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Neue jüdische Presse · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Jsraelitlstffes FarniÜenLlcckt. Nr. 1. Es wurde an diesen berühmten Rabbi die Frage gerichtet, ob es zulässig sei, in einer Gemeinde die Einrichtung zu treffen, daß künftighin eine Ehe nicht vor zwei erwachsenen männlichen Personen, was vom jüdischen Gesetze aus statthaft ist, abgeschlossen werden darf, sondern vor zehn Personell. Salomo ibn Aderet antwortete, eine Gemeinde könne eine dahingehende Verordnung treffen, wenn dies mit Zustimmung des Gemeinderabbiners geschehe; auch stimme sein Lehrer Rabbi Mose den Nachmann — Nachmanidcs, ein jüngerer Zeitgenosse Maimunis — dieser Auffassung bei, doch „brauche die Sache noch weitere Ucberlegung". -Vergebens wird man sich fragen, wieso Herr Karpeles aus der Antwort ibn Adrets entnimmt, daß einer Gcmenrde das Recht eingeräumt werden kann, rechtsgiltige Ehen aufzuheben. In dem Fall ibn Adret handelt es sich um eine Erschwerung des Ehealtes, die ihre Begründung darin hatte, daß mit der Einrichtung der zwei Zeugen bei der Schließung von Ehen im Mittelalter viel Unfug getrieben wurde und sollte rum durch öffentliche Bekanntmachung der Gemeinden dieses Uebel abgeschafft werden; es soltte verhindert werden, daß Ehen im Geheimen geschlossen werden, jedoch unterliegt es keinem Zweifel, daß im Falle des Zustandekoinniens einer Ehe vor zwei Zeugen, auf die der Antritt der ehelichen Gemeinschaft folgte, entweder ein zweiter Eheschluß vor zehn Männern vorgenommen oder durch einen „®ef" die heimliche Ehe geschieden werden mußte. Uebrigens ist sogar dieses geringe Recht der Gemeinden, die Ehe zu erschweren, nicht ganz entschieden, sagte ibn Adret doch ausdrücklich, daß die Sache der weiteren Uebcrlegnng bedürfe. Was bleibt nun, Herr Karpeles, von Ihrem luftigen Gebäude? Nichts! Und doch verstehen wir Herrn Karpeles! nicht ein jeder bekommt es fertig, die Arbeiteines ganzen Lebens als irrig und verfehlt zu bezeichnen . . . . allein, >vie ist das Auftreten Benrfelds zu verstehen? wegen des Honorars eines Artikels Kitt doch kein Mensch für eine verfehlte Sache ein, und auch Herr Bernfeld nicht! Und bedenkt man, daß Herr Bernfeld sich zu den Nationaljuden zählt, so wird sein Eintreten für die Reform doppelt befrcnidend. Als.Nationaljude müßte Herr Bernfeld für die innere Einheit des jüdischen Volkes eintreten — und gibt es beim ein besseres Mittel für die Verschmelzung der einzelnen Volksglicder zum großen Ganzen als die tausendjährige Traditton der Väter? Gewiß ist Herr Bernfeld nicht der einzige Nationaljude, der für manche Reformen zu haben ist, doch keinem Vernünftigen unter diesen wird es einfallen, Reformen ohne ein San h e d r i n, das im Judentum fußt und das Vertrauen der Volkesmassegenießt, vorzunehmen. „Die Rücksicht auf die Erhaltung der innern Einheit des jüdischen Stammes, meinte Herr Bernfeld in seinem Arükel, darf nie außer acht gelassen werden" und wo bleibt, Herr Bcrnfeld, diese Ihre Rücksicht? Soll etwa das Veröffentlichen Ihrer Rcsormarükel in einem „Gemeindeblatt" die Rücksicht auf die Erhaltung der Einheit des jüdischen Stammes ausmachen! . . . allein wir fürchten, es gibt noch einen anderen Grund hierfür. Bar A w g e d. Der Vereinstag der freie« Vereinigung für die Julereffeu des orthodoxen Judentums. Der Oberlichtsaal der Philharmonie, der etwa 1G0U Personen faßt, war bis auf den letzten Platz be setzt. Gehobenheit auf allen Gesichtern, als wie auf einer Festversammlung. Und gleich einer Festver sonmiliiiig nahm der Vereinstag der Freien Ber- Einigung seine» Verlauf. Keine Wortgefechte — Be grüßungsansprachen auf Begrüßungsansprachen, fodaß es schier kein Ende nehmen wollte und die festgesetzten Referate von ihren Rednern stark gekürzt borgetrc gen werden mußten, da ja bereits auf 4 Uhr das Fest essen festgesetzt worden war. Frieden! —Frieden I — lernt Euch, Ihr Männer, die Ihr bisher an der schiebenen Strängen gezogen habt, erst einmal kennen, überschauet die stattliche Fcstversammlung und