Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Se te 10. FiANkfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 3. die Nation zurück, sondern eine religiöse Sekte." Dieser Ausspruch, der den jüdischen Staat nach dem babylonischen Exil — um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen — gewissermaßen als einen Kirchen st aat auffaßt, in dem die Religion der maßgebende Faktor für das öffentliche Leben war, scheint berechtigt, und es wird damit klar, warum in dieser Periode das jüdische Volk meist unter der Oberherrschaft anderer Völker lebte; cs mußte dies, weil es seine theokratischc Staatsform erforderte. Erst in dem Augenblicke, da sein politischer Beherrscher sich in sei» religiöses Leben wagte, empörte sich das jüdische Volk. Nur aus diesem Grunde kam es unter Antiochus Epiphanes zu dem Aufstand der Makkabäer, der dem jüdischen Volk für eine Zeitlang seine politische Selbständigkeit wiedergab. Diese politische Selbständigkeit zwang, die religiösen Interessen zurücktreten zu lassen und schwärte batt» Konflikte zwischen den Interesse» des Staates und der Kirche herauf. Es war die expansive Tendenz ihrer Religion, die von 300 vor 1 ab ständig Tausende und abermals Tausende des jüdischen Volkes in alle Länder hinauswandcrn ließ (bereits unter Caligula war in Rom eine jüdische Gemeinde von 10000 Seelen). Freilich lebte auch eine gewaltige Sehnsucht nach nationaler Freiheit im jüdischen Volke, denn das Volk, das zuerst die Gleichheit aller Bürger und aller Menschen vor dem Gesetze gelehrt hatte, mußte sich, um diese Gleichheit sich zu erhalten, mit aller Inbrunst seiner Volksseele auch nach der politischen Freiheit sehnen. Deshalb sein verzweifeltes Ringen ill diesen 1 Vä Jahrhunderten. Und es kst eine gewaltige Tragik, daß es zusammcnprallen mußte mit jener Macht, die als die gewaltigste Macht staatlicher Energie aller Zeiten gilt. Redner schildert nun' in kurzen, aber meisterhaft plastischen Zügen den Kampf zwischen Rom und' Judäa, den langwierigsten und schwierigsten Kampf, den das weltcrobernde Rom, trotzdem es bereits auf der Höhe seiner Macht stand, jzu führ n hatte, einen Kampf, bei dem Millionen von Menschen auf beiden Seiten ihr Leben verbluteten und der nie zu Gunsten Roms entschieden worden wäre, wenn nicht Verrat und Uneinigkeit, die alten Erbübel des jüdischen Volkes, sowie Pest und Hungersnot die Reihen des jüdischen Volkes dezimiert hätten. — — Wir werden nach Vollendung des Zyklus auf den Inhalt desselben zurückkommen. Frankfurt a. M.. lö. Junuar. Im Jüd. Fraue»verein hielt gestern abend grauJJr. Simon Bamberger por picht besetztem Saale einen nrit großem Interesse und lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über das Thema „'Die neueren Entdeckungen und die Bibel", und zwar an Hand des gleichnamige» Buches des englischen Geistlichen John Urquhart, das auf den Ergebnissen der Naturwissenschast und der Ausgrabungen im Orient, die gerade im letzten Jahrzehnt eine reiche Fülle von Resultaten gebracht haben, beruht. Rednerin mußte sich selbstverständlich bei dein schier unerschöpflichen Thema im Nahmen eiiics^ Vortrages große Beschränkung auslegen. Ter Inhalt ihrer Ausführungen war kurz folgender: Urquhart fragt: Wie ist es möglich, daß die 3Vs 'Jahrtausende alte Bibel bereits den Tatbestand feststellt, der jetzt als neuestes Ergebnis der wissenschaftlichen Forschung seststeht? Tenn die Wissenschaft bestätigt heute die Entwicklung des Weltalls, wie sie in der Schöpfungsgeschichte der Bibel .licdergelegt ist. Und weiter: die Erzählung der Sintslut'. Hier geben uns die Erzählungen der Völker, sowie die Forschungen und Feststellungen der Geologen, die sich mit der Untersuchung der Erdschichten