Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692564--03705-2698446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gtvan&fttvtet storlitislhe« lotnilirnlilatt Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Frankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6> Lcke Lleichstraße T-r-fo« 10507. Herausgeber: Saks che^s. ' Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzelle. 25 Pfg. Die Reklamezelle. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Uebereirckunft. Freitag, de« 7. L008 <10. Januar 1908). 0. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Dr. Paul Nathan wieder in Deutschland! — Eine unbegründete Austegung. — Dos moderne jüdische Erziehungsproblem. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Der Prior. — Wo ch en-Kalend er. — Familiennachrichten. vr. Paul Nathan wieder in Deutschland! Seine Eindrücke in Palästina! Dr. Paul Nathan, der selbstlose, kraftvolle und zielbewußte Leiter des Hilfsvereins der Deutschen Juden, ist nach Vollendung seiner viermonatlichen Inspektionsreise im Orient lvieder nach Deutschland zurückgekehrt, und unser Frankfurt hatte den Vorzug, der einzige Ort zu sein, an dem er vor Berlin Halt machte und die Ergebnisse seiner Reife eineni kleinen Kreise auserlesener Männer zur Mitteilung brachte. Dieser kleine Kreis waren die Vorstandsmitglieder des Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina und des Vereins Lemaan Zion mit ihrem gemeinsamen Vorsitzenden Rabbiner Dr. M. Horovitz an ihrer Spitze und den beiden Frankfurter Philanthropen Charles Hallgarten und Eduard Cohen in ihrer Mitte; als Gäste schlossen sich noch die Direktoren der „Jca" Feinberg-Petersburg und Eliasberg-Libau an. Dr. Paul Nathan ist ein Mann, dessen ungekünstelt schlichtes Wesen und dessen Grobheit und Klarheit, die aus seinen Worten sprechen, sich die Sympathie — ja noch mehr — das rückhaltlose Vertrauen sofort erwerben. So auch hier. — Nachdem Rabbiner Dr. Horovitz Worte herzlicher Begrüßung gesprochen und die Bedeutsamkeit der Stunde — in diesem Kreise gelte sie besonders der Vollendung der Salvendi-Stiftung durch Dr. Nathan's Bemühungen — gewürdigt hatte, ergriff Dr. Nathan das Wort. Da die Stiftung, die zu Ehren Rabbiners Dr. Salvendi's in Dürkheim, des unermüdlichen Sammlers für die Zwecke des heiligen Landes, ins Leben gerufen worden sei, zum Besten der Landwirtschaft ihre Verwendung finden solle, so habe er vor allen Dingen die Frage zu beantworten, ob Aussicht vorhanden sei, daß die Landwirtschaft in Palästina gedeihe. Er fei zu der Ueberzeugung gekommen, daß eine Entwicklung Palästina's zunächst in erheblichem Umfange nur auf landwirtschaftlichem Gebiete möglich sei. Die großmütig mit gewaltigen Mitteln angestellten Versuche Baron Edmund von Rothschild's seien nur anscheinend sehlgeschlagen; dieser Beweis sei erbracht worden, nachdem die „Jca" nunmehr die Verwaltung der Rothschild'schen Kolonie übernommen und die Kolonisten von dem Geldbeutel Rothschilds entmündigt und sie mit der Selbständigkeit auf die Selbsthülfe verwiesen hat. Ueberal auf den Kolonien herrsche Hofsnungsfreudigkeit. In der Jaffaer Gegend gebe es bereits Juden, die mit Garten- und Ackerbau 50 000 Francs und mehr erworben haben. Er empfehle für die Salvendi-Stiftung, nicht eine Kolonie zu gründen, einen Administrator einzusetzen und diesen nach der von Frankfurt ausgcgebenen Initiative arbeiten zu lassen, sondern einen Pächter, der Pacht zahle und nach seinen freien Entschließungen handle, einzusetzen. Im Augenblick sei die Erwerbung von Grund nnd Boden in Palästina sehr schwierig, da der jetzige Pascha die Veräußerung von Grund und Boden an Ausländer nicht ge- 'tatte. Er habe deshalb — vorbehaltlich der Genehmigung dieses Gremiums — Land von jüdischen Besitzern gekauft. — Dr. Nathan macht hierüber, sowie über die Person des in Allssicht genommenen Pächter und über die Verwertung dieser Farm im Interesse der Ausbildung zu Landwirten von Schülern des Waisenhauses eingehende Mitteilungen. Ueber das S ch u l w e s e n in Palästina äußerte sich Dr. Nathan wie folgt: Ein Keiner Teil der Einwanderer allerletzter Zeit aus Rußland inöchtc am liebsten nach französischem Muster die Religion aus der Schule verbannt sehen, doch akklimatisieren sich wohl diese Kinder der so ganz anders gearteten und vielfach zerrütteten russischen Zustände in lvenigen Jahren den palästinensischen Verhältnissen nnd verzichten dann ans diesen Wunsch. Die Talmudschulen dagegen, in