Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4 waren, ilar und feft forderte Jic ihre 0cM)jtcu auf, mit ihr die „Schernaus" zu sprechen, und bis die Dämmer des Todes ihren Geist verhüllten, war sie gehoben von dem Bewußtsein, dem sie Ausdruck verlieh, ihrer Pflicht gelebt zu haben all ihre Tage. So schied sie, 72 jährig, als würdige Gattin des vor ungefähr 1ö Jahren Heimgegangenen unvergeßlichen Direktors Dr. Mendel Kirsch' s. A. Sie war die wahre Gefährtin seines Denkens und Wirkens im Leben, an allen Freuden und Sorgen seines Berufes, mit Herz und Kraft an der Entwicklung und Blüte teilnehmend, die den Schulen der Jsr. Religionsgesellschaft unter seiner Leitung vergönnt war. Sie war chm eifrige Handlangcrin bei feinen wissenschaftlichen Arbeiten und treue Hüterin seiner literarischen Hinterlassenschaft, für deren Veröffentlichung sie hingebungsvoll und verständnisvoll Sorge trug. Das Herrichten seiner Manuskripte, das Korrekturlesen seiner ,Haftoraus" und seines „Terei ' osor" war ihr eine liebe und heilige Beschäftigung, als der Gatte das Auge, geschloffen hatte. Diese Aufgabe konnte sie erfüllen, weil sic, als Schülerin und Gattin Mendel Kirschs und unter den Augen ihres großen Schwiegervaters Samson Raphael Hirsch sich entwickelnd, den Hauch ihres Geistes verspürt und diesen Geist begriffen hatte. Wie dcnr Gattend die ideale Gattin, war sie ihren Kindern die tüchtigste und sorgsamste Mutter und jahrzehntelang eine Hausfrau voll Unermüdlichkeit und Tatkraft an der Spitze eines großen, hohe Anforderungen stellenden Haushaltes. Frau Direktor Hirsch war eine ihr Innenleben streng in-sich verschließende Natur, still und geräuschlos waren ihr, von der Oeffcntlichkeit fern, die letzten Jahre ver- . flössen: „Kewudoh bas melcch - pcnimoh." Darum wollte sie auch nicht, daß an ihrer Bahre gesprochen werde. Es bedarf auch' nicht vieler Worte angesichts eines Frauenlebcns, das so ganz für sich' selbst zeugt, das mit Pflicht und ihrer bewußten und rüstigen Erfüllung so reich! gesegnet war. x. Universitäts-Cafe Bocw"J,eimep —>' EratUammlaBa FamiHon-Oafö. — WMlässige Preise. "MW Besitzer: Ernmt Dunkot. Feuilleton. Ü Die Verjagte«. Eine Erzählung ans der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Bon E-' B e r g. Gortschung.) „Die vielen Schnorrer sind eine Landcsplage. Es kommen jetzt vereinzelte Abschiebungen vor", sagte Salomon, bedeutsam zu dem - jüngeren Bruder hinüber blinzelnd. „Es sind nicht alle Schnorrer", fuhr Abraham heftig auf, „ich sage Dir, man findet oft recht ehrbare, anständige Leute unter den Betroffenen. Und auf alle Fälle muß doch einer da sein, der sich ihrer annimmt und ihnen etwas raten kann j. Steht nun auf dem Perron, mitten im Gewühl, wo Träger und Wagenschieber sich drängen, eine alle, schlohweißhaarige Frau. Der Stock zittert in ihren Händen; zu ihren Füßen liegt ein schadhafter, mit Wachstuch überzogener Koffer; und die Frau weint und weint, daß man sich baß verwundert, wie so blöde Augen noch so viele und so heiße Tränen haben können. Nun, was ist, frag' ich, worum weint Ihr?" — „Warum soll ich nicht weinen", sagte sie, „schreien möcht ich, daß die ganze Welt zusammenlaufen sollte. Geht es mir denn nicht schlecht? Mein Mann ist. tot, mein Sohn ist in Amerika, meine einzige Tochter, die mich noch hat gepflegt und gewartet, ist auch gestorben, — und jetzt jagt man mich gar hinaus. Warum? Weil ich vor sechsundsiebzig Jahren in Oesterreich geboren bin. Ist das meine Schuld? Wo soll ich hin? Eine-kranke, schwache Frau. Wer kennt