i ch t e spielte sicy hier ab. Stets hatten bisher in der 1. uno 2. Abteilung sich die deutsch-christlichen nnd deutsch-jüdischen Wühler vereinigt, sodaß von den 12 Sitzen zur 1. uno 2. Wteilung der Stadtverordnetenversammlung 6 mit dcu.saf-christlichcn und 6 mit deutsch-jüdischen Stadt» oerordiiercn besetzt wurden. Eine Woche vor den Ende November erfolgten Wahlen wurde nun eine deutsche Wählerversammlung behufs Aufstellung der Kandidaten einbcrusen. In dieser Versammlung wurden als Kandidaten für die erste Abteilung Apotheker Röest und Kaufmann Jtzig ausgestellt nnd für die zweite Abteilung die bisherigen Stadtverordneten Zuckerfabrik-Direktor Brüning und Kaufmann Ger- >ohii. Außerdem wurde noch in der zweiten Abteilung für eine Restperiodc von zwei Jahren für einen vorzeitig durch Wahl in den Magistrat ausgeschiedencn jüdischen Stadtverordneten ein Kandidat jüdischer Konfession, nnd zwar Kaufmann Lewin, als Ersatzstadtverordnctenkandidat aufgestellt. Nach Bekanntwerdung dieser Wahlabmachung wurde nun von den polnischen Wählern der zweiten Abteilung, den deutsch-christlichen folgender Vorschlag gemacht: Die Pohlen w..hlen mit den deutsch-christlichen zusammen zwei deutsch-christliche und einen Polen, sodaß die deutsch-jüdischen ausgeschieden werden. Behufs Stellungnahnte zu diesem Vorschläge wurden zwei Tage später die deutsch-christlichen Wähler zu einer neuen Wählerversammliing nach dem Rosengarten einberufcn, in der der Vorschlag offiziell abgelehnt wurde. Die Majorität der deutsch-christlichen Wähler in der zweiten Abteilung hielt sich jedoch an den neuen Vorschlags so wurden Fabrikdirektor Brüning und Fabrikbesitzer Kaczorowski, und als Ersatzstadtverordnetcr für die zweijährige Nestperiode Bauunternehmer Thorcnz gewählt. Die deutsch-christlichen Wähler verhalfen damit' zum ersten Male einem Polen zu einem: Sitze in der zweiten Abteilung. — Dagegen zeigten die deutschjüdischen Wähler bei der Wahl in der ersten Abteilung den deutsch-christlichen Wählern gegenüber ein Verhalten, das nach den: vorhergegängenen Trenbruche als ein ideales Zeichen von Uneigennützigkeit und Treue zu bewerte« ist. Die jüdischen Wähler hielten in der ersten Abteilung treu nnd fest am Kompromiß und bewirkten dadurch die Wahl des deutsch-christlichen Kandidaten. R«tzlarrd. Petersburg. Der Präsident des echtrussischen Bolksverbandes Dubrowin versendet, um den Schein zu erwecken, als ob die vernichtenden Enthüllungen über die. Tätigkeit dieser berüchtigten Organisation und die Streitigkeiten zwifchen seinen Führern auf die „Macht"' des Verbandes nicht einwirken, ein Zirkular an die Filialen desselben. Hierbei geht es natürlich nicht ohne Hetze auf die Juden äb, und so schreibt er: „'Seit Oktober hat diese Kampagne gegen, den Verband begonnendie für dew Kampf nötigen Geld»