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Neue jüdische Presse · 1907-12-20 · Heft 49 (20.12.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 49 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. der der deutschen Kultur bei seinen Glaubensgenossen Eingang verschafft hat. München. Die hiesige Hochschulzeitung schreibt: „Die Burschenschaften der Münchener Technischen Hochschule haben ihren Entschluß wiederholt, leinen Sozialdemokraten in ihren Reihen zu dulden, und bedauern, solche „alte Herren" nicht ausschließen zu können. Als „nicht genügend national" sind nunmehr erklärt: Die Sozialdemokraten und die Juden von den Burschenschaften an der Hochschule, die Juden und ein Teil der Freisinnigen vom Verein deutscher Studenten, die Ultramontanen vom Bismarck-Bund, die Ultramontanen und in böswilliger Verquickung die katholischen Korporationen vom Verband deutscher Hochschulen. Ob wirklich so viel politische Kenntnis von allen Füchsen und Burschen vorausgesetzt werden kann, daß sie wissen, wem sie die nationale Ehre absprechen?" 8era. Keinen eigenen Friedhof hat die hiesige, 280 Seelen zählende jüdische Gemeinde; sie beerdigt ihre Toten auf Dem christlichen Friedhof. Doruhelm (Hessen) Ein Streit um den Takar. Einer Beerdigung folgte jüngst der jüdische Kultusbeamte in Talar und''Barett. Hiegegcn erhob Der evangelische Ortsgeistliche Beschwerde,'da diese Tracht die Tracht der evangelischen GeisÜichkeit sei. Am 9. ds. Mts. hat nun der jüdische Kultusbeamte einen Strafbefehl über fünf Mark „wegen Tragung der Amtstracht der evangelischen Geistlichen" erhalten. Er hat selbstverständlich gerickitliche Entscheidung beantragt. (k) Pose«. Aus der Provinz. Die .jüdische Gemeinde in Ostrowo erhielt von dem seit etwa 30 Jahren in Amerika wohnenden Kaufmann ■ Karl Ledermann einen größeren Betrag für Arme. — Auf dem jüdischen Friedhof in P l e s ch e n wurden am 5. ds. Mts. 14 - Grabsteine gewaltsam umgeworsen. Von dem Täter fehlt jede Spur. — Die Juden in andberg haben sich der Synagogengemeinde G ostin angeschlossen. Die Sandberger Synagoge wird am 18. ds' Mts. meistbietend verkauft. Oesterreich-Ungar«. Wie«. Fahnenflüchtig. Im Oktober haben hier wieder 70 Juden die Fahnenflucht ins christliche Lager vollzogen, darunter folgende Aka- . demiker: Redakteur Dr. Gustav Wengraf, Chemiker Dr. Leopold Scheinberger, Nordbahn-Kvmmissär Tr. Benjamin Weinbach» Dr,>salomon Firnberg, Tr. Emil Lederer, Dr. Oskar Bart, Dr. Otto Margulies, Arzt Dr. Manes Brodfeld. Wie«. Fünfzig tausend Kronen wird das »Mrmitee der Baronin Hirsch Kaiser Jubiläums- Wohltätigkeitsstiftung", anläßlich, des begonnenen 60. Regier»ngsjahresdes Kaisers an Personen, insbesondere Familienväter, welche durch Krankheit oder Unglücksfall verhindert sind, ihrem Berufe nachzugehen, zurVcrteilungbringeu. Czernowitz. Die deutschnationale Studentenschaft der hiesigen Universität hatte vor einigen Tagen in einer P r o t e st v e r s a in m - lung gegen die Erteilung der venia legendi an den Prager Dozenten Dr. Mahler, den zionistischen Reichsratsabgeordneten, Stellung genommen. Der akademische Senat hat nunmehr den Herren wegen der ganz ungehörigen Einmischung die Mißbilligung ausgesprochen. - Stof««. Wieder ein jüdisches Mädchen ins Kloster entführt! Am 12. November verschwand die 17jährige Tochter Lea der verwitweten Schankwirtin Mirla Gänger in Czchow. Die volizeilichen Recherchen ergaben, daß das Mädchen in das hiesige Kloster der Feliziancrinnen entführt worden war und mit Muhe gelang es der Polizei, das Mädchen aus dem Kloster