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Neue jüdische Presse · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. -Nun vor allem andern, lügst du nicht? heuchelst du nicht?" „Das kann ich allerdings nicht in Abrede stellen, aber ich halte mich überzeugt, daß man, um Menschenleben zu retten, auch zur Lüge und zur Heuchelei seine Zuflucht nehmen darf, ohne dadurch ein Gebot zu verletzen. Oder meinst du nicht?" „Ich — ich ich weiß in der Tat nicht — vielleicht hast du recht." ' „Und welches Gebot übertrete ich noch?" „Nun doch jedenfalls sämtliche Speisegcsetze." „Bist abermals im Irrtum, wissentlich habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Speisegesetz übertreten." Der Jüngere starrte ihn betroffen an. „Wie wäre das möglich, da du doch unter lauter Nichtjuden lebst?" „Nicht einmal das ist richtig. -Oder glaubst du vielleicht Nichtuden hätten ihr Leben auf's Spiel gesetzt, um Juden zu retten? Das ist nicht vorgekommen, so lange die Welt steht. Und nicht nur die beiden wackern Brüder, die mir zu eurer Rettung behilflich waren, sind Juden, auch zwei Pater sind Stammesgenossen und, was' uns am meisten interessiert, auch der Klosterkoch ist Jude. Alle die sog. Fastenspeisen, die dir vorgesetzt werden, kannst du daher ohne jegliches Bedenken genießen." „Aber — aber — Ihr esset doch nicht alle Tage Fastenspeisen —" „Wenn du unter Ihr sämtliche Inwohner des Klosters verstehst, so hast du recht, sie leben allerdings nicht ausschließlich von Fastenspeisen, doch was -mich persönlich betrifft, so schwöre ich dir bei dem ewigen Heil meiner Seele, das ich ebenso zuversichtlich erhoffe wie du; baß ich seit dem Tage, au dem ich meinen Eltern entrissen worden bin, das sind jetzt seit ungefähr dreiundzwanzig Jahren, keine wie immer geartete Fleischspeise genossen habe, sondern mich ausschließlich von dem genährt habe, was wir Fastenspeisen nennen." Staunend blickte der Jüngling auf die kraftvolle Gestalt seines Bruders, auf das volle frischgefärbtc Antlitz desselben, dann plötzlich erglühend umschlang er ihn mit beiden Armen. „O, wie ich mich schäme! wie ich mich schäme! was bin ich dir gegenüber, daß ich es gewagt habe dich zu tadeln, dir Vorstellungen zu machen!—" „Du bist mein wackerer, hochherziger Bruder," sagte der Prior, die Umarmung desselben innig erwidernd, „zwar etwas rasch im Berdammcn" fügte er lächelnd, „als wolltest du es dem Großinquisitor gleich tun." „Verzeihe! verzeihe!" „Was soll ich dir denn verzeihen? — du bist mir doch in keiner Weise zu nahe getreten." „Doch, doch, ich bin dir zu nahe getreten, du großer, herrlicher Mensch! — ich hätte nicht so zu dir reden dürfen." „Ach Unsinn, Brüder dürfen nicht nur, sie müssen eiimnder alles sagen, was und wie sie von einander denken." „Sage 'mir nur du Herrlicher, wie viele Menschen hast du schon aus den Klauen der Inquisition gerettet?" „Bis ■ heute waren cs sechsundvierzig, jetzt sind cs fünfzig." „Fünfzig Menschenleben gerettet!" wiederholte der andere, indem er staunend die Hände zusammenschlug, „fünfzig Menschenleben gerettet! — Ich könnte dich beneiden um solch hehres Bewußtsein, das bleibt dir für dein ganzes Lebe», und alle das Gute, das diese fünfzig von dir geretteten Menschen tun und noch hm werden, das hast eigentlich du getan, denn ohne dich wäre cs nicht geschehen." „So darf man nicht rechnen", versetzte der Geistliche lächelnd, „sonst käinen auch die etwaigen Verbrechen dieser Fünfzig auf mein Konto." „Ach, daran hättest nicht viel zu tragen, das glaube mir, wer einmal so wie wir heute dem Tod in grauenvollster Form in's Antlitz geschaut hat, der wird mit Absicht nicht freveln, nie!" „Darin magst du recht haben, doch was willst du daraus folgern?" „Daß du mit diesen fünfzig Menschen, die du gerettet hast, genug getan hast für dein ganzes Leben, daß du nun mit mir kommen wirst in jenes freie Land, Frankfurter Israelitisches Familienbtatt. wo wir frei und offen den Gott unserer Väter bekennen und nach seiner heiligen