Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1915)
- Date
- 1915-01-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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r Seite 2. Deinem 'Gott. Ich bin 'der Herr. Ihr sollt keine Ungerechtigkeit ' trür bei Gericht:. Dn sollst nicht Nachsicht haben nüt dem' Geringen und nicht ehren Len Vornehmen; mit Gerechtigkeü sollst Dn Deinen Nächsten richten. Tuet nicht.Unrecht bei Gericht, im! Längenmaß, im Gewicht und im Hohlmaß. Richtige Wage, richtige 'Gewichtsteine, richtiges Esa (Hohlmaß für Getreide) und. 'richtiges Hin (Hohlmaß für Wein und Oel) soll bei Euch sein. Wahret all Meine Satzungen und all meine Rechte und tuet sie. Ich bin der Herr. (Leviticus Kap- 19.) Uebervorteilt einander nicht und Dichte Dich vor Deinem Gott. Befolget meine Satzungen und beobachtet meine Rechte und tuet sie, ärß Ihr sicher in dem Lande wohnet." (Leviücus Kap. 25.) Betreffs des richtigen Aiaßes lesen wir in DeutvrenvMiuM Mm Metten.Mal in noch prägantercm Stlle: „Du sollst nicht in Deinem Beutel (zum Betrugen beim Kauf und Verkauf) zweierlei Gewichtsteine habeN, große und Leine. Du sollst nicht in Deinem Hause zweierlei Efa haben, großes und Leines. Volle und richtige Gewichtsteine sollst Du haben, damit Deine Tage, lang werden in dem Lande, daß der Herr, Dein Gott, Dir gibt. Denn ein Greuel des Werrn, .Deines Gottes, ist. jeglicher, der solches tut, jeglicher der Unrecht tut." Und siehe, all diese Gebote und Verbote beziehen sich nicht bloß auf den Einzelnen, sondern auch auf die jüdische Gesamtheit, auf den jüdischen Staat. Me Normen des Rechtes und der Gerechügkett find nicht nur als ethische Atzungen individualer Natur, sondern .gleichsam auch als soziale Gesetze einerstaatlich jüdischen Verfassung ausMfasseu. Der jüdische Staat, der auf 8er Thora fußt, kaNn nur ein Rechtsstaat sein, die staaüiche Maische. Macht Muß sich! dem jüdischen Recht untervrduen. „Richter und Beamte sollst Du in all Deinen Städten einsetzen", heißt es Deuter. Kap. 16, 18, 20, „nachderen Stämmen, sie sollen das Volk Nach! der Gerechtigkeit richten. Dn — der Richter — sollst das Recht nicht beugen) Dn sollst kein Machen kennen und nicht Bestechung nehmen.*) Der Gerechtigkett sollst Du folgen, damit Du lebest und das Land,, daß der Herr, Dein Gott, Dir gibt, in Besitz nimmst." Ein Nicht unbetrüchüicher Teil des Talmuds befaßt sich bis ins Leinstt Mtt dem jüdischen Recht, ganze Traktate — besonders Smchedrin, Schvbuot und.Mackot — befassen sich fast ausschließlich mit der jüdischen Gerichtsbarkeit, Und ein slüchüger Blick genügt, nM M sehen, wie ernst und genau es die Thora mit dem von Gott gegebenen und ,daher geheiligten Recht nimmt. Der jüdische Gott und das absolute Recht der Lehre Gottes waren für das jüdische Volk, sofern es auf dem Boden der Thora stand, identisch. Der Gott des Rechts und der Gerechtigkeü ist cs, der schon zu Beginn seiner Offenbarung die Gerechten Noah und Lot hom sicheren Untergang rettet und eine Welt von Frevlern ohne jegliches Erbarmen nntergehen läßt; der Gott des Rechtes und der Gerechügkett schlägt das tyrannische Egypten, läßt die sieben Völker Kanaans durch die Anden vernichten. Ersteres ob der Errettung