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Neue jüdische Presse · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ilrankfirrter Ifraclitifdita fomilirnblatt. < '; » Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis Pro Vierteljahr: In Frank« furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50. sonstige Länder Mk. 2.— i i. .. > .. . > AsdaKttorr Hefchäfts stelle Frankfurt a. in., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-refon 10507. Herausgeber: Aals ^ei.s. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Rekiamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. «- 6. Jahrgang. Freitag, den 21. Sclrvvat 5868 (24. Januar 1908). Ro. 4. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das moderne jüdische Erziehungsproblem. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Der Prior. — Briefkasten. — Fam iliennachrichtcn. — Barmizwohs. Das moderne jüdische Erziehungs- Problem. Von Maxime Le Maitrc -Bern. (Schluß) Ungleich verwickelter ist die Forinnlierung und die eventuelle Lösung des jüdischen Erziehungs- Problems im Westen. In Osteuropa sind die Verhältnisse primitiv und das Leben einfach. Dort läßt cs sich eher meistern. Es genügt nur, daß ein starker Mann austritt und sagt: „Ich will"' „Es muß anders werden!" — und sein Wille und seine Tatkraft bestimmen einen Teil der Zukunft eines Volkes. Anders im Westen. Hier sind alle Verhältnisse und Bedingungen des Lebens incinandergewoben und incinandergcschlungen. Man kann an das Einzelding, an die Einzelerscheinung nicht herantreten, ohne das komplizierte Gefaulte zu berühren. Die Schule ist immer ein Produkt ihres Milieus. Zur Anerkennung dieser Binsenwahrheit braucht man nicht ans Gumplowitschcns Milientheorie zu schwören. In Rußland wie in Osteuropa überhaupt ist die jüdische Schule ein fast notwendiges Produkt ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Umgebung, und nicht viel anders ist cs im Westen. Im Osten stellen noch die Inden eine scharf getrennte Sondererscheinung im Sozialen und Politischen dar, und ihre Schule ist nach „Inhalt und Form" eine spezifisch jüdische, zwar keine echte jüdische Schule, aber doch gewiß eine Judenschule. Im Westen ist die Differenz nicht so stark. Hier ist der Jude offiziell gleichberechtigter Staatsbürger, weil er gleiche Pflichten hat. Das jüdische Kind besucht die Staats- oder Stadtschule gleich den Kindern nichtjüdischer Eltern. Das Kind muß zum Staatsbürger und zum brauchbaren Mitglied der Gesellschaft erzogen werden. Beim erzogenen Bürger macht der Staat später eine Ausnahme, nicht aber beim Kind. Das jüdische Kind wird so in einem un jüdischen, wenn nicht irr einem antijüdischen Milieu erzogen — und dem jüdischen Vater obliegt es nun, sein Kind nicht dem Einfluß eines fremden Kulturmilieus auszulicfern. Die private häusliche Erziehung muß hier einedoppelte Aufgabe erfüllen: Dem Kinde den Einfluß fremder Kulturelemente fern zuhalten und obcudreinihmeinepositivjüdische Erziehung zu geben. Wie gehen nun die westlichen Juden an die jüdische Erziehungsarbeit heran? Welche Mittel wenden sic an, um ihre ihnen aus dem Schoße der bodenständigen Verhältnisse erwachsene Doppelpflicht zu erfüllen? Die heutige westliche Judenheit, speziell die deutsche, ist in zwei Lager gespalten, in Konservative rind Freisinnige. Beide Parteien behaupten, das Judentum erhalteir zu wollen, beide wollen die besten Judeir sein — auch die besten Vaterländer. Die Konservativen legen das Hauptgewicht auf das religiöse Moment, sie fußen auf 2er religiösen Tradition und erkennen die tradiüonell-retigiöse Einheit aller Juden an, — die Andern behaupten, die Tradition überwunden zu haben und erkennen nur noch die konfessionelle Einheit der Juden an. Von einem historischen und politischen Begreifen des Judentums halten sich beide fern, denn die Freisinnigen sind jüdischnitinational aus religiösen Gründen, die Konscrva- :iven ans Gründen der Vaterländerei. Im letzten Ärundc handelt es sich aber um eine und dieelbe Auffassung des Judentums, um die koucssionelle, eine Auffassung, die beiden eine säst striche Erziehung ihrer Kinder diktiert. Treten wir nun den Resultaten der Erziehung näher, untersuchen wir, was die jüdische Religionsschulc Westeuropas Positives leistet! In manchen konservativ-jüdischen Rcligionsschulen Deutschlairds lernen die Zöglinge 10 Jahre lang bis 10 Stunden die Woche hebräisch — vollauf