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Neue jüdische Presse · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IlrartLfirrLer Ifriirlitilitirö familirnlilutt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AvonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: ' Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtto« «nd Geschäftsstelle: Srsnlcfurl 2. M.. vilbelerstraße 4/6» Lcke Bleichstraße T-refo« 10507. Herausgeber: SalL G s i-s. - " ' --! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. WPfg. Die Reklamezeile.. 100 ., Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uedereinkunft. 6. Jahrgang. Freitag» den 14. Schwat 5668 (17. Januar 1908). No. 3. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Wert und Wertsteigerung des Bodens im Orient. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Prior. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Wert und Wertsteigernng des Bodens im Orient. Als der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm im Jahre 1869 zur Eröffnung des Suez-Kanals in Aegypteir weilte, schenkte der Vizekönig Ismail Pascha, der Großvater des jetzigen Khediven, der deutschen evangelischen Gemeinde, die etwa 70 Seelen zählte, einen Platz von 5000 Quadratmeter zum Ban von Kirche und Schule. Das Grundstück lag hinter dem Hotel der Peninsular Oriental Company in einer ziemlich öden Gegend und war so gut wie wertlos. Jnzivischen ist nun das Jsmailie-Viertel planmäßig bebaut ivorden, die öde Umgebung der Kirche ist durch den deutschen Obergärtner des Prinzen Hassan in einen schmucken, grünen Garten nmgewandelt worden; und vor wenigen Monaten hat der Khedive Abbas Pascha das seinerzeit unentgeltlich überwiesene Grundstück, jetzt eine Zierde des Jsniailie-Vicrtels, zu einem Preise zurückgekauft, der den Grundstückswerten der Berliner Friedrich- Straße wenig nachsteht. Er zahlte etwa 1200 Mark für den Gevicrtmeter, sodaß die deutsche Gemeinde für ihre 3400 Geviertmeter fast vier Millionen erzielte und nicht nur in die Lage versetzt ivorden ist, sich in einer anderen Gegend, am Anfang von Bulek, ein andcrthalbmal so großes (7500 Quadratmeter) Terrain zu kaufen, sondern noch über zwei Millionen für die Gründung von Wohlfahrtseinrichtungen vertuenden konnte. Nicht schlagender kann der Erweis von der Enttvickelung Kairos erbracht tverden als durch diese fabelhafte Steigerung der Grundstücksprcise. Aber' der Khedive geht auch ^planmäßig an die Erschließung seines Landes. Bis vor tvenigen Jahren galt Alexandria als Westgrenze der ägyptischen Kultur; einen Schritt weiter, 'und uns umfing die öde Marcotis- Landschaft der Libyschen Wüste. Heute ist dies Gebiet durch eine Eisenbahn erschlossen; die Regierung hat verstanden, den im Uebergang zur Seßhaftigkeit begriffenen Beduinen Lust zur Niederlassung zu machen, und schon beginnt „die Wüste von gestern" eine der Getrcidckammern für das ungeheuer konsumierende Egypten zu tverden. Lehrreiche Beispiele für Rentabilität des Bodenerwerbs, die sich aber unschwer durch Beiträge aus anderen Mittelmeerländern verinehren ließen. Wir verweilen bei P a l ä st i n a. Der deutsche Kronprinz reiste von der Einweihung des Suez-Kanals nach Jerusalem und ergriff hier feierlich Besitz von dem „Muristan", jenem Platz in der Mitte der Stadt, der einst die großartigen Bauten der Johanniterritter getragen hatte. Der Sultan hatte diesen denkwürdigen Platz, auf dem sich jetzt die evangelische Erlöserkirche und eine Tagschule befinden, König Wilhelm I. geschenkt. Heute kostet der Boden in Jerusalem, d. h. in der Neustadt vor deni Jaffator, wo der Brennpunkt der Kultur ist, etwa 400—500 Mark der Quadratmeter. Und dabei geht die Bautätigkeit ständig fort, zur Zeit bauen z. B. von jüdischen Unternehniungen eine Londoner Gesellschaft ein Viertel von 150 .Häusern und ein Handwerkervcrein ein anderes Viertel. In Jaffa verlangte der Besitzer einer halben Geschäftsstraße, die ii. a. 20 Wohnungen und 40 Läden enthält, im verflossenen Jahre 500 000 Francs für dieselbe, alsbald erhöhte er den Mietspreis nm 20 Prozent, und heute fordert er 750000 Francs für seinen Besitz. In Haifa entsteht ein jüdisches Viertel am Fuße des Karmcls; der Preis für günstige Bauplätze steigt in dieser „Stadt der Zukunft" von Tag zu Tag; für das letzte Jahr belief sich die Steigerung auf 20 Prozent. Wo keine besonderen Chancen vorliegen, kostet st ä - d tisch er Boden heute zivischeii 1 bis 10 Francs der Quadratmeter. Für' ländlichen Besitz werden je nach Lage und Beschaffenheit sehr verschiedene Preise gefordert. Im