Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 49 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Nr. 49 rigeir Kölnge rechtfertigen wollten, brauchten die letzteren bloß auf den Geist des Gesetzes, auf die feurigen Worte der Propheten hinzuwcisen, um den Groll der Völker gegen jede Gewaltherrschaft, gegen jede gesellschaftliche Ausbeutung hervorzurufen und wach zu halten. Lange bevor die Juden in den vorderen Reihen der Freiheitskämpfer standen, stand hier die altjüdische Ideologie und kämpfte für die Erlösung von Rom, für die Erlösung der Menschheit überhaupt. Von dem Feuerbrand auf den Scheiterhaufen, wo die geistige Erbschaft Israels brannte, flogen die glühenden Funken, begegneten sich mit den ersten Strahlen der ansdämmerndcn Morgenröte der Renaissance und verbreiteten Licht und Wärme auf das schmachtende Europa. Was der gemarterte Jude verschwiegen hat, schrie der alte Judaismus laut aus. Tief verborgen in seiner Seele trug der Jude seine große Trauer und seinen gerechten Zorn. Erst zur Zeit der Renaissance wagte er es zum ersten Male, seinem Zorn Lust zu machen. Als die klassischen Nanien Mode wurden, versuchte es auch der Jude, sich seine Namen aus dem Altertum herzuholen. Es waren dies „die Namen der großen semitischen Römerfeinde"/) die sich die Juden aneigneten. Die Zeit war aber nahe, da die großen Gelehrten heimlich in die „verworrenen Schlupfwinkel", in die „dunkeln Ghettos", wo das „gemordete Volk" Israel seine Bibel bewahrte, Hinabstiegen, um „die Kenntnisse der hebräischen Sprache zu erwerben", „zum wirklichen Worte Gottes gelangen und die römischen Unterstellungen entdecken" zu können. Es war dies vielleicht der schrecklichste Moment für Rom. Rom überlebte die Renaissance des Griechentums. Die Päpste nahmen selbst einen bedeutenden Anteil an der Bewegung. Aber die Anfänge der Wiederauflebung des Judaismus, den Sieg der Humanisten über die Dunkelmänner, die die hebräische Sprache unterdrücken wollten, — führten direkt zu der Reformation. „Als Reuchlin siegte, konnte Luther sein Werk beginnen"?) Luther begann sein Werk und fand Fortsetzer genug. Die ganze spätere Geschichte Europas setzte auf allen Linien des Denkens wie auch des Tuns das Werk Luthers fort. Und hinter Luther standen die Führer der aufständischen Bauern und kämpften im Namen der alttestainentarischen Dcmokratie gegen die unterdrückende Herrschaft der Aristokratie. Nun aber kam das 17. Jahrhundert und in England brach die Revolution aus. Da sehen wir eine merkwürdige „geschichtliche Tatsache, daß in der großen Mehrzahl die ersten protestantischen Verteidiger der bürgerlichen Freiheit ihre politischen Grundsätze hauptsächlich ans dem Alten Testamente und die Verteidiger des Despotismus die ihrigen aus deni Neuen Testamente herleiten. Die Aufstände, welche häufig in der jüdischen Geschichte waren, bildeten die Lieblingsthemata der Einen, die rückhaltslose Unterwürfigkeit, welche Paulus einschärfte, die der Andern."») Dann >var es kein anderer als Bodin, der Begründer der Staatsphilosophie in Frankreich, gewesen, der sein ganzes System auf den Judaismus baute. Lange bevor Lessing seinen „Nathan den Weisen" den Sieg über die Vertreter aller anderen Religionen davontragen ließ, tat es Bodin in seiner Schrift „Colloquium heptalomeres", in der der Jude augenscheinlich gegen diese Kenner aller anderen religiösen Weltanschauungen Recht behielt. Bodin's Verehrung des Alten Testaments „war so' groß, daß einige (unter anderen Grotius und Hallam) die Frage aufgeworfen, ob er wohl an das Neue Testament geglaubt habe."^) 1) S. Jac. Burckhard: Die Kultur der Renaissance usw. (Basel, 1860, S. 245). 