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Neue jüdische Presse · 1915-01-14 · Heft 2 (14.1.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 2 (14.1.1915)
Date
1915-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Januar 1915) Nr. 2. pj •_;__ ff U Vom Wesen des Judentums. f ii. A Bon entgegengesetzten Anschauungen über das Desen des Judentums sprachen wir in unserem Origen Artikel, und zwar wiesen wir zunächst 's den Gegensatz hin, der zwischen den Ansichten er die Wlgüte des jüdischen Gottes einerseits id sein Vergeltungsprinzip andererseits besteht, »nmehr wollen wir eine Lösung dieses Problems rsuchen: „Es sah der Herr", wird uns in der Thora „daß, groß war die Bosheit der Menschen Dis Erden, da gereute den Herrn, daß, er den duschen geschaffen habe, und er ward darüber bct. Und der Herr sprach : Ich will den Menn, den ich geschaffen habe, von dem Erdboden weg tilgen. Nur Noah fand Gnade in den gen des Herrn." Dies ist, wird erzählt, die «schichte — wir möchten sagen die Wesensbcfaffenheit — Noahs. Noah war ein .Gerechter dik), ein aufrichtiger Mann in seinen Leiten; Gott wandelte Noah. Und der Herr sprach zu äh, heißt es weiter: „Gehe Du und Dein ganzes in die Arche, denn Dich habe ich gerecht dik) vor mir befunden unter diesem Geschlechte." die Erzählung von der Entstehung der Sinttkatastrvphe und der Errettung Noahs. Genesis . 6-7. Und noch auf eine zweite Erzählung der Bibel hier hingewiesen. Ms Gott sich anschickte, Strafgericht an den verderbten Städten Sodom d GoMorra zu vollziehen, da heißt es Genesis cp. 18: „Und es erhoben sich die Männer von Art und wandten den Blick gegen Sodom. Und der Krr sprach: Sollte ich vor Abraham verbergen, Ws ich 'vorhabe? (Nämlich das Verderben Lwdoms iftb Gom!orras.) Abraham wird ja werden zu Dem Kolke, groß und mächtig, und alle Völker Ijr Erde werden sich mit ihm segnen. Denn ich ibe ihn zuM Freunde gewählt, daß er seinen Indern und seinem Hause nach, ihm hinterlasse, W sie den Weg des Herrn wahren, Gerechtigkeit und Recht zu Men, damit der Herr kommen “ Jouf Abraham, was er über ihn ausgesprochen ü. Und also sprach der Herr: Das Geschrei über psdoM und Gomorra ist mächtig und ihre Schuld sehr schwer. Ich will mich herablassen und sehen, Wnm sie wirllich so getan haben, wie das Geschrei zu mir' gedrungen ist, Verderben über sie! aber nicht, da will ich, verschonen. Abra- Dm trat hin vor den Herrn und .sprach: Du gar vernichten den Gerechten mit Frevler? Vielleicht gibt es .fünfzig Gerechte ber Stadt, willst Du etwa 'auch dann vernich- und nicht lieber vergeben dem.Orte um der mfzig Gerechten willen, die darin sind? Es ist iner unwürdig, so etwas zu tun, den Gerechten st dem Frevler zu töten, daß der Gerechte mit Frevler gleich sei? Es ist Deiner unwürdig! Soll der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit Hen?" (Man achte auf den verbauten'Don Abra- SjttnS mit dem Herrn.) Es folgen nunmehr die Fragen Abrahams und die Antworten Gottes: Daß er das Verderben von SodoM Mwenden wird, wenn sich dort , e — auch nur zehn — befinden sollten. >domi wird nur aus Mangel an. Gerechten Zerrt, der einzige halbwegs Gerechte, Lot, aber Wettet. H Man sieht, diese beiden Erzählungen sehen p ähnlich : Gott sah, daß groß war die Bosheit jer Menschen auf. Erden und brachte Wer sie Verderben — durch Wasser. Nur einer, Noah, ward gerettet. So berichtet