beschäftigen, reiche Ausbeute. Bei den Mexikanern und Persern, den Chinesen und Amerikanern, wie bei den Grieche» und Römer» 'finden wir dieselbe oder ähnliche Erzählungen von einer großen Flut, die die Menschheit um ihrer Verderbtheit willen hinwcgnahm und nur einige Mensche» übrig ließ. IN Malereien wie in geprägten Medaillen finden wir Schilderungen H cs furchtbaren Ereignisses und auch die angegebenen Zeiten stimmen mit dem ^öibclbericht überein. Auch geologisch ist heute die Sintflut bewiesen. Es haben sich in vielen Teilen der Welt große Schichten von Stein und Kies, sowie Schlammlager, wie sie eine solch' gewaltige Ueberschwemmung^hinterlassen mußte gefunden (so in England ein Schieserbruch in dem sich 1390 Fuß über dem Meer eine ungeheuere Kiesschicht, mit Seemuscheln untermischt fand). Auch der Turmbau von Babel ist heute geschichtlich nachgewiesen, sogar die Ruinen stehen noch in Hillah, einer Vorstadt 'des alten 'Babylon. Die Rednerin behandelt dann die Person Abraham's und schließt mit den Worten Heinrich Heine's über die Bibel: „Das sproßt, das fließt, das funkelt, das lächelt, man weiß nicht wie, man weiß nicht warum, man findet alles ganz natürlich, das ist wirklich das Wort Gottes, während andere Bücher nur den Menschenwitz 'zeigen. In der Bibel erscheint auch keine Spur von Kunst. Das ist der Styl des Notizrnbuches, worin der absolute Geist, 'gleichsam ohne alle individuelle menschliche Beihilfe, die Tagesvorfälle eingezeichnet. Ueber diesen Schl läßt sich gar kein Urteil aussprechen. Man kann nur seine Wirkung auf unsere Gemüter konstatieren. Wie gesagt, hier fehlen alle Matzstäbe der Beurteilung. Die Bibel ist das Wort Gottes." Frankfurt a. M. Verein .Tiieres Bachurim". Ueber Kinderspiele im babylon. Talmud sprach letzten Sonntag Abend Herr Rabbinats-Kandidat H. D r e y f u ß, ein Thema, das das lebhafte Interesse der Zuhörer in Anspruch nahm. Alle heute bekannten Beschäftigungen der Kinder finden sich bereits im Talmud vor, so das Begraben toter Tiere seitens der Kinder, ihr Wissensdrang, der sie veranlaßt, Gegenstände zu zerstören, um sie zu untersuchen, das Spielen mit Nüssen, Bällen, Schellen, der Schwimmsport, der mit einem tönernen Schwimmfuß erlernt wurde usw. — In der sich dem Vorträge anschließenden Debatte wurde besonders von den Herren Dr. F r e i m a n n und Isak G o l d s ch m i d t weiteres Material geboten. Frankfurt a. M. Die Gcseltschast zur Erforschung jüdischer K u n st d e n k m ä l e r will 'einem weiteren Kreise in Lichtbildvorträgcn die von ihr aufgesammeltcu Arbeitsmittel vorführen. Sic will im lausenden Jahre zu diesem Ztveckc zwei Vorträge halten lassen, die Direktor Frauberg c r von Düsseldorf übernommen hat. Der erste Vortrag „Ueber Synagogen bau in alter und neuer Zeit" hat am Montag in der Frankfurt-Loge bei gutem Besuch stattgefundcn. Der Vortragende führte von alten Synagogen mehrere Proben der romanisch-gotischen Gruppe (Worms), der spanisch-maurisch-jüdischen Gruppe (Toledo), mehrere italienische (Padua, Venedig) und Synagogen der polnisch-russischen Gruppe vor, wo in friedliebende» Zeiten unter dem Schutze der Behörden, der deutschen Kaiser, der maurischen Kalifen, der Verwaltung des Kirchenstaates und norditalicnischer Fürsten und der Polenkönige die Mittel zum Ban schöner Synagogen verwendet werden konnten. Er schilderte den Zusammenhang mit Italien bei der polnisch-russischen Gruppe und speziell bei den «tcinsynagogen zur Zeit der König:» Bona, die mit einem .judenfreundlichen polnischen König vermählt war. Auf die eigenartigen polnischen Holzsynagogen (Saratow, Berditschew) folgte die Beschreibung mehrerer im Frankenlaude aufgefundencr Holzsynagogen mit reicher dekorativer Bemalung, die