herauszubekommen. — Am 23. Nov. ist Lea Gänger nun wieder verschwunden und seitdem unauffindbar. Italien. Pom. Ernesto Nathan, Bürgermeister von Rom, über Judentum und über Zionismus! — Einem Berichterstatter gegenüber äußerte sich Ernesto Nathan: „Gleich vielen unserer Glaubensgenossen hierzulande halte auch ich unerschütterlich daran fest, daß das Judentum dazu bestimmt ist, zu allen Zeiten und aller Orten auf der großen Völkerbühne mit an der Spitze der Zivilisation zu schreiten. Und daß uns Juden diese Rolle immer wieder zusällt, darauf können wir wahrhaftig stolz sein. Ich bekenne cs rückhaltlos, daß, obzwar ich Freimaurer bin, ich nichtsdestoweniger die Religion meiner Ahnen hoch in Ehren halte. Und was speziell den Zionismus betrifft, möchte ich mich darüber nur insoweit äußern, daß ich. sage, ich teile in diesem Punkte die Ansicht unseres unvergeßlichen großen Luzatto, welcher doch bekanntermaßen der jüdisch-nationalen Bewegung sympathisch gegcnüberstand. Gleich ihm gebe auch ich meiner Meinung Ausdruck, daß der Zionismus vielfach dazu beitragen wird, daß endlich in den Staaten Ost-Europas die hochaufgetürmten Ghettomauern niedergerissen und die getretenen, geknechteten Glaubensbrüdcr dortselbst endlich einmal Gleichberechtigung — in des Wortes edelster und vollster Bedeutung — erlangen werden." Rußland. Petersburg. Ein neuer Befehl des O d e s s a e r K c n e r a l g o u v e r n e u r s. Der neue Generalgouverncur in Odessa erließ einen merkwürdigen Befehl. Er lautet: lim zuverlässigen Personen die Möglichkeit zu gewähren, alle gesetzlichen Mittel.zum Selbstschutze zu gebrauche», hat der Odcssaer Generalgouverncur allen ihm »ntcrsteheiiden Polizeibehörden vorgeschrieben, „unentgeltliche Erlaubnisscheine zum Tragen und Aufbrwahren von Waffen an zuverlässige und der Polizei bekannte Personen zu erteilen. Personen, welche der Polizei unbekannt sind, erhalten solche Erlaubnisscheine auf schriftliche Empfehlung von bekannten zuverlässigen Personen." Der bekannte Rechtsgelehrte, Prof. K u s m i n - K a r a w a j e w, analysiert vom juristischen Standpunkte die Gesetzlosigkeit dieses neuen, eigenartigen Befehls und weist zum Schluß darauf hin, zu welchen Folgen diese Auszeichnung von „bekannten zuverlässigen Personen" führen wird. „Man braucht kein Prophet zu sein," — erklärt Kusmin-Karawajew — „um zu behaupten, daß'dicse Aushändigung von Zeugnissen auf „Empfehlung" in der Praxis eine große Rolle spielen wird. Bis jetzt wurde man in Odessa mit Gum mischläu ch e n in i ß - h a n d e l t. I c tz t a b e r k ö n n c n d e m S t r a ß c npöbel Brownings und Revolver anderen Systems zur Verfügung g c st e l l t werde n." Bei dem innigen Zusammenhang zwischen der Polizei und den Berbändlern in Odessa wirkt der Befehl des Gencralgouverncurs nicht gerade beruhigend. Rufs. Korresp. Rumänien. Bukarest. Wie man ohne Blutvergießen Menschen langsam, aber sicher zu Tode martern kann, zeigt die rnmänisch: Regierung den Juden. Geradezu unerschöpflich ist sie in der Erfindung von Drangsalierungen der Inden, die an Grausamkeit den Autodafes des Mittelalters nicht nachstehen und nur darauf Rücksicht nehmen, das ästhetische Gcsühl des europäischen Gewissens nicht zu verletzen. Bekanntlich sind den Kindern der jüdischen Steuerzahler die rumänischen «chulen verschlossen; ebenso wie in Rumänien der Jude seine Militärzcit abdicnen muß, ohne gesetzlich «als rnmänischcr Staatsbürger zu gelte». Was bleibt da den Juden, wenn sie ihre Kinder nicht nach den Wünschen der Regierung als Wilde auftvachscn lasse» wollten, anders