feines doch ihm auserwählten und geheiligten Volkes, das zum Verkünden der sittlichen Weltvrdnung, die aus der ethischen Idee der Gerechtigkett ryultiert, erkoren war, und letztere, „damit sie nicht zuM Fallstrick in seiner Mitte werden, . damit es nicht in ihnen aufgehe und nicht seine Sohne mü ihren Töchtern vecheiraten und .nicht ihren Göttern nachbuhlen soll." Denn der Gott des Rechtes kennt keine Barmherzigkeit für die unverbesserlichen Frevler. Wohl kennt er Gnade, aber nur für die Guten, „der Herr 'übt Gnade denen, welche ihn lieben und seine Gebote halten", allein für die, „die An hassen" und der Ausbreitung der Gerechügkett iM Wege stehein, ist er ein Gott der Rache, Der Gott der Gerechtigkeit ist es, der gebietet, daß den ohne ihr Verschulden MrMen und Schwachen Recht werde, und selbst die verdiente Ruhe des Tieres befiehlt er, so verlangt es das Recht, so die Gerechügkett! Und das „weohawta sereacho komochv", das Hillel .zuM Brennpmckt der Thora stempelte? Allein Httlel, der genau den' Geist der Thora *) Laut Talmud Traktat Kesubot 105 (st unter Bestechung jegliche noch so geringe Gefälligkeit zu verstehen. Frankfurter Israelitisches FaMieubilatt. Nr. 2 kannte, faßte das weohawta nicht positiv, als „kum wease": liebe Deinen. Nächsten, sondern negaüv, als „schew weal taufe" auf. „Maloch svni lechawroch lo taawid".: Was Dir unlieb ist, das tue auch einem anderen nicht, sagte er dem Heiden, der zuM Judentum übertreten wollte, und indem er das Weohawto so deutete, schaltete er das GefsthlsM-äßige, das der Liebe zu Grunde liegt, aus und! ttug das Logische, Vernünftige an .Lassen Stelle hinein. Nicht das unstete, wandelbare Gefühlsmäßige, nicht die Liebe, picht die Barmherzigkeit, die in sich den Keim der Schwache, der Ungleichheit trägt, soll maßgebend sein, sondern der gesunde Menschenverstand, der soziale Si'nn, das aus ihm resultierende Moment der Gleichheit .und des Rechtes iM Nebeneiinanderleben der menschlichen Gesellschaft sollen entscheidend sein. - In richtiger Erkenntnis des wahren Geistes des Judentums verlegte Hillel den Schwerpunkt düs Judentums von der Liebe, von der Barmherzigkeit ans die soziale Gerechtigkeit, auf die Gerechtigkeit im SinNe der Thora, die wie der Gott Israels vollkommen, untadelbar, absolut Md ewiglich ist, — und Hillel tat Unvergängliches! S. H. Gvldmann. (Fortsetzung folgt.) > Mar«» Fei« s. «. | Wie eine furchtbare Seuche mäht der entsetzlichste aller Kriege die kraftstrotzende Jugend nieder. Doch gleichgültig überfliegt dev Leser die Summe von hunderten und tausenden Gefallenen, die sett Monaten tagtäglich die Zettungen verzeichnen. Er fühlt und sieht nichts hinter den Zählen, fühlt lütbi sieht nicht die zerstörten Hoffnungen, das vernichtete Familienglück, die meist Mit jeder Einheit in der gewaltigen Summe verknüpft sind. Mancher aber siel, der Mehr war als ein treues, geliebtes Glied seiner Fancklie; eine Gesamtheit verlor ihn. Hier darf das Auge nicht achtlos, nüt einem leichten, unmerkbaren Bebouern vorbeistreichen, fest muß es sich diesen Namen einprägen, damit es erfasse, was.dahinging, was dieser Mensch bedeutete. Schmerzbewegt gedenken wir beretts manch' stolzer HvffnMgen der Polttik, der