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Neue jüdische Presse · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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..Weite 2. Frankfurter JsraelitiWeS FamilienLlatt. Nr^S. Metamorphose bereits so weit gebracht, daß sie keinen Hebräer mehr auf ihreni Rittcrgute beschäftigen kann, ohne von der Gefahr bedroht zu werden, einem Nervenchock zum Opfer fallen zu müssen. Das; auf solch unfruchtbar dürrem Brachfclde keine wurzelstämmige Jugend stolz in den Himmel streben kann, ist selbstverständlich. Sie knickt wie schwaches Rohr beim leisesten Sturmeshauch zusammen. Der Fall des Prof. Lenkci-Lenke ist nicht vereinzelt, wo, um nur irgendwie die Zukunft zu sichern, der Mann im Verlaufe eines Jahres dem Judentum den Rücken kehrt, um sich die ministeriell bestätigte Professur zu erlaufe n, worauf er dann wieder, ohne an Charaktersteifheit irgend was eingebüßt zu haben, dem wieder entdeckten Judentum seine Reverenz durch Rücktritt in die Gemeinde Moses und Israel bezeugt. Zum. Schluß ein Ereignis aus dem Jeschiwaleben, das allgemeines Aufsehen erregt hat! Wie im August, ist auch diesmal eine bestialische Bubentat die Ursache gewesen, welche dieses Interesse erweckte. Siur daß jetzt nicht betrunkene Bauern ihre rohe Faust an den schattenhaften Zöglingen des Beth-hamidrasch erprobten, sondern wohllöbliche autonome Gemeindemachthaber. Die Sippschaft von I. Ritter von Harzspiegel hat in der Zehlimer Domäne einen ihr nicht genehmen Bachur, der außer den talmudischen Disziplinen das Bedürfnis nach Grammatik und Geometrie nicht unterdrücken konnte, mit Knüppel und Fäusten bis zur Bewußllosigkeit gemartert. Fünfzehn Leidensgenossen, die ihn beschützen wollten, wurden durch diese Nöosadisten in die Flucht gepeitscht und haben den Lohn für ihre mutige Tat durch Seine Eminenz von Grünwald bereits erhalten: Sie wurden relegiert! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. SK., 12. Januar. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Wie bereits in unserem Geschäftsberichte an den Bereinstag. angekündigt, enthält der Preußische E'tar'sür 1908 die erwartete Position, welche es der Regierung im Sinne der seiner Zeit von uns angeregten Resolution ermöglicht, den jüdischen Synagogengemeinden Zuschüsse zur Förderung des Religionsunterrichtes zu gewähren. Die Position beträgt JL 40000.—. In der Begründung des Etats heiße es darüber: Es ist in Aussicht genonimen, da, wo für den jüdischen Religionsunterricht nicht durch jüdische öffentliche Schulen oder seitens der bürgerlichen Gemeinde durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den öffentlichen Volksschulen oder in anderer Weise gesorgt ist, den leistungsschwachen Synagogcngemeinden die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichtes durch Gewährung von Beihülsen in solchen Fällen zu erleichtern, in denen dauernd niindesteus 12 jüdische Kinder vorhanden sind. Weim auch die vom Finanzminister für das kommende Etatjahr bewilligte ®ummc von JL 40 000 dem vorhandenen Bedürfnisse leider nicht im entferntesten entspricht» so ist es doch als ein erfreulicher Fortschritt zu begrüßen, baß die moralische Verpflichtung des Staates zur materiellen Fürsorge für die religiöse Unterweisung der jüdischen Jugend durch diese zum ersten Male erscheinende Etatsposition anerkannt ist. Es dürfte nicht aussichtslos sein, Staaisregierung und Abgeordnetenhaus durch die von den einzelnen Synagogengemeinden zu liefernden Nachweise mangelnder Leistungsfähigkeit davon zu überzeugen, baß eine allmähliche Erhöhung