Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 50 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Ein- und Vorrichtung. Das Kind bleibt 10—12 Stunde» täglich in. einer von giftigen Mikroben geschwängerten Luft, lernt den ganzen Tag und während seines achtjährigen Schulbesuches nichts mehr als- Chumcsch und Talmud. Ohne Methode und Geschmack gelehrt, vergißt in der Regel bald der Zögling, was er' in einem Zeiträume von 8 Jahren in der Schule gelernt. Er tritt im unreifen Alter ins Leben, er muß bald in die Fabrik oder als Gchülfc in den Kleinhandel des Vaters und wächst vergräbt und unwissend ins Leben hinein. Mit solchem schwammigen Menschenmatcrial haben nachher der Bund oder andere politische .Giftpilze leichte Arbeit. Er ist schnell geködert, und bald stellt er seine ganze Ignoranz in den Dienst der Zerstörung des Judentums. Die ganze Degeneration der heutigen jüdischen Jugend in Rußland ist eine Chederblüte. (Fortsetzung folgt.) Der alte Spuk. (Fortsetzung.) Die Gemeinde ist es, meint Herr Karpeles, „die Mehrheit der legal (?) gewählten Gemeindcvertreter", die darüber zu entscheiden haben wird, ob irgend eine von irgend jemand — sagen wir von "dem Badischen Oberrat — erdachte Formel für die reformierten neuen chegcsetzlichcn Bestimmungen akzeptabel ist oder nicht. Also die Gemeindcvertreter, die geheimen Medizinal- oder Kommerzienräte, die doch gewiß verdiente Männer sind, sollen fortan über das jüdische E h e r e ch t zu sagen haben! Zwar will Herr Karpeles, daß die Entscheidung, bevor sie rechtskräftig wird, der Zustimmung des Gemeinderabbincrs bedürfe; allein wer die Stellung unserer Rabbinen kennt, weiß, was er von solchen 'Gutachten zu halten bat . . . Dank der bnreankratischen Auffassung unserer Repräsentanz, die dahin geht, daß die Rabbinen sich als „in Lohn und Brot stehend" zu betrachten haben — der Fall Emil Kvhn ist unfern Lesern noch in Erinnerung — sind unsere geistigen Vertreter meistens zu „gehorsamen Dienern" hcrabgedrückt worden — wir ■ sagen meistens, denn noch ist nicht der alte jüdische Idealismus ganz geschwunden, und Rabbinen, die ihr heiliges Amt ernst nehmen und Rückgrad genug besitzen, gegen die Diktate ihrer sog. „Brot-Herrn" zu handeln, haben wir noch, ivenn auch vereinzelt, in unserer Mitte. . . — Doch wir wollen von dem Gutachten der Rabbinen absehen; svoraui es hier ankommt, ist die ungeheure Gefahr, die dem Judentum entstehen muß von einer Ausfassung, die Reformen von einschneidenster Natur, wie die Abschaffung des „Gct" es ist, in'Händen von ei» paar dekorierten „Amci-orez" gelegt wissen will! Herr Karpeles meint: „Das Leben ist heutzutage mächtiger als die Religion. Wie sonderbar! Man schaltet die Religion, das traditionelle Judentum aus dem Leben, ans der Erziehung beinahe gänzlich aus, und 'dann kommt inan hinterher und konstatiert: Das Leben ist heutzutage mächtiger als die Religion. . Das Leben ist heutzutage mächtiger als die Religion, aber wo, in welchem Lager, in welchen Kreisen, Herr Karpeles?! . . . „Wenn je," meint Herr Karpeles am Schlüsse seines 'Artikels, „so ist jetzt gewissermaßen Zeit, das .Volk nicht mit „dem Stab der Strenge", sondern mit „dem Stab der Milde" zu leiten." Aber für welches Volk plädieren Sie? Das fahnenflüchtige Volk, das zur Negation hält, schccrt sich um „Gct" überhaupt nicht und bedarf mithin dieser Reform nicht; das Volk ober, das zur Fahne der Väter hält, sucht diese Ihre Milde keineswegs, da das „Get", wie all die andern von der Tradition geheiligten Einrichtungen, von ihm als gar keine Härte empfunden wird; und für welches Volk denn?! Der Stab der Strenge, von dem Sie, Herr Karpeles, sprechen, existiert blaß in Ihrer Phantasie! (Schluß folgt). Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Das Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des H i l s s v e r e i n s d e r D e u t s ch e n In den, Herr S i e g m u n d Berget hat in Elsaß und in Baden eine Reihe von Vorträgen gehalten, die dem Hilfsverein in erheblicher Anzahl Frankfurter FsraelAMes Farnilienblakt. neue Mitglieder zugcfnhrt haben. Herr Berge! hat an ajlcn großen Aufgaben des Hilfsvercins in den letzten Jahren hervorragenden tätigen Anteil' genommen; er hat unter anderem als Vertreter des Hilfsvercins zur Zeit des Kikchincw-Pogröms in Kischincw geweilt, hat persönlich die Ilebcrführung der durch den Pogrom verwaisten russischen Kinder mit geleitet und 'mit besonderer Hingebung sich des galizischen Hilfswerks angenommen. So konnte er als Redner für den Hilfsverein aus persönlicher reicher Erfahrung und eigener Anschauung die Arbeiten des Hilfsvereins seinen Zuhörern schildern. Infolge dieser Vorträge haben sich folgende neue Lokalloniitees des Hilfsvereins gebildet: Kolmar: Dr. Nordmann, Rechtsanwalt Levy. M ü l h a u s e n : Armand Bern heim, Rechtsan- Walt Dr. Nordmann, Stadtrat Dr. Elias, Dr. Jakob. Hagenau: Jose Levy, Rabbiner Levy, Armand Levy Sanitäksrat Dr. Weil Offen bürg: Rechtsanwalt Dr. Günzburger, Dr. Veit, Jakob Häuser, Oberbrunncr, Professor Dr. Kasselvitz. .Berlin. Freuden eines jüdischen Einjährigen. — Das Kriegsgericht der 18. Division verurteilte den Gefreiten Rettich vom Regime,it Hamburg wegen fortgesetzter Beleidigung, vorschriftswidriger Behandlung und Nötigung des Einjährigen Silberberg zu 2 Monaten und 1 Tag Gesängnis und den die Aufsicht führenden Feldwebel Hageno s e r wegen Pflichtverletzung zü 3 Tagen gelinden Arrests. Rettich hatte den Einjährigen, den er „Jndeiijonny" titulierte, derartig gezwiebelt, daß der Einjährige, der obendrein ein' schlinimes Knie hatte, Seitcnst'che bekam. Obwohl der Unglücksmensch eine» Stein im Schuh hatte, was er R. mittcilte, mußte er auf den „Befehl" seines Peinigers einen Marschmarsch-Lauf machen, bis er in Schweiß gebadet war. Der Abwechslung halber mußte er dann Bockspringen, Kkimmzüge und Kniebeuge Machen.. Als i». den rohen Patron bat, zum Feldwebel gehe» zu dürfen, sagte Rettich: „Ach so. Du Aas, Tn willst mich melden! Bald bekomme ich die Tressen, dann hast Du keine ruhige Stunde mehr. Ich schlage Dich zum Krüppel." Berlin: Dir jüdische Arb eiterkolonie in Weißcnsee (Wörthstr. 20) erfreut sich fortdauernd segensreicher Tätigkeit. Seit ihrer Begründung hat sie an 2500 unglücklichen Wanderbettlern ihre gute Wirkung erprobt; sie hat ihnen Obdach, Verpflegung, Verdienst gebracht und vor altem durch die Gewöhnung an Arbeit Gelegenheit zur Begründung einer bescheidenen Existenz verschafft. Zur Zeit, da der rauhe Winter vor der Tür steht, ist der Andrang der Aufnahmeslichciideu besonders groß; die Kolonie beherbergt jetzt l>0 dieser Unglücklichen. Die äußere Verfassung, in der sich unsere Schützlinge einstellen, ist beklagenswert; ihre Kleidung ist abgerissen, besonders fehlt cs an Schuhzeug und Beinklei d ern. Menschenfreunde werden sich ein hunianitäres