Lehre leben werden. Nicht wahr, mein Bruder, du wirst mit mir gehen?" Der Geistliche atmete schivcr auf. „Du hast nicht überlegt, was du von mir verlangst, du sprichst ein großes Worr gelassen aus." „Doch, doch, ich habe sehr wohl überlegt, was ich von dir verlange. Heute übernachte ich hier bei dir Und wenn du willst, auch morgen noch, dann aber erkläre ich, daß ich nicht länger weilen kann, lvcil ich erwartet werde. Du aber hast so viel Freude durch meine Gegenwart, daß du mich eine Strecke begleiten willst, und als ich dir den Namen des Priors meines Klosters genannt habe — den du mir allerdings erst angebcn mußt — da erklärst du, daß der auch ein Freund von dir ist, ich schlage dir dann vor, ihn durch deinen Besuch zu überrasche», du bist einverstanden und sagst' dckiicn Leuten, du ivcrdest in meinem Kloster übernachten, sie möchten dich nicht vor dem Abend des darauffolgenden Tages erwarten. Ich füge hinzu, ich kenne meinen Prior, der werde dich nicht so rasch fortlassen, man möchte hier nicht beunruhigt 'sein, tocnn du auch einige Tage ausblciben würdest. Da hätten wir eine ganze Reihe von Tagen, an denen du nicht vermißt ivürdest, und wenn man daun anfangen würde, nach dir zu forschen, könnten wir bereits auf der Sec sein, oder jenseits der Pyrenäen." Der Prior hatte ihm mit sichtlichem Interesse zugehört und blickte liebevoll auf den heißblütigen jungen Mann, der sein Ziel unentwegt im Auge behielt. „Du bist ein sindiger Kopf, wie rasch du dir da alles zurcchtgclegt hast, der Plan wäre allerdings nicht unausführbar." „Also du bist einverstanden!" jubelte der Andere, „wie jchön! wie schön! nun freue ich mich doppelt meines Lebens, nun rverdcn wir uns nie mehr trennen, und auch von »ns wird mau sagen können: sehet wie'gut und wie schön ist cs, wenn Brüder zusammen wohnen. — Also wann wollen wir aufbrcchen? ich denke, je früher je besser, morgen besser als übermorgen. Einverstanden?" Der Aeltere schlug dem Jüngern lächelnd auf die "Schulter. „Du bist ein Feucrkopf, aber doch noch sehr, sehr jung, sonst ivürdest du nicht glauben, daß man das Streben und Wirken eines ganzen Lebens im Handumdrehen aufgeben könnte." „Warum nicht? — wenn man erkannt hat, daß man für Höheres leben und ivirkcn könnte." „Wenn man das anerkannt hat, dann hättest du recht — aber ich habe das mit Nichten erkannt, im Gegenteil, ich ivüßte nicht, ivo ich für Höheres streben und ivirken könnte als hier." „Das begreife ich nicht — das heißt, ich begreife sehr wohl, daß du dich in deinen Verhälhiisscn Hier ganz behaglich sühlcir kannst. Von aller Welt hoch geachl, kannst du über deine Untergebenen, ich möchte beinahe sagen wie ein Fürst herrschen und dabei lieben und verehren sie dich' wie einen Vater, du würdest allerdings viel aufgeben, du würdest —" Er wurde durch den Klang der Klostcrglocken unterbrochen. „Wir werden zu Tisch gerufen", sagte der Prior, „heute zu ungcwöhntcr Zeit, weil alle bei dem Grauenvollen in 8er Stadt gegenwärtig sein zu müsse» glaubten. Komm' mit hinüber in den Speisesaal, daß ich dich den dort Versaiymelten vorstelle. Aber vergiß nicht, daß du Kapuziner bist und das; dein Name Diego da Compostcll ist." (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.; Geehrte Redaktion! Zufälliger Weise kommt mir der Artikel des Herrn Rabbiner Dr. «eligman» in Nr. 52 der „Allg. Ztcf. d. JUdent." in die Hand. In diesem Artikel ninnnt der «chreibcr das Verdienst der Einrichtung des jüdischen Religionsunterrichts in den öffentlichen und Privatschulen Frankfurts für die Liberalen in Anspruch. Es geschieht diese Behauptung zu Unrecht, denn der jüdische Religionsunterricht ist durch die Bemühungen des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz in den Schulen Frankfurts zur Einführung gelangt. X. Nr. 4 Bunte Chronik. Hugo von H o f m a n n s t h a l. lieber die Familiengeschichte dieses jetzt wohl meistgenannten österreichischen Poeten der jüngeren Generation, gibt Arthur Schurig im Rahmen eines größeren