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Neue jüdische Presse · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter JsraelitiUes Familienblakt. Nr. 1. i: i - i die Garlenbauschule PlessiS-Piqnet, 6V00M Frank für das Rothschild-Hospital und 100000 Frank für die Handwerkerschule. — Eine gewisse Heber rasch»ng brachten die Kommunalwahlcn für die Juden. In keiner einzigen der 28 Vorstädte, aus welchen Grob- London gegenwärtig besteht, wurde diesmal ein Jude -um Mayor gewählt, dagegen wurde in Salford Mr. Fränkenberg zum Bürgermeister und in Lancashire Mr. Arnold Bloom zum ersten und Alderman H Feldmann zum zweiten Bürgermeister gewählt. Italien. Rom. Eine Spende des Königs. Der König zeichnete 3000 Lire für den Fonds znm Bau einer jüdischen Elementarschule. Palästina. Jerusalem. Die Nachricht in ausländischen Zeitungen, daß der Gesundheitszustand in Jerusalem gegenwärtig ein sehr ungünstiger ist, ent behrt jeder Grundlage; im Gegenteil: der Gesund heitszustand ist ein durchaus günstiger. Amerika. Rew-Nork. Das Rabbinerseminar in Cincinnati gebraucht 800000 Dollars .für den Tilgungsfonds, bevor es mit den beabsichtigten Neubauten beginnen kann. Jacob H. Schiff hat nun 250000 Lollars zugesagt mit der Bedingung, daß das Rabbinerseminar die andern 250000 Dollars ansbringt. — Ein Vermächtnis ist der jüdischen Nation al-Farm-Schnle zugefallen. Las ver storbene Fräulein Eleanor Samuel hat dieser Schule 3k ihres Vermögens von 89 000 Lollars vermacht, während sie den Rest dem jüdischen Pflegeheim und dem jüdischen Armenhaus in Philadelphia verschrieb. Rem-Nork. Ein neues System des Unterstützungswcrkes ist hier geschaffen worden, indem sich die jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen unter dem Namen „The Council of Jcwish Commnnal Jnstitutions" vereinigt haben. Die neue Bereinigung will besonders rein - lokale Probleme bezüglich der jüdischen Almoscnpflege erwägen und ihre Lösung herbeizuführen suchen, welches Vorhaben nur durch die Bereinigung der häufig konkurrierenden Wohltätigkeitsinstitutionen erreicht werden kann. 'Der Runter am Obergericht, Samuel Grünbaum, wurde znm Präsidenten der Bereinigung gewählt. bischer Erzählungen, die in verschiedenen jüdische» Zeitschriften erschienen sind. Prag. Der Kaiser hat den mit dem Titel und Charakter eines Oberfinanzrates bekleideten Finanzrat der Finanz-Prokuratur in Prag Dr. Jakob Adler znm Oberfinanzrat und den Sekretär dieser Finanz-Prokuratur Dr. Maximilian Weiß zum Finanzrat ernannt. Deva (Ungarn). Im Dorfe Takatsch erschoß nach einem Wortwechsel der Kaufmann Emil Zucker seinen Schwager Leopold Weißber» ger, weil er seine Frau, die Schwester Zuckers, schlecht behandelte. Paris. Alfred Neymarck, Mitglied des israelii. Zentralkonsistoriums, erhielt das Kommandeurkreuz des dänischen Danebrogo r d e n s. Paris. Dem Privatdozenten Professor Dr. Levy-Brühl wurde der Lehrstuhl für Gcscyichtc und neuere Philosophie an der hiesigen Universität übertragen. — Von angesehenen hiesigen Juden starben in den letzten Wochen Jnles Rueff, der Begründer zahlreicher Kolonialuntcrnehmnngen, und Advokat F. R e i t l i u g e r, s. Zt. Sekretär Jules Favre's und Teilnehmer an der politisch tvichtigen Ballonfahrt im Jahre 1870. Reitlinger war Mitglied des Israel Ccntralkonsistoriums. London. Ach ad H aam, der bekannte hebräisckie Schriftsteller, nimmt hier als Repräsentant der Wi srtzkY-Thcc-Cie. seinen ständigen Wohnsitz. Nrw-Bork. In Kansas Cüy wurde der Svezereihändler Louis B. Sternberg des Abends in seinem Laden von Räubern getötet; seine Fra» kam mit Verivundungcn davon. — Professor Morris Iastrow von der Universität in Pennsylvania ist einer der vier Delegierten der Vereinigten Staaten auf d em 15. i ntern at i on a l en Orj e n ta li st e n - kongretz, der im nächsten August in Kopenhagen abgchalten iverden soll. G FemMst. O Personalien. Frankfurt «. M.^ Demfi.Dirckior des Instituts für experimentelle Therapie hier. Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Paul Ehrlich', wurde der Charakter als Geheimer Obermedizinalrat mit dem Range zweiter Klasse verliehen. — Außerdem wählte ihn die Medizinische Gesellschaft in Berlin zu ihrem Ehrenmitglied e. Berlin. Der außerordentl. Univeisitätsprosessor Dr. +'" lax Friedländer erhielt den Charakter -. j e h. Regierungsrat und der Direktor des Kaiser Friedrich-Krankenhauses Professor Dr. Bag inskY als Geh. Medizinalrat. Charakter heimer Justiz rat. — Cassel wurde 1849 in Sa wetz geboren und ist seit 1879 Rechtsanwalt und seit 1892 Notar in Berlin. Der Stadtverordnetenversammlung gehört er seit 1888, dem Abgeordnetenhausc seit 1903 an. — Kommerzienrat Max Leon erhielt das Ossizierskreuz des Italienischen Mauritius- und Lazarusordens. Söla a. Rh. Frau Rabbiner Dr. Plato feierte ihren 70. Geburtstag. — Die Israel. Kinderbewahranstält hatte es sich nicht nehmen lassen, diesen Ehrentag ihrer» geliebten Vorsteherin festlich zu begehen. München. Der dänische Generalkonsul Julius Neuburger erhielt den Verdienstorden 4. Klasse vom heiligen Michael. — Der Student Julius Eisenstädter errang den ersten Preis der von der Technischen Hochschule gestellten Preisaufgabe aus dem Gebiete der Ethnologie. (k.) Posen. In M o s ch i n wurde Kaufmann I. Fraenkelzum Vorstandsmitglied und Schneidermeifler Leo Fablowicz Lum stellvertretenden Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde gewählt. Der Posener „Allgemeine Männergesangverein" ernannte seinen stellvertretenden Vorsitzenden Adolf Simon zmn Ehrenmitglied. Wien. Landesgettchtsrat Salomon Sachs wurde zum Oberlandesgerichtsrat befördert. Außer Sachs gibt eS in Wien noch zwei Juden — Kahn und Löwner —, die Oberlandesgerichtsräte sind. — Fräulein Dr. ined. Rebekka Ko rn g o ld aus Krakau wurde an dem jüdischen Spital in Krakau als Spitalsärztin angestellt. — Nach schwerem Leiden starb der Schriftsteller Hermann Löwin ger, Verfasser zahlreicher jü- Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Unartikulierte Laute maßlosen Staunens und neu erwachter Hoffnung entrangen sich den bebenden Lippen der Verurteilten, doch stunim und regungslos standen sie da und ließen sich willig von den Brüdern entkleiden. Als dem Jüngsten, der zuerst gesprochen hatte, die hohe spitze Mütze abgcnommen wurde, blickte der Prior voll Interesse in das blasse jugend. liche Angesicht, bas von hoher Intelligenz zeugte. „Wie ist dein Name?" fragte er. „Alfonso da Castro." Das Blut schoß dem Prior in die Wangen. „Dein Vater heißt Simon da Castro?" „So hieß er", erwiderte der Jüngling schwer aufattnend. Der Geistliche erblaßte, wie der Stütze bedürftig lehnte er gegen den Tisch. „Er lebt nicht mehr? seit wann? — wann? —" „Seit ungefähr vier Monaten." „Und — und — deine Mutter?" „Ist mir gleichzeittg nrit dem Vater entrissen worben." Ein halblautes Aechzen entrang sich den farblosen Lippen des Priors, er schien kaum imstande, sich aufrecht zu halten — doch nach kaum einer Minute hatte er den Anfall von Schwäche überwunden — denn jetzt galt es, stark zu sein, sonst war ihr aller Leben verloren. Stramm richtete er sich auf, seine stramme Haltung kontrastierte seltsam mit der geisterhaften Blässe seines Angesichts und dem heiserncn Ton seines sonst klangvollen Organs, und mit ruhiger Besonnenheit traf er seine weiteren Anordnungen. Nachdem die Klosterbrüder die Verurteilten so weit als erforderlich entkleidet hatten, holten sie aus einem anstoßenden Raume vier Holzfiguren in Größe und Umfang einem Manne ähnlich und bekleideten dieselben mit den abgelegten Gewändern der Gesängenen. Und als sie den Figuren dann die -Büßerhemden übergezogen und die spitze Teufelsmütze aufgesetzt hatten, da glichen sie täuschend de» Verurteilten, wie dieselben vor kaum einer halben Stunde das Kloster betreten hatten. Jetzt ward jeder Figur ein Strick um den Hals geschlungen, mit dem auch die Arme an dem Körper befestigt wurden. „So", sagte "der Prior , ttes aufattnend, „so wett wären wir. Jetzt spannt stur rasch die Pferde vor den Wagen, dann müßt Ihr vorsichtig