Verdienst durch Zuweüdung von gebrauchten Klei Lu n g s stü ck e n und W ä s ch e erwerben. Berlin. Verschärfung der Sonntagsruh e in Auss icht! Das Rcichsamt des Innern hat den deutschen Landesregierungen einen Eiitwnrf zu einer Neuregelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe übermittelt, der — während bisher eine fünfstündige Arbeitszeit, die durch Ortsstatut eingeschränkt werden konnte, die gesetzliche Regel lvar — die völlige Einstellung der Sonntagsarbcit als das Normale hinstellt und cs den Gemeinden iiberläßt, durch Ortsstatut bis zu drei Stunden L>ountagsarbeit einziiführen. Berlin. Zur Auistcllung eines Denkmals für Moses Mendelssohn, das sich ein Komitee, an dessen Spitze Professor Liebermann, James Simon und Moritz Manhcimer stehen, zur Aufgabe gesetzt hat, ist vom Vorstand der jüdischen Gemeinde vorbehaltlich der Genehmigung des Denkmaleulwurss und der Art seiner Ausführung ein Platz im Vorgarten der jüdischen Knabenschule zur Verfügung gestellt worden. Die jüngste R e p r ä s e n t a n t e n - V e r s a »i m l u n g nahm die dementsprechende Vorlage mit dem Zusatz Weinberg an, der die Prüfung des Denkmalentwnrfs auch seitens der Repräsentanz sestsetzt. — Eine längere Diskussion rief der Antrag Kalischcr hervor, der eine Vertagung der Wahl des Platzes wünscht, weil er diesen der Bedeutung des Mannes nicht für angemessen hält. Nach seiner Meinung sei man es dem Andenken Moses Mendelssohns schuldig, auch die christliche Bevölkerung zu dem geplanten Zweck heranzuziehen, da dessen Wirten nicht nur dem Judentum, sondern auch der Allgemeinheit zugute gekommeil sei. Er zweifelt nicht, daß die Stadt Berlin auf Ansuchen einen würdigen Platz zur Verfügung stellen würde. Dem trete» die Herren Justizrat Timendorfcr, Justizrat Simon, Stadtrat Weigert, Manheimer und Professor Blaschke in längeren Ausführungen entgegen. Während Stadtrat Weigert bezweifelte, daß die 'Stadt Berlin überhaupt in der Lage wäre, einen angemessenen Platz noch herzugcben, erklärt Professor Blaschke gerade den auserwählten Platz für sehr zweckentsprechend, da erst durch das. Wirken Mendelssohns der Wcg-znr Begründung deutscher Schulen für jüdische Kinder geebnet worden sei. Der Antrag Kalischer siel in der Wstimmung. Nr. 50. Berlin.. Es erregt hier allgemeines Aussehen, daß das weltbekannte und seit 95 Jahren bestehende Kaufhaus N. I srael'ihre Lokolitäten nunmehr am Sabbat geöffnet hat. Wie wir ans zuverlässiger Quelle erfahre», handelt es sich nicht blvs 'um die Weihnachtsfeiern. Die jetzigen Inhaber der Firma sind incht religiös, und mit ihrer Pietät scheint cs auch ein Ende gcnoinme» zu haben. Die bisherigen Angestellten der Firma, die den Sabbat nicht entweihen »vollen, sind von der Arbeit dispensiert. Straßburg. Am I. November wurden die öffentlichen höheren Schulen in Elsaß- Lothringen von 811 Jsrealiten, 33 mehr als im Vorjahre, besucht; darunter 7 Mädchen, Die Zahl der Israeliten beträgt 9,24<>/o gegen 9,ll°/o im Vorjahre. An den aus kirchlichen Mitteln unterhaltenen Schulen beträgt die Zahl der Israeliten 2,86"/». Posen'. Auflösung der Nehemia-Bet- > ch u l c. Ein schönes Fest feierten die Mitglieder der Nehemia-Bctschnle. Es galt der Auflösung der genannten Bctschule und dem Anschluß an den Verein „Anschei-Chessed". Die Nehemia-schule zählte zu den ältesten hier beslehenden Synagogen. IN sinniger Weise eröffnete der Vorsitzende Goldschmidt