die erste Erzählung. Gott sah, daß groß war die Schuld^ von Sodom' und brachte Wer sie Verderben — durch Feuer. Nur einer, Lot, ward gerettet. So kündet die zweite Erzählung. Bei Noah ist der Grund seiner Errettung näher beschrieben: Wegen seiner Gerechtigkeit — „deinn Dich habe ich ersehen als gerecht vor mir" —; bei Lot aber ist es nicht ganz ersichtlich, ob seine Errettung seinem Rechtssinn und seiner Rechtschaffenheit oder seiner .Verwandtschaft mit AbrahaM oder beiden Momenten zuzuschreiben ist — letzteres jedoch ist das zutreffendste. Eins aber ist den beiden Erzählungen gemeinsam: Die starke Betonung des Gedankens des Rechts und der Gerechtigkeit; dabei ist die in lapidarem Stil geführte Sprache Abrahams über die Zerstörung Sodoms Gott gegenüber insbesondere bemerkenswert; aus ihr geht unzweideutig hervor, wie stark das Rechtsgefühl bei Abraham ausgeprägt und wie tief die Gerechtigkeit in seiner Seele verankert war! lind diese seine Wesensart, lediglich diese, hatte die große Gunst Gottes gegenüber unserem ersten Stammvater bewirkt. „Ich habe ihn", lesen wir.in der zweiten Erzählung, .„zum Freunde gewählt, daß er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm verheiße, daß sie den Weg des Herrn wahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben." „Den Weg .des Herr»! wahren, Gerechtigkeit und Recht üben!" Ist nicht vielmehr der Gott Israels ein Gott der „Allgnädigkeit und Allbarmherzigkeit" oder gar ein Gott der Rache? Doch unsere Thora liegt vor aller Welt offen, sie kann und soll uns Aufschluß geben. „Der Herr, - der „Felsenschutz", sagte Moses bei seinem Heimgang vor der ganzen Versammlung Israels, „sein Werk ist ohne Fehl; all'. seine Wege sind recht; ein Gott der Treue, sonder Trug, gerecht und gerad ist er." (Deuter. Kap. 32,4.) „Denn der Herr, Euer Gott, ist ein Gott der Götter — der große, starke und furchtbare Gott, der kein Ansehen achtet und keine Bestechung kennt, der schafft Recht usw." (Deuter. Kap. 10, 17, 18.) „Denn ich bin der Herr, liebe das Recht." (Jcseja '61,8 und Psalm 37, 28.) „Der gerechte Herr ist in ihrer Mitte, er übt kein Unrecht." (Zecharja Kap. 35.) „An "jenem Tage wird der Herr Zebaoth sein znm Geiste des Gerichtes für den, der zum Gerichte sitzt. Darum spricht also Gott: Ich machte das Recht zur Richtschnur und die Gerechtigkeit zum Wege." (Jesaja Kap. 28, 6, 17.) „Du (Israel) Mein Knecht, den ich stütze, mein Erkorener, an dem ich Gefallen habe, meinen Geist lege ich auf ihn, daß er den Völkern Recht verkünde." (Jesaja Kap. 42, 1.) ^Herr, wer darf in Dement Zelte weilen, wer darf auf Deinem heiligen Berge wohnen? Nur der schuldlos wandelt und Recht übt in seinem Herzen." (Psalm 15, 1, 2.) „Aber der Herr wird ewig thronen, auf Recht hat er seinen Thron begründet. Er richtet die Weltmit Gerechtigkeit." (Psalm 9, 8, 9 und Psalm 89, 16.) „Gerechtigkeit geht vor ihm einher und richtet auf den Weg ihre Tritte." (Psalm 85, 14.) Soweit die wenigen Stichproben aus der Bibel. Doch cs sei auch einiges aus Bawli und Jeruschalmi, Tosesta usw. angeführt. „Das Siegel Gottes ist die Wahrheit." (Traktat Sabbat S. 55.) „Gottes Wesensart ist zu messen, Maß um Maß." (Sanhedrin 90, Jeruschalmi 1. Abschnitt, Tosesta Sote 3. und 4. Abschnitt und Mechilto Beschalach.) „Fern sei der Gedanke, daß Gott ungerechte Urteile fällt." (Berochot 5.) „Der Mensch muß daher die Strafe