von jüdischen Künstlern .im 17. Jahrhundert ausgesührt worden sind. (Es existieren heute noch etwa 100 Holzsynagogcii; von den wenigen deutschen eine im benachbarten Königstcin.) Die magere Ausbeute an künstlerisch wertvollen Arbeiten des 18. Jahrhunderts tvurdc gestreift und fortgcfatzreu mit den Schilderungen der durch Napoleon I. veränderten Verhältnisse für die Jude» überhaupt, der Entwicklung im Synagogenbau von der orientalischen zur gotischen Bauweise, von dieser zuni romanischen Kuppelbau bis zum neuesten Bau der israelitischen Rcligionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., über deren künstlerische Qualität bei rituell richtiger Losung — im Gegensatz zu andern modernen Synagogenbauten, die sich in ihrer inneren'Einrichtung kaum von einer katholischen Kirche unterscheiden — sich der Vortragende in begeisterten Worten aussprach. - Mit eineni Appell, die Gesellschaft durch reichliche Unterstützung in den Stand zu setzen, die Forschungen ans 'bisher noch unberücksichtigte Länder zu Erweitern, schloß der Vortragende seine beifällig aufgenommene Mitteilungen. Frankfurt a. M. Jüdischer Frauenb u n d. Von dem Vorstand des Jüdischen Frauenbundes geht uns der nachstehende Bericht über seine letzte Sitzung zu: Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes sieht sich veranlaßt zu erklären, daß er seit seknerBcgriinbung auf dem Boden der alt-jüdischen Ethik steht und seine Bestrebungen und seine Tätigkeit in derselben wurzeln. IN den jetzt im Wortlaut vorliegenden Referaten kommt dieser Standpunkt so klar zum Ausdruck, daß damit alle mißverständlichen Auffassungen entkräftet sein sollten. Die Referate sind im Verlage des Bundes, Hamburg, Jsestraße 88, erschienen. — Der Bund umfaßt augenblicklich 93 angeschlosseue Vereine und 133 Einzelpersonen. In einer gemeinsamen Sitzung mit .Herrn Tr. Günsberg, Berlin, wurde beschlossen, eine Organisation der «Stellenvermittlungen anzustrebcn, von dem Gesichtspunkte geleitet, daß Vermittlung von Arbeit die beste und radikalste Hilfeleistung sei. Der Vorstand ist der Behandlung der Galizischen Frage in gemeinsamer Beratung mit den 'Delegierten derjenigen Vereine, die sich 'der Galizischen Sektion angeschlossen haben, dadurch näher getreten, daß er beschlossen hat: 1. mit den amerikanischen Frauen zum Zwecke der Bekämpfung des Mädchenhandels in Verbindung zu treten. 2. Mittel aufzubringen, um in Galizien einen Berufsagenten anzustellen, der im Dienste der jüdischen Organisationen der Bekämpfung des Mädchenhandels zur Verfügung steht. 3. Eine größere Anzahl Vertrauenspersonen, besonders Namen jüdischer Frauen im Ausland e zu sammeln, als Ergänzung der Liste des Jüdischen Zweigkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels. 4. Verbindungen anzustreben, um vorläufig in den Hafenstädten Bremen, Rotterdam, Marseille und Triest den weiblichen Reisenden Schutz zu ermöglichen. 5. Zu versuchen, die Mittel für die Gründung einer Haushaltungsschule in Galizien zu erlangen. — Ferner wurde über die Gründung von J'u - gezidgruppeu beraten. — Frau Dr. Höxter, Frankfurt a.^M., erstattet Bericht, in welcher Weise die von der Schwesterloge Frankfurt a. M. ins Leben gerufene Jugendgruppe arbeitet und weist auf das von Frau Dr. Seligmann gehaltene Referat hin, das in weiten Kreisen ungemein anregend gewirkt hat. — Einen Teil der Beratung bildete auch "oie Berufswahl der Mädchen. Man war sich einig darüber, daß in allen Ständen, vor und neben einer Berufsausbildung auf eine h a us >y i r t sch a ft li ch e Ausbildung hingewiesen iverdeu müsse, und daß man sich auch in der Armenpflege bemühen solle, selbst durch Aufwendung von Mehrkosten, den Mädchen die Möglichkeit zu gewähren, hauswirtschaftlichc Kenntnisse zu erwerben. Frankfurt a. M. Montag, den 20. Januar, abends 8 Uhr veranstaltet der Verein für jüd. G'esch ichte nnd Literatur einen Börtragsabend, der dem jüdischen Volkslied gewidniet sein soll. Ein solcher Abend hat bereits, wie die Berichte angesehener Tageszeitungen dartun, mit größtem Erfolge in Berlin, Breslau und anderwärts slattgehabt. Da voraussichtlich der Andrang ein sehr starker sein wird, wird'eine begrenzte Anzahl von reservierten Plätzen zum Preise von Jf. 3.