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Neue jüdische Presse · 1907-12-20 · Heft 49 (20.12.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 49 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49. Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich R o t t. (Fortsetzung.) Es war ein eigentümliches Verhältnis zwischen diesen zwei Männern, die beide dem gleichen Stande angehörten, in allem übrigen einander jedoch so nnähnlich wie möglich lvarcn.' Dev Großinquisitor, eine gedrungene Gestalt nrit kurzem Hals und großen« bedeutenden« Kopfe, dessen dunkel olivfarbencs Gesicht die meisten nicht ohne inneres Granen anzuschanen vermochten, denn er war allgewaltig, und kein menschliches Fühlen sprach" ans seinen Zügen. Der Prior dagcge«« tvar ei«« auffallend schöner Mann, von hohen« schlanken Wuchs und breitschulterig. Die feinen weichen Züge seines srischgefärbtcn Angesichts verliehen demselben den Ausdruck seltener Güte; sein Mund war klein und schön geformt, and wenn er sprach, erglänzten zwei Reihen weißer, verlengleicher Zähne; seine großen dunkeln Auge», die im Moment der Erregung Blitze schleudern könnten, waren in Gegenwart des Allgewaltigen fast iminer bis mehr als über die Hälfte mit den Augenlidern bedeckt, die in seltsam langen dichten Wimpern endeten, denn auch er fürchtete, die scharfen, talten Augen des Großinquisitors könnten bis tief in sein Inneres dringen, könnten seine gcheiinsten Gedanken erraten. Darum ärgerte er sich auch so häufig, daß er es nicht ändern konnte, daß alles Blut ihin zuin Herzen strömte und seine Wangen farblos «nachte, tvcnn er der Schrecknisse der Zeit gedachte. Aber grade dieser häufige jähe 'Farbenwechsel, den sich der Großinquisitor nicht erklären konnte, machte diesem das sympathische Angesicht des Priors noch sympathischer. Wohl schätzte er die seltene Gelehrsamkeit des noch ziemlich jungen Mannes hoch und hielt sich von seinen« glühenden Glaubcnscifer felsenfest überzeugt, aber dieses allein hätte ihn schwerlich in diesem Maße geneigt gemacht, den Wünschen des Priors, insofern dieselben seinen« eigene«« Strebe«« ««icht e««tgegen waren, zu willfahren. Auch jetzt beobachtete der Großinquisitor mit sichtlichem Interesse, «vie die Farbe in dem ansdrucksvollem Angesicht des ihm Gegenübersitzenden bald stieg, bald schwand. „Also, Herr Prior, lasset hören, was habt Ihr auf den« Herzen?" „Ew. Eminenz wissen —" „Hält!" fiel die Eminenz ein, „ich lvciß — oder vielinehr ich glaube Euer Anliegen zu erraten. Es betrifft die Glanbensscicr des «nvrgigei« Tages. Jst's nicht so?" „Dem Scharfblick Elv. Emiucnz sind die geheimsten Gedanken meines Herzens offenbar." Der Großinquisitor nickte ihm lächelnd zu. „So ist's, «nein lieber Herr Prior, Euer weiches Herz liegt offen vor mir «vie ein anfgeschlagenes Buch, und ich sehe es zucken in unsäglichem Schmerz über alle die unbußfertigen Sünder, die morgen vor dem Throne des Allmächtigen erscheinen sollen. Jst's nicht'so?" „So ist's", stimmte der Prior zu mit bebenden, farblosen Lippen und seltsam heiserer Stimme, „Ew. Enlinenz —" „Hält! — ich will Euch selbst Euer Anliegen sagen. Jhrwollet «vicder «vie vor dem vorigen Auto da Fee den Versuch machen, wenigstens einige der Unglückseligen zun« Abschwörcn ihrer Ketzerei zu bewegen." „Der Versuch ist 'mir damals gelungen, Eio. Eminenz werden sich crinnern —" „Gewiß, ich erinnere «nich und ich zolle Eurem Streben vollste Ancrkeniinng, Ihr seid ein «vackerer Kämpfer für den Herrn." „Tie Lorbeeren Elv. Eminenz lassen mich nicht ruhen", entgegnetc der Prior, ein Lächeln erzwingend, „lvas Ew. Eminenz in« Großen üben, das möchte ich «venigsten im Kleinen versuchen — vielleicht wird es wieder gelingen." Der Großinquisitor schüttelte den Kopf. „Das bezweifle ich, bezweifle es ganz entschieden, es ist diesesinal ein ganz besonders ««««bußfertiges Mate¬ - Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Serie 5. rial, 'und wenn Ihr mit