genug, um sehr viel beim Verlassen der Zchulc vom Judentum zu wissen! Wie ist es ,rber? Sie können Tcfilla, Chumesch und Schulchan-Aruch notdürftig — meist nur mit Nachhelfen des Lehrers — übersetzen, haben nur oberflächliche Kenntnisse von der jüdischen Geschichte und von der jüdischen Literatur und vermögen keine zwei Worte Hebräisch nicdcrznschreiben — esset denn, sie schreiben die Tcfilla ab. — Ter Gymnasial - Abiturient ist imstande, jedes lateinische Buch zu lesen und einen lateinischen Aufsatz abznsassen. Dabei hat er Lateinisch nicht 10, sondern 0 oder 6 Jahre gelernt und dann nicht 10. sondern 7 Stunden die Woche. Wenn also Hebräisch eine so tote Sprache wie Lateinisch wäre, so müßte der der Schule entlassene Zögling nach einem zehnjährigen hebräischen Unterricht mindestens ein hebräisches Buch lesen können; — warum ist es aber mit seinen hebräischen Kenntnissen so mangelhaft bestellt? Wie soll dieser Zögling später sein Judentum und vielleicht gar sein spezielles Judentum gegen innere und äußere Feinde verteidigen können, wenn er trotz eines zehnjährigen Studiums oes Judentums in Wirklichkeit das Judentum ungenügend kennt, seinen Geist nicht erfaßt und seine Eigenart nicht begriffen hat! Wenn so die Früchte der orthodoxen jüdischen Religionsschule sind, welche Früchte muß da erst die neologe jüdische Rcligionsschulc zeitigen! — Welche Aufgaben hat diese? Staatsbürger zu erziehen? Dafür gibt es Staatsschulcn. — Juden zu erziehen, jüdische Männer? Worin besteht ihr Judentum? Eine große Tenknull, — ein Nichts, Hauch und Seifenblasen ' und verwehte Winde .... Wie kann man solche „greifbaren Dinge"! einem Andern übermitteln? Sollen die Kinder religiös erzogen werden? Traditionell? Die freisinnigen Väter wollen von solchen Dingen nichts wissen, und um dem Schüler bcizubringcn, daß unser lieber Gott gerade ihn auserkoren, das Allerweltsalz zu sein und jeden Suppenteller zu salzen — kurzum um freisinnige Judcnknaben oder Kinder freisinniger Juden auf ihre große historische Mission vorzuberciten und ihnen anzuempfehlen, daß die Historie sie dazu ausersehcn, die Träger der Mcssiasidce zu sein — dazu braucht es doch wahrlich keiner besonderen Schule! Und doch! . . . Gerade die Existenz solcher Schulen bcivcist, daß wir etwas mehr als ein Allersuppensalz sind. Denn sonst wozu die Absonderung? Die Existenz von jüdischen Volks- und Mittelschulen im Westen beweist, daß wir etwas Besonderes und Selbständiges bilden. Die Schulen dienen in praxi nicht ihrem Zweck — aber ihre Existenz weist ihnen die Aufgabe zu, Juden und jüdische Männer zu erziehen. Der jüdische Knabe wird zum Juden erzogen, wenn er im Verlauf der Erziehung mit den Elementen des jüdischen Kulturinhalts und Kulturbewußtseins vertraut gemacht wird. Dazu darf aber die Schule keine Religionsschule, sondern sie muß eine jüdische Schule schlechthin sein — auf kultur- und national-jüdischer Grundlage. Der Leser wird gewiß nach meinem Programm fragen. Ein schönes Programm'aufzustcllen, ist nicht schwer, allein was helfen Programme, wenn der Lehrer das lehren muß, was der Herr „Schul-Parneß" verlangt. Und der „Schulparneß" ist eben ein Vaterländer, ein im Werden begriffener „Teutone", der von positivem Judentum nichts wissen will, höchstens von formalem. Judentum ohne Juden, ohne jüdisches Volk ist ebenso absurd wie Geisterspuk. Das Volk aber hat, trotz aller Verschiedenheit, die durch das Leben in der Zerstreuung bedingt ist, gemeinsame Interessen. Diese nationalen Interessen der Gesamtnation können schon in der Schule genährt werden. Zunächst muß das Judentum nicht mechanisch, sondern organisch gelehrt werden. Hebräisch ist wie j ede lebende Fremdsprache zu lehren, so, daß der Knabe beim Verlassen der Schule imstande ist, ein hebräisches Buch zu lesen. Gesetzeslehre darf nicht mechanisch gepaukt, sondern muß im Rahmen der gesamten jüdischen Kultur vorgetragen und gelehrt werden' Beim hebräisch enSprachundjüdische n G e schichtsunterricht muß auch die neuere Zeit berücksichtigt werden. Der Knabe muß in derSchule erfahren,daß ein selbstständiges jüdisches Recht existiert. Jüdische Volkskunde, jüdische Zeitgeschichtemüssen in der jüdischen Schule ebenso gelehrt werden, wie hebräische Sprache und Religion Aber wozu das Programm? Ter Herr Schulparneß ist deutsch-national, und das Judentum ist „nur eine Konfession".

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