Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 50 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. jenes Augustiners, ob ült' oder neu, können mich - nicht erreichen." „Wer Ew. Eminenz scheinen doch ermüdet durch die mannigfachen Anstrengungen des Tages", sagte der.Prior, indem er sich erhob. „Ach du lieber Gott!" entgegnete der andere, indem er abermals mit der Hand über die Stirn fuhr, „man ist ja doch nur ein Mensch — man nennt mich den Allgewaltigen", fuhr er mit Selbstbcwuhtsein fort, „und es in wahr, tnit der ganzen Welt nehme ich's auf — nur nicht mit mir, vor mir habe ich Respekt." Er lachte laut auf, der Prior lächelte zustiinniend und empfahl sich. — — Der große schauervolle Tag war gekommen, der 30. Juni 1680. Bei Tagesanbruch ertönte der dumpfe Schall der großen Glocke der Hänptkirchc als Zeichen zum Beginn des schrecklichen Schauspiels, denn als solches ward es vom Volke betrachtet, und schon im Zuschauen wähnte man ein frommes Werk zu Wen. Die vornehmsten Männer rechneten es sich zum Verdienst an, bei diesen Prozessionen sich dem heiligen Gericht gefällig zu erlveisen, und selbst Granden von Eastilien scheuten sich nicht, die Schergen der Inquisition zu machen. Den Zug eröfsnetcn dieDominikancr mit dcrFahne der Inquisition. Zunächst folgten die Reuigen, denen nur Buße auferlegt war, hinter ihnen, durch ein großes Kreuz, welches vorgctragcn ward, getrennt, barfuß, mit 'dem Sanbcnito angetan und einer spitzen Mütze auf dem Kopf, die zum Tode Verurteilte», 118 schuldlose, charakterfeste Menschen. Denn wären sie nicht schuldlos, nicht charakterfest gewesen, sie hätten sich vor dem Entsetzlichen retten können. Aber sie waren leichter als Adler und stärker als Löwen, den Willen ihres Herrn, das Verlangen ihres Hortes zu vollbringen. Dann kamen die Bildnisse der Entflohenen, und endlich 'die Gebeine verstorbener Angeklagter in schwarzen, mit Flammen und höllischen Sinnbildern . bemalten Särgen. Den grauenvollen Zug schloß das Heer der Priester und Mönche. Durch die Hauptstraßen ging es zur Kirche, wo nach der Glaubenspredigt das Urteil verkündet wurde. Inzwischen standen die Angeklagten mit ansgelösch- .. ter Kerze in der Hand vor einem Kruzifix. Nachdem das Urteil ihnen vorgelese» worden war, versetzte ein Beamter der Inquisition jedem Verurteilten einen Schlag auf die Brust, zum Zeichen, daß sic nun von - dem geistlichen Gericht der Weltlichkeit überantwortet wären, worauf ein weltlicher Beamter die Verurteilten übernahm, sic fesseln und dann zuerst iviedcr in's Gefängnis und bald darauf zur Richtstätte führen ließ. Voran gingen nach altem Brauch Kohlenbrenner mit Hellebarden. Der Hof war bereits »versammelt, der König und die Königin, die Hofdamen, die Großwürdenträger, der hohe und der niedere Adel und das Volk in zahllosen Scharen. Ms die Schlachtopfcr sichtbar wurden, rief das ganze Volk: „Es lebe der Glaube!" ‘ Da vernahm man plötzlich die silberhelle flehende Stimme, einer siebzehnjährigen Marranin, die zufällig in die Nähe der jugendlichen Königin gckommmen war. „Großmütige Königin!" flehte sic, „erbarmt Euch meiner Jugend!" Die Königin erbleichte, flehend hob sie die Hände empor zu dem Gatten an ihrer Seite — doch da war auch schon der Großinquisitor vorgetrctcn und mahnte mit lauter, wcit'hinschallendcr Stiinnie den König an seine Pflicht, die Ungläubigen auszurotten ohne Ansehen der Person. Da rief auch der König mit lauter, weit hinschallender Stimme: „Das schwöre ich bei meiner königlichen Würde!" Gleichzeitig ergriff er einen Feuerbraud und schleuderte ihn in die ausgehäustcn Scheite, als Erster dieselben zu entzünden. In diesem Augenblick drängte sich der Prior des'Benediktinerklosters, gefolgt von zwei Klosterbrüdern, durch die sich drängende Menge. „Gebt Raum!" Der Großinquisitor hatte ihn erblickt und ihm freundlich zugenickt. Das genügte, um ihm Raum zu schaffen. Auf seinen Wink ergriff jeder ' der Klosterbrüder zwei der Verurteilten, zerrte sie aus der . Reihe, und dann umtvand jeder seine Gefangenen Frankfurter JsraelitiWes Familienblakt. Nr. 50. mit einem Strick, dessen Ende sic in Händen behielten und' dann schoben und stießen sie die