2) H. Heine's Gesammelte Werke (Berlin, 1887, Bd. 5, S. 47.) ») Geschichte . . . . der Aufklärung in Europa von Lecky (d. U., Leipzig und Heidelberg, 1868, Bd. 2, S. 134). .4) Ibidem (Bd. 1, S. 104). .. Frankfurter JsraÄBWs Familienblatt. Die Renaissance des Judaismus in Europa, die im 16. Jahrhundert begonnen hat, im 17. fortgesetzt worden ist — wurde bei weitem nicht zu Ende geführt. Viele Umstände haben daran Schuld. Vor allem der sich hervordrängende skeptisch-voltairianische Geist, der alles Hohe zu bespötteln und zu bekritteln suchte. Dann die sozialpolitische Emanzipation der Juden, welche den geistigen Antisemitismus schuf und nährte. Trotzdem aber ist die Arbeit der Renaissance des Judaismus gänzlich auch in unseren Zeiten nicht aufgegeben worden. Hier und da werden im Stillen die Steine gesammelt, zusammcngetragen, von denen einmal das große Gebäude entstehen wird. Die Woche. Der Wahlkampf in unserer Gemeinde ist vorbei; die Liberalen haben den Sieg davongctragcn. Worauf ist nun dieser Sieg zurückzuführen? Etwa auf die Haltlosigkeit der tradioncllen Prinzipien der Konservativen? Keineswegs! Das traditionelle Judentum setzt sich in keiner Weise zu wirklich demokratischen Anschauungen in Widerspruch. Der beste Beweis für die Stichhaltigkeit der konservativen Ideen ist der Umstand, daß die Einsichtigen unter den Liberalen immer mehr zu der Erkenntnis gelangen, daß mit der bloßen Negation das Judentum für die Dauer nicht zu halten ist und nur die positiven Momente im Iu d en tum e s s i n d, d i e d e s s e n E r h a l t u n g e r m ö g l i ch e n. Die Niederlage der Konservativen ist vielmehr einerseits auf den bedauerlichen Irrtum zurückzuführen, daß man die Liberalen in ihrer Lebensweise vergewaltigen wolle — wir sagen: Irrtum; ist doch das Judentum vor allem gerecht, und wie sollten Männer, die in den Jußtapfen der Ueberlieferung wandeln und die Fahne des Judentums Hochhalten, nach der Freiheit der Andersdenkenden trachten und Bergewaltignngspläne in ihrem Busen tragen? „Ein Hakodausch boruch hu bo> bitrnnjo im Brijausow (Gott geht nicht mit Härte mit seinen Geschöpfen um)" sagten unsere Weisen. Mso die Angst vor den schrecklichen Konservativen, vor deren Vergewaltigungsplänen war cs, die die Liberalen zur Urne trieb; anderseits muß der Sieg auf das Konto der gemäßigten liberalen Kandidaten geschrieben werden. Also nicht die Negation, das Verneinende im Judentum, hat gesiegt, sondern das Positive, das Bejahende, h atde n Siegdavon getragen; dessen müssen sich die neuen Kandidaten' stets bewußt bleiben! Werden die neuen Kandidaten dieses Bewußtsein in die Gcmeindestube mitnehmen? Man sagt uns, die neuen Kandidaten sind einsichtige, gemäßigte und gerechte Männer. So sagt man; — die Erfahrung möge es beweisen! .Und noch eins ans ihren Weg zur 'Gemeindcstube: Das demokratische Wahlrecht, wonach die Gemeinde lechzt Und das das Judentum erheischt, ist cs. für das sie eintretcn müssen! * * „Das Defizit des bedeutendsten jüdischen Woliltätigkeitsvcreins Londons, des Uewish Board of Guardians, dürfte in diesem Jahre fast 200,000 Mk. betragen." „Die Vereinigten Jüdischen Wohltätigkeitsvereine in Newyork, deren letztjährige Einnahnie 248,000 Dollars betrug, befinden sich in einer sehr kritischen Lage und müssen ihre Tätigkeit für eine Zeitlang ansheben, wenn nicht sofort größere Summen aufgebracht werden." Auch bei uns in Deutschland klagen die jüdischen Wohltätigkeitsvereine über die ständige Erhöhung der an sie gestellten Anforderungen und über das Nachlassen der Spenden. Die einfachste Erklärung für diese bedauernswerte Erscheinung ist in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Weltkrisis zu suchen. Aber wer tiefer blickt, weiß, daß auch noch eilt anderer Grund vorhanden ist: unsere Neichen, die immer die größten Summen gegeben haben und noch geben, spenden jetzt ständig weniger für jüdische und ständig mehr für sogenannte interkonfessionelle Zwecke, von deren Nutznießung trotz ihrer Jnterkonsessionalität in Wirklichkeit meistens die jüdischen Bewerber ausgeschlossen werden. Auf dem großen Meeting der Vereinigten Jüdischen Wohltätigkeitsvereine in Newyork sprach es einer der Teilnehmer offen aus, daß die Kinder unseres Philanthropen in der Regel für jüdische Wohltätigkeitszwecke nicht mehr zu haben sind. > Also der gewaltige Auflösungsprozeß, der die Judenheit heute