der Position im Rahmen der allgemeinen staatlichen Aufwendung dringend notwendig und daß es vor allem ein Gebot der Billigkeit ist, gerade die kleinsten, leistungsschwachen Gemeinden mit weniger als zwölf «Schülern von den Wohltaten des Gesetzes nicht auszuschlietzen. Frankfurt a. M., 15. Januar. Die gestrige öffentliche -Sitzung des Ausschusses der Israel. Gemeinde ging vor leerer Galerie vor sich und war nur sehr kurz. Herr Benny Oppenheimer eröffnete als dienftältestes Mitglied die Sitzung m,d teilte mit, das; der Polizeipräsident die Wahl des Herrn Emil Jgersheimer in den Vorstand und der Herren August - Bender, Emil L. Heidenheimer und Rechtsanwalt Tr. Rudolf Merzbach in den Ausschuß bestätigt hat. Es stand sodann die Wahl des Vorsitzenden und des stellvertretenden Vorsitzenden auf der Tagesordnung. Als Vorsitzender wurde Herr Benny Oppenheimer und als stellvertretender Vorsitzender Herr Dr. med. Will;. Hanauer einstimmig gewählt. Die Delegierung in die verschiedenen Kommissionen und Verwaltungen der Gemeinde wurde nach Vorschlag des Vorsitzenden genehmigt. Nachdem noch eine «jährliche Subvention yon 300 JL für die Witwen- und Waisenkasse der Rabbiner Deutschlands bewilligt worden war, ivar die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung erschöpft. Fraulfurt a. SK. Der Verband der Deutschen Juden teilt uns mit: In der vergangenen Woche ist 8er v r e u ß i s ch c Unterrichtsetat dem Abgeordnetenhaiije vvrgciegt worden Er interessiert die jüdischen Gemeinoen diesmal besonders mit Rücksicht an; die durch das Vollsschulgesetz verursachten Mchrforderungen. Der Verband der Deutschen Inden und der Deutsch-Israelitische Äemeindebunv werden den Vorhänden jüvischer Voltsschulen über einzelne Etatssragen gern Auskunft geben, da sie zu diesem Zweck eine gemeinschaftliche Kommission gebildet haben. Der sogenannte Resolutionsfonds, d. h. der Betrag, den die Negierung auf die Resolution des Landtages hin zur Verwendung für jüdischen Religionsnnrerricht anfordcrt, beträgt 40000 JL Zur Begründung heißt es: „Es ist in Aussicht genouunen, da, wo für den jüdischen Religionsunterricht nicht durch jüdische öffentliche Schulen oder seitens der bürgerlichen Gemeinde durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den ösfentlichen Volksschulen oder in anderer Weise gesorgt ist, den leistungsschwachen Synagogengemeindcn die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichtes durch Gewährung von Beihilfen in solchen Fällen zu erleichtern, in denen dauernd mindestens 12 jüdische Kinder vorhanden sind." Es muß auffallen, daß die Regierung das Wort „leistungsschwach" in die Vorlage hiilcingebracht hat, welches in der Resolulion des Landtages fehlt. Die Regierung scheint danach aus dem Standpunkt zu stehen, und hat dies auch durch die Höhe des Fonds zum Ausdruck gebracht, das; cs sich nur um ein Art Almosen handelt, das mail Bedürftigen aus allgemeinen Mitteln reicht. In der Konnnijjivv des Abgeordnetenhauses, in welcher die Resolution beraten wurde, wurde dieser Standpunkt nicht vertreten; vielmehr erachtete man es als eine Forderung ausgleichcndcr Gerechtigkeit, daß ebenso wie die jüdischen Steuerzahler die Koste» des christlichen Religionsunterrichts mit aufzubringen haben, so auch der Staat als solcher in entsprechendem Mnßc für den jüdischen Religionsunterricht mitsorgcn müsse. Es ist anzunchmcn, daß im Landtage der frühere Standpunkt in Erinnerung gebracht wird. Daß die Heranwachsende Jugend, auch die jüdische, nirgends ohne Religionsunterricht blcibt, liegt sicher nicht bloß im Interesse der