mich drüben? All mein Lebtag Hab ich keinem Unrecht getan, und gelebt, wie Er geboten, warum ist' Gott so grausam gegen mich und so böse?" — „Liebe Frau", sage ich, um doch was Tröstliches hier vorzubringen, obwohl mir die Rechtlichkeit ihrer Beschwerde das Herz zerriß, „so müßt Ihr nicht sprechen. Gott ist niemals böse: nur wen er lieb hat, den züchtigt er." — „Herr", gibt sie mir zur Antwort und guckt mich an wie der Lehrer einen dummen Jungen. „Herr, Ihr habt llug reden aus dem warmen Pelz. Euch gehts grck, so mögt Ihr wohl Gott loben, — aber ich? Muß das mein Ende sein? Habe ich nicht über siebzig Jahr Gott anerkannt und ihm gedient? Was soll jetzt mir die Zucht? Mag er sich seine Liebe behalten! Ich will nichts mehr von ihm. Laßt mich, ich suche nur eine Ecke, wo ich sterben kann." Ilbraham war aufgestanden und ging händeringend auf und ab. „Ist das nicht jammervoll?", fragte er nach einer Weile. „Ein junger Mensch, welcher verzweifelt, ist schon traurig genug, aber so eine alte, hin- Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. sterbende Seele, die ihren Gott verliert — das ist wie ein Schiffer, der mit seinem Boot nächtlich auf hoher See versinkt und dem Wächter flucht, der den Leuchtturni nicht erhellte. ..." „Du nennest eine von Tausenden", sagte Salomon trüb. „Was können wir, was kann der einzelne dagegen tun?" „Wenig genug", antwortete Abrahani. „Ich habe die Alte guten Leuten überantwortet, die sie bis nach Berlin geleiten werden, wo sie einige Tage ruhen soll. Nach dort werden wir ihr Geld und eine Schiffskarte überweisen. Sie will durchaus „in das Amerika", obwohl ich nicht glaube, daß die Gebrechliche den Anblick des großen Wassers noch erleben wird. Darum, mein Sohn. . ." ° Salomon ließ den Vater nicht ausreden. Er war zu dem mächtigen eisernen Schrank geschritten, hatte behutsam die durch Drehscheibe und Schiebungen wunder-' lich verwahrten Schlösser geöffnet und entnahm aus tief gelegenem Fache ein Päckchen Noten, das Abraham nach Empfang sorglich in sein Portefeuille einrcihte und in der Brusttasche verbavg. Der schrille Ton der Tclephonglockc durchzitterte das Komptoir. „Wer spricht?", fragte Salomon. „Ich". „Wer ist das, ich? Ah! Ich bist immer Du". In wenigen Minuten hatte er das Gespräch beendet und kam ein wenig verdrießlich zu Vater und Bruder zurück. „Meine Frau. Sie bittet heute Abend-Gesellschaft. Es kommt mir ungelegener wie je. Die Fabrik muß Ueberstunden machen. Ich werde schwer abkommen können." „Einmal ist nicht iinnicr", unterbrach Abraham den jungen Prinzipal, „Du kannst es Dir wohl gönnen. Vergiß nicht, Hclsia ist jung, sie hat ein Recht auf Freude." Mild und freundlich, selbst jetzt in vorgerückten Jahren noch von feiner Galanterie, nahm er stets der Schwiegertochter Partei, der er überhaupt um ihrer Schönheit und ihres Liebreizes wlllcn manche Freiheit gestattete. „Sie erinnert sich,' was sie ihrem Besuch an Gastfreundschaft schuldig ist. Und sie tut wohl daran. Nner so reizenden Dame muß man Zerstreuungen bieten. Wir wollen uns recht glänzend zeigen, das erste Mal wieder sesi langer Zeit —" und rasch eine aufkeimende Traurigkeit bemeisternd, schlug er Benno auf die Schulter: „He Du, lleiner Duckmäuser, Du solltest Dich schämen, am hellen Tag hier auf dem Sofa umherzuliegen, anstatt unfern Damen Deine Aufwartung . zu machen und der schönen Fremden die Stadt zu zeigen." „Ich fliege, Papa." Mit einem Sprung war der junge Mann vor dem Spiegel, hielt, sich schier überstürzend, in parodistischer Hast Musterung über seine