denen die Kinder vom 6. Jahre bis über das 20. Jahr hinaus meist ohne Disziplin und ohne Methode unterrichtet werden und die hygienisch oft viel zu wünschen übrig lassen, verbannen wiederum jeden anderen Unterricht. Es ist ein Gebot der Klugheit, des Taktes, des Anstandes und der Menschlichkeit, den Unterricht in Palästina auf dem Hebräischen und auf dem jüdischen Schrifttum auszubauen, und es hieße die Juden Palästinas in ihrem moralischen Empfinden vollkommen erschüttern, wollte man hierauf nicht die nötige Rücksicht nehmen. Arabisch für den Verkehr mit den Mohammedanern, und Hebräisch sind die Sprachen, die in den Schulen auf dem Lande zu lernen sind; europäische Sprachen nur in den Städten, die einen solchen Unterricht infolge der Handelsbeziehungen erfordern, und zwar je nach diesen Handelsbeziehungen, hier deutsch, in anderen wieder englisch oder französisch. Die Schule hat ihr Augenmerk darauf zu richten, daß die Jugend bodenständig bleibt und nicht auswandert; in dieser Hinsicht ist bisher viel gesündigt worden. Sie hat ferner im Auge zu behalten, daß diejenigen die Zukunft des Landes zum größten Teil in Händen haben werden, die die Intelligenz stellen werden. Einen ganz trefflichen Eindruck machten auf Dr. Nathan die Lämmelschule und das Deutsch- Israelitische Waisenhaus, die strenge Religiosität und moderne Kultur harmonisch verbinden. Wenn wir all' das, was wir von Dr. Nathan gehört haben, zusammenfassen, so müssen wir konstatieren, daß Dr. Nathan für uns Juden in Palästina eine Zukunft ersieht; wir müssen aber auch konstatieren, daß wir die Ueberzeugung gewonnen haben — und mit uns sicherlich auch alle bei der Sitzung Anwesenden — daß Dr. Nathan ein guter Stück Arbeit für' diese Zukunft im Lande unserer Väter leisten wird. No. 2. Eine unbegründete Aufregung. Ter Sieg der Liberalen bei den jüngsten Gemeindelvahleu, die Verherrlichung dieses Sieges mit Trompetengcschmetter und Hosianna in einem Federerguß des Gemeinderabbiners Dr. Seligmann — der damit, nebenbei bemerkt, seine Rechte als Gemeinde rabbiner weit überschritten hat —, die Rede des Berliner Justizrates Dr. Breslauer im Freisinnigen Verein für jüdisches Gemeindcleben und der Sturmartikel „Liberales Judentum" in der letztwöchentlichcn Nummer der „Allg. Ztg. d. Judentums" haben bei den konservativen Elementen der Frankfurter jüdischen Gemeinde eine gewisse Verwirrung hervorgerufen. Wie ein unerwarteter Donncrschlag ani blauen, sonneudurchfluteten Firmamente betäubt, so mußte das plötzliche Kreisen eines Körpers, den man seit Jahrzehnten als greis und siech anzusehen sich gewöhnt hatte, das plötzliche Ringen nach Leben dort, wo seit vielen Jahren absterbendes Leben welkte, für den Augenblick wirken. Eine leicht zu begreifende Situation — und sie wird noch verständlicher dadurch, daß manche, die Freunde sein sollten, die Verwirrung noch zu vergrößern suchen. Hat ja der, der den Teufel an die Wand malt, es leicht bei denen, die statt des gemalten einen wirllichen Teufel zu sehen glauben; — als ob die Situation von heute.nur im entferntesten mit der vor 50 Jahren verglichenwerdeu könnte! Wir begreifen die Situation; — doch zu den Ueberrumpelten zählen wir uns nicht. Was hat sich eigentlich geändert? Die Tatsache, daß die Gemeinde zu einem Drittel aus konservativen und zu zwei Drittel aus Gleichgültigkeitsjuden besteht, deren Jndifferentismus auszurütteln die Führer der Liberalen sich angelegen sein lassen wollen, ist doch nicht von heute und gestern, sondern besteht doch schon seit Jahr und Tag. Und daß die Liberalen ihre Massen bei dieser Wahl bis zu den jüdischen Vätern christlicher Kinder herab infolge einer ungewöhnlich geschickten Organisation Mann für Mann vor die Wahlurne zu bringen wußten, sowie eine Rede und zwei Zeitungsartikel — was sagt das! Werden die Liberalen, wenn ihre Erfolge so an der Oberfläche haften wie die Rede des Berliner Justizrats und der Zeitungsartikel des Berliner Redakteurs, welch letzterer*) übrigens an Oberflächlichkeit und Gehässigkeit alles übertrifst und selbst von den intimsten Freunden des Schreibers auss schärfste verurteilt werden wird, leider nicht Seifenblasen geboren haben? Wir sagen: leider, well wir uns ehrlich freuen würden, wenn die Liberalen es verständen, wieder Interesse für jüdische Dinge in den großen Kreis unserer Gleichgültigen zu bringen, und weil schon die Aeußerung des Lebens gegenüber dem jetzigen Zustande eine *) Siehe unter Rubrik „Aus aller Welt"- Berlin.