die Bälge hinaustragen." Jetzt erst wurde den Verurteilten klar, um was es sich handelte. Sie stürzten ans den Geistlichen ' zu und bedeckten seine Hände und seine Aermel mit . ihren Küssen und ihren Tränen. Er konnte sich ihrer kaum erwehren. „Nicht, nicht, Ihr Leute — es ist noch nicht alles gewonnen, aber ich hoffe zu Gott, er wird 'es gelingen lassen — drinnen in der Zelle werdet Ihr Kapuzinerkutten finden, leget sie mr; wenn Ihr die Kapuze über den Kopf zieht, wird kein Mensch Euch erkennen. Auch Brot und Milch findet Ihr drinnen. Und wen» Ihr euch angekleidet und gelabt habt, dann betet zu dem Gott Eurer Väter, der Eure Voreltern trockenen Fußes durch das Meer geführt hat, daß er jene Holzfiguren unbeanstandet an Eurer statt durch die Flainincn werde verzehren lassen. Wenn wir dann zurückkommep, wirb Bruder Anselmo, derselbe, der jene Holzpüppen für Euch geschnitzt hat. Euch durch einen nnteridischcn Gang ins Freie geleiten, und dann werdet Ihr als Bettelmönche Euer weiteres Fortkommen finden müssen, bis Ihr die Grenze dieses unglückseligen Landes hinter Euch habt. .Jetzt aber begebt 'Euch hinein in die Zelle und verweilet dort, bis wir zurück kommen. Und nochmals ■ sage ich Euch, betet, betet zu dem Gott der Heerscharen, daß er unserem Vorhaben Gelingen verleihe. Ist eingespannt?" wandte er sich an die eben wieder cliitretenden Klosterbrüder „und sind auch die Tcerkannen nicht vergessen und die Fahne?" „Nichts ist vergesse», hochwürdiger Herr, alles ist bereit, wie ihr cs 'befohlen habt:" „Wer von den Müder» ist daheim?" „Keiner außer dem Bruder Küchenmeister, und der schläft. Die andern sind sämtlich in der Stadt bei dem Auto da Fee." Der Prior atmete schtoer au/, er gedachte des. Entsetzlichen, das auch er jetzt schauen mußte, dann richtete dr sich abermals stramm auf. „So nehmet die Bälge und traget sie vorsichtig hinaus auf den Wagen, leger sie neben einander und breitet eine Decke darüber aus." Die Brüder taten, wie ihnen geheißen worben. Der Prior ermahnte die Znrückbleibende» nochmals; sich in der Zelle lautlos zu verhalten; dann verließ auch er sein Zimmer, schloß die Tür und barg den Schlüssel in der Tasche. Dann trat er hinaus in den Klosterhos, wo der Wagen seiner wartete. Es war ein Heiterwagen, ans dessen Boden die Holzfiguren durch eine schwarze Decke verhüllt lagen. Auf der vorderen Bank, den Pferden zunächst, saßen die beiden Klosterbrüder, ans die Bank in der Mitte setzte sich der Prior und nahin die Fahne in die Haiid. Dann setzte sich der Wagen in Bewegring, und im Galopp jagien die kräftigen Pferde mit dem leichten Gefährte dahin. Die Stabt war rasch erreicht, düster blickteit die Mönche vor sich hin, und je näher man der Stätte unmenschlichster Greuel kam, desto fester preßte ihr Vorgesetzter die Zähne i» die farblosen Lippen, bis sie bluteten. Schon vernahin man jenes seltsame Geräusch wie das Manben der Meereswogen, das man dort vernimmt, wo tausende von Menschen sich drangen, doch hier ward es noch 'ubertönt von dem markerschütternden Klageschrei der unglückseligen Märtyrer. Gruppenweise hörte man sie schreien und und jammern und beten: „Schema Jisroel! schema Jisroel! schema Jisroel! —" Und dann ein mehrere Minuten lang gedehntes, grauenvolles „Echood!" aus dem cs trotz allem wie ein Jubelschrci emporrauschte — andere wieder schrien: „Olenu leschabeach laadon hakol!—" und noch'lindere: „Adoschem hu Elokim! Aboschem hu Elokim! Adoschem hu Elokim!" Doch die meisten stteßen unartikulierte 'Klageschreie aus. Der Prior wollte wie vorhin sich 'freie Bahn schaffen durch den Zuruf: „Im Namen der Inquisition, .gebet Räum!" 'Aber der Hals war ihm wie zugeschnürt, er brachte keinen Laut hervor. Da richtete er sich auf zu seiner vollen Höhe, schwenkte die Fahne hoch und ließ sie im Winde flattern. Es war eine große weiße Fahne und mit großen schwarzen Buchstaben stand darauf 'geschrieben: „Bier ernst7 bereuende arme Sünder hahen Absolution empfangen

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