Tollette und Frisur, zog den kleinen lockigen Schnurrbart unternehmend durch die Fingerspitzen und schickte sich an, den Vater zu begleiten; und zwar in so lebhaftem, eiligen Schritt, daß der alte Herr schmunzelnd bemerkte: Es scheine gewissen Leuten doch mit dem Fliegen viel angelegentlicher noch zu sein, als man denke. „Vergiß nicht, Jemllian eine Einladung zu senden", rief Abraham seinem Aeltesten zum Mschied nach, „ich lege auf seinen Besuch viel Wert." „Ich auch, Vater; sei deshalb außer Sorge!" Als Salomon sich allein sah, brannte er zuerst seine Zigarette wieder an, nahm darauf ein Blatt Papier zur Hand und schrieb Zahl um Zahl nieder in vielfachen Reihen. Tiefer, immer ttefer senkte sich sein Kopf auf das Blatt, er. kalkulierte und kombinierte mit solchem Eifer, daß er zu spät gewahrte, wie die Zigarette ungenossen erlosch. „Verwünscht, das Feuer geht mir aus, beinahe wie mein Verstand." Er bramite eine frische Zigarette an, kehrte das Blatt auf die leere Sette und begann seine Rechnungen aufs neue. Aber je mehr er rechnete, desto düsterer, desto finsterer wurden die Falten auf seiner Sttrn. . . Seufzend warf er den Bleistift bei Seite, ergriff eine goldgcränoerte Karte und stellte an ihren Kopf den Namen Jemllian's. Und während er mechanisch eine Einladung zu Souper und Tanz niederschrieb, murmelte er schweren Herzens: „Wenn der in seiner Caprice, unser Haus zu kaufen, wieder wankend wird, sind wir verloren." ... Claudia war mit der Sonne aufgestanden, was an einem Spätnovembertag in Rumänien freilich keine allzufrühe Tagesstunde, besagen wttl. Dem jungen Mädchen war es unendlich wohl. Sie fühlte sich geborgen, bei guten Menschen, die sie lieb hatten und sie mit all der wohltuenden Fürsorge umgabenwie sic ein feinerer _£_ Rr 1. Sinn und ein reichbestellter Haushalt hervorzubringen! vermag. Und dieses Behagen verstärkte sich in dem für I alle Frauen so köstlichen Hochgefühl, mit dem Geliebten in einer Stadt zu weilen, dieselbe" . Luft mit ihm zu atmen und was dergleichen liebenswürdige, unfruchtbare Schwärmereien mehr sind, in denen holde Jdealistinnen in ihren unschuldigen Wünschen sich ergehen. Sie hatte sich dann, nicht ohne Koketterie, mit großer Sorgfalt angekleidet — lag doch ein Zusammentreffen mit Jemilian im Laufe des Tages nicht außer Möglichkeit — und war nun aufs Geratewohl eine Reihe eleganet und geschmackvoll dekorierter Zimmer hindurchgegangen, denn im Hause schien noch alles wie im tiefsten Schlafe. Nur in dem fern am Ende der Wohnung gelegenen mächsigen Speisesaal hantierte eine Aufwärterin, die beinahe in Extase geriet, das fremde Fräulein schon munter und in vollendeter Tollette vor sich zu sehen. (Fortsetzung folgt.) I Offenbaeber Druckluft-Anlage I I Offanbach a. H. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). I I Bewährteste Tapplcbratnlffang (100,000 qm jährlich) I ■ sowie nnObertroflana Batten* u. Bsttfedarnralnl-1 gunu mittelst Drncklnft und Wasserdampf. A«s Feldbrieseu. Was ich Euch heute erzähle, ist etwas ganz anderes als das letzte Mal; um» führt nicht immer ein frischfröhliches Zigeunerleben. Wenn ein Feldlazarett einmal eingesetzt wird, dann ist es, bitterer blutiger Ernst. Und sehr ernst war es, als wir anr 3V. Oktober nach einem Gewaltmarsch! aus der .Somme hier anlangten und Befehl znm Etablieren bekamen. Die Feldlazarette sind, solange sie sich auf dem Marsch befinden, die anr schlechtesten beleumundete und verrufenste Gesellschaft unter allen Formationen des Trains, und das will schon was heißen. Beinahe