sehet, wie stark die Einigkeit macht, — und habt Ihr dann das Bewußtsein von der Kraft der Einigkeit mit nach Hause geiioinmcn, so wird erst der Boden geschaffen sein, auf dem sich gemeinsam arbeite» läßt! Also schien der dekorativ glänzende und diplomatisch geschickte Aufbau der Veranstaltung zu sprechen. Ob diese Absicht Erfolg gehabt hat? ES kann nicht geleugnet worden, daß die Zuhörer einen günstigen Eindruck gewonnen haben, und cs ist bei dem Willen ,nr Einigung, der heute die orthodoxen Juden Deutschlands beseelt, zu erwarten, daß der gewünschte Erfolg zum Segen der orthodoxen Judenheit eintreten wird, — und er wird eintreten, wenn die Frankfurter Leiter der Freien Vereinigung auch noch den Rest ihrer alten exklusiven Ansichten in gewissen politischen jüdischen Fragen znrückstellen, womit erst'die Einigung der Orthodoxie der jüdischen Gesamtheit zu gute kommen würde. Die Versammlung wurde von Se. Ehrwürbe:, Herrn Rabbiner Dr. Breuer, Frankfurt '«. M., dem Vorsitzenden, eröffnet. Er hieß die Erschienencii willkommen und fuhr dann fort: Ihr Erscheinen ist mir Beweis, daß sie den Bestrebungen der Freien Bereinigung reges Interesse entgegenbringen. Zum ersten Male seit ihrem Bestehen hält die Freie Vereinigung ihren Vereinstag außerhalb Frankfurt ab; dies bedeutet einen Wendepunkt in der Orthodoxie. Die Ziele, die Rabbiner-Samson .Raphael.Hirsch s. A. mit der Begründung der Freien Vereinigung verfolgte, sind bekannt; sie sind statuarisch festgelegt. Er wollte alle Körperschaften zur gemeinsamen Arbeit vereinen. Jede einzelne Person, die zu dieser Arbeit beitragen 'wollte, war ihm willkommen. Nur mit Körperschaften, die auf gleichem Boden religiöser Anschauungen standen, wollte er zilsammenarbeiten. . Von diesem Prinzipe ausgehend, hat er feine Gemeinde gegründet. Auch * Rabbiner Dr. srael Hildesheimer s. A. hat für das gleiche Prinzip gekämpft. An diesem Priiizip hat und m n ß' die Fr. B. festhaltcn, will - sie sich nicht selbst den Boden entziehen. Dieser Tatsache ist cs wohl zuzuschreiben, daß viele unserer religiösen Gesinnungsgenossen unserem Verbände fern geblieben sind. Dieses Fernbleiben ist von den Gegnern ausgebeutet worden, indem sie sagte»: .Eine Kluft unüberwindbarer Gegensätze kennt sie! Man vergaß, daß auch sonst im Leben — selbst unter vollständig Gleichgesiiinten — eine Meimingsverschiedenhcit sich zuweilen geltend machen kann; man vergaß, daß auch in der glücklichsten Ehe ab und z» die Airschauuilgeil der sich treulirbenden Gatten auseinandergehen können. Dieser „Machlaukcs lcschcm schomajin" muß ein Ende haben und dem cinc» geweiiischaftlichen Ziele, dem „Eines", Platz mache». Die Ereignisse der letzten Jahre Laben uns die Ueberzengnug aufgedrängt, sich zu einigen, um Schulter an Schulter gegen die von den Feinden des 'überlieferten Judentum-? drohende Gefahr zu kämpfe». — Die Freie Vereinigung ist der Sammlungsbodeii, Ivo alle sich zu dieser wichtigen Aufgabe zusanimcnsinden können. Gott Dank und Lob der erste. Schritt ist getan, und wenn auch dieser „Machlaukes" noch nicht zu Ende ist, so beweist doch die Tatsache, daß die Freie Bereinigung nicht mehr an den Boden Frankfurt a. M. geknüpft ist, daß. sie flügge geworden ist, und wir schließlich einig sein werden in der Liebe zur „Tauroh" Auf das Gebot hinweisend: Jerei haschem b e n i woinelech (Fürchte Gott, mein Sohn, und den König) schloß der Redner mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, seine mit großem Beifall aufgcnominenc Begrüßmigsn»d Eröffnungs-Ansprache — Als Vertreter der Maß Jisroel zu Berlin begrüßte deren Vorsteher, Herr Rosenblüt, die Versammlung. — Für den Verband gesetzestrener Rabbiner sprach der ehrwürdige Herr Rektor Dr. H of m a n n -Berlin. „Ein Haus voller hlg. Schriften, bedarf es der Mesusa." Ein Verband lauter Chachonlvl wi Zeresin, bedarf es da noch der Mesusa, der besonderen Erllärung, daß der Verband die Tättgkeit der Freien Vereinigung mit Freude begrüßt.. — Herr Provinzialrabbiner Dr. C a h u - rtJlbSAbvillJl Ijfttrp"! rs Verbandes ortho Frankfurt