Wissenschaft, der Kunst. Doch alle Gebiete des Volkslebens haben ihren Nachwuchs bei Völkern Mit einem Volksleben, nur uns Juden mangelt diese Wurzel, ans der das Empfinden emporwächst. Wem wir daher einen der Seltenen unter uns einbüßen, in dem jede Fiber jüdisch vibrierte, und der mit all' seinen hervorragenden Fähigkeiten aufs engste Mü dem Geschicke unseres jüdischen Volkes verwachsen war, bmtn Müssen wir angsterfüllt rufen: „Er ging dahin; — wo. ist der, der. ihn uns ersetzt!" Einen solchen Jüngling hat uns der Krieg genommen: Martin Feist. 23 Jahre war er erst alt, — und doch hatte sein Name scho.U einen eigenen Klang in den Kreisen,, in denen man fich noch mtt der Tradition des jüdischen Volkes eng verbunden fühlt. Jede Faser in ihm war jüdisch. Als Sohn seines Vaters) des Uns allen unvergeßlichen Loms Feist s. A., hatte auch er alle Anlagen zu einem Edeljuden, Rein iM Denken, rein im Handeln, wahr und gut, so Muchs der von Lebenskraft übersprühende Knabe zuM Jüngling heran. In Thora und Talmud, dem Born der Weisheit des jüdischen Volkes, wurde er heimisch. Aber auch ans allen Gebieten des allgemeinen Wissens .vervollkommnete er sich Unablässig. Mit den Minuten mußte der geschäftlich äußerst tüchtige und selten pflichtbewußte junge Mensch beretts geizen; gäll es ihm doch, sein hehres Vorbild, seinen Vater, den Meister in der wertvollen Gestaltung jeder Stunde des Seins, M erreichen. Und als dann der Vater Mitten im.Schaffen äbberüfen wurde, abberufen zu einer Zeit, da er, der geniale Grvßkausmann, immer mehr und mehr in die großen jüdischen Interessen hineinwuchs und der gwßen jüdischen Oefsentlichkett dcw M zeigen begann, was man in dem engeren FraM sirrter Weichbilde langst von ihm wußte^zil zeiHs begann, daß ihm die Millionen. seines rein erg wordenen Geldes nur Wert bedeuteten, wünn siZ sich umwandelten zum Segen für das sonst vD seinen Mülionären meist verratene jüdische VoM — damals ergriff der kühne, tapfere Jüngli das Werk seines Vaters. U Auch er suchte trotz seiner Jugend ein H fer der Gedrückten und ein.Vater unserer doppelt verlassenen jüdischen Armen zu sei aber er bot auch seine ganze Kraft auf, um M die Fäden, die sein Vater in seinem jüdischen. Allgemeinwirken gesponnen, weiter zu wirken. Mchl wußte dies in weiten Kreisen, und zu groß waren bereits die Anforderungen, die an den noch m sich arbeitenden Jüngling gestellt wurden. W. sonders die Agudas Jisroel, Jugend-OrganisatioH die er schuf und entwickelte, weiß von seinem hohen jüdischen Idealismus und seiner nimmU rastenden Tatkraft zu erzählen. Mit seinem encN gischen Bemühen, die Jugend der traditionell^ Jüdenheit zu einem Ganzen zu verbinden, dai in ihr wieder jüdisches Wissen und Denken blül und jüdisches Schaffen sich betätige, hat er s Mit seinen jungen Jahren beretts einen Ehrenpn in den Erinnerungsblättern des jüdischen Bol" geschaffen. Martin Feist, der bei aller Lebensfreude ufo Körperkraft mit innigster Liebe das unscheinbare Gesetz des Thorajudentums beobachtete, dem jüM sche Sittenreinheit, jüdischer Gerechtigkeitssinn, ju^ sche Nächstenliebe und jüdische Pflichttreue Maßfi seines Denkens und Handelns waren, kannte, der Krieg ausbrach, den Tücke und Niedertrai unserem