Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 49 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zsr<r<tkfirrrer Zstttlilislhes fnailirililnll. ( -- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I- > - - I I> A-daKtt-n nnd chefchäftssteM: Srsnkfurt s. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichftraße Telefou 10507. Herausgever: Kalg chei^. , . Jnsertionspreise: Die viergespattene Petitzelle. asm. Die Reklamezeile. 100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Nevereinkunst. s. Jahrgang. Freitag, de« 1s. Tewes 5668 (20. Dezember 1907). Ro. 49. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Schulen der Alliance und des Hilfsvereins im Orient. — Die Renaissance des Judaismus. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Prior. — Aus der Geschäftswelt. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Die Schnlen der Alliance und des Hilfsvereins im Orient. Von S. N. Ono, si dicunt idem, non est Idem. Seit Jahr und Tag wird die Tätigkeit der Alliance Jsraelite Universelle ans dem Gebiets d e s S ch n lwescns im Orient von jüdisch-nationaler Seite einer scharfen Kritik unterzogen. Es wird der Alliance vorgeworfen, daß sie, entgegen ihrer eigentlichen Bestimmung, die reichen pekuniären Mittel, die ihr von den Inden aller Länder zur Verfügung gestellt werden, lediglich dazu verwendet, französische Kultur und französische Sprache nach dem Orient zu tragen; daß ihre Schnlen weder den jüdisch-nationalen Anforderungen genügen, noch auch im allgemeinen dazu geeignet sind, die Zöglinge für den Kampf ums Dasein zu rüsten und sie zu kulturell und wirtschaftlich leistungsfähigen Elementen zu erziehen. All diese und ähnliche Vorwürfe prallten an der olympischen Unzugänglichkeit der Pariser Grandseigneurs ab. Die Herren vom Zentralkomitee kümmerten sich nicht um die temperamentvolle Kritik der demokratischen Publizisten und setzