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Neue jüdische Presse · 1907-12-20 · Heft 49 (20.12.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 49 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gerte 2. Wochen in einer Alliance-Schule im Orient ereignete. Der Direktor dieser Schule, der relativ gebildetste und tüchtigste unter allen Alliance-Direktoren, die meinem Gewährsmann je begegnet sind, lud zu den Prüfungen, die in seiner Schule stattfanden, einige angesehene Mitglieder der spaniolischen Gemeinde und den französischen Konsul ein. Er stellte den Schülern mehrere Fragen aus dem Gebiete der französischen Geschichte und war glücklich darüber, daß die Schüler gut antworteten. Der Konsul erbat sich nun die Erlaubnis, an die Schüler einige Fragen aus der jüdischen Geschichte zu richten. Diese — selbstverständlich recht elementaren — Fragen blieben aber unbeantwortet. So sehen die Schulen der Alliance in der durch keine Rücksichten und Tendenzen entstellten Darstellung eines durchaus seriösen Publizisten aus; so werden die Mittel der reichsten und ältesten jüdischen Wohltätigkeitsorganisation verwendet; so wird die Heranwachsende jüdische Jugend mit Hülfe der Alliance in den Ländern erzogen, wo eine rationelle Erziehungstätigkeit am nieiflen nottut; wo ein gut geordnetes und systematisch gegliedertes Schulwesen eine unumgängliche Voraussetzung der sozialen, ökonomischen und kulturellen Hebung der jüdischen Volksmassen blldet; wo eine besondere, hingebungsvolle Berücksichtigung des jüdischen Momentes in der Erziehung nicht allein im Hinblick auf die nationale Konservierung der betreffenden Volksmassen, sondern auch in Anbetracht der großen Bedeutung, die diese Länder durch den unverkennbaren „Zug nach dem Osten" zusehends für die jüdische Emigration gewinnen, dringend geboten erscheint. Was man da noch von der Versicherung halten soll, die Leiter der Alliance Jsraelcke Universelle hätten jederzeit Wert darauf gelegt, „ihr Schulwerk, das 142 Schulen in drei Erdtellen umfaßt, unter steter fachmännischer Inspektion zu halten"; was man von den Redensarten über die „nach langer Erprobung eingesetzten Inspektoren", „die erprobten und angesehenen Vertrauensmänner, die ihres schweren Amtes mit reifem Verständnis, mit unübertrefflichem Eifer uni/ mit vorbildlicher Hingabe walten", zu denken hat; wie hoch überhaupt die „weitausschau ende und allzeit getätigte Mische Wohlfahrtspolitik" der Alliance einzuschätzen ist, — bedarf nach dem Gesagten keiner weiteren Erörterung. — Wenn man an das schöne, echt jüdische Programm denkt, das die Gründer der Alliance vor bald einem halbenJahrhundert aufgestellt haben; wenn man sich der von großzügigerjüdischerPolitik getragenen Satzungen der ehemaligen Alliance erinnert und sich jetzt die nunmehr senil gewordene, ihrer Aufgabe nicht mehr gew achsene, ihre Zeit nicht mehr verstehende Institution ansieht, kann man sicheines Gefühles der Wehmut kaum erwehren. * ■ Daß all die oben skizzierten traurigen Erscheinungen durch die objektiven Bedingungen von Land und Leuten keineswegs bestimmt sind, daß sich vielmehr bei einigermaßen vernünftiger Wirtschaft ganz andere Resultate erzielen lassen, beweist das Beispiel der Tätigkeit des HilfsVereins der deutschen Juden auf gleichem Gebiete. Bon vornherein möchte ich bemerken,' daß ich kein unbedingter Anhänger der Polüik des Hllfsvereines bin. Gar manches ließe sich m. E. gegen die allgemeine Richtung dieser Organisation einwenden. Vor allen Dingen vermißt man an der Tätigkeit des Hllfsvereines den großen einheitlichen nationalen Gesichtspunkt, aus dem alle einzelnen Schritte mll logischer.Konsequenz und in strenger Koordination folgen würden. Immerhin muß man gestehen, daß die Tätigkeit des Hilfsvcreins von gesunden Prinzipien getragen wird und großes Verständnis für die Sachlage bekundet. Von der richtigen Ansicht ausgehend, daß Palästina