Gebiete der jüdischen Kolonien hat die Bodenbewirtschastung bereits eine namhafte Wertsteigerung zur Folge gehabt. Das Gebiet zwischen Jaffa und Mikweh Israel wurde 1870 für 3000 Piaster gleich 500 Francs vergeblich zum Kauf angeboten. Nach drei Jahren wurden bereits 3000 Francs verlangt. Und heute, wo das Land mit Orangerien und Häusern besetzt ist, bedeutet es einen Millionenwert. In Petach-Tikwah, nördlich von Jaffa, ist von 1878, dem Gründungsjahr, bis heute der durchschnittliche Landpreis aus das Zwanzigfache gestiegen •— man zahlt dort für erstklassigen Pflanziingsbodcn über 2500 Francs per Hektar —; ebenso kostet das gute Orangenland in der deutschen Templerkolonie Sarone bei Jaffa heute das Zwanzigfache von dem, was die Kolonisten vor 36 Jahren für die Wildnis zahlten; und weiter nördlich in dem abgelegenen Kafr Saba, wo die Erschließung erst beginnen soll, hat sich der Bodenpreis bereits vervierfacht. Diese Schätzung, vierfache Wertsteigernng des Bodens bei unbebautem Lande, zwanzigfachc im Falle von Bauplätzen oder Fruchtkulturen, dürste überhaupt im allgemeinen für> den jüdischen Landbesitz in Palästina zntreffen. Schwankt sonst der Preis für unbebautes Land zwischen 200 bis 500 Francs per Hektar, so kostet dasselbe in der Nähe der jüdischen Kolonien in der Regel 200—400 Francs per Hektar. In Galiläa, wo in den Jahren 1902 und 1903 verschiedene neue Kolonien gegründet wurden (Jamnie und Beh Dschen, Mes'cha, Milhamie) und wo noch im verflossenen Jahre die deutschen Templer von Haifa aus größere Landkäufe, darunter das Gebiet von Bethlehem und das von Medschdel ani See Tiberias, erworben haben, während die deutsche evangelische Gemeinde zu Haifa die Gründung einer Zwcigkolonic zu Umnt cl Amed. am Wege von Haifa nach Nazareth, plant, kann man noch heute gutes Land zu 120 Francs kaufen. Was ergibt sich aus den vorstehenden Ausführungen? Das Land ist unzweifelhaft in der Erschließung, in eineni wirtschaftlichen Aufschwung begriffen: vor dieser Tatsache kann angesichts der Zahlen auch der Ungläubigste nicht mehr die Angcn verschließen, denn: Zahlen beweisen in diesem Fall. Wenn aber Palästina im Erwachen ist und sich den tausendjährigen Schlummer aus den Augen reibt, dann wird mit der fortgesetzten Erschließung eine weitere Preissteigerung eintrctcn. Die Rentabilität des Bodenerwerbs, steht außer Frage. Und darum bietet sich hier für den, in dem sich Unternehmungsgeist und religiöses Pictätsgcfühl paaren, vorteilhafte Gelegenheit zur Kapitalsanlage. Zarrentin. Rektor Eberhard. Brief aus Ungarn. Wir durchleben traurige Zeiten. „Die ecclesia militans hat," — wie Exminister Banffy verkündet — „ihre schwarzen Ritter mobilisiert". D i e R e a t t i o n hc r r sch t a u f der ganzen Linie. Fast jede von der liberalisierenden Regierung eingcbrachte Gesetzesvorlage besitzt ihren antisemitischen Paragraphen, wenn sic nicht, wie das Sonntagsruhegesetz, als einzigen Zweck die Vergewaltigung der 900000 jüdischen Seelen hat. Im Gerichtssaal wagt es der noch vor zehn Monaten allgewaltige Justizminister Polonyi von einem international-jüdischen Konsortium zu sprechen, dessen Zweck, wie zur Zeit Dreifuß, die Unterdrückung des cmporstrcbendeil Christentums ist, für das ec nun blutet. Und er wird vom Richter unterstützt. Eine F a h n e n s l u ch t macht sich in unseren Reihen breit, die an die finstern Tage unserer spanischen Geschichtsperiode erinnert. Dem Menetekel, das uns warnend aus den offiziellstatistischen Tabellen entgegenglüht, die uns verkünden, daß wir im Verlassen des alten Glaubens den Rekord über sämtliche Andersgläubige Ungarns bereits erreicht haben, stellen unsere Hochnotjuden nichts als verwässerten Humanismus als Heilmittel entgegen. Institute, wie das jüdische Krankenhaus, das jüdische Kindcrspital und die Blindenanstalt Budapests haben zur Hebung des Milieus die Zahl der nichtjüdischen Frequentanten auf 60 pro Hundert steigen lassen; der Verein zur Hebung und Förderung des Ackerbaues bei den ungarischen Juden fordert als Oonckitiv sinegun non die Ueberwindung der jüdischen Spcisegesetze und des Sabbats. Ter Vorstand des Budapester Rabbinerseminars und der Kultusgcmeinde, der Chewra Kadischa und der jüdischen Lehrerpräparandie, Deutsch de Hatvän, findet es mit seiner Würde gar nicht imkompatibel: seiner Tochter als Taufzeuge beim Eintritt in die Alleinseligmachende beizustehen; Rene Wahrmann, die Tochter-des einstigen Parnaß der Pester israelitischen Gemeinde, hat es in ihrer konfessionellen

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