mit Recht; jede andere Kolonne erfüllt ständig einen Zweck, fährt Proviant. Atunition oder betätigt sich mit irgend etwas; wir marschieren mit, leben so gut wie wir können, fast ausnahmslos in vollkoimnener Sicherheit und sind nur auf eignes Wohlergehen bedacht, — und doch, wie ändert sich das Bild, wenn ein Feldlazarett eingesetzt wird! So geschah es auch uns. Wir waren das erste der Feldlazarette, das. sich hier etablierte, und hatten deshalb unter allen Gebäuden C. die Wahl; wir entschlossen uns, die Räume des städtischen Krankenhauses zu beziehen. Bor uns hatte bereits die Sanitäts-Kompagnie uns etwa fünfzig Schwerverletzte ins Haus gelegt, doch der Andrang am 31. Oktober war so stark, daß wir am Abend dieses Tages erklären mußten, nur noch Verwundete aufuehmen zu können, bei denen dringende Lebensgefahr besteht, also Bauch-, Brust- und Kopfschüsse. Bevor wir die Gebäude beziehen konnten, mußten wir erst den Flügel, in dem sich der Operationssaal befand, in einen beziehbaren Zustand versetzen, da er am Tage vorher von der Bombe eines englischen Fliegers getroffen wurde, die das ganze Dach und die Decken des Hauses zerstört hatte. Dachdecker waren schnell herbeigeholt und ebenso Dachziegel, und wir singen gleich zu arbeiten an, wenn uns auch inzwischen von oben, herab die Sonne direkt zuschauen konnte. Bis der Operationssaal hergestellt war, mußten zwei andere Räume alS Verband- und Operationszimmer herhalten, und hier haben unsere Aerzte fast ohne Unterbrechung während annähernd 72 Stunden unaufhörlich gearbeitet, und trotzdem stand Trage an Trage in den Gängen, und unsere Braven ertrugen mit einer seltsamen rührenden Geduld die Schmerzen in der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß ihnen jetzt doch endlich sichere Hilfe gebracht werden wird. Höchstens' ein schüchternes Frechen: Komme ich nicht bald dran? sind wenn inzwischen jemand angebracht wurde, der einen Bauchschuß hatte und unverzüglich operiert'werden mußte, . dann wartete jemand, dem ein Granatanstück „nur" den Fuß zerschmettert hatte, gern, bis dem schwerer Verletzten geholfen war. Man muß der Heeresverwaltung gern zugestehen, daß sie alle nur voraussehbaren Vorkehrungen getroffen hat. Wenngleich sich alle vorhandenen Mtttel in einzelnen Fällen der - geschlagenn Riesenschlachten als unausreichend erwiesen haben, so standen unseren Merzten bald chirurgische Kapazitäten von Weltruf bei, u. a. hat seit dem Tage unserer Etablierung Geheimrat Enderle aus Würzburg bei jedem besonders sHveren Fall zu jeder Zeit zugezogen werden können. Ein Feldlazarett soll nach seinen Bestimmungen höchstens 200 Pattenten aufnehmen; wir hatten im Hause anfänglich, etwa 120 Betten zur Verfügung? Aus den 120 wurden 200. Die benachbarte Kknderanstalt war auch schon belegt, eine Fabrik wurde zur, Aufnahme von Kranken hergerichtet, und da wir nicht genügend Sttohsäcke hatten, so gaben die in der Fabrik, einer Bandweberei, Vorgefundenen Garnvorräte ganz geeignete Lagerstätten für unsere Verwundeten, und so kamen wir nach und nach auf eine Krankenzahl von nahezu 300. Das zur Krankenpflege verfügbare Personal eines Feldlazaretts besteht neben sechs Aerzten ' aus neun Sanitätsunteroffizieren und vierzehn Krankenwärtern; doch jeder hat sein Bestes herzugeben, und wir haben unsere Kameraden doch gut veruiä> gepflegt. Es ist auch nicht der Zweck eines Feldlazaretts, die Verwundeten ° völlig herzustellen, sondern nur, die Leute in einen transportfähigen Zustand zick bringen, die vollkommene Geneftmg erfolgt innner erst