Essais („Deutsche Rundschau", Januarheft 1908) einige bisher nicht bekannte, offenbar authentische Daten. Danach entstammt der am 1. Febr. 1874 geborene Hugo Hosmann, Edler von Hosmannsthal (wie der Name eigentlich lalltet) als einziges Kind einer wohlhabenden Wiener Kaiifmaunsfamilic. Sein Urgroßvater, Jsak Löw Hosmann, der um 1780 als armer Student der Theologie nach Wien kam und dann die Enkelin des reichen jüdischen Kaufherrn heiratete, in dessen Hause er Lehrer war, hat sich seinen Adelsbrief als Repräsentant der israelitischen Gemeinde Wiens im Jahre 1835 erworben. Er selbst stammte aus Prosticbor in Böhmen, wohin seine Familie um die Milte des 18. Jahrhunderts aus ihrem früheren Wohnsitz Bayreuth übergcsiedelt war. Für die Behauptung, daß Hosmannsthals Vorfahren iir Oberitalien ansässig gewesen seien und daß noch sein Urgroßvater im Ghetto einer lombardischen Stadt gelebt habe — womit man den angeblich „romanischen Einschlag" in seiner dichterischen Natur erklären wollte, —, fehlt jede Spur eines Belveises. Wohack Dadita, ÄElS«. Inhaber: JM. "W’ftJläU. Perlen, Juwelen, Gold waren. _ Auf Wunsch \nswahlsendungen. - - -- — 84 als er Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht nnd tthenmatiamns bewährt. Wochev-Kalender. (Zeitangaben nach dem hu ach.) Samstag, den 25. Januar (= 22. Schwat): sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 40 Min Sabbat-Ausgang in Frankfurt a M. 6 Uhr — Min., in Berlin 5 Uhr 25 Min. Der Thoraabschnitt Jisran erzählt von dem Besuch des Schwiegervaters Moschehs bei letzterem. Er führt ihm Frau nnd Kinder zu, die Mosche einst in Midjan zurückgelassen. Moscheh geht dem Schwiegervater ciltgegen, sie küssen sich, und Jisran kehrt in Moschehs Zelt ein. Mosche erzählt von dem wunderrcichen Auszug aus Egypten. Jisran freut sich darüber. — Mosche setzt sich nieder, um in eigner Person das ganze Volk zn richten. Jisran bemerkt, wie unpraktisch nnd ermüdend dies für beide Teile sei. Er rät, Beamte und U n t c r b c a in t e cinznsctzen. ES geschieht. Jisran kehrt alsbald daraus heim. (Letztere Episode zeigt die Göttlichkeit der T li o r a: Mosche ist kindlich unbeholfen, nicht die v r i m i t i v st e n S t a a t s e i n r i ch t u n g e n weiß er zu treffen. Ein solcher Mann kann nicht für Tausende von Jahren und Tausende von Menschen Gesetze schaffen. Er ist nur Gottes ansführend e s O r g a n.) — Israel betritt die Wüste Sinai, um auf dem Berg >L>inai die Lehre zn cmpsangcii. Gott läßt voraus das Volk verwarnen und vorbcreiten. Das Volk verspricht Gehorsam. Sie waschen ihre Kleider und halten sich heilig drei Tage. Der Berg wird umzäuiiit. Während des Offenbarungsaktes darf ihn niemand berühren oder besteigen. Am dritten Tag gibt Gott das Gesetz unter furchtbaren Erscheinungen der Natur: der Berg Sinai erbebte, flammte und rauchte. Eine dichte Wolke lagert über dem Berg, mächtiger Posanneiiichall ertönt. Mosche allein hat den Berg bestiegen. Gottes Stimme kündet die „zehn Gebot c". Das Volk fürchtet die allzugroßc Rühe Gottes. Mosche beruhigt das Volk. Den Schluß der Sidra bildet ein Abschnitt über Wesen und Bedeutung des ErdaltarS. Aus Gründen der Sittsamkcit und Lclbslhciligung sollte er nicht durch Trcpp-ustusen bestiegen werden. Es führte eine schiefe Ebene, eine Rampe zn seiner Höhe hinan. Das Datum der 'Offenbarung ist nicht angegeben. Nach der Tradition war es der 6. Silvan. In manchen Gemeinden wird dem besonderen Inhalt deS Wochcnabschiiittcs Jisran zufolge in der laur vorgetrageueu Schacharis Schmonu-Esrei das „Jismach Mauscheh" gesungen, eine sinnvolle Anspielung auf den Abschnitt der Gesetzgebung. Mancherorts vor Schema im L-chacharis-Gebet die „Meauro-Einschaltnng" Jmmaraus ho — eil. Inhalt derselben: Nnergründlichkcit des göttlichen Gesetzes. vNrnbaeber vnicklutt- Anlage TeMon 123. Ottenbach a. BI. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Teppichreinigung. Tapezier u. Dekorateur

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