Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Frankfurter JsraelitifHes FamilienblM. Seite 3. er ihm, Arbeit irgendwo zu finden, s» l»üge der kleine Barvorrat, den er vom Hause mitnahm, nicht erschöpft war, so war das Uebel nicht so groß. Gingen aber die geringen Geldniittel aus, ehe er Arbeit fand, so begann er unter dem Vorwände, auf der Arbeitssuche zu sein, seine Glgnbensgenossen um Unterstützung anzugehen, und allmählich ward er dann Professionsbettler, der für eine Arbeit nicht mehr zu haben war. Hunderte solcher Bettler leben jetzt in Galizien, die niemals so tief gefallen wären, wenn sie seinerzeit, als sie anszogen, Arbeit zu suchen, bestimmtes Ziel gehabt hätten, wo sie auch wirklich hätten ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit finden können. Ueberall bestehen bereits solche Arbeitsvermittlungen für Juden, nur nicht in Galizien. Der Verein will auch die Hausindustrie fördern und den Msatz der fertigen Ware erleichtern. 3. Die Errichtung von Gewerbeschulen für alle Handwerke, in denen die Zöglinge einen dem Leben der galizischen Juden angepaßten Unterricht genießen sollen. Mithilfe bei Errichtung kleiner jüdischer Landwirtschaften. 4. Die Errichtung von Wohlfahrtsanstalten in jeder galizischen Stadt, damit das körper- und scelenverderbende Schnorrerwesen im Lande allmählich ein Ende nehme. 5. Einberufung von Lokalkonferenze» zur Beschlußfassung über die Mittel zur Verbesserung der Lage und behufs Ausarbeitung von Hilfsplänen. Der Verein hat gar keine politische Tendenz und .kann deshalb Jedermann demselben beitrcten. Auf diese Weise wird höchst wahrscheinlich Galizien aufgerafft, aufgemnntert und zur Selbsthilfe angespornt werden. Hoffentlich werden solche Projekte, die nach genauer Einsicht der Verhältnisse vorgelegt 'werden, wirkliche und anhaltende Hilfe für Galizien bringen. Behufs Ausführung dieser Pläne ersuchen wir alle unsere edlen Gönner, alle Wohltätigkeitsvereine im Anslande, wie überhaupt alle jene, die sich mit dem galizischen Hilfswcrke befassen, unserem Vereine ihre Sympathie zuzüwenden und uns mit Rat und Tat behilflich zu sein. Wir wenden uns vor Allem an jene aus Galizien stainmende Glaubensgenossen, welche in ihrer neuen Heimat Vermögen und Ansehen erworben haben, aber doch noch das Elend und die Not ihrer Brüder im Geburtslande in Erinnerung behalten und infolgedessen mit unseren Wsichtcn und Wegen einverstanden sind, mit der Bitte, daß sie die Zwecke des 'Vereines nach Möglichkeit und ihren besten Kräften fördern. Für den „Hilfsverein für galizische Inden zu Kolonien". I. Weber, Dr. Landau. Rußland. Helsingfors. Ausweisungen. Durch die neuerlichen Verfügungen des Gouverneurs droht einer großen Anzahl jüdischer Familien die Ausweisung aus Finland. Ans diesem Anlaß fand am 15./18. Dezember eine Versammlung der betroffenen Juden in Helsingfors statt. Die Versammlung beschloß ein Komitee zu bilden, das bei der Behörde zu erwirken suchen solle, daß den Juden die Gründung einer selbständigen Gemeinde in Helsingfors gestattet werde. „Rufs. Korresp." Dwinsk. Teuerung. Die Teuerung macht sich sehr drückend fühlbar. Brot kostet jetzt 4%, Butter 55 und Fleisch 22 Kopeken das Pfund. Hierzu kommt, baß die Fabriken die Arbeit eingeschränkt .und deshalb Arbeiter entlassen haben. Auch durch den Brand der Lurje'schen Fabrik sind für mehrere Monate 600 Mann brotlos geworden. Amerika. New-Aork. Die Krisis der Vereinigten Jüdischen Wohltätigkeitsgefellschafte n"! — Was längst angekündigt war, ist eingetreten. Die „Ver. Jüd. Wohltätigkeitsgesellschaften" hatten zuni ersten Male ihr Bureaus schließen müssen, und zwar vom 25. Dezbr. — 1. Jan., und wenn die Beträge, die die Leitung für den Monat Januar ausgeworfen hat, verwendet sein werden, dann wird man wieder die Bureaus — diesmal bis zum 1. Februar — schließen. Die Institution vermag 20000 Doll, jeden Monat fäuszugebcn, ..doch sie gebraucht 25 000 Doll, monatlich. St. Louis. Die von Rabbi Spitz heransgegebene „Jewish Boice" (Jüdische Stimme) feierte ihr 20jähriges Bestehen. Palästina. Jerusalem, 29. Dez. Laut hier eingetroffenen Nachrichten hat die hohe türkische Regierung die