den Festabend mit einigen Begrüßungsivorten. Es folgten dann verschiedene Toaste, und den Glanzpunkt für den Abend bildete die Festbetrachtungen seitens des Vorstandsmitgliedes Lewin, der wie immer auch hier in überraschender Weise Namen und -Zahlen in Verbindung mit Aussprüchen des Talmud und der Bibel brachte. Namentlich dozierte er über die Haftara der Woche und das Chanukalied: „Moaus zur jcschonssi". Nicht endenwollender Beifall belohnte die Ansführungeii des Redners. Zur Verschönerung des Festes trug auch ein Gesangsvortrag des Oberkantors Leibo >vitz viel bei. Allgemeine Zustimmung fand die Abscnduiig eines Huldigungs-Telegramms an den Gemcinde-Nabbincr Dr. Feilchcnfeld. Die fröhlich Versammelten hielten biA 1 Uhr aus. Der Vorstand der Nehemia-Betschnle. hat beschlossen,. für seine 21 Mitglieder an den Anschei- Chessed - Verein - ein Eintrittsgeld von insgesamt 250 M. zu zahlen und demselben die sehr kostbaren und wertvollen Synagogengegenständc zn übergeben. Außerdein haben die neuaufgenommenen Mitglieder einen Jahresbeitrag von 7,20 Jk vom 1. Januar k. I. ab zu entrichten. Hingegen wurde wegen der üblichen Sterbcgcdenktage der bereits verstorbenen Mitglieder bei der. Synagogen-Gemeinde der Alltrag gestellt, daß diese übernommenen Verpflichtungen von ihr lveiter ausgeführt werden sollen. Oesterreich - Ungarn. Wien. Fahnenflüchtig. Im November haben hier etwa 40 Inden den Uebertritt ins christliche Lager vollzogen, darunter: Landcsgerichtsrat Karl Fischer, Operettensängerin Johanna Winkler (Gerda Walde), Schriftsteller Siegfried Trebitsch, Dr. Adolf Neuberger, Dr. Alfred Ehrlich, Dr. Eugen Galitzenstein und Dr. Karl Kraus. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß — unglaublich, aber wahr — im Kultnsvorstand der hiesigen Israel. Gemeinde ein Herr sitzt, der seine Tochter einem Christen verheiratet; wir meinen Hofrat Benjamin Nappaport. Wien. In der Budgetdebatte hielt Abgeordneter Adolf Stand eine glänzende Rede. Er entwickelte das Programm der jüdischen Nationatpartei; kritisierte scharf die passive Haltung der Regierung in Bezug auf die Zustände in Galizien.und erklärte, daß der Jüdische Klub gegen das Budget stimme. Schweiz. Basel. Die ordentliche Generalversammlung der isracl. Gemeinde war trotz der Wichtigkeit der Tagesordnung — Revision der Statuten — nur von 57 Mitgliedern besucht. Die Statuten wurden nach den Anträgen des Vorstandes angenommen. — Die jüdische Bibliothek und Lesehalle wird in einigen Wochen eröffnet. Im Israel. Asyl zu Hegenheim befanden sich am 30. September, dem letzten Tage des. abgelaufenen Rechnungsjahres, 13 Pfründner. Die Ausgaben bezifferten sich im verflossenen Rechnungsjahre auf 10,120 Frks. Das Vermögen der Anstalt beträgt 182 000 Frks. Großbritannien. London. Ein Heim zur Heranbildung von jüdischen Dienstmädchen ist Highburg Grove 32 eröffnet worden. Es enthält Wohnung für 26 Mädchen. — Die Jüdische Historische Gesellschaft trifft Vorbereitungen, das I u b i l ä u m d e r e r st e n Zulassung von Juden in das Haus der Gemeinen, die am 26. Juli 1858 geschah, zu feiern. Die Juden konnten schon früher in das Parlament gewählt werden, aber durch die Form der Eidesleistung waren sie daran gehindert, den Sitz im Parlament einzunehmen. Manchester. Eine Rede Z a n g w i l l 's. Vor einer nach tausenden Köpfen zählenden Versammlung, darunter zahlreiche angesehene Christen, sprach Zangwill.