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Neue jüdische Presse · 1915-01-14 · Heft 2 (14.1.1915) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 2 (14.1.1915)
Date
1915-01-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Fran Helsia kam hereingerauscht — frisch, rosig, duftend — auf ihren Armen in ein weißes Spitzenkleid gehüllt ein bildschönes Fräulein von zwei Jahren, das sie Claudia hinüberreichte mit jenem Blick, in dem sich so-deutlich die Frage glücklicher Mütter wiedergespiegelt: ,Jst sie nicht schön?" Das ist unsere Golde", rief sie strahlend. „Mein Mann und ich machen uns nicht viel aus ihr, aber mein Schwiegervater kann nicht leben, ohne daß er das garstige Mamsellchen sieht. Sie heißt auch nach seiner jrou." Welch holdes Geschöpf", sagte Clandia bewundernd, als sie der Frenndin das Kind wieder in die Arme „Du bist eine recht glückliche Frau!" Still, still!" wehrte.Helsia, „das muß man niemals sagen."" Die frühere Amme kam, Goldchcn.zu holen; Helsia voü herzte das Kind, daß es zu weinen begann und heftig nach der Wärterin verlangte. „Geh"", sagte die junge Fran lachend, da die Amme ihr erzürnt mit lebhaften Beteuerungen die Kleine entriß, „ich lasse sie niemals früher los, ehe sie nicht schreit. . . Doch womit soll ich Dir die Zeit vertreiben, Claudia?"' (Jetzt wurde der kleine Gabriel geliebkost und ihm mit Konfekten der Frühstückstafel wie einem Hündlein das Mänlchen geköpft). „Willst Du Plaudern, mnsizieren oder beliebt es Dir, Zeitung zn lesen?" „Die Zeitnng vor allem", bat Claudia. „Ich bekenne meine Anmaßung; wenn ich über die Vorgänge in der großen Welt nicht unterrichtet bin, meine ich immer, ohne mein hochweises Urteil könne gar nichts Rechtes passieren." „Onkel Benno! Onkel Benno! Hallo und Spektakel; Benno mußte den Jnngen auf die Schulter heben und näherte sich jetzt Helsia mit seinem wilden Retter, den er aber bald mit geschickter Kniebeuge auf die Erde gleiten ließ; worauf :r selbst in dieser Schäferstellung mit übertriebener Galanterie Helsias Hände an seine Lippen zog. Meine Hochachtung", rief er lachend. „Seit sechs Jahren, da ich das Glück genieße, diese weißen Fingerpitzen brüderlich küssen zu dürfen, habe ich meine schöne Schwägerin noch keinen Tag vor ein Uhr Mittag erblickt. Meine Hochachtung, hochverehrtes Fräulein; ich ahne: dieses Wunder hat einzig und allein Ihre freundliche Gegenwart bewirkt." ' „Was für Wetter haben wir, Herr Schwager?" „Klaren Frost. Darf ich Ihnen einen Spaziergang Vorschlägen, mein gnädiges Fräulein?" Die fremde Stadt sehen, vielleicht, nein, wohl gewiß Jemilian begegnen, — Claudia war schnell bereit. „Den Schlitten oder die Berline?" „Keins von beiden", erklärte Benno. „Wir gehen." „Laufen!"", rief Helsia, „Laufen durch die Stadt?! Nein, dann müßt Ihr auf meine Begleitung unbedingt verzichten." „Was unser Vorhaben wesentlich beschleunigen wird. Adieu, Schwägerin, beim' Diner werden >vir Dir all unsere Erlebnisse erzählen." Sie sind wenig verbindlich", sagte Claudias als ocrlman sich endlich auf der Straße befandl ,Ach unsere Rumäninnen", lachte Benno. ,8m um eleganten Landauer sich hmzugießen und mit graziösem der Lächeln auf die Straße zu schauen, das ist ihr Fall, eine Aber man bewege sie, nur hundert Schritte zu gehen, o werden sie totmüde und bekommen sieben Ohnmächte^ n einer Viertelstunde. Darf ich Ihnen meinen Arm mbieten? Das Pflaster ist ein wenig unzuverlässig hier." Es war mehr wie unzuverlässig, was