Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692564--03706-2698447- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. ^frankfurter FsrÄ AamilienßlaU. Nr. 2. . Besserung, eine Annäherung nach dem Judentume hnl 'tat Stelle der bisherigen fortgesetzten Entfremdung vom Judentume bedeuten würde. Und wir gestehen des weiteren gern ein, daß wir Vertrauen zu dem Willen der liberalen Führer, das Judentum zu erhalten und zu verteidigen, haben, da die Einsichtigen unter ihnen längst zu der Erkenntnis gelangt sind, daß nur auf dem Wege der B c j a h u n g die Erhaltung des Judentums denkbar ist. Aus diesem Grunde kann heute ein friedliches Beisammenarbeiten und ein friedlicher Wettbewerb der Konservativen und der Liberalen innerhalb der Gemeinde auch nur befruchtend auf die letzteren wirken und den Prozeß der Bejahung nur beschleunigen. Von welchem Vortell ein Beisammenarbeiten für das Judentum ist, zeigt das jüdische Gemeindeleben in Rußland, dem Zentrum des Judentums und der Judenheit. Voraussetzung ist selbstverständlich, daß auf beiden Seiten jedepersönliche Gehässigkeit vermieden wird, daß nur das Sachliche der Differenzierung zur Geltung gelang e. Dies ist der Weg der Annäherung — und diejenigen, die an unsere Liberalen so gerne verzweifeln, erweisen dem Judentume einen schlechten Dienst! Unseren Konservativen aber möge der gegenwärtige Moment eindringlich zu Gemüte führen, daß ihre Aufgaben nur auf dem Gebiete einer ruhigen, intensiven und zielbewußten Arbeit, die doch auf Grurrd der fortwährenden neuen Ergebnisse der Wissenschaft und der Ausgrabungen und auf Grund der fortgesetzten Stärkung des nationalen Gedankens eine Erleichterung erfahren hat, liegen, und sie sich im Bewußtsein ihrer guten Sache von keiner momentanen Aufregung und auch nicht von Einflüsterungen bestimmen lassen mögen. Das moderne jüdische Erziehungsproblem. Bon Maxime Le Maitre-Bern. (Fortsetzung.) Wie wenig erzieherisch der Cheder auf oie jüdische Jugend getvirkt hat, kann man aus manchem Ereignisse der letzten Jahre jüdischer Geschichte in Rußland ersehen. Die Auswüchse des „Bund", der „I. S." und der anderen jüdisch-sozialistischen Parteien, der vulgäre Atheismus, die Störungen des Gottesdienstes in der Synagoge, allgemeine Vertierung und rohes, unmenschliches Benehmen Andersdenkenden gegenüber, sind nur darauf znrückzuführen, daß die Knaben neben dem Chumeschdrill keinerlei moralisch-ästhetische Erziehung genossen haben. Ihr jüdisches Wissen haben sie ün Cheder geholt — aber im Chcder sind sie wie Wilde aufgewachsen. Und den Cheder, an den sie mit Entsetzen zurückdcnken, identifizieren sie mit dem elementaren Wesen des Judentums. Nicht viel besser ist es mit den Folgen der Jrschibaherziehung bestellt. Von 100 Zöglingen der Talmudschule werden 5 Rabbiner, der Rest muß sich später anderen Berufen zuwenden. Nun ist es recht schwer, mit 20 Jahren in die Handwerks- oder Kaufmannslehre zu treten. In der Jeschibah haben sie aber nur Talniud gelernt. Die Jeschibah züchtet so ein theologisches Proletariat, ruiniert tausende ökonomische Existenzen, da sie ihnen keine Waffe für den Kampf ums Dasein mitgibt, und wirkt somit schädigend und ruinierend auf den Volksorganismus. Die Jeschibah liefert aber auch minderwertige . Führer, weil sie dem zukünftigen Rabbiner nicht - die nötige allgemeine Blldung gibt. Ein Volksführer, und das soll im Grunde genommen ein Rabbiner sein, muß mehr kennen als bloß den Talmud — er muß das Leben kennen, das Leben und seine Bedürfnisse — er muß das Volk und die Lebensbedingungen des Volkes kennen. Woher diese Kenntnis nehmen? Aus dem Talmud allein? Der Talmud ist die universitarische Encyllopädie - der Wissenschaft und Religion des Judentums, nicht aber ein Lehrbuch des modernen Lebens und seiner Erscheinungen. Und nur so ist es zu .erklären, daß im entscheidenden Momente, als es darauf ankam, die sichere Führung