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Neue jüdische Presse · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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gfran&fnxtex 1 QuG - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. MonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mt. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mt. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mt. 1,50, sonstige Länder Mt. 2.— H-daKtton und Hefchäftsstelle: Srankfurl s. in., vildelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-ref-« 10507. Hera«sgeSer: Kals r— - ■' " . . Jnsertionspreise: Die viergespaltene PetitzeUe. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Ueberetnkunft. , , _ ■ , _ 6. Jahrgang. Freitag» den 29. Tewes 5668 (3. Januar 1908). No. 1. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Grundlagen der Jüdischen Religionsphilosophie. — Der alte Spuk. — Der Bereinstag der freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums. — Aus alter Welt. — Personalien. — Feuilleton: Der Prior. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Sprechsaal.— Briefkasten. — Familiennachrichten. — Barmizwobs. Die («rundlagen der Jüdischen Neligionsphilosophie nach . Hermann Cohen. Dargelegt und erörtert Von Dr. Jacob Klatzkin (Jacob b. Elijah.) II. „Ethik des Judentums." Der methodische Unterschied zwischen Sittlichkeit der Religion und Sittlichkeit der Ethik wird noch ersichtlicher, wenn man das Verhältnis des Mythos zur Religion ins Auge faßt. Dieses Verhältnis von Religion und Mythos ofsenbart uns den intimen Zusammenhang von Religion und Kunst. Mit der Kunst bildet die Religion ihren Kultus. Der Kultus dient nicht allein der Gottes- Verehrung, „sodaß er durch die Menschenliebe, in der allein der wahre Gottesdienst besteht, ersetzbar würde; sondern er dient zugleich auch der Sammlung des Menschen und reiner Andacht an die Gedanken der Sittlichkeit. Diese Sammlung und diese Andacht fördert der Kultus, indem er als Kunstmittel sich beinächtigt, um die Gedanken .in Gefühle zu zerschmelzen; von ihrer begrifflichen -Gebundenheit sie abzulösen und in das neue Geflecht der Gefühle sic einzusangen. Hier wächst -ihnen unzweifelhaft eine neue Kraft zu; es ist jeidoch ebenso unzweifelhaft, daß dadurch ihre Klarheit, ihre Einfachheit und ihre Sicherheit gefährdet wird". (Ethik des reinen Willens, S. 54.) Diese künstlerische Befreiung der Gedanken von ihrer begrifflichen Gebundenheit ist das Geheimnis der Sittlichkeit der Religion. Die Ethik aber ist Sittlichkeit der Erkenntnis, der begrifflichen Grundlegung derWahrheit. „Tugend ist Wissen",- ist Wissenschaft. Sie ist praktische Vernunft. Die Religion, im Kultus mit der Kunst verbunden, bringt das Verhältnis zwischen Gott und Mensch zu künstlerischer Darstellung und zieht so das Uebersinnliche in die Kreise der ästhetischen Sinnlichkeit hinein. So pflegt man auf die intimsten Regungen des menschlischen Gefühls sich für die Religion zu berufen; „der Subjektivismus des Gefühls, als des intimsten Zentrums des Menschenwesens, muß herhalten, um einen Mittelpunkt abzugeben für jene universale Richtung, die der Religion Vorbehalten bleiben soll". (Religion und Sittlichkeit, S. 24.) Wir sehen hier die Differenz zwischen religiöser Sittlichkeit und Ethik, Ethik als der wissenschaftlichen Sittlichkeit, schärfer und deutlicher hervortreten. i Es ist mithin uiunethodisch, wenn man von einer „E t h i k des Judentums" spricht. Nicht nur wegen der Unpräzision, die am Ausdrucke Judentum haftet: als ob das Judentum unter dem Gesichtspunkte des Stillstandes verstanden werden dürfte. Judentum — es ist ein sehr dehnbarer Begriff — w e l ch e s Judentum? Noch viel irreführender aber ist in diesem Satze der Ausdruck: Ethik. Er verwischt die Grunddifferenz zwischen Sittlichkeit der Religion und Sittlichkeit der Erkenntnis, — diesen zwei methodisch verschiedenen Gebieten. Und weil er ein. Fehler der Methode ist, rächt er sich auf der ganzen Linie in der Behandlung des Problems, des „Problems der jüdischen Sittlichkeit". Dies konstatiert Cohen an der „Ethik des Judentums", an Lazarus. Im Zusammenhang mit dem Problem der Willensfreiheit werden wir uns damit in den nächsten Kapiteln zu befassen haben. Diese Sonderung zwischen jüdischer Sittenlehre und Ethik enthält bereits den Hinweis auf ihre Berbindungsmomente. Es war der