Gottes, die über ihn herabkoMmt, rechtfertigen." (Taanit 22.) „Stets gewöhne sich der Mensch zu sagen: Was von Gott koMmt, ist gut." (Berochot 60.) „Ein Richter, der ein gerechtes Urteil fällt, bringt in Israel die Gottheit zur Geltung." (Sanhedrin 7.) „Ein jeder, der wahrheitsgemäß ein gerechtes Urteil fällt, ist anzusehen, als ob er dadurch zuM Teilhaber Gottes eingescht wurde." (Sabbat 10, siehe auch Sukko 30 und 49, Megilo 12 und 17, Bobo Batrv 8.) Moses pflegte zu .sagen, heißt es Sänhedrin 6, Jebomot 92 und Tosesta Sanhedrin: ,^Jikow hadin et hahar." Recht geschehe und sollte dadurch die Welt zu Grunde gehen (wörüich: Und sollte dabei der Berg in @runb gebohrt werden). Auf drei Dingen steht die Welt: Auf Rechtsprechung usw. „Wegen Beugung des Rechts kommt das Schwert über die "Welt." (Obot 81 und 85- und Jeruschalmi Schekolim.) „Alle Katastrophen, die über die Welt hereinbrachen, sind die Folge von falschem Richterspruch." Doch genug der Zitate! Wollten wir sämtliche Aussprüche der gesamten jüdischen Literatur, die unseren Gott als Gott der Gerechtigkeit hinstellen, ansühren, so .müßten wir ein ganzes Buch damit füllen. Obige Stellen genügen ja, um darzutun, daß Man auf Grund des jüdischen Schrifttums dem Gott Israels mit Recht das Prädikat gerecht beilegen und ihn als Äitt des Rechtes und der Gerechtigkeit bezeichnen kann. Was aber jedoch des näheren Beweises bedarf, ist die Frage, 0b sich die Satzungen und Rechte der Thora mit der.Umschreibung Gottes als des Gottes der Gerechtigkeit decken oder nicht. Der Psalmist sagt: „Die Lehre des Herrn ist untadelig, sie erquickt die Seele. Die Befehle des Herrn sind recht, sie ersteuen Pas Herz. Des Herrn Satzungen sind wahr und gerecht allesamt." Also meint der Psalmist, und das offenliegende Buch der Bücher, — was ist dort zu lesen? „Du sollst nicht aussprcchen den Namen des Herrn, Deines Gottes, znm Falschen; denn nicht ungestraft lassen wird der Herr den, der seinen Namen ausspricht zum Falschen. Du sollst nicht fälsch zeugen wider Deinen Nächsten. Du sollst nicht stehlen.*) Du sollst nicht gelüsten nach« dem Hause Deines Nächsten, nicht gelüsten nach allem, was Deines Nächsten ist. Verbreite nicht falsches Gerücht; reiche Deine Hand nicht dem Frevler, um ein falscher Zeuge zu sein. Folge nicht der Menge zuM Bösen; sprich nicht bei einem Rechtsstreite der Menge nach, das Recht zu beugen. Beuge nicht das Recht eines Armen in seiner Rechtssache., Bon einem falschen Ausspruch halte Dich fern, und den Unschuldigen und Gerechten bringe nicht um, denn ich werde nicht für gerecht gelten lassen den Schuldigen. Bestechung nimm nicht, denn Bestechung blendet den Hellsehenden und verdreht die Worte der Gerechten. (Exodus Kap. 20 u. Kap. 23. Ihr sollt nichts ableugnen und nicht bclligcn einer den anderen. Du sollst Deinen Nächsten nicht bedrücken und nicht berauben; behalte nicht den Arbeitslohn des Mietlings bei Dir bis an den Morgen. Fluche nicht einem Tauben, . und vor einen Blinden lege keinen Anstoß; fürchte Dich vor *) Dieses Verbot hat Bezug nicht nur auf das Stehlen von Wertgegenständen, . sondern auch in noch weit größerem Maße aus Vertrauensbrüche und sonstiges Irreführen durch Wort und Verstellung. „Wort-Betrug ist weit schlimmer als Geld-Betrug" (Traktat Bobcmezia 58 und Tosefto dort Abschnitt 3).

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