übrig, als eigene Schulen zu errichten. — Jvtzt haben nun in vier Bezirken die jüdischen «Lchnlvorstände von der Regierung die Ordre beIomme», sür rnmänische Sprache, Geschichte und Geographie nur christliche Orthodoxe anzustellen und die jüdischen Lehrkräfte sofort zu entlassen. Das hat sich noch nicht einmal Rußland erlaubt, und verzweifelt fragen wir rumänischen Inden: wenn schon das Gewissen Europas schweigt, — hat auch das Herz unserer jüdischen Brüden für uns zu schlagen aufgrhört? Bulgarien. Philippopel, 10. Dez. Schon mehr als drei Jahre lebe ich unter den hiesigen spaniolischcn Inden, deren Charakter einigermaßen zu ergründen ich mir zur Ausgabe stellte, und noch nie habe ich bei ihnen eine solche Gleichgültigkeit gegen alles Jüdische wahrnehmen können, wie gerade jetzt. 'Während dreier Jahre fehlte mir nie die Gelegenheit, aus dem hiesigen jüdischen Leben günstige Momente ycrauszufinden und sie durch "dieses geschätzte Blatt der Ocffcntlichkcit zu übergeben. Jetzt aber ist das jüdische Gemeinleben dermaßen gesunken, daß ' die vielen hier, existierenden Vereine, die der Wohltätigkeit oder Förderung gcinciiinutziger jüdischer Ideen dienen, ihre Tätigkeit gänzlich eingestellt zu haben scheinen. Die Geldkrisen, die Bankrotte, unter denen viele unserer Glaubensgenossen gelitten, haben die Einzelsorgen turmhoch erhoben und die Interessen der Gesamtheit in deu Hintergrund gcschob c n. Selbst die Zionisten, die in den ersten Jahren eine segensreiche Tätigkeit entfaltet, die hebräische Sprache gefördert, häufig literarische und mnsikalischc Abende zum besten des jüdischen Nationalfonds veranstaltet habe», vernachlässigen jetzt die von ihnen vertretene Sache. Diese Wendung der Dinge hätten freilich ihre Führer bei dem Grundcharakter der hiesigen spaniolischcn Inden, die sich stets schnell für eine neue Idee begeistern, aber gerade so schnell wieder ernüchtern, voraussehen könne». Auch die Alliance Jsraelite Universelle weiß von. dem nnznverlässigen Interesse der hiesigen Inden zu erzählen. Die durch die iin Juni dieses Jahres ansgeführten Gemeindewahlcn entstandene Kluft in der Gemeinde ist noch nicht überbrückt worden. Noch stehen sich G e m c i n b e r a t n n d S ch u l k o m i t e c feindlich gegenüber und machen gar keine Anstalten zur Bersöhung,. ungeachtet dessen, baß da¬ Nr. 49 durch 20 Lehrer schon mehrere Monate für ihre schwere Arbeit keinen Gehakt erhielten und ein sehr kümmerliches Dasein führen müssen. Anstatt dessen sucht jedoch die breite, aller Bildung bare Masse dem Lehrer seine sauere Mühe mit'.Ausdrücken wie: „Ich werde ihm den Schädel, die Augengläser einschlagen". oder „das Messer werbe ich ihin in die Brust stechen" zu vergelten, Ivcil er in überströmendcm Zorn dem Schüler ein unpassendes Wort sagte oder ihm gar seine Hand fühlen ließ. Bei einem solchen Publikum ist' es nicht zu verwundern, daß die „Ideale" in gleicher Schnelligkeit kommen und verschwinden; denn nicht tiefes Eindringen in die Idee, sondern blinde Nachahmungssucht hat sie für dieselbe gewonnen. Der Großrabbincr Dr. Ehrenpreis ineldete für den 7. Dezember seine Ankunft in Philippopel, um in der Synagoge über Channka zu sprechen. Der Besuch wurde jedoch verschoben. Doch als niemand die Philippopeler Juden aus ihrem Schlafe auszurütteln vermochte, versuchte es der sehr beliebte hebräische Lehrer Charabbi Samuel ■ Benjamin in einem vorigen Samstag in der Synagoge „Zion" gehaltenen Bortrag mit dein Grundgedanken, das; Channka uns gerade lehrt, wie Religion und Nationalismus Hand in Hand gehen müssen, den