zersetzt, der von jüdischer Unwissenheit und Gleichgültigkeit zu Mischehe und Taufe führt, ist es, durch den nun auch unsere Wohltätigkeitspflege, die stets unser Stolz war, gehemmt und zerstört wird! Was ist da zu tun? Sollen wir an das jüdische Herz appellieren? Der 'Appell ivürde fruchtlos sein, denn zu dem jüdischen Herzen gehört auch jüdisches Solidaritätsgefühl. Und'dieses'wird nur dann wieder unter uns in seiner alten Weise aufleben, wenn wir uns der gemeinsamen idealen Güter, die uns als Juden eigen sind, wieder bewußt 'werden. — Es gießt nur ein „Zurück zum Judentum" für den, der nicht ein „Heraus aus dem Judentum" will! Aus aller Wett. Deutsches Reich- Frankfurt a. M., 19 Dez. Die öffentliche Sitzung des Ausschusses der israel. Gemeinde, die gestern abend.stattfand, erklärte ihr Einverständnis mit einer Nachbewilligung von 1100 JL zu de» Kosten, die die Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden der Gemeinde verursachr hat, ebenso ist sie mit einer Ausgabe von 4000 JL für Errichtung ejnes Physikalischen Kabinets im Neubau des Philanthropins, Ivelches der Vorstand dem Philanthropin als Einzugsgeschenk der Gemeinde zu geben vorschlägt, einverstanden. — Der Ausschuß nahm des ferneren niit Befriedigung davon Kenntnis, daß lt. ininistrieller Verfügung der von Herrn Rabbiner Dr. Horovitz eingeführte jüdische Religionsunterricht als lehr planmäßiger Gegenstand in 4 Abteilungen zu je 2 wöchentlichen Stunden an den hiesigen königlichen Gymnasien gelehrt wird und bewilligt die dadurch entstandenen Mehrkosten. — Der nun auf der Tagesordnung stehende Punkt, war der letzte der öffentlichen Sitzung. Es handelt sich um die Einrichtung einer Bernrittlungsklasse für 5 bis kjährigq Kinder ab 1. 'August im Philanthropin, in welcher Klasse die Schülerinnen der «clekta unter Aufsicht einer mit 1600 JL Anfangsgehalt anzustellenden seminaristisch gebildeten Lehrerin nach der Pestalozzi-Fröbel'schen Methode unterrichten sollen. Die Neueinrichtung macht außerdem dine Unterrichtsst u nd e in Gesundheitspflege in der Sclekta notwendig, die von einer Aerztin für 200 JL pro anno gegeben werde» soll. Der Ausschuß geirehmigt die Kosten, die voraussichtlich durch das Schulgeld (JL 60.— pro anno in der Vermittlungsklassei wieder gedeckt werden. Berlin. DerHilisverein der deutschen Juden hat nachfolgenden Bericht über die Notlage in Palästina erhalten: „War schon durch den Regenmangel im letzten Winter, welcher eine Mißernte zur Folge hatte, eine Verteuerung der Lebensmittel zu erwarten, so ist dieselbe bedeutend gestiegen durch den erhöhten Einfuhrzoll, durch die exorbitanten Ernteabgaben, welche die Fellachen veranlassen, einen großen Teil ihres Bodens brach liegen zu lassen und nicht minder infolge der stetig zunehmenden Immigration. Eine ausgestellte Preistabelle sämtlicher Konsumartikel wie Fabrikate beweist eine Steigerung um M°/o. Zu dieser außergewöhnlichen Teuerung kommen noch die Umstände hinzu, daß in diesem Jahre das Wasser in den Zisternen bereits im Juni zu Gnde war und die arme Bevölkerung während fast 5 Monate das Wasser zu ungewöhnlich hohem Preise kaufen mußte, und ferner, daß durch die finanziellen Krisen im Auslande alle Wohltätigkeitsanstalten eine Verminderung der Einnahmen zu verzeichnen haben. Die Notlage wird in diesem Moment noch vergrößert durch das rigorose Vorgehen der Behörden beim Eintreiben der Militärsteüer und durch 'die besonderen Bedürfnisse im Winter. Durch das schlechte Trinkwasser hat sich außerdem der Gesundheitszustand der armen Bevölkerung in den letzten Monaten des Sommers sehr ungünstig gestalten." Angesichts dieser Notlage hat der Hilfsverein der deutschen Juden seinem Geschäftsführer im Ehrenamt Herrn Dr. Nathan, der zur Zeit in Palästina weilt, die nötigen Mittel zur Linderung des Notstandes zur Verfügung gestellt. Berlin. Moses Mendelssohn in Berlin ein Denkmal zu errichten, wird beabsichtigt. Die Ehrung soll Mendelssohn als dem Mitschövser des deutschen Prvsastyls und als dem Manne gelten.