und seine Nachbarländer infolge der natürlichen Entwicklung der Dinge immer mehr Bedeutung für das Mische Volksleben überhaupt und ffrantfw&r FsvaEÜDeS FamNeMM. die Emigration im Besonderen gewinnen, wandte der Hilfsverein bereits vor einigen Jahren seine Aufmerksamkeit der historischen Heimat des jüdischen Volkes zu. An die Fr. 100000 jährlich verausgabt gegenwärtig der Hilfsverein für Schulzwecke in Palästina. Die Unterrichtsanstalten des Hilfsvercins sind aber weit entfemt davon, den Zöglingen, nach der Art der Alliance-Schulen, eine ihnen fremde, ja häufig geradezu antijüdischc Kulturweise mit aller Gewalt aufdrängen zu wollen. In verständnisvoller Würdigung der nationalen Traditionen der jüdischen Bolksmasscu und der objektiven Entwickelung der Verhältnisse in Palästina legt die Leitung des Hilfsvercins besonderes Geivicht auf den hebräischen Unterricht in ihren Schulen. Neben dem Hebräischen wird in diesen Schulen das Arabische gelehrt und erst in dritter Reihe kommt der deutsche Unterricht — so wenig erblickt der Hilfsverein seine Aufgabe im deutschen Kulturträgertum. Die einmal geschaffenen Schulen werden nicht ein für allemal dem Ermessen und der Einsicht, der einmal angcstellten Leiter überlassen. Der erste Mann des Hllfsvereines, Herr Dr. Paul Nathan, scheute persönlich die Anstrengung nicht, eine dauernde Inspektionsreise nach Palästina zu unternehmen. Seit mehreren Monaten befindet sich Herr Dr. Nathan auf dieser Reise in Begleitung des Orientalisten P. D. Dr. Mittwoch. Wie aus Berlin berichtet wird, machte Herr Dr.(, Nathan durch viele Monate hindurch wissenschaftliche Vorstudien für diese Reise und studierte eingehend die umfangreiche Palästinaliteratur. Während der Reise geht er, wie wir aus kompetenter Quelle erfahren, nicht weniger gründlich zu Werk. 12 Tage weilte er in Konstantinopel, lernte genau die lokalen Mischen Schulen kennen und besuchte auch die hauptsächlichsten türkischen und christlichen Schulen. Darauf ging er nach Smyrna undj anderen Städten Kleinasiens. Mehr als einen Monat brachte er in Beirut, Damaskus und anderen Städten Nordsyriens zu. Von Damaskus aus begab er sich nach Liberias, besuchte Saffcd und Rosch-Pinah, sodann ging es über die jüdischen Kolonien des Tiberiasbezirkes nach Chaifu und von hier aus gelangte er erst vor kurzem, 3 Monate nachdem er Berlin verlassen hatte, über Nablus in Jerusalem an. Angesichts dieser überaus gründlichen und eingehenden Inspektionsreise des Leiters des Hllfsvereins muß man Herrn Professor Philippson Recht geben, wenn er den Leitern der Alliance einen Vorwurf daraus macht, daß sie „zuerst selten, später nie nach dem Orient gingen und das Werk lediglich Mietlingen anvertrauten", die ihrer Aufgabe durchaus nicht gewachsen waren. Welche Bedeutung eine solche Inspektionsreise der leckenden Persönlichkeiten für die ganze weitere Richtung der Tätigkeit 'der Organisation haben muß, ist von vornherein llar und läßt sich zum lleberfluß an den bisherigen Ergebnissen der Reise Dr. Nathans demonstrieren. Aus durchaus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß Herr Dr. Nathan auf Grund seiner bisherigen Reise zu folgenden Resultaten gelangte: 1. Für die Volksschulen in Syrien und in Palästina ist der Unterricht in hebräischer und arabischer Sprache dringendes Bedürfnis; durchaus entbehrlich ist hingegen das Deutsche, bczw. das Französische. 2. Man müßte an die Publikation von in hebräischer Sprache abgefaßter Leitfäden und Lehrbücher in allen Unterrichtsfächern zunr Gebrauch der Lehrer herantreten. 