indifferenten Philippopeler Juden auf den Busch zu klopfen. Nur die israelitische Schule, die trotz.des Personenwechsels noch 'einigermaßen ihren Grundsätzen treu geblieben ist. ließ es sich nicht nehmen, in gewohnter Weise die „Merenda"*) zu feiern. Sonntag den 8. Dezember, wurden vormittags die kleineren, nachmittags die größeren Schüler versammelt. Lehrer und Lehrerinnen, sogar die christlichen, hielten Ansprachen und ermahnten die Kinder, an ihrer Nation, ihrer Sprache und Religion mit aller Kraft festzuhältcn. Die Kinder selbst trugen Gedichte in verschiedenen Sprachen vor und empfingen zuletzt die rotverznckertc» Aepfel mit großem Jubel. Vor dem Nachhauscgehcn tanzten Lehrer und Schüler gemeinsam Choro, den bulg. Nationaltanz, erstere wurden auch gegen ihren Willen in die Höhe gehoben und mußten den Kindern einige schöne Worte sagen, worauf ein ivildcs Hurra folgte. Es fragt sich nur, ob die Kinder, die wie Wachs in unseren Händen sich 'formen lassen, auch dann, wenn das ernste Leben mit seinen unerläßlichen Kämpfen vor sie treten wird, ob '.sie dann auch den ihnen in der Schule eingewurzelten speziell jüdischen Ideen treu bleiben werden. I s a a c K a n c l. Palästina. Jerusalem. Die von dem B e r e i n ,.L e m a a n Zion" jüngst wieder ausgebildcten 12 Steinl, a u e r l e h r l i n g e verdienen bereits ihr Brot; nach 3—4 Monaten dürften sie voraussichtlich einen Tagclohn von 3 Francs erhalten. Unter Steinhauerei versteht man hier die Arbeit, Steine so zu behauen, daß sie zu Bauten statt Ziegel verwendet werden könne». Die Gegend um Jerusalem besteht aus lauter Kalkfelseil — Ziegel, die nur aus Europa gebracht werden, sind sehr kostspielig; auch ist Palästina sehr holzarm und muß das Bauholz vom Ausland eknführen, sodaß nichts übrig bleibt, als Steingebäude zu errichten, für welche das Material an.Ort und Stelle selbst gewonnen wird. Jedes Gebäude fängt mit Felsensprengung und Steinbehanung an. Die «steinbehauung dauert bis zur Vollendung des Baues, denn sogar die Pfosten und Fensterrahmen, Plafonds' und Dach werden nur aus Steinen gemacht; nur Türen und Fensterkrcuze sind aus Holz. — Selbstverständlich ist unter solchen Umständen eine Feuerversicherung überflüssig. — Die Apotheke des „Lcmaan Zion" fertigte im November 1875 Rezepte an und die Aerzte des Vereins behandelten in diesem Zeitraum 1510 Aügcnkrankc und 1402 sonstige Kranke. Jerusalem. Die Teuerung. Die dieses Jahr internationale Teuerung wird natürlich unter den hiesigen 40 000 Juden, von denen die meisten Proletarier sind, sehr stark empfunden, und das Elend ist sehr groß. Trotzdem oder gerade deshalb ist cs nichr zu rechtfertigen, wenn die von Palästina aus wegen der Teuerung überallhin versandten Depeschen den Telegraphen um — sage und schreibe — 5000 Francs (die Zahl ist offiziell) bereichert haben. Ebenso muß beanstandet werden, daß die Kollekteure trotz der großen Summen, die bei ihnen eingelaufen sind, noch nicht mit der Geldvertcilung begonnen haben. Dagegen verdient rühmend hervorgehoben zu werden, daß die Niederlagen der Alliance Israel i t e Universelle für die ganze Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens geöffnet sind und Mkehl zu sehr niedrigen Preisen verkaufen. Der griechische Patriarch und hervorragende Muselmänner haben den Vertretern der Alliance für diese Hilfsaktion den Dank ausgesprochen. *) Span. Mahlzeit. Die Chanukaseier wird von den Spaniolen so benannt nach der großen Mahlzeit, die z'n ihrem Anlaß in früheren Jahren veranstaltet wurde.

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