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Neue jüdische Presse · 1907-12-27 · Heft 50 (27.12.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 50 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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UraitLfirrter Ifrnrlitifdirs fumiliriHnll. l— - Diese Zeitung erscheint wöchentlich/ Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— <- KedaKtton nnd Hefchäftsstekle: SranRfurt. a. ITC., vilbelerstraße 4/6, <Sde Lleichstraße T-r-fo« 10507. HeransgeSer: Kalfz cheis. Jnsertionspreise: Me viergespaltene Petitzeile. . . . . LSPsg. Me Reklamezeile.. . 100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llevereinkunft. - 5. Jahrgang. Freitag, den 22. Tewes 5668 (27. Dezember 1007). No. 50. Inhalt des Havptblattes. Artikel: Das moderne jüdische Erziehungs- Problem. — Der alte Spuck. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Der Prior. — Kunst und Literatur. — Wocheri- Kalender. — Familien-Nachrichten. Das moderne jüdische Erziehungsproblem. Bon M a x i in e 2 c M a! trc - Bern. - I. Jede wahrhaft große Kulturbewegung, die eine Umwälzung der Dinge anstrebt und später zur Macht gelangt, zittert niit eineni Kampf um die Schule aus. Der Erhaltungstrieb ist bei der historisch-politischen Masse nicht minder entwickelt, als bei dem Einzelindividuum. Wie der Einzelne seinen: Nachkommen das Siegel seiner engeren und weiteren Persönlichkeit aufzudrücken bestrebt ist, so auch die Masse, das Volk, die Nation, denn in der Schule prägt mau das Abbild der Zukunft nach dem scharf geschnittenen Modell und Antlitz der Gegenwart. Ueberall, wo unser geistiger Blick den Wechsel der Tinge zu erspähen vermag, all' überall, wo wir den Spuren des Werdens nachgehen können — dort bemerken wir ein gesteigertes Interesse für Schule nnd Erziehung. In Oesterreich, wo zwei Volksgewalten unr die Macht ringen, zittert und tobt der Kampf um die Schule, und in Frankreich hat die weiße Gewalt. über die schwarze gesiegt. Jeder Kamps um die politische Macht muß auch naturnvtwendig zu einem Kampf um den Besitz der Schale führen. Noch jüngst war England ders Schauplatz eines mit allen Mitteln geführten Kampfes um das Erziehungsgesetz. Eine K ul t n r b e w e g u n g ist um so mächtiger, je stürker ihre Wellen n a ch d e r S ch u l e s ch l a g e n. Auch die letzte große Kulturbewegung im Judentum hat denselben Weg zurücklegen müssen. Sie lief parallel mit allen großen Strömungen, die in den letzten Jahrzehnten eingesetzt und noch heute in der Fülle ihrer Macht fortwirken. Es ist der Weg von der hohen Politik zu der niedrigen Schulbank. Heute interessiert sich der Jude'mehr denn je für die Fragen der Erziehung und die Jugend. Er fühlt die brennende Wunde seiner engen, düstern Gegenwart, und das Ausmaß seiner Hoffnungen entspricht dem Maße seiner jetzigen Leiden. Die ihm heute eingeschränkte Freiheit projiziert er in die Zukunft hinein. — Und das mit Recht. Mit den Differenzierungen des Lebens, mit der stetigen Heranbildung und Vervollkomninnng geeinter, in sich festgegliederter Vielheiten — Stamm, Volk, Nation, Rasse usw. ’— wird ihm sein Dasein in der Zerstreuung immer mehr erschwert, und er — im Bewußtsein seiner materiellen Ohnmacht — trachtet heute, ein Gegengewicht zu seiner physischen Schwäche zu schaffen. Die zwölf Millionen Juden leben unter verschiedenen Breitegraden nnd bilden überall eine Minorität in einer überwältigenden Majorität. Ueberall droht ihnen die Gefahr des Verschliingeuwerdens von ihrer Umwelt, die Vernichtung nnd das Aufgezehrt-werden. Unseren „Wirtskulturen" gebricht es eben an jener sittlichen und geistigen Superioritüt, die allein es ihnen ermöglichen kann, uns aus dem Buche des Lebens nuszumerzen. Wir stecken ihnen nur wie ein Knochen in der Kehle. — Sie sind darüber erbost und geben oft ihrer Empörung deutlichen Ausdruck. Unsere Lage wird dadurch immer schwieriger nnd verzweifelter. Heute, nach Theodor Herzt, wissen wir, wie wir aus dieser Lage herauskomniLn können. Wir kennen den Weg der Befreiung, allein uns fehlen Fußgänger. Was nützt es, wenn wir wissen, daß wir uns Freiheit und Würde erkämpfen können, wenn wir keine Kämpfer haben? Was sind Einsicht nnd guter Wille ohne Kraft? Wenn wir unsere Legionen hätten, unser Kampf wäre vielleicht schon ausgetragen — denn der Schlachtendichter war da. Daß wir. keine Legionen haben, ist begreiflich — siehe zwei Jahrtausende christlicher Nächstenliebe — und in der Folter wird der Held zum Knecht. Es