jüdischen Gemeinden, sondern des Staates in seiner Gesamtheit. Hamburg. Der Voranschlag dir Deutsch- Israelit. Gemeinde für 1908 sieht 65 000 JL für das Armen- und 60 400 JL für das Schulwesen vor. Königsberg. Die Zahl der hiesigen jüdischen Wohltätigkeitsvcreine bezw. -Institutionen beträgt 15 und ihr Gesamtvermögen IVa Millionen Mark; sie verausgabten im abgclaufcncn Jahre 58000 JL für regelmäßige und 71 500 JL für außerordentliche Unterstützungen (Stipendien, Kurkosten, Schulnnd Handwcrlerkasse usw.) und vereinnahmte» 30 400 JL an Jahresbeiträgen. Die jüdische Gemeinde gewährte ihren sämtlichen Beamte» eine T c n e r n n g s z u l a g c. Pinne. Eine außerordentl. Generalversammlung der jnd. Gemeindemitglieder beschäftigte sich mit der Revision der Statuten der seit 1786 bestehenden Chewra Kadischa, deren Leitung in den letzten 40 Jahren in Händen des vor einigen Wochen im 93. Lebensjahre verschiedenen Herrn Rabbiner Schaje Markus s. A. und des in den hohen Achtzigern stehenden Herrn M. I. Baer lag. — Die der Statutenbcratung folgende Vorstandswahl hatte folgendes Ergebnis: M. I. Baer (1. Gabbe und Ehrenmitglied), Max Szamatolsli (1. Vorsitzender), Adolf Lippmann, Alfred Marcus, Rabbiner Dr. Grünthal, Koppel Back und M. Mendelssohn. — In Schönlanke wurden die jüngst vollzogenen R.e P r ä s e n t a n t e n w a h l e n der jüd. Gemeinde vom Regierungspräsidenten als ungültigerklärt. Halle a. S. Laufbahn eines Getauften. Der Sohn eines hiesigen Pferdehändlers, bei dessen Barmizwoh sein Vater noch ein Porauches für die Synagoge stiftete, wurde rechtzeitig Christ, um sich seine Laufbahn nicht zu erschweren. Als Referendar nach Torgau versetzt, hielt der strebsame junge Mann es nn der Zeit, sein Christentum so ostentativ zu betonen, daß die Rangbefördernng nicht ausbleiben konnte. So benutzte denn der „Neochrist" ans Halle vor einigen Wochen die erste beste oder, richtiger, wie sich nachher herausstellte, die erste schlechte Gelegenheit, nur auf die Juden in gröblichster Weise zu schimpfen. Es geschah bei einem offiziellen Essen, an welchem, wie erzählt wird, auch Offiziere tcilnahmen, daß der ehrenwerte Exjude und Referendar Kurt W., dessen Eltern übrigens noch am Leben sind. seine Anklagerede gegen die Juden hielt, bis dies einem ihin gegcnübersitzenden Amtsrichter endlich zuviel wurde und dieser ihn daran erinnerte, daß es denn doch nicht anständig sei, auf eine Religionsgcmeinschast alle Schlechtigkeiten zu häufen, wenn man obendrein auch noch Verwandte in derselben habe. Schließlich verbat sich der Amtsrichter das Geschwätz nnd die fernere Gesellschaft des Herrn Referendars. Der Schluß der häßlichen Auseinandersetzung, bei der sich natürlich die ganze Gesellschaft ans Seiten des Amtsrichters, der kein Jude ist, befand, war eine Forderung des „forschen" Referendars an den Amtsrichter. Dieser erklärte aber, von einem Menschen, der sein eigenes Nest beschmutze, weder eine Forderung anzunehmen noch ihm in anderer Fornr Satisjakrion zu geben. Nun ging die ganze Angelegenheit an das Justizministerium, dessen Bescheid dahin lautete, daß der Referendar Kurt W. durch sein Benehmen' sich der Zugehörigkeit zur juristischen Korporation unwürdig gezeigt habe und deshalb aus derselben zu entfernen sei. Nun wäre eigcnUich die Geschichte zu Ende, wie dies auch mit der jnr-stischen Karriere des Herrn Kurt W. aus Halle der Fall war. Der Exjude" und Exrefercndar hat aber in seiner Vaterstadt Halle -n einem Bankgeschäft eine Stellung gefunden. Nun wird man meinen, daß nur e'ne anlisemitische Firma auf eine so schätzenswerte Kraft