— pro Platz für Nichtmilglieder und von Jt. 1.50 gegen Vorzeigen der Mitgliederkarte» verausgabt. Diese sind in der Musikalienhandlung Firnberg, der Kausfmann'schcn Buchhandlung, Börnestraße, und bei dem Kastellan der Frankfurt-Loge erhältlich. Die Veranstaltung, an.der die hervorragenden Künstler Dr. Bogumil Zepler, Frl. Vera Goldberg und Herr Gollanin aus Berlin Mitwirken, wird ebensowohl vom künstlerischen Gesichtspunkt aus, wie für das tiefere Verständnis des Judentums wertvoll und interessant sein. Frankfurt a. M. Im Verein Mekor Chajim sprach Herr Dr. Raphael Breuer in einem einstündigen Vortrage über „Die A h n - frau des Menschengeschlechts". Er zeigte an den Bibelversen, in denen von der Erschaffung der Frau und von Chawa (Eva) die Rede ist, wie hoch das Judentum die Frau, in der es den Mann erst seine Vollendung finden läßt, bewertet, und daß die jüdische Frau selbst ihre Vollendung im Muttcrberuf, in der Erziehung der künftigen Generation, findet. Die heutige Frauenemanzipation hingegen, will Mutterschaft und Berufsleben, zwei nicht zu vereinigende Gegensätze, vereinigen. Frankfurt a. M., 15. Januar. Zu eineur Vortrag über „Don I s a k A b a r b a n e l" hatte die Vereinigung Nachlaß Zwi heute ihre Mitglieder und Freunde eingeladcn. Der Redner des Abends, Herr Rabb. Dr. K o t t e k - Homburg, schilderte in formvollendeter Sprache die Geschichte dieses Großen, dessen Leben sich abwechselnd zwischen höchstem Glanze und tiefsten! Unglück bewegte, der es erleben mußte, daß das Land, zu dessen ersten Würdenträgern er gehört hatte, in beispielloser Grausamkeit das jüdische Volk aufs neue exilierte. Auch die vielseitige fruchtbare geisttge Tätigkeit Abarbanels fand von seiten des Redners eingehende Würdigung. Das zahlreich erschienene Publikum lohnte durch reichen Beifall die hochinteressanten Ausführungen. Friedberg. Der Verband der Savvatfreunde gründete hier letzten Sonntag eine Ortsgruppe. Aus der Lehrerwett. München. Pro'estor Dr. Isaak Bacharach wurde an das KöniglicheTechnikumin Nürnberg versetzt und die Professoren David Heinemann in Ludwigshasen, Sigwart Ruppel in Kaiserslautern, Ludwig Mosbach er in Nürnberg u. Dr. Arthur Ludwig Stiefel in München zu Kreisoberrealschulprofefsor e ii befördert. Es ist das erste Mal in Bayern, daß Juden dieses Amt erreichen. Burgprepstach. Jirael. Präparanden- Schule. — Der 32. Rechenschaftsbericht Verzeichnet die Zahl der Schüler am Anfang des Schuljahres mit 36 und bei Beendigung desselben mit 39. Dem Lehrerkollegium trat Herr Jonathan Uhlfelder aus Weisendorf (Obersranken), zuletzt in Bechhofen, bei; dagegen verlor Las Kollegium nach Schluß des Schuljahres Herrn I. Braunold durch den Tod. Der Tod des letzteren hat dem Kuratorium der Anstalt schwere Sorgen aüfgebürdet, denn die Ausgaben werden um die Witwen- und Waisengelder für die Hinterbliebene Familie vermehrt, — und der Pensionsfonds beträgt nur 14 000 JL Pretzburg «Ungornj. Rabbi David Lakenbach, der Rosch-bes-din der hiesigen orthodoxen Gemeinde, ist im Alter von 88 Jahren verschieden. Bis in sein Greisenalter fastete der Verblichene, der ein hervorragendes jüdisches Wissen sein Eigen nannte, jeden Montag und Donnerstag einen ganzen Tag. —