zu übernehmen, die meisten Rabbiner des Ostens versagt haben. Mit Ausnahme eines Reines oder Rabbinowitsch haben die meisten osteuropäischen Rabbiner nicht nur die Führung nicht behalten können, sondern sie vermochten auch nicht, dem Zerstörungswerk einer entarteten und verwilderten Jugend entgegenzutreten. So hat sich der Konservatismus auf dem Gebiete der Erziehung, die Erstarrung und Versteinerung der Schule schwer gerächt. Wenn die Schule keine Bürger und keine Menschen, die Hochschule keine Führer erzieht, so hat sie überhaupt keine Existenzberechtigung, denn nicht für die Schule lernt man, sondern fürs Leben. Und der russische Cheder, der galizische Cheder, die osteuropäische Schule überhaupt lehrt ihre Zöglinge nicht für das Leben. Und später führen die Väter darüber Klage, daß das „neue Geschlecht" das Judentunl verlassen und von den Ueberlicferungen der Väter nichts mehr wissen inag. Die Trägheit und Nachlässigkeit der „konservativen" Väter, die den Kindern nur „eine rein jüdische Erziehung" geben wollten, sind für die Auswüchse ihrer Jugend ebenso verantwortlich, wie jene gewissenlosen Dcniagogen, Sonntagsjuden und Taufrabbis, die an dem Vernichtungswcrk des Judentums arbeiten. Wenn wir eine gesunde jüdische Jugend ' haben wollen —, wenn wir es mit unserem Judentunl ernst meinen, so müssen wir unsere Kinder so erziehen, daß sie eine zeitgemäße Allgemeinbildung und Judentum vereinigen. Und gerade in diesem Punkte haben unsere osteuropäischen Brüder schwer gefehlt. Noch ist es Zeit, eine' gesunde und vernünftige jüdische Schulreform in Osteuropa vorzunehmcn. Vor allem muß die Schule den sanitären und hygienischen Anforderungen der Zeit eirtsprechcn. Der Schulraum muß genügend Luft und Licht haben. Die jüdische Schule darf keine Schwindsüchtige und Krüppel züchten. Der Knabe soll nicht mit Entsetzen an die Schule zurückdenken. Neben der Erfüllung dieser Forderung'muß das Lehrcrmaterial so beschaffen sein, daß cs körperlich und geistig seinen Aufgaben gewachsen ist. Bis jetzt war der Cheder eine Zuflucht für körperlich Minderwertige und geistig Jnferiöse. Hatte ein Kleinhändler Schiffbruch erlitten oder lvar er von einer chronischen Krankheit befallen, die ihnr die Ausübung eines jeden anderen Berufes unmöglich machte, dann eröffnete er flugs einen Cheder — und war damit Lehrer gelvorden. Und die russische Regierung war gewissenlos genug, keinerlei Kontrolle zu führen. — Wie oft ist der Leiter des Cheder hochgradig tuberkulös, blind, taub oder schwerhörig oder lahm? Ich brauche den Leser kaum auf diese Gefahr und ihre Folgen hinznlveisen. Tuberkulose ist ansteckend und übertragbar, auch manche Augenkrankheit usw. Die körperliche Minderwertigkeit des Lehrers hindert ihn, Zucht und Ordnung aufrecht zu erhalten und zu Pflegen. Aus dem Cheder wird eine zügellose Herde. Und wer in der Schule nur Unordnung und Zuchtlosigkeit gesehen, wird nie ein guter Staatsbürger und verträglicher Mensch sein. Der jüdische Lehrerberuf darf nicht herrenlos sein. Es soll nicht jeder Idiot Lehrer werden dürfen. Die Väter haben dafür zu sorgen, daß der Lehrer, dem sie die Erziehung ihrer Kinder anvertrauen, nicht nur ein gesunder, gesitteter und womöglichst schöner Mann fei, sondern daß er auch denjenigen Anforderungen entspreche, die man heute an einen Jugenderzieher stellt: Beherrschung seines Stoffes in umfassender Weise. Er muß neben einer gründlichen Kenntnis des jüdischen Schrifttums auch die Elemente der profanen Wissenschaft beherrschen und lehren können, ebenso die Landessprache. Dazu ist vor allem die Errichtung von jüdischen Lehrerseminaren nötig. Die sechs Millionen russischer Juden besitzen ein einziges Lehrerseminar in Wilna. Aber dieses Seminar verdient, daß es zu Grunde gehe, denn es erzieht keine Mischen, sondern russische Volksschullehrer. Daß die auS dem Seminar entlassenen Zöglinge jüdische Völksschullehrer