dieser junge Schönredner hier schonend verschwieg. Wohl war es isphalttert, aber die Straßenübergänge hemmten klaffende lurh- Zräben, mitunter durch ein Brett, noch häufiger durch nchts verdeckt. Sie schritten die langgestreckte, fast gerade Hauptstraße herab. Schwarz wie die Brandung m Sturm strömte die Menschenwelle ihnen entgegen rnd trieb sie, dicht an der schützenden Seite der Häuser hren Weg zu suchen. Ein wenig ängstlich lehnte sich Clandia fester auf Bennos- Arm. Welch ein ' Gefühl! Tausende und' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Abertausende etten, drängen sich mtt der ungeberdigen Hast keine Versäumnis duldender Geschäftsleute vorbei. Claudia sah einen koketten Luxusbau mit weit hinausspringendem Balkon, auf welchem eine Anzahl Marmormädchen in ziemlich herausfordernden Stellungen umherlagerten. Zu ihrem Erstaunen gewahrte sie mitten unter diesen steinernen Grazien eine Gesellschaft elegant gekleideter Leute, offenbar Schauspieler, lustwandelnd, kokettterend. Ein junges Mädchen trat ganz dicht vor an den Rand des Balkons, sah auf die Straße und warf plötzlich mit lebhaften Geberden Kußhändchen herab. „Die Ovatton gilt Ihnen", sagte Benno lächelnd. „Wahrhafttg, Life Lehmann. Nun ihrer munteren Laune nach scheint es ihr nicht übel zu gehen". Sie winkte der stürmischen Grnßspenderin, die sich garnicht genug tun konnte, freundlich hinauf und fragte: „Ist es nicht ein hübsches Mädchen? Meinen Sie nicht auch, daß sie reüssieren . . . werde?" (Fortsetzung folgt.) Aus Feldbriefe«. Eine Kolnidrei-Nacht. .In O., einer kleinen Bahnstation, hatte ich die Wagen meiner Gesechtsbaaage gesammelt, nachdem wir vorher in hefttges, feindliches Arttlleriefeuer gekommen waren, bei dem ich übrigens einige Pferde und Leute verlor. Da. die Gefechtsbagage im Gegensätze zur „Großen Bagage" stets unmittelbar bei .der Truppe sein soll, so war meine Aufgabe, das 1. Bataillon wieder zu suchen. Bald waren wir int dichten Walde, und trotzdem es noch am ftühen Nachmittag war, machte die Orientterung einige Schwierigkeiten. Da sah ich einen neu gespannten Telefondraht, den fuhren wir entlang und kamen schließlich zu einer an einer Waldecke befindlichen Telefonstation, von wo Verbindung mit dem Regimentsstab und den Bataillonen war. An der Spitze meiner Munitionswagen, Feldküchen usw. ritt ich Wetter, möglichst nahe an unsere Schützengräben heran. Ein Offizier mahnte mich zur größten Vorsicht, sonst würde ich in feindliches Arttlleriefeuer geraten. An das Bataillon schickte ich durch einen Mann, der vorkroch, eine Meldung, wo wir stehen, und alsbald kamen von jedem Zuge einige Leute, die Akunitivn und in Kochgeschirren das Essen holten. Gleichzeitig bekam ich den Befehl, um 8 Uhr abends wieder oben zu sein, da am späten Nachmittag unser Bataillon einen Scheinangriff auf die nahe gegenüberliegenden Franzosen unternehmen sollte, um den Anschein zu erwecken, als wollten wir wieder zum Sturm Vorgehen. Indessen sollten die Regimenter. . und . . von beiden Seiten stürmen und nnsere Arttllerie den Franzosen den Rückzug abschneiden. Erew Jomkippur. Sofort nach'O. zurück; den Schanzzeugwagen dirigierte ich von E. auch nach 'Q., da dieser möglicherweise gebraucht werden konnte, nnd um 9 Uhr waren einige Munitionswagen und Feldküchen usw. au der befohlenen Stelle. Inzwischen ritt ich noch ein Stück vor, band mein Pferd an einen Baum und ging oder besser kroch vor, um zu sehen, wann ich Vorkommen könnte. Die