Gefangenen vor sich her durch die Menge. Der Prior folgte ihnen auf dem Fuße und trieb sie unablässig tjt barschem Ton zu noch größerer Eile an. „Geschwind! geschwind! Ihr wisset, die Zeit drängt." Die Verurteilten, ohne Ahnung, was mit ihnen geschehen werde, folgten unwillkürlich, wohin sic gezogen oder gestoßen wurden. Doch als sie endlich die Stadt hinter sich hatten, wandte sich der Prior in völlig verändertem, sreundlichcn Ton an sie: „Arme .Leute, Ihr seid erschöpft, und darum tut cs mir leid. Euch nochmals zur Eile antreibcn zu müssen — aber cs liegt in Eurem Interesse, daß wir baldigst das Kloster erreichen. Strenget Euch noch einmal an, dann können wir in zwei Minuten dort sein." Der freundliche Ton mehr noch als die Worte des Priesters spornten sie-an, seiner Aufforderung zu entsprechen; in wenigen Minuten hatten sic das Bencdiktinerklostcr erreicht! Der Prior ging direkt auf sein Zimmer zu, von dem er den Schlüssel bei sich trug. Er schloß auf, ließ die beiden Klosterbrüder mit den Gefangenen eiutreten, und indem er ihnen folgte, drückte er die Tür ins Schloß und schob den Nachricgcl vor. „Ist alles bereit?" „Alles, hochwüröiger Herr." „So .nehmt ihnen vorsichtig die Tcnfclsmützc ab und zieht ihnen das Büßerhemd ans." „Zurück!" schrie einer der Gefangenen, dem ein Klosterbruder genaht war, um den Befehl der Priors zu vollziehen, „ich weiß, was Ihr wollt, aber daraus wird nichts! ich bereue nichts! — ich bin ein Jude und will als Jtlde sterben!" Die. Stimnrc war auffallend jugendlich, der Redende schien das Knabenalter kaum überschritten zu haben. Mitleidig blickte der Prior ans die hohe schmale Gestalt des sich dem Tode Weihenden. „Du scheinst ein braver Knabe, darum wünsche ich, daß du nicht als.Jude sterben, sondern als solcher leben mögest. Komm', sei vernünftig, und Ihr andern auch, wir sind nicht Eure Feinde, wir wollen Euer Bestes." „Unser Bestes!" ries einer der Gefangenen mit grellen Auflachen, „das nennt Ihr unser Bestes, daß cs Euch nicht genügt, unsere Leiberzu morde», daß Ihr zuvor noch'unsere Seelen töten möchtet! — ja, ja, unser Bestes! —" Der Prior machte eine Bewegung der Ungeduld und erwiderte mit erregter, doch gedämpfter Stimme: „So nehmt doch Vernunft an, Ihr Leute, die wackern Brüder und ich sind Euch nicht feind, wir sind im Gegenteil entschlossen, mit Gefährdung unseres eigenen Lebens den Versuch zu machen. Euch zu retten. Aber Ihr dürft uns nicht neue Schwierigkeiten in den Weg legen. Schweigend und willig müsset Ihr tun und mit Euch tun lassen, tvas ich den Brüdern befehle." (Fortsetzung solgt.) Kunst und Literatur. Die Familie G o in p e r z von Prof. Tr. David Kaufmann s. ,A. und Dr. Max Freudenthal. Druck von Karl Bäcker, Danzig. Kommissionsverlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M.< 1907. Professor Kaufmann hat mit Fleiß und Liebe die Geschichte jüdischer Familien gesammelt. Durch de» Einblick iit das jüdische Familienleben, wie ihn uns Kaufmann in seinen zahlreichen Schriften 'gibt — entspricht er dadurch ja dem bekannten Midraschwort „Howiu Sefer Jcchus'chem" — wird gleichzeitig dem Historiker Gelegenheit gegeben, die Entwickelung der Inden, trotz ihres Fcsthaltens am Väterglaube», zur höher» Kultur, zu beobachten. Als solche Pioniere geistiger und weltlicher Kultur und Machtstellung der Inden in Deutschland sind die weitverzweigten Familien Gomperz zu betrachten. Professor Kaufmann hat vor mehr als zlvei Jahrzehnten begonnen, die Familiengeschichten zu sammeln und niederznschreibcu; als jedoch allzu früh seiner meisterhastcu Hand, die Feder entsunken, setzte Dr. M. Freudeuthal das begonnene Werk fort und ergänzte dasselbe. Mit Eifer und Gründlichkeit hat Dr. Freudeuthal alle Quellen, die auf die Familien Gomperz hinirciscn, nachgcsucht, sowohl die sich in den Geiueindcarchiven, als auch in den zeitgenössischen Rcsponsen vorsindcn und sie bearbeitet.' Besonderes Verdienst hat sich Freudeuthal bei der eingehenden Bearbeitung des Dr. Ahron Emrich Gomperz erworben. (Siehe dort von Seite 167—200.) Wir lernen hier den Mann genau kennen, der so erziehenden Einfluß auf Moses Mendelssohn ausgeübt hat, der selbst ein hervorragender