handelt sich um einen Kampf für Würde und Freiheit. Aber woher den Freiheitsdrang nnd Kampsesmut, wenn ein Volk seit Jahrtausenden geknechtet wird? Wie sollten Sudras urplötzlich Freiheitskämpfer werden? Wie soll ein Volk in die Arena treten, wenn versklavte Konimerzienräte, einseitige Theologen seine Führer sind, seine Jugeud erziehen nnd seinen Werdegang bestimmen? Einer unserer Bolksführer hat diesen Widerspruch erkannt, und mit Donnerstimme rief er seinen blutenden Stammes- und Gesinnungsgenossen zu: „Erobert die Gemeinden". Allein der von den Sorgen des nackten Alltags zerrissene Jude, der im Staate Bürger, in seiner Familie das Haupt und gegen seine äußeren Feinde der Kämpfer ist — hat es bis heute noch nicht vermocht, die Gewalt an-sich zu reißen. Der versklavte Kommerzienrat und der konfessionelle Assimilant blieben die Gewalthaber. Wir stehen heute an demselben Punkt, wie dazunial: Aber in uns lebt die Ueberzeugung, daß wir da nicht länger bleiben können, daß wir, um einer noch größeren Zuspitzung des Kampfes vorziibeugen, vorwärts kommen müssen. Aber — wie kommen wir vorwärts? — Nun wohl! Wenn wir die Großen und Starken vor der Hand nicht brechen und biegen können, so werden wir die Kleinen erziehen und meistern. Diese Jugend wird später die Fehler der Alten zu korrigieren haben. Wenn heute ein Jude nicht mit Blindheit geschlagen ist, wenn er keine Freude an der Sklaverei und eine zur Freiheit hat — dann muß er es heute nur auf die jüdische Schule absehen. Wohl haben wir unsere Schulen, aber keine jüdische Schule. Der jüdischen Schule der Gegenwart fehlt jeder einheitliche Charakter, sie ist zerklüftet nnd zerrissen, wie das jüdische Volk zerrissen ist. Tie jüdische Schule von heute läßt sich dreifach rubrizieren: 1. Die altmodische Cheder nnd die talmndische Mittelnnd Hochschule, Jeschibah genannt, die in den letzten Jahren mehr Biindisten als Rabbiner hervorgebracht, 2. die freisinnige Religionsschule der Westjuden, in der man die Kleinen das vergessen lehrt, was sie noch nie gekonnt und gekannt haben, und 3. die westlich-orthodoxe Judenschule, wie sie in vielen deutschen Städten existiert, und in der in erster Reihe deutsche Patrioten und dann meist einem bewußten Judenkim fremde Formenjuden erzogen werden. Als vierter Schultypus ist die Allianceschule und die Schule der Jca inr Orient zu nennen. In jenen Schulen, die in französischer Sprache und in französischem Geiste geleitet werden, lernen die Kleinen alles, das heißt gar nichts. Ein paar Brocken Französisch, ebensoviel Hebräisch und die Elemente der betreffenden Landessprache, Türkisch, Arabisch oder Persisch. Betrachten .wir näher die von einander streng gesonderten Schultypen: Das osteuropäisch-siidische Erziehungssystem blickt auf ein würdiges Alter zurück und erhielt sich auch im Westen, so lange die Juden innerhalb der Mmier lebten. Im Ghetto hat sich sowohl der Cheder wie auch die Jeschibah ausgebildet. So lange die Juden geistig und kulturell von ihrem Milien abgesondert waren, war ihr geistiges und intellektuelles Interesse mir aus ihr Kollektiv-Jch beschränkt. Sobald sie mit ihren Knltnrnachbarn Fühlung bekommen, hat sich notwendigeriveise ihr geistiges Interessengebiet erweitert. In der spanisch-arabischen Blütezeit waren die Juden nicht nur die Träger der Thora, sondern sie bildeten einen integrierenden Bestandteil der Gesamtkultur ihrer Zeit. Man denke nur an Männer wie Samuel Hanassie, Maimonides, Abarbancl usw. Talmudologie bildet keinen Gegensatz zu den Wirtskulturen. Allein, wo die Bedrückung und mit ihr die Verfinsterung des jüdischen Geistes an Umfang gewonnen, da schlossen sich die Juden ab oder sie wurden abgeschlossen — und wieder hatten sie nur ein geistiges Interesse — den Talmud. Die Jeschibah, wie sie heute noch in osteuropäischen Staaten existiert, ist ein Produkt abnormaler Verhältnisse, weil auch in Osteuropa die Juden trotz aller Pogrome nicht von jedem Kulturquell abgeschnitten, die Talmudschulen aber nur kleine, tote Inseln sind, die bald von dieser, bald von jener Welle erst umspült und endlich hinweggespült werden. Aehnliches gilt vom Cheder. Sein Leiter ist in profanen Dingen ein absoluter Ignorant und auch im Jüdffchen nicht immer auf der Höhe. Er kann dem Kinde,. das bis zum 13. Lebensjahre in seiner Obhut bleibt, kaum die Bibel mit dem Raschi-Kommentar in einer vulgären Jargonübersetzung beibringen. Der Cheder entbehrt jeder hygienischen und sanitären

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