Wagen selbst diwfte ich nicht ristteren, nachdem wir in der vorigen Nacht von der seind-- lichen Jnfautrie ganz ordentlich unter Feuer genommen worden waren. Jetzt sah ich, was das dauernde Gewehr- und Geschützfeuer an diesem Nachmittag, bedeutet hatte. Unsere Feldarttllerie schoß tadellos, immer fest in die feindlichen Schützengräben, und unsere . . trafen jeden, der sich hmauswagte, wenngleich sie selbst dabei viel.Berlnste durch, feindliches Arttlleriefeuer hatten. .... und so flohen die Franzosen nach dem dahinter liegenden Dorf CH. . . . Aber unsere schwere Fußartillerie hatte sich schon auf CH. - . . eingerichtet, und schon krachten die Geschosie, daß die Umgebung zitterte: Dumm, bumm —> —- Bald stand Champien zur Hälfte in Brand, während der Rest zu Trümmern zusammengeschossen war. Durch die schweren Geschosse krachten selbst die dicksten Mauern zusammen und begruben alles unter sich, alles Mrzte ineinander, Ch. ... — am Kolnidrei Abend. — Der Sieg war unser — nach 9 tägigem Kampfe. Ich zog Wetter vor, und in dem Gedanken, den braven Truppen zu Helsen, dachte ich nicht mehr an Gefahr und zog, mit den Wagen vor, ganz vor bis an unsere Schützengräben. Da sollte nun wieder Munition ergänzt und Essen ansgegeben werden, doch da der Bcckaillonskommandeur, dm die Gefechtsbagage sehr lobte, meinte, da die Truppen so ermüdet seien, daß, sie sofort in den Schützengräben eingeschlafen, so wolle er sie jetzt nicht wecken lassen; Ruhe sei so wichttg wie Essen, — warteten wir noch einige Stunden — — in der Kolnidrei Nacht — — Noch in 'O., ehe ich am Machärittag das Kommando zum „Ferttgmachen" gegeben, hatte ich mtt W. St., der, wie Ihr wißt, als zwetter Führer der Gefechtsbagage jetzt ständig mit mtt zusammen ist, über ,Lu Hause" gesprochen, wir gedachten unserer Angehörigen, die jetzt, in festtäglichem Gewand sich anschicken, zum Gotteshaus zu gehen, und wir dachten daran, daß, wenn das deuttich vernehmbare Gewehr- und Arttlleriefeuer noch etwas andauert, dies unser Festgesang sei statt der herrlichen Klänge des Kolnidrei. —> Wir hofften aber, wenigstens in den ersten Nachtstunden Zeit zu haben, unser Gebet zu verrichten. Es war aber leider nicht Seite 5 möglich» denn auf offenem Felde darf aus erklärlichen Gründen kern Licht angezündet werden, und wtt blieben neben unseren Pferden stehen, lehnten uns an die braven Tiere und plauderten, halb träumend, von der geliebten Heimat — — in der Kolnidrei Nacht.- Wtt gedachten unserer Pflichten, wenn wtt zurückkommen würden und - sprachen von der Bedeutung des Kolnidrei. Da fiel mir plötzlich ein, daß ich noch Post für einen mtt mtt im Kriege gut befreundet gewordenen Einjährigen-Antervffiz. K- . . bei mtt hatte, und ich ftagte einen Wachtposten, wo K. - . sei „Him, halblinks an dem dicken Baum, glaube ich, da liegt er. Eswar ein Granatsplitter." »Doch nicht tot?" fragte ich. .jawohl, Herr Unteroffizier, auch Sergaut Müller." „Auch Müller? Mlli", rief ich, „benfe nur K. u. Müller gefalllen." Wtt, WMi unb ich, gingen in der dunkeln Nacht vor, um uns von der traurigen Wahrheit zu überzeugen; über das Schlachtfeld in der Kolnidrei Nacht. — — Immer 2 oder 3 nebeneinander, so lagen die Toten -unseres Bataillons, und auch die Gesuchten fanden wtt. Owinu malkeinu kosweiuu beseifer chajim. — — Bor uns lag das oben erwähnte Dorf Ch. . . oder besser das, was noch übrig geblieben war. Die Krankenträger brachten die stöhnenden Verwundeten nach hinten — — die