Mythos, der jene Differenz verschärfte. In ihm wird das Verhältnis zwischen Mensch und Gott festgebannt, nicht aber das zwischen Mensch und Mensch. Das Gute offenbart sich nicht im Mythos. Die Religion der Propheten aber ist frei von dem Interesse am Mythos. Ihr Interesse ist das Verhältnis von Mensch zu Mensch; „von dieser Stufenleiter erst erhebt sich die Beziehung auf Gott". Es ist der Gedanke des Guten, der im Gottesbegriffe lediglich die Grundlage für die Bestimmung des Verhaltens von Mensch zu Mensch sucht. „Micha hat es in dem Ausspruch, der zwar viel zitiert wird, aber nicht tief genügt verstanden werden kann, präzis formuliert, worin der Unterschied des neuen Gottes von den alten Göttern besteht: Er hat dir verkündet, o Mensch, wo Gott ist". (Religion und Sittlichkeit, S. 32.) Wir haben schon bei Darlegung der Frage nach der Begrenzung von Religion und Ethik diese Intimität zwischen der jüdischen Religion! und Ethik beobachtet. Wir dürfen wohl jetzt!, in Beantwortung dieser Frage das Verhältnis von jüdischer Religion und Ethik dahin bestimmen: sie haben beide das eine Objekt: der Mensch; doch zwei M et h o d e n. „Gott verkündet dem Menschen. Und was verkündet er dem Menschen: Was gut ist. So macht der Prophetismus das Gute zum Inhalt der Religion. Nichts Anderes soll fernerhin der Vorwurf und das Interesse der Religion sein als das Sittliche. Nichts anderes also als der Mensch; vielmehr die Menschen, wie sie der Eine Gott in die Eine Menschheit vereinigt." (Ethik d. r. W. S. 52.) Das Sittliche, der Mensch, das Gute — es ist das Objekt sowohl der jüdischen Sittenlehre als der wissenschaftlichen Ethik; es ist der prophetische Gottesbegriff, der diese Verbindung vollzieht. Doch vollzieht sich im Gottesbegriffe auch die Sonderung im Gottesbegriffe; schon der Ausdruck Gottes begriff verrät es; er verrät die logische Dignität des Gottesgebauten s. Als Begriff muß er vor dem System der Erkenntnis Rechenschaft oblegen; sein Wert muß in Uedereinstimmung mit den Grundlagen der Erkenntnis geprüft werden. Diese intime Verbindung der Mischen Sittenlehre mit der Idee des Guten, der wissenschaftlichen Ethik neben der methodischen Differenz, die zwischen ihnen obwaltet — dieses Moment der Sonderung und Verbindung wird noch die folgenden Betrachtungen zu begleiten haben. Der alte Spuk. (Schluß) Doch angenommen, daß ein solches Volk, rin Volk, dem der Stab der Milde nottue, existiere, so wirft sich die Frage von selbst auf: Wo die Grenze? Was soll als Maßstab für diese Milde dienen? Etwa Unannehmlichkeit und Umständlichkeit? Allein, weim Umständlichkeit, die ja ein „Get" stets mehr oder weniger als Begleiterscheinung hat und haben muß, für seine Beseitigung maßgebend sein soll, so ist nicht einzusehen, warum die „Keduschin", die ebenso manche Umständlichkeit zur Folge haben, nicht abgeschasft. werden; auch für die „Keduschin" gibt es, dem „Get" gleich, in der bürgerlichen Ziviltrauung, die doch ohnedies vorgenommen werden muß, Ersatz; auch bei „Keduschin" gibt es Fälle — sei es durch zu nahe Verwandtschaft oder durch den andren Glauben des einen —, wo eine Trauung vom jüdischen Gesetze aus als unzulässig nicht vorgenommen werden darf und daher auch nicht zustande kommen kann — und dem nicht zustande gekommenen Get gleich kann dadurch ein Menschen-Glück zerstört werden. Freilich wird durch die Beseitigung des „Get" und der „Keduschin" der letzte Rest der jüdischen Gesetzbarkeit dem jüdischen Volke genommen; auch wird dadurch das geheiligte jüdische Familienleben in Trümmer gehen — aber was macht es! Die Hauptsache ist, daß man die Juden am — ja an wem eigentlich? — am Judentum, das seines ganzen Inhaltes bar ist und nur noch Zeitungen des Judentums besitzt. Mancher wird wohl fragen — und nicht mit Unrecht —: Wozu diese Erörterung, wozu die Polemik? Ist doch die sogenannte Reform unserer Assimilanten ein Fremdkörper, vom christlichen Protestantismus importiert, und für Männer, die auf dem Boden der Ueberlieferung stehen, gar nicht diskutabel; allein die Sache entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Herr Karpeles will die Aufhebung des „Get" im Geiste des Talmuds wissen, denn Rabbi Salomo ibn Adret ist es, den Herr Karpeles ins Treffen führt, der soll diese Reform gillgeheißen haben. Em llingender Name, eine große Kapazität! Doch man höre!

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