Denker und Gelehrter war und von den meisten Geschichtsschreibern nur mit wenigen Zeilen erwähnt wird. Gomperz war cs ja bekanntlich, der die erste Begegnung zwischen Lcssing und Mendelssohn vermittelt hatte, wie auch später in Hamburg in Ahron Emmerichs Stube die Besprechungen zlvischen Mendelssohn und seiner Brautmutter, Vogel Guggenhcimer, abgehalten und abgeschlossen wurden. Seite 47 wird Meir Raudnitz als Rabbiner von Cleve, der von drei zu drei Jahren ausgenommen ivar, bezeichnet. Meir Raudnitz ging dann nach Hamburg, wo er 1724 starb. Gruncwald in Hamburgs d. I. bezeichnet Ai. Raudnitz irrtümlich als Rabbiner von Kopenhagen. >«eite 311 wird die besondere Zuneigung des streitbaren R. Jakob Emden zu Jakob Cleve erwähnt. 'Später aber, als Jakob Cleve ein begeisterter Anhänger des R. Jonathan Eibeuschütz wurde und sein Leben laiyg auch blieb, überhäufte Emden den' Jakob Cleve mit den gehässigsten Aeußernngen. Siehe Resp. Jaabez II. 22 am Schlüsse. Es ist daher auch zu verstehen, warum Eibeuschütz — wie Freudenthal Seite 313 auch schreibt — dem I. Cleve eine Approbation zu seinen Werken gab, was er ja bekanntlich nur selten tat. Sehr interessant ist die Abhandlung über Kosman Gomperz, den ersten deutschen Inden als Druckherrn in Amsterdam. Seite 333. Es werden dort viele verbreitete Jrrtümer richtiggcstellt. Wie wir dort sehen, hat Kosman Gomperz sich durch den Druck und Verbreitung jüdischer Werke mit deutscher Uebersetzung um seine Glaubensbrüder sehr verdient gemacht. Wir wünschen diesem Buche, welches nicht nur für die Familien. Gomperz, sondern auch allgemein für jüdische Fainilien viel interessantes bietet, die verdiente Anerkciiiiuug und Verbreitung. E. D. Ucbungsbuch z u r Einführung in das U e b e r s e tz e n des Gebetbuches. 1. n. 2. Teil. Bearbeitet von Rabbiner Dr. Cohn, Rawitsch. 140 Seiten- (Preis JL 1,20), Breslau, Jakob 23. Brandcis. An Stelle des mechanischen Vor- und Nachübersetzens, wie cs meist üblich ist, will dieses Ucbnngsbuch einen planmäßigen Unterricht setzen, der, vom Leichteren zum Schwereren fortschreitend, das Kind allmählich in den Sprachschatz des Gebetbuches und in die Kenntnis der zum Uebersetzen notwendigsten grammatikalischen Formen einführt. Wir gestehen gern, daß der Verfasser diesem Vorhaben gerecht geworden ist und können deshalb dem Buche, das sich überdies noch durch einen wundervoll deutlichen Druck auszeichnet, nur Worte der Empfehlung mit ans den Weg geben. Wohack Hoiger, Hofjuvielier, Käiseistr. 1, Frankfurt a. M. Inhaber: JVL. *W"Slllclll. Perlen, Juwelen, Goldwaren. ■ Auf Wunsch Auswahlsendungen. ~ — Kaiser Friedrich Quelle — — Offenbach a. M. -—> Gegen Gicbt nnd Rheumatismus bewährt. Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Lunch.) Freitag, den 27. Dezember (= 22. Tewes): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min., in Berlin 4 Uhr 50 Min. Die Sidra Schemans ^beginnt das 2. Bch. Moses. Zum ersten Male hören wir von dem „Volke" Israel. Jakobs Nachkommen hatten sich in Egypten stark vermehrt, sie waren ein Volk geworden. Ein neuer König Pharao sucht sie zu knechten, stellt sic seinen Ilntertanen als staatsgefährlich hin und will sie vcrinindern. Trotz schwerer Unterdrükknng vermehrt sich Israel stark. Da ergeht ddr Befehl, alle Männlichen bei der Geburt zu töten oder sie in den Fluß zu tverfcn. — Moses wird im Stamme Sein geboren. Seine Mutter setzt ihn in einem Binsenkörbchen au«. Die Königstochter findet das Kind beim Baden nnd nimmt cs'an sich. Sie läßt cs der eignen Mutter zur Pflege übergeben. An Pharaos Hof wird Moses erzogen. Er besucht aber oft seine geknechteten Brüder. Er erschlägt in gerechtem Zorn einen Egypter, der einen ISraeliten mißhandelte. Darum mußte er fliehen. Moses weilt in Midjaü, hütet bei Jitro die Schafe und bekommt eine von dessen Töchtern zur Frau, die Zippöra. Sie gebärt ihm 2 Söhne. — Am Berge Horeb offenbart sich Gott Moses zum ersten Male in einem brennenden Dornbusch. Moses soll nach Egypten zurück Und das Volk herausführen. Dazu hält er sich für zu schwach. Viermal weigert sich Moses. Gott verspricht ihm schließlichdie Unterstützung durch Ahron, seinen Bruder, da Moses eine