Aerzte waren bei der Arbett —• —. die eine und andere Anordnung wurde gegeben, und es graute uns bei dem Gedanken, vielleicht bei Tageslicht noch viel Furchtbareres zu sehen. Ein Fahrer kam zu mir: Gestatten, Herr Unteroffizim, von meinem Wagen auf wenige Minuten wegzugehen, mein Zwittingsbruder, auch, von unserem Bataillon, ist heute gefallen, ich möchte ihn nochmals sehen, er soll unter dem einzelnen Baum rechts vorn liegen! Ich ging mit ihm über das Schlachtfeld, und wtt fanden seinen Brüder-in der Kolnidrei Nacht. — — Jetzt brannte Ch. lichterloh und beleuchtete den nnteren Teil des Schlachtfeldes. Ein Kamerad und ich gingen vor, um zu sehen» ob ich nachher mit den Wagen über Ch. fahren kann oder durch den Wald zurück mutz. Da lagen die Franzosen wie hingemäht, furchtbar, 30 auch 40 Mann lagen hier, 20 Mann dort, ein ganzer Schützengraben war an einer anderen Stelle mit Toten angefüllt, und wir gingen bis'an Ch. heran. Wir kehrten zur Truppe zurück» einige feindliche Jnfanterieschüsse gaben uns das Geleite. »Herr Unteroffizier möchte zu Herrn Batalllonskommandeur kommen." — „Zur Stelle." — „Sie machen Ihre Sache recht gut, ich spreche Ihnen meine volle Anerkennung aus für das, was Sie in diesen letzten drei schweren Tagen fertiggebracht." Er sprach noch etwas mit dem Adjutanten. — Inzwischen hatte man begonnen, die Munition und das Essen auszugeben, die Sterne waren am Verblassen, nnd ein blutiges Morgenrot zeigte sich' am Himmel, als wollte die Nattrr auch an dem Weltenbrand das' ihrige bettragen. Nun galt es, unter größter Vorsicht mtt den Wagen zurückzuziehen, möglichst geräuschlos, über das Schlachtfeld -— — in der Kolnidrei Nacht. —, — Einige versprengte Franzosen beschossen meine Kolonne bei dem Durchmarsch durch den Wald, ohne Schaden anzurichten, und wtt kamen nach O. zurück. Ich gab das Kommando »Halt! Absetzen, Pferde ttänken nnd füttern!" und verließ mtt Willi die Kolonne, nachdem ich meine ungefähr 50 Mann nochmals zusammengerufen und ihnen eingeschärft hatte, in Marschbereitschaft zu bleiben. Wtt gingen in eines der zerstörten Häuser, wo ein ganz altes Mütterchen uns bei dem Eintritt dtt Löcher in Decke und Wänden zeigte, durch die der kalte Wind sauste, mtt den Worten: Malheur, malheur, semme senke, grand malheur. — — Wtt setzten uns ans halb zerbrochene Stühle, und Willi meinte: „Ra das wäre ja wieder eine Nacht!" —> „Weißt Du was es war?" sagte ich: „die Kolnidrei Nacht." R. CT. Wlere, Optiker, Liebfrauenatr. 1. Brillen, Pincenes, Operngläser, Feldstecher I in jeder opt-mechan. Spiel waren J Preislage Ei&enbaliBBO, Dampfmaschinen, Latma-Iagiea, Kinnmatugnpint etc. Herbst 1914. Schauest stille in das Land, Das der Herbst nun müd durchschrettet; Blickest trübe in den Sand, Auf dem Blatt um Blatt sich brettet. Schau, sie sanken welk nnd fahl, Sülle modernd in den Grund, Den der Sonne letzter Strahl Küßt mtt stillverglüh'ndem Mund. Tiefstes Leid in dtt erwacht Und die Seele dtt erfüllet; Schauest trübe in die Nacht, Die nun so viel Sterben hüllet. Wie die Blätter rings, die bleichen, Sinken und zn Moder werden. Modern ungezählte Leichen Ferne auf der fremden Erden. Willi Eilbott. Frankfurter EdelmetaUverwertim§ Gnrlaoh A leies Probiern. Schmelianstalt. Metallurg. Laboratorium. lUmuitr. aa. fraiitfnrt a. K Tel. 1. 674S. Ankauf aller Edelmetall-Rückstände, Brucbgold u. Silben Banen — Fellnns — Ctehrfttzen — Ab füllen. A;i

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