Wahl des Herrn Jakob M e i r zum C h a ch o m Baschi von Soloniki schließlich doch bestätigt. Hoffentlich kommt nun die hl. Stadt, in der es noch immer gährt, endlich ivieder zur Ruhe. Ob Herr Jakob Meir, der als ein Organ der Alliance angesehen wird, seine neue Tätigkeit in ihrem Sinne entfalten wird, wird die Zukunft lehren. — Ein bedauernswerter Fall hat sich dieser Tage hier ereignet. Herr Antabi läßt nämlich Mehl verkaufen zu herabgesetzten Preisen. Da war der Andrang so groß, daß eine Frau umgest-o ß e n wurde und leider keinen unerheblichen Scha¬ . ' den davontrug. Daraus kann man ersehen, wie hart Hie Armen der hl. Stadt von der Teuerung betroffen wurden. Seit 1898 haben sich die Lebensmittel und das Brennniaterial sukzessive verteuert, heute macht diese Verteuerung 50°/o, ja, bei manchen Artikeln noch mehr aus. — Segensreich, zumal in dieser tieftraurigen Zeit, wirkt auch das deutsch-jüdische Waisenhaus, indem es täglich 60 externen Schülern die Mittagskost gewahrt. Wird es aber diese Wohltat dauernd fvrtsetzen können'? Das hängt von den Freunden dieser Anstalt, welche die älteste in ihrer Art ist, ab. Hoffentlich lassen sie sic nicht im Stiche gerade in dem Momente, wo sie sich am besten bewähren können. — Die Auswanderung hat in letzterer Zeit ganz e r h e b l i ch z u g e n o m m e n. Sic soll bei weitem die Einwanderung übertreffen. Wollen wir hoffen, daß sich die Zeiten auch hierin bald zum Besseren wandeln werden. H. 0 Jtailfefon. 0 Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Er löschte das Licht aus, durch die dichtbelaubten Bäume gedämpft, fiel das Tageslicht' auf die Matten. „Seht Ihr, mit drei Schritten seid Ihr außerhalb des Waldes und auf der Landstraße. Kein menschliches Wesen ist in der Nähe, alles ist vermutlich noch bei der grauenvolle» Feier. — Nun geht nur hier iveiter auf der Straße, stundenlang zieht sie sich in derselben Richtung hin, die Ihr wandern müßt und dann müßt Ihr Euch weiter fragen." „ES tvird schon gehen," sagten die Männer, indem sie dein treuen Bruder nochmals und abermals dankend die Hände schüttelten. Daun wandten sie sich nach rechts und schritten rüstig vorwärts. Er blickte ihnen noch einige Minuten nach und seltsame Gedanken und Wünsche schienen sich in ihm zu regen: doch schüttelte er abwehreud den Kopf, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr. Tiefanfatmend schritt er auf der Landstraße in der Richtung des Klosters dahin. * Als die als Kapuziner Verkleideten dem voranschreitenden Klosterbruder in den unterirdischen Gang gefolgt waren, wartete der Prior noch einige Augenblicke, bis die Schritte der sich Entfernenden verhallt waren und der Schimmer der vorangetragcue» Laterne nicht mehr sichtbar war, dann schob er die Steinplatte vorsichtig wieder über die Ocffnung, die zur Stiege führte. „Sv," sagte er, „nun ist hoffentlich die' letzte Spur unseres heutigen Tagewerkes verschwunden, und können wir nichts mehr tu», als auf die Allmacht des Alliebenden hoffen. — Komm', mein Sohn!" er legte den Arm um die Schultern des jungen Mannes, der auf seinen Wunsch bei ihm zurückgeblieben war, „wir wollen jetzt drinnen hineingehen, in mein Arbeitszimmer, ich muß die Tür aufschließen, die hcimkehrendcn Brüder dürfen nichts Ungewohntes bemerken. Also Du wirst es nicht vergessen, daß Du ein Kapnzinermönch bist, den wie so viele andere das fromme Schauspiel des heutigen Tages in die Hauptstadt gelockt hat, wo ich Dich als den Sohn eines langjährigen Freundes erkannt Und Dich für einige Tage mit hergenommen habe. Verstanden?" Der junge Mann neigte zustiiniuend das Haupt. „Und wie heiße ich?" „Wie 'Du heißest? — Meinethalben Diego da Compostell. Wirst es Dir merken?" „Seid ohne Sorgen, hochwürdiger Herr, ich habe kein schlechtes Gedächtnis." „'Also setze Dich, mein Sohn, und erzähle mir von Deinen Eltern. — Mer warum zuckst Du, wenn ich mein Sohn zu Dir sage? Ich habe das schon zum zweiten Mal bemerkt, ist es Dir unangenehm?" „O nein, keinesivcgs. Aber es ist seltsam, beide Mal, als Ihr mein Sohn zu mir sagtet, war es mir, als hätte ich die Stimme meines Vaters gehört." „Das ist in d'er Tat seltsam," wiederholte