am Main doxer Rabbiner. Die F. B. und der Verband orth. Rabbiner sind einig in dem Streben „lehagdil Tauro ulehadiro", in der Größe nach innen, in der Pracht nach außen. — Der Redner brauchte folgendes Bild, um den Standpunkt des Verbandes zu kennzeichnen: „Wateisasaw achausau mcirochaiik ledeioh ma jaase lau" (2. B. M. Kap. 2 Vers 4), Mirjam stellte sich als Schwester von der Ferne, um zu erkennen, was ihm geschehen werde. Die Rabbiner-Kommission bildete für viele einen Stein des Anstoßes; als wir dies merkten, verschwanden wir von der Bildfläche, freilich nicht um zu sterben, sondern um in dem Verband orthodoxer Rabbiner als selbständiger Verein wieder auszustehcn. Redner schloß: „Haschem scholanin" wo Gott waltet, ist Friede. — Namens des Rabbinerseminars sprach Herr H e rmann G u m p e r tz, Hamburg, der u. a. sagte, daß die Freie Vereinigung sich „unprovozierter Angriffe" enthalten wolle. Er schloß mit dem Wunsche: Möge neues Leben erblühen, damit „Weatoh scholanm," dann „scholeiin" werden möge. — Herr L o u i s F c i st, Frankfurt, sprach im Namen der Thora-Lehranstalt der Frankfurter Israel. Religionsgesellschast. — Herr Lehrer Wolf, Aurich, reichte namens des Bundes der gcsctzestreucn Lehrer die Bruderhand. — Herr Dr. Biber selb überbringt die Grüße des Verbandes der Sabbatsrcunde, das Verhältnis zur Freien Vereinigung als ein solches zwischen Schüler und Lehrer darstellend. — Herr Studiosus Ehrm a it n überbringt die Grüße des Bundes jüdischer Akademiker. — Herr Rabbiner Dr. Cohn, Basel, spricht für den Verein zur Förderung des gesetzestreuen Judentums in der Schweiz. — Es wurde sodann ans der Reihe der eingelaufenen Depeschen die Depesche der orthod. Landeskanzlei in Budapest verlesen. Den' Bericht erstattet Herr Jacob Rosenh e i in , Frankfurt a. M. Er schilderte die mannigfaltige Tätigkeit der Freien Vereinigung, Verköstigung jüdischer Soldaten, Ausbildung von Lehrern, Schächtern und Mohelim, Unterstützung kleiner Gemeinden, ländliche Wohlfahrtspflege usw., und hob besonders die Bemühungen der Freien Vereinigung in Sachen des Volksschulgesetzes hervor. Redner mahnt zur Einigung aller Kräfte im Dienste der von der Freien Vereinigung vertretenen Sache. In einem tief durchdachten Referat sprach Herr Dozent Dr. I. Wohlgemuth über „Das Wesen des gesetzestreuen Judentums." Leider mußte sich der Redner infolge der knapp bemessenen Zeit bei viele» Punkten mit kurzen Andeutungen begnügen. Der Inhalt seiner Ausführungen war: Die jüdische Weltanschauung beruht auf der von Gott geoffcnbartcn Taiiroy. Die Offenbarung entscheidet sich bei dem Judentum durch die besondere Eigenart der mündlichen Lehre. Alle Angriffe auf die schristliche Lehre sind durch Herbeiziehung der mündlichen Lehre zu widerlegen. Der Charakter der jüdischen Weltanschauung ist die mündliche Lehre. srael ist ein Gottesvolk, .Gott der König aller Länder. Das Judentum soll Verkörperung Gottes auf Erden sein. Die Tauroh (schriftliche und mündliche Lehre) ist das Lcbeiiselement des Judentums; Beweis: die 2000jährige Periode von Esra und Nehemia an, während alle Sekten, die das Judentum nicht im ganzen Umfang gehalten haben, untergegangen sind. Herr Provinzialrabbiner Dr. Bamb.erger, Hanau referierte über „Gebetbuch u n b Traditio n." Sein Vortrag hatte zum Inhalt, daß an unserem Gebetbuch, das die Vergangenheit. und Zukunst mttcinander' verbindet, nichts geändert werden darf. Das nächstfolgende und letzte Referat des Herrn Moritz A. Loeb, Frankfurt, über „Ge gen - wartsaufgabeu der gesetzestreuen I udeiiheit" wollte der Vorstand zuerst in Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit verschieben, ans den dringenden Wunsch der Versammlung nahm er jedoch von seinem Vorhaben Abstand. Herr Loeb wies daraus hin, daß die Juden aus den Dörfern immer mehr in die Städte ziehen und dort, infolge ihrer geringen Kenntnis des Judentums, sehr schnell die jüdischen Gesetze und Bräuche nicht mehr beobachten. Es müsse deshalb vor allen Dingen' auf-die-Per-

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