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Neue jüdische Presse · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Frankfurter FsraelltiWS FaMilienblaLt- Seite 3. i Geisteskräfte verloren. Wollen die russischen Juden ihre Lage von Grund und Boden auf geändert wissen, dann haben sie nur einen Ausweg und ein Mittel, die sie mit apodiktischer Sicherheit zuni Ziele führen werden: Reform und Ausbau der j ü d i s ch e n S ch u l e. In der Schule wird erzogen der Mann für's Leben, in der Schule wird gebildet das Glied für die Gesamtheit und der Bürger für den Staat, und — in unserem Falle — der Jude für das Judentum. (Schluß folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Ein merkwürdiger Artikel in der „Allg. Ztg. des Judentums". — Herr Dr. Gustav Karpeles muß mindestens benebelt gewesen sein, als er vorige Woche seinen Leitartikel „Liberales Judentum" schrieb. Denn gleich einem Trunkenen verliert er in demselben Moment, da er sich anschicken will, uns zn erklären, was „Liberales Judentum" ist, den Faden und findet ihn nicht wieder. Wir hören, daß das traditionelle Gebetbuch Stücke enthält, die „unserm heutigen sittlichen Bewußtsein nicht mehr entsprechen", daß unter dem Begriff „Zcrcmo'nialgesetz" jene „minutiösen" Forderungen zu fassen seien „die vielleicht in alter Zeit für die sittliche Lebenshaltung der Juden wertvoll waren, die aber heute für die meisten nur leere Hülsen, bar jedes sittlichen Kernes sind" und daß es heute noch Leute gebe, „die, besonders wenn sie ledig aller Pflicht, das heißt, wenn sie Rentier oder Bettler geworden sind, sich bemühen, jeden Tag entsprechend den alten Satzungen und Minhagim zu verbringen". Die Beobachtung dieser „Zeremonialgesetze", denen früher „aus falscher Pietät" und meist „aus dem Gefühl der Angst vor göttlicher Strafe" Gefolgschaft geleistet wurde und denen auch früher „ein tätiger Mensch" nicht Nachkommen konnte, geigelt dann Karpeles als „Heuchelei" und beschuldigt ' die Rabbinen, Kultusbeamten und Lehrer, „soweit sie moderne Menschen sind", daß sie sich dieser „Heuchelei" und „Charakterlosigkeit" schuldig machen, ja er klagt sie an, daß sic damit den Abfall vom Judentum verschulden, denn nur bann könne die Jugend „dem Judentum der Zukunft, dem geläuterten Judentum", gewonnen werden, wenn die Lehrer der Jugend sich gleichfalls von überlebten „Formen und Gebräuchen" frei machen und nur das als Forderungen unserer Religion betonen, was diese heute von ihren Bekenner» verlangt. Der Kommentar zu diesen Ausführungen bleibt uns wohl erlassen! Berlin. Statistik. Dem soeben erschienenen Hest der „Zeitschrift f. Demographie und Statistik der Juden" entnehmen wir folgende interessante Notizen: Bon den 10—11000 Diamantarbeitern A m st e r d a m s sind die Frauen — etwa 1300 — fast sämtlich Jüdinnen und die Männer zu 4/5 Juden. Bon den Juden Deutschlands wohnten 1871 7,03 Proz in Berlin und 12,10°/o in der Provinz Posen und 1905 16,27o/o in Berlin und 5,01 o/0 in der Provinz Posen. — Die Gesamtseelenzahl der jüdischen Kolonien an Palästin a beträgt 6500 und die Gesamtfläche 25 500 Hektar. Berlin. Die soeben erschienene Nummer 69 der „M itteilungen" vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde weist einen reichhaltigen JUhalt auf. — Weite Interessentenkreise werden durch die Nachricht erfreut werden, daß der Bau der Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder, die auf Grund eines Mlerhöchsten Erlasses vom 8. August 1907 die Namen „Wilhelm-Auguste Viktoria-Stiftung" führen darf, schon begonnen 'ist, und daß die Eröffnung der für 4l? Kinder beiderlei Geschlechts bestimmten Au statt im Herbst dieses Jahres zu erwarten ist, sofern es dem, mit der Leitung der Anstalt zu betrauenden Vereine gelingt, den auf 20 000 Mark veranschlagten Jahresetat durch Mitgliederbeiträge zu beschaffen. Die aus Mitgliedern des D. I. G. B. und des Verbandes der Deutschen Juden zusammengesetzte „gemischte Kommission" zur Ausarbeitung eines Organisationsgesetzes der Synagoge «gemeinden Preußens hat in 6 stark besuchten Sitzungen die 2. Lesung beendet. Eine aus -hervorragenden Juristen zusammengesetzte „Re daktionskommission" ist mit der Formulierung des Ergebnisses beschäftigt. Bevor in'die 3. Lesung ein getreten wird, soll der Entwurf der Oeffentlichkeit zur .Besprechung übergeben werden, damit bas Uv -teil der Beteiligten und sachverständigen für die dem Gemetndetage zu unterbreitende Fassung verwendet werden könne. Der Realkatalog der 6000 Werke umfassenden Bibliothek des D. I. G. B. ist im Manuskript fertig gestellt. . Durch die Veröffentlichung einer Normal- FriedHofsordnung nebst einleitenden Er- ■ klärnngen und angefügten Formularentwürfen wirb dem vielseitig geäußerten 'Wunsche der Gemeinden entsprochen. Die „Lehrabteilung" veröffentlicht ' die Bedingungen eines Preisausschreibens über die „M ethodik des jüdischen Religionsunterrichtes". Der Verfasser der besten Arbeit er« hält 800 JL — Ferner empfiehlt die Lehrabtcilung eine von Herrn Rabb. Dr. Beermann in Insterburg verfaßte Schrift „Mein Werk dem Könige". Andachtsbuch für jüdische Soldaten. Dem Verfasser sind Anerkennungsschreiben ans dem Kabinette Sr. Majestät des Kaisers, sowie von seiten des Herrn Reichskanzlers zugegangen. Auch das Kriegsministerium empfiehlt das für seinen patriotischen Zweck wohlgeeignete Buch. Wie sich in den Fürsorge-Erziehungsanstalten zu Repzin und Plötzensee das innere Leben während der Wintermonate gestaltet, wird in einem eingehenden Artikel erzählt. Das Gesamtarchiv der Deutschen Juden weiß von einer bedeutenden Vergrößerung des ihm übergebenen Mtenmaterials zu berichten. Den „Mitteilungen" ist .je ein - Nachtrag zum Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung" und zur „schwarzen Liste" beigefügt. Breslau. Die »Alte G logauer Synagoge" der Graupenstraße wird demnächst abgebrochen. Das Entstehen dieser Synagoge, die die älteste Breslaus ist, reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. (L.) Posen. Eine ernste Feier fand in diesen Tagen in -L-andberg statt. Mehr als 150 Jahre hat die israelitische Gemeinde idaselbst bestanden. Dieselbe hatte ihre eigene Synagoge und alle religiösen Einrichtungen einer Gemeinde. Die Ausgaben wurden reichlich bestritten, da die dortigen ca. 50 Familien sich des besten Wohlstandes erfreuten. Nach und nach ließ die Sucht nach der Großstadt viel: Mitglieder in die größeren Städte ziehen, und die Folge war, daß die Gemeinde von Jahr zu Jahr sich immer mehr verkleinerte. Durch die ständige Abnahme verblieben zuletzt nur noch vier Familien. Da ein weiteres Bestehen unmöglich'wurde, beschloß der Rest der Gemeinde, die kommunale Selbständigkeit und Verwaltung aufzugeben. Anr vergangenen Mittwoch versamnielteii sich die Mitglieder zum letzten Male in ihrem Gotteshause, und gemeinsam mit den erschienenen Gästen aus der Nachbarstadt Gostyn wurde noch einmal Gottesdienst abgehalten. Herr Rabbiner Dr. Dünner aus Rogasen bestieg die Kanzel und hielt eine Ansprache an die Versammelten, die einen ergreifenden Eindruck auf alle machte. Die Thorarollen usw. wurden der Nachbargemeinde Gostyn übereignet. Das Gotteshaus erstand ein Nichtjude für 3700 JL Somit ist nun wiederum eine jüdische Gemeinde ui unserer Provinz verschwunden. Andere Ge meinden werden in nicht zu langer Zeit ebenfalls der Auslösung erliegen. In N e r l a, wo früher 3 Miujanim waren, verbleibt nach dem Wegzuge der Simon Lcwin'schen Familie nur noch eine jüdische. Die Gemeinde K o st s ch i n, die eine schön ausgestattete Synagoge besitzt, ist so zusammengeschmolzen, daß sie unmöglich für die Dauer sich wird halten können. Viele Gemeinden existieren nur noch dem Namen nach, weil dort 3—5 Familien wohnen. Oesterreich -Uttgaru. Budapest. In einer Polemik mit dem Organ der Neologie stimmt die „Allg. Jüd. Ztg." mit dem Vorwurf überein, daß in. den fast 40 Jahren, dir nunmehr seit der Trennung der Orthodoxie von der Neologie Ungarns verflossen sind, die OrthodoxieinorganisatorischemSinnesogut wie nichts geleistet hat. Die erste Tat im organisatorischen Sinne sei vor zwei Jahren mit der Gründung des „Jischiwaus-Unterstützungs-Landrsver eins" erfolgt; doch sind für diese wichtige Institution mit Ausnahme je einer Spende von 2000 und 400 Kronen — nur geringe Summen eingelanfen. Der Gese tzentwurfbetreffs Verschärfung derSonntagsruhe lvird in allernächster Zeit veröffentlicht werden. Budapest. Ein Erinnerungstag. Am 21. Dezember waren es 40 Jahre, seitdem der ungarische Reichstag die bürgerliche Gleichberechtigung der „jüdischen Einwohner" ausgesprochen hat. Sarajevo. Sabbatruhe. Die Landes regierung für Bosnien und Herzegowina hat verordnet, daß den christlichen Angestellten der Sonntag, den jüdischen der Lamstag und den mohamedanischen der Freitag freigegeben werden müsse. misel sind wenigsten» 300 Frauen, deren Männer vor längerer Zeit nach Amerika auSwanderten und ihnen ihren Unterhalt aus der neuen Heimat allmonatlich zusandten, andere besitzen sogar schon die Schiffskarten zur Ueberfahrt nach Newyork; jetzt empfangen sie keine Geldsendungen mehr und sterben mit ihren. Kindern vor Hunger. Um sich von dem Elend in anderen Städten des Kiewer Gouvernements Rechenschaft^ zu geben, genügt es, gewisse Anzeigen in den rupischen Zeitungen zu lesen, aus denen hervorgeht, in welche äußerste Not jüdische Familien versetzt wurden. Hier im ganzen Kiewer Gouvernement grassiert der Scharlach, . und hunderte von Kindern falten znm Opfer. Auch in der benachbarten Stadt „Brusilow" brachen epidemische Krankheiten aus. Diesem Bruilow, das zu 70°/o von Juden bewohnt wird, hat ms Elend der armen Juden ausschließlich seinen Stempel aufgedrückt. Wie grauenerregend sieht es hier aus. Die Häuser sind durchgehends baufällig und mit tattenähnlichen Stangen gegen das Einstürzen gepölzt. Bis zu 10 Personen beiden Geschlechts Hausen häufig in einer Stube. Dazu verbreiten die Senkgruben dieser jüdisch-kleinstädtischen Paläste in diesen Stuben solch penetranten Gestank, daß es einen erstaunen muß, wie ein Mensch es aushalten kann. In diesen Stuben herrscht ununterbrochene Not und Elend, Hunger und Verzweiflung, Zank und Hader, und Neid und Haß gegen Ortsbewohner, denen es ausnahmsweise doch gelungen ist, durch ein ehrliches oder durch ein Schandgewerbe sich etwas Vermögen zu verschaffen. — So leben unsere armen Brüder. I. I. Braun. Kiew. Von den 735 Studenten der biefigen Universität, die wegen Beteiligung an den Unruhen ausgeschlossen wurden, sind 317 Juden. Die hiesige Universität zählt nunmehr unter 4658 Studierenden 888 Juden. Frankreich. Paris. Befreiung von der Sonntagsruhe. — Der Präsident der Republik hat gestattet, daß auf der von Baron James Rothschild gegründeten Arbeitsstätte für jüdische Einwanderer Sonntags gearbeitet lvird. In dieser Arbeitsstätte werden die Neuankommcnden, bis sie Arbeit 'gefnnden haben, beschäftigt. Serbien. Belgrad. Die wirtschaftliche Lage der Juden Serbiens hat sich seit der 'Schließung der ungarischen Grenzen sehr verschlechtert, denn die mristen von ihnen sind Vieh- und Geflügelhändler, die früher eine erhebliche Ausfuhr nach Ungarn hatten. Die hiesige jüdische Gemeinde, die voll 10 von der Regierung zu bestätigenden Vorstehern geleitet wird und Dank der Befürwortung des jetzigen Premierministers jährlich 50000 Francs von der Regierung erhält, zählt etwa 3500 Seelen, ein Drittel der Inden Serbiens. Sie hat 4 Botei-midroschim, 3 sechsklassige Schulen und eine Talmud-Thora mit einem.eigenen Kapital von einer halben Milt. Francs. — So entwickelt das jüdische Leben in der Belgrader Gemeinde, ist, so dürftig ist es in den andern Gemeinden des Landes. Amerika. New-Nork. Jetzt, nachdem die Folgen des Krachs ganz übersehen werden können, konstatieren die jüdischen Blätter Amerikas mit Genugtuung, daß in die großen Bankskandale, durch die so viele Menschen ihr Verinögen verloren, kein einziger jüdischer Bankier von Namen verwickelt war. Rußland. Petersburg. Allerhöchste Gnadeubewelfe. Der Zar hat 9 wegen des Lugansker Progrom Bestrafte, sowie die Bauern, die von dem Gerichte in Tschernigow wegen Progrom ans die Juden verurteilt wurden, begnadigt. Odessa. Ern jüdisches Gymnasium. „Die Gesellschaft der jüdischen kommerziellen Agenten" hat mit Erlaubnis der Regierung ein jüdisches Gymnasium errichtet. Raüomisel. Traurige Bilder. Die Wirt» schästliche Krisis in Amerika hat bei uns tu Rußland sehr traurige Folgen gezeitigt. Hier in Rado- Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Expedition des Jsr. Familicnblattes gingen für den Nativnalfonds ein: Sylvain Levy JL 2,— Lehrer Messerer gratuliert Familie Wolpe „ —,50 Frankfurt a. M. Für die Misrachi-MitteOchule gingen bei der Expedition ües Frankfurter Israel. Familienblattes ein: Sammlung von Emil Oberndörfer, Fürth JL 6,— Beitrag von Emil Oberndörfer, Fürth ., 10,— Frankfurt a M. Für die Jeschiba von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Reincs-Lyda ging bei der Expedition des Frankfurter Jsr. Familienblattes ein: Emil Oberndörfer, Fürth i. Bayern JL 5,— Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Es war wie das Rauschen der Meereswoge» bei wild wütendem Orkan, für mehrere Minuten warb )ogar da» herzerschütternde- Klagegeschrei der . v

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