der Prior mit heißerer Stimme, „und wie sagtest Tu, am selben Tag find Deine beiden Eltern gestorben? — Doch nicht — durch — die Inquisition?" Der junge Mann zuckte schwer aufatmend die Achselnd. „Nein und ja, d. h. die Inquisition hat sie nicht gemordet, wie sie Uns morden wollte — und dennoch haben sie durch die Inquisition ihr Leben eingebüßt. Sie waren nämlich gewarnt worden, sie sollten schleunigst flüchten, sonst würde es ihnen schlimm ergehen. Meine Mutter meinte zwar, sie hätten diese Warnung nicht beachten sollen, der Warner habe sie nur in's 'Bockshorn jagen wollen, um irgend etwas von ihrem Eigentunr — ich weiß nicht einmal, um was es sich gehandelt hat — um einen Spottpreis zu erlangen. Mein Vater stellte diese Möglichkeit zwar nicht in Mrede, wollte jedoch trotzdem die Flucht nicht verzögern. Das Schiff, das uns nach Holland bringen sollte, lag ziemlich weit ab vom User, die See ging hoch, der Regen floß in Strömen. Als sie das Schiff besteigen wollen, tat meine Mutter einen Fehltritt und stürzte in's Meer. Ohne sich zu besinnen, sprang mein Vater ihr nach, um sie zu retten. Llber nicht nur, daß er des Schwimmens unkundig war, er war auch inanschließender Kleidung, die dadurch, daß nahezu sein ganzes Vermögen in Juwelen und Gold in den Kleidern eingenäht war, noch bedeutend erschwert wurde. — So kam es vermutlich, und — wie gesagt, es war ein orkanartiger Sturm — wenigstens ist es mir so vorgekommcn, der die Wogen peitschte — als man meine Eltern endlich aus dem Wasser gezogen hatte, waren beiden Leichen. — Meine Verzweiflung könnt Ihr Euch vorstellen. Freunde drängten mich, mich trotzdem nach Holland zu retten, sie versprachen, für die Bestattung der Teuren zu sorgen — aber Ihr begreift, daß ich mich dazu' nicht entschließen konnte. — So kam es denn, wie es kommen sollte — da man die Eltern nicht mehr verhaften konnte, verhaftete man den Sohn. Das Weitere ist Euch doch bekannt." Der Prior antwortete nicht, schwer hob sich seine Brust, er hatte den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt und beschattete mit der Hand die Augen, sonst hätte der ihm Gegenübersitzende gewahre» müssen, daß sie voll Tränen. Mehrere Minuten herrschte lautloses Schweigen, dann begann der Geistliche mit belegter Stimme. „Du hast bisher nur von Deinen Eltern gesprocyen, warst Du denn ihr einziges Kind? — Hast Du keine Geschwister?" „Doch, ich habe eine ältere Schwester, aber sie ist verheiratet und wohnt schon seit mehreren Jahren mit ihrer Familie in Amsterdam. — Dorthin wollten auch wir." „Und Brüder — hattest Du nicht einen alleren Bruder Gabriel?" „Gabriel!" rief der junge Mann aufspringend, „um Gotteswillen, was wisset Ihr von dem?" „Du erinnerst dich ' seiner?" „Wie könnte ich? Lange bevor ich geboren wurde, ist er den Ellern entrissen worden. Mer mein Vater hat ihn nie vergessen, immer hat er von ihm gesprochen, noch in den letzten Tagen. Darum, ich beschwöre euch, hochwürdiger Herr, saget mir, was wisset. Ihr von meinem Bruder Gabriel? — um meines Vaters willen, den Ihr doch gekannt habt —" „Und hat denn deine Mutter nicht auch oft von deinem Bruder gesprochen?" „Meine Mutter? — ach die hat ihn doch auch nicht gekannt." „Was sagst du? deine Mutter hätte deinen Binder nicht gekannt?" „Ach so, Ihr wisset nicht, daß meine Mutter die zweite Frau meines Vaters gewesen ist. Gabriels Mutter hat den Verlust ihres einzigen Kindes nicht, lange überlebt, aber ich bitte euch inständigst, hochwürdiger Herr, saget mir, wo finde ich meinen Bruder?" ' Da hielt sich der andere nicht mehr, Tränen entstürzten feinen Angen, er eilte ans den Jüngling zn und umschlang ihn mit beiden Armen. ,^8rnder! Bruder!" schluchzte er, „merkst du es denn nicht, fühlst du es nicht, daß ich dein Bruder bin?" Ta entrang sich ein unarttkulierter Schrei, halb wie Jubel, halb wie Entsetzen der Brust des Jünglnigs, ohne die Umarmung zn erwidern, lehnte er das Angesicht gegen die Schüller des andern und heiße Tränen rollten langsam über seine schmalen Wangen. Mehrere Minuten verharrten beide schweigend, fest aneinander geschmiegt, so daß ein jeder das Herz des andern pochen hören konnte. Der Prior