deutschen Waterlande aufgezwnngen, stets nur eins: das Gefühl 'der Pflicht. Mn stand er auch hier seinen Mann, dabei trotz drei Mdnate im Schützengraben mit all' ihn Entbehrungen und' Nöten, mit all' ihren fahren nicht einen Augenblick seine jüdischen V sätze vergessend. Wie er dachte, lassen wir i selber sprechen. Ist einem seiner Feldbrivfe, unter dem Zeichen „t" in diesen Blättern ah druckt sind, sagt er: »Ihr Zuhaulegebliebenen, was könnt Ihr von sagen, daß es Euch erspart blieb, die Schrecken des S zu erfahren. O könntet Ihr es richtig verstehen, Ihr Reich doppelt würdet Ihr Hand und Herz öffnen, um die Not ui das Elend zu lindern, würdet Euch groß als Menschen ui noch größer in Euren Pflichten als Juden zeigen; Ihr lufui verstehen,. daß es in' dieser Zeit doppelt am Platze W zu spenden und zu geben. Wohl sind Euch in diesem Jahjk Einnahmequellen versiegt, ja vielleicht Verluste wahrscheinu doch Galt gab Euch ja so viele Jahre des Wohlstandes. i. Möge auch diese Zeit, so gingen meine Gedanken weittz reinigend hineinfahren in unsere Frankfurter Gaffen, mH? man verstehen lernen, daß man bisher zu viel danachgesragt wer reich, wer arm ist. Weg mit der Anbeterei des ReiW tums, entfernen wir diesen Götzen Aus unserem Herzen, um unser Frankfurt wird sehen, daß es noch ein Höheres giv) und das heißt „Mensch sein". Möge dieser große MomK ein großes Geschlecht finden, möge er uns veranlaffen, vM selbst zu erziehen, daß wir nach dem Kriege ein Lebn mit neuen Begriffen, neuen Vorstellungen beginnen können^ Wer so schreiben koynte, war ein selten^ Mensch, dessen Vorbild der Nachwelt zu erhalt«!, ein wertvolles Geschenk für diese bedeutet. Möge 8$ teuren Martin Feists Bild in recht vielen jüdb schcn jungen Menschen nacheifernd weiterleben. |> __ 8. 6,1 In memoria. Große Katastrophen haben die Eigentümlichkeit, sie in ihrer wahren Tragweite nur schwer vorstel sind und erst dann deutlich! zu unseren Vinnen spre wenn Einzelheiten mit imverhüllter und bestim Sprache den Schrecken des Ganzen sichtbar machen, ist es mit dem Krieg. Gar bald gewöhnt man sich die Tausende von Toten und Verwundeten, an zerstam Dörfer und verwüstete Städte, bis eines Tages schwarzen Schleier einer -jungen Frau oder der schossene Körper, die blinden Augen eines Soldaten mit einem Mal alles tausendfältige Leid und alle nichtung begreifen lassen. Dann bleiben wir wohl fi. dernd stehen und beginnen, ohne Antwort zu erhof unser allzumenschliches Fragen nach Sinn . und GriY all dieses Unglücks. So wird das Einzelschicksal zu Bild und Maßstab des Ganzen. - > .Vielleicht hat die plötzliche Nachricht vom H'eldeim des junge» Martin Feist manchen seiner Freunde f jenem Sinn besonders erschüttert: sie erleben an-diesiz so schönen,, so traurigen Tod 'den unsäglichen Jamph unserer Zett, auf deren Hintergrund aller persönli' Schmerz tiefer und innerlicher wird. ' > Es könnte verwundern, daß einem jungen My von nicht viel mehr als zwanzig Jahren öffentli ff -• blü lich En Ab jm ten jm all mr br< bei sie fef Al rej hä >rc bei Te br< ft! Ml bil R, eil jo! yi be >o ga EI go sa al sei IUI fei er Bi i« et al 8' 51 si ih SK CI ft is tl st C a li u g il j' g (ä?> ti ii ii f i c T 3 t f i c c I i I i < i j