3. Man mußte für die Publikation geeigneter Jugendschriften in hebräischer Sprache Sorge tragen. Die inzwischen durchgemachte Reise durch die jüdischen Städte und Kolonien wird wohl Herrn Dr. Nathan in diesen Anschauungen noch befestigt haben. Wie himmelweit sind diese rationellen und modern-jüdischen Ansichten von den rückständigen und französisch -kulturträgeris che nTendenzen der Pariser Lenker der Geschicke Israels entfernt! Nr. 49. Wird die Alliance etwas von ihrer jüngeren Schwcsterorganisation lernen, oder ist sie bereits rettungslos der Altersschwäche verfallen? Sollte das erstere eintreten, so werden sich die Angriffe Philippsons und der jüdischen Presse als wohltuende Ventilation erweisen. — Die Renaissance des Judaismus. Von Dr. F. Fränkel. Das neue Kultursystem, das in Europa nach dem Verfall Roms entstanden und in seine» Grundzügen noch heute vorhanden ist, muß vor allein als fröhlicher Erbe der gewaltigen Anstrengungen und großartigen Errungenschaften des klassischen Altertums betrachtet werden. Die verschiedenen barbarischen Volksstämme des Westens Europas steckten noch tief in den prähistorischen Mcnschenbeziehungen, Gedankengängen und Weltbetrachtungcn, als sie sich mit den historischen Völkern und mit den historischen Kultursystemcn des römischen Weltreiches begegneten. Hier, im römischen Reich, war die Vorgeschichte des Menschengeschlechtes schon lange vorüber, vom sozialen Urkommunismus wie auch vom religiösen Fetischismus blieben bloß unbedeutende Ucberbleibsel; selbst die patriarchalische Periode mit ihrer politheistischen Weltanschauung nahte sich schon, dem Ende. Es stiegen die Götter vom Olymp herab. Die zugrunde gehende Sklavenwirtschaft stiftet ihr Dasein nur noch dank der demagogischen Jmperatoreu-Politik. Schon war die Aera der Gotteseinheit einerseits und der Menscheneinheit andererseits angebrochen. In allen Sprachen, in allen Ländern Roms wurde die bevorstehende Wclterneuerung gepredigt. Es kamen die großen Volksmassen in Aufregung. Mit Schrecken, mit Neugier, hier und da auch mit demütigem Glauben hörte nian in den Kaiserpalästen die immer lauter, immer stärker werdende Stimme/ Dann kamen die Barbaren und lösten das römische Imperium auf. Rom hatte aber noch Kräfte genug. Es wollte seine Weltherrschaft um keinen Preis aufgebcn. Es verteidigte seine historisch erworbenen Rechte, wenn auch nicht mehr mit seinem historischen Schwerte. Das mörderische Schwert Roms ging in die Hände der Barbaren über. Dagegen war nichts zu machen. Rom usurpierte aber das göttliche Schwert. Rom, das blutige Rom, erklärte sich als Träger der neuen Weltanschauung, die aus Judäa kam, und als solcher setzte es seine Weltherrschaft fort. Nach Rom pilgerten im Laufe des ganzen Mittelalters die barbarischen Weltherrscher, um den Segen Gottes zu holen. Und noch ~ heute besteht die Furcht vor dem heiligen Stuhl und' beugen sich vor ihm größere oder kleinere Machthaber. Je tiefer aber der barbarische Geist in die fremde Ideenwelt eindrang und je grausamer dann die Mißbräuche wurden, die Rom im Namen derselben vollzog — desto dringender, desto mächtiger wurde der Wunsch, die Urquelle des Christentums aufzudecken, auf sie zurückzugehen, um sich von der Vermittlung Roms zu befreien. Da ging man von den römischen Päpsten auf die alten Kirchenväter zurück. Man inachte noch einen Schritt weiter zum Neuen Testament. Aber auch hier blieb man nicht stehen. Man konnte cs auch nicht. In der Tat, was konnte der Christenstaat vom Neuen Testament lernen, das von einer Staatseinrichtung fast nichts weiß. Mit dem kurzen Worte „Gebe Gott, was Gott gebührt, und dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt" wurde das ganze äußerst verwickelte und äußerst wichtige Problem abgetan. Also mit einein Worte, das entweder gar nichts sagt, oder aber die schlimmste Tyrannei sanktioniert. — Sind aber schon die Päpste und die anderen Machtbesitzenden des Mittelalters gezwungen gewesen, sich in allen Staatsfragen auf das Alte Testament zu stützen, so taten es die Vorkämpfer. der Volksfreiheit, der sozialen Gerechtigkeit noch desto eifriger. Während die ersteren ihre Mißbräuche mit Beispielen aus dem Leben mancher gewalttätigen, gesetzwid-

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