Engelszungcn zu ihnen reden «vürdet, cs wäre dennoch ohne Erfolg." „Wenn Ew. Eininenz mir dennoch einen Versuch gestatten wollten", bat Prior, „ein Versuch könnte doch nicht schaden." „Schaden könnte e«n Versuch freilich nicht, aber ich glaube auch nicht, daß er irgend wie nutzen würde. Ihr wisset doch, bevor sie zur Richtstättc geführt «verdei«, werden sie nochmals dringend erinahilt, bic heilige Taufe zu empfangen und ihnen dafür ein nähezn schmerzloser Tod durch Erdrosseln in Aussicht gestellt — aber ich weiß es im vorhinein, es wird umsonst sein." „Wollten Eiv. Eminenz mir dennoch den Versuch gestatten", wiederholt der Prior in bittendem Ton, „ich glaube mit Bestimmtheit, er ivürde gelingen. Ich «viirde die llnglückseligen erst im Anblick der Richtstätte, wo alles zu ihrem qualvollen Tode bereit, birrch gncine Leute ans den Reihen entsernen und in's Kloster bringen lassen — dort erst würde ich ihnen mit flammenden Worten die grauenvollen Qualen schildern, die ihrer «vie diesseits'so gjich jenseits harre», sodaß ihnen das kühlende Ta«rj>vasser ersehnt sein «vird, «vie dec rasche schmerzlose Tod, den ich ihnen als Uebergang schildern «vcrde zu ihrem sofortigen Eingang in das Himinelrcich." Der Großinquisitor betrachtet lächelnd den Erregte««, der ihn« in seiner Erregung noch schöner erschien. „Ihr habt eine seltene Gabe, die Menschen Euren Wünschen geneigt zu machen. Ich «vill es daher auch nicht mehr als «»«möglich erkläre», daß Ihr die Ketzer Eurem Willen geneigt machen «verdet. Aber «oenn Eure Mühe nun dennoch vergebens wäre?" „Da>«n, E«v. Eininenz, dann führe ich sie selbst zurück zur Richtstätte und stoße sic mit eigener Händ in die Gluten, das schivöre ich bei dem Heil meiner Seele!" Der Großinquisitor blickte abermals lächelnd za ihm hinüber, „lind wem« es Euch gelingen wird, sie Eurem Willen geneigt zu machen, «vie dann tveiter?" „Dann empfangen sie von meinen Leuien den Gnadenstoß und die Kadaver «verdei« unter meiner Aufsicht zurück zur Richstätte gebracht und von meinen Leuten dort den Flammen übergeben." „Topp, Herr Prior! Euer Wunsch sei euch gcivährt, vier Ketzer «vill ich Euren« Versuch überlassen." Eine Blntivelle überflutete in« Moment das intelligente Angesicht des andern. „Empfangen Elv. Eininenz meine«« tiefempfundenen Dank." „Der Dank kam Euch von« Herzen", entgegnetc lachend der Großinquisitor, „Ihr seid ein guter Mcnsch, ein eifriger Streiter für die Scharen des Herrn." ' „Ich betrachte jede Seele, die es mir gelingt, beit Höllenqualen zu entreißen, als ein Dankopser dem Altliebenden." „Wohl gesprochen, Herr Prior, mir aus den« Herzen gesprochen. Ich gestehe offen, ich traf bisher noch keinen Menschen, der die Gedanken und Gefühle, die mein Inneres erfüllen, in so «varme, schöne Worte zn kleiden «vüßte, «vie Ihr. Es ist ja richtig, a««ch ich betrachte jede Seele, die eS mir gelingt, der ctvigen Berdamninis zu entreißen, als ein Dankopser dein Allliebenden. — Aber diese schöne» Worte sind mir nicht in den Sinn gekominen. In dieser Beziehung seid Ihr auch mir über, Herr Prior." „Ew. Eminenz belieben zn scherzen", «vehrtr der Prior bescheiden das Lob ab. „Nein, nein, ich scherze nicht, und — da füllt mir-etwas ein. Habt 'Ihr schon einmal von einem gewissen Luther gehört?" „Bon den« .frechen Augustinernlönch, der im vorigen Jahrhundert im heiligen, rviniichen Reich als Reformator a««fgetretcn ist? — Geloiß habe ich von ihn« .gehört, schon ans der Universität von Salamcinxa «var nicht selten von ihm die Rede." „Da sehet her, leset, tvaS n;ir dieser Tage zngeschickt worden ist. Er hat es sicherlich in deutscher Sprache geschrieben, und eS ist vermutlich nur für mich i««'s Lateinische übersetzt worden. Leset es, Herr Prior, und schreibt 'einen geharnischten Artikel dagegen, .so wie ihn Euch Euer lvarmes Herz eingeben wird, selbstverständlich auch in lateinischer Sprache." Der Prior nahm das Blatt, das der Großinquisitor ihm reichte und las: „Bon Dr. Martin Luther 1523: Daß unser Herr ein geborener J««de «var. „Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophisten und Mönche haben bisher also mit den Inden verfahren, daß, «ver ein guter Christ gewesen, hätte «vohl inögen ein Jude «verdei«. Und «oenn ich ein Jude gelvescn «väre, und Hütte solche Tölpcn und Knebel den Christenglauben regieren und lehren gesehen, so «väre ich eher eine San gelvorden als ein Christ. Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als «vären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts mehr tun können, als sie schelten. Sie sind Blntssrennde, Vettern und Brüder unseres Herrn: darum, «venu man sich des Blutes und Fleisches rühmen soll, so gehören die Inden Christo mehr an, denn «vir. Ich bitte daher meine lieben Papisten, «ven» sie müde gelvorden, mich Ketzer zu schimpfen, daß sie nun aiifangen, «nich einen Inden zu schelten." „Eio. Eininenz lvünschcn» daß ich diesen Artikel beleuchte?" „DaS «vünsche ich allerdings, die Frechheit ist allzugroß, das darf nicht ungeahndet bleiben. „Der Wunsch Elv. Eminenz ist mir Befehl, selbstverständlich. Doch habe» E«v. Enrinenz nicht vielleicht das Datum übersehen?" „Das Datuin habe ich allerdings übersehen, von ivann ist denn der Wisch datiert?" „Vom Jahre lö23, demnach vor bereits 167 Jahren." (Fortsetzung folgt.) Aus der Geschäftswelt. Die in der Technik stets mehr eintrctcnde Spezialisierung hat sich auch auf den W ä s ch e r e i betrieb ausgedehnt. Es ist klar, daß bei Verwendung von Spezial- «naschiuen der Arbeitsvorgang viel exakter dem Charakter des betr. Stückes angepaßt «verdei« kann und damit allein die Schonung, richtige Formerhaltnng imb Erncnernng erreicht wird, «vie sie der vornehme Geschinack verlangt. Es zeigt sich dies besonders einleuchtend bei der Behandlung von Herrenhemden, die ans einer ainerikanischen Heindenbrnstpresse — bisher hier in Frankfurt nur bei der „Union" Dentsch- Alnerik.-Großwäscherei H. Jacob««, Bettinastr. 35, in« Betrieb — behandelt werden. Das Herrenhemd wird dabei über ein seiner Form entsprechendes Fayonstück gezogen und durch einen darauf passenden Steinpel einem ruhigen Druck ausgesetzt, ein Hergang, bei den« es viel «veniger angegriffen wird, als durch eine bügelnde Gleitbewegung. Außerdem hat die Maschine ein einstellbares Formstück für das Halsbündchen, das dadurch in einer, jeder andere«« maschinellen Behandlung und Handarbeit weit übertreffenden Weise seine Form behält. Nachdem die bekannte Pianofortehandlnng und Phonola-Haus L. Lichtenstein & Co., Zeil 48/50, wiederholt durch Lieferungen an deutsche Fürsten Häuser ausgezeichnet «vurde, ist dem' jetzigen Jnhaber,- Herrn Robert Schlvartz, in diesen Tagen eine neue Ehrung z«« teil geworden, »«dein letzterer zun« „Fürstlich-Äpvischen Hof - Lieferanten" ernannt w««rde. VARAVICM | Om-& Neubau von Geschäftshäusern B’eidenstr. I.TtLITU Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. 3f. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocherr-KaLerrder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 21. Dezember (= 16. Tewes): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. 351. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 20 Min., in Berlin 4 Uhr 45 Min. Mit dem Wochenabschnitt Wajechi schließt das l. Bch. Moses. Die «idra berichtet von Jakobs Tod. Er loill ««ach letzter Verfügung nach den« Lande Kanaan begraben werden. Jvsef «nutz dies dem Vater eidlich versprechen. Jakob segnet seine Enkel Efraiin und Menascheh, die Söhne Josefs. (Dabei der bekannte Satz: Hamalach-Haganel nsiv.) Jakob segnet vor dem Tode seine sämtlichen «ohne. Es sind poetische und prophetische Worte, deren tiefe Bedentung ohne näheren Koinmentar unverständlich bleibt. Hier sei nur soviel bemerkt, daß Vergangenheit und Zukunft der 12 Stämme sich darin wie in cinein Spiegel zeigen. — Jakob stirbt, 147 Jahre alt, und wird in großen

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