reflektieren würde. Aber weit gefehlt! Einem jüdischen Bankhause war es Vorbehalten, den: getauften Judenfeind Unterschlups zu gewähren. Oesterreich-Ungar». Wien. Der Kultusvorstand konstituierte sich im abgelaufenen Jahre in der Zusammensetzung des abgelaufenen .Jahres; selbst Hosrat Rappaport, der sich inzwischen mit einem christlichen Schwiegersohn versehen hat, erhielt seine bisherige Funktion wieder. Eine lebhafte Debatte entspann sich über die Frage, ob auf den Grabsteinen obligatorisch einige hebräische Worte angebracht sein müssen, oder ob man dies den Parteien gegenüber lediglich als Wunsch bekannt geben habe. Mit 27 gegen 9 Stimmen wurde beschlossen, das Anbringen einiger hebräischer Buchstaben nur anzuempfehlen. Koloiuea. Ausruf zur Htlfsarbeit für galizische Juden. Die soziale und geistige Not der Juden in Galizien wird immer größer. Das Elend erfaßt mit jedem Tage immer breitere Massen des galizischen Judentums. Jede Stufe des allgemeinen ökonomischen Fortschrittes des Landes wird derart ausgenützt oder bewirkt mechanisch, daß sie nur eine neue Quelle jüdischer Bedrängnis wird. Die Handhabung der Gewerbeordnung, die strenge Durchführung der Sonntagsruhe, die Bildung christlicher landwirlschaft.icher Vereine mit „katholischen" Handlungen, die Propinationseinlösung, die Monopolisierung des Salzhandels entreißen immer mehr Erwerbsquellen aus den Händen der galizischen Juden, welche auf ein sehr enges Arbeitsfeld beschränkt untereinander maßlos konkurieren müssen — ja sich einander geradezu das Brod aus dem Munde nehmen. Alles dies wirkt verhängnisvoll auf die jüdischen Kauskeute und Gewerbetreibende. (Ackerbau in Kleinwirtschaften wird von Juden faßt gar nicht betrieben.) Die Aktionen der auswärtigen Hilfsvereine sind leider nicht genügend; es schreitet deshalb das Hilsswcrk für die galizischen Juden fast gar nicht fort, und oft werden große Snminen, welche auswärtige Wohltätigkeitsinstitutionen für Galizien bestimmen, nur nutzlos verwendet. Die wichtigste Ursache, weshalb dieses Hilsswerk dem guten Willen der zu so großen Opfern bereiten auswärtigen Vereinen n'cht entsprechend fortschrcitet, liegt vor allem darin, daß diese Wohltäter in Unkenntnis über die wirkliche Lage der galizischen Juden und deren wirtschaftlichen Verhältnisse sind, so hin, daß die Masse der galizischen Juden an dem Hilfswerkc nicht mitarbcitet. — Es mußte deshalb ein Hilfsverein gegründet werden, welcher, um den galizischen Juden von Nutzen zu sein, in Galizien selbst seinen Sitz haben und von galizischen Juden, denen die Verhältnisse des Landes genau bekannt sind, geleitet werden soll. Die nächsten Zie>. dieses von der k. k. galizischen Statthalterci bereits genehmigten Vereines sind: 1. Sammlung genauer statistischer Daten über jeden einzelnen Juden in Galizien. Es soll die Lage jeder einzelnen jüdischen Familie, besonders aber die Arbeitsfähigkeit und Fertigkeit jedes einzelnen Familicnmitgliedes, sowie deren Gesundheitszustand genau sestgestellt werden. Die Kenntnis dieser Einzelheiten, erscheint unerläßlich, bevor man überhaupt zu einer positiven Arbeit schreitet. Auf Grund dieser Statistik hoffen die Gründer sowohl Ursache und Grad der jüdischen Arnlut genau kennen zu lernen, als auch in der Lage zu fein,, die zweckdienlichsten Mittel zur Behebung derselben anzugeben. 2. Organisierung der jüdischen Arbeitsvermittlung im ganzen Lande. Bisher Pflegte der Jude einer kleinen Stadt, der arbeitslos war, anszuziehen und planlos zu wandern,, bis er Arbeit fand. Glücks.

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