werden, wiewohl ihnen das Judentum ein Buch mit sieben Siegeln ist, bekundet die ganze Traurigkeit der jüdischen Schulwirtschaft in Rußland. — Die Zöglinge müssen nicht zu russischen, sondern zu jüdischen Volksschullehrern,herangebildct werden. Das Lehrprogramm muß neben den profanen 'Wissenschaften alle Zweige der jüdischen Wissenschaft, wie hebräische Sprache, Talniud, jüdische Geschichte, jüdische Literatur, Gesetzeslehre, jüdische Religionsphilosophic usw. enthalten, - denn dem jüdischen Lehrer erwächst eine doppelte Aufgabe: Menschen und Juden zu erziehen, jüdische Männer, die die Kraft haben, ihr Volkstum und seine nationalen und religiösen Ueberlieferungcn nach außen zu verteidigen und nach innen fortzupflanzen. Man wird freilich einwenden: Wie die Mittel für die Unterhaltung solcher Institute auftreiben? Ich aber antivorte: Wenn die osteuropäischen Juden all' die Gelder, die sie an zweifelhafte Meschulochim für unzweckmäßige Talmud-Mittelschulen ausgeben, die doch weder ganze Menschen noch ganze Juden erziehen, kurzum, wenn sie ihr Geld, das sie jahraus jahrein für Volkserziehung ausgeben, sammeln und es organisatorisch verwerten, dann haben sie die Mittel in den Händen, nicht nur fünf, sondern zwanzig jüdische Muster-Lehrerseminare auszuhalten. Und die Regierung, sobald sie die Garantien hat, daß diese Institute keine revolutionären Brutstätten sind, wird, wie sie es jetzt mit den jüdischen Gymnasien gemacht hat, die Juden gewähren lassen. Was fehlt, ist in ersterLinie:Organis ation und Energie! Dieselbe Reform muß auch auf dem Gebiete des höheren Unterrichts vorgenommen werden. Daß die heutige Jeschibah vollständig versagt und unproduktiv wirkt, habe ich oben kurz dargetan. Wer die Verhältnisse der russischen Juden von Augenschein kennt, tvird meine Behauptung keiner Uebertreibung zeihen. Die jüdische Hochschule hat nicht den Zweck, Aerzte und Techniker zu erziehen, sondern jüdische Gelehrte und Bolksführer (Rabbiner), Seminar- und Mittelschullehrer. Wenn sie eine wahre jüdische Kulturstätte werden soll, wird sie dem Geist und den Anforderungen der Zeit Rechnung tragen müssen. Sie wird nicht ihren Zöglingen nur so und so viel Folianten und Traktate Talmud beibringen müssen, sondern auch dasjenige Wissen, das ein in wahrem Sinne moderner Rabbiner haben muß: gründliche Kenntnis berj Landessprache und ihrer Literatur, eine gründliche hebräisch-philologische Bildung, jüdische Rechtsphilologie und römisches Recht, die Grundzüge der Geschichte der Philosophie, allgemeine Religionsphilosophic, eine gründliche Kenntnis der jüdischen Religionsphilosophie, hebräische Literatur von den ersten Anfängen bis - auf die Neuzeit, Geschichte der hebräischen Sprache usw. Dann kämen noch profane Fächer in Betracht, wie: Mathematik, Pädagogik, und spezielle jüdische Fächer, wie: jüdische Statistik, die Geographie Palästinas und spezielle jüdische Landesgeschichte. Das Lehrerseminar wäre die Vorbereitung für die moderne Jeschibah. Der Zögling müßte im Seminar drei, und in der Jeschibah mindestens 6 Jahre bleiben. Mit 22—23 Jahren würde der junge Mann die Schule verlassen und ins Leben eintreten. Es stünde ihm da eine Welt offen. Er kann Rabbiner oder Mittelschullehrer oder Gemeindebeamter werden. Ist er geneigt, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, dann steht ihnr mit seiner gründlichen allgemeinen und jüdischen Blldung eine Welt frei. Er kann zur jüdischen oder zur allgemeinen Presse übergehen, er kann sich widmen der Privatverwaltung, dem Handel oder dem Gelehrtenberufe. Wer Wissen hat, der hat auch Macht, und ein Mensch, mit einer wahren gründlichen Bildung geht nirgends verloren^ Eine solche Jeschibah würde nicht nur die geistigen Verhältnisse der russischen Juden in kurzer Zeit ändern, sondern sie würde auch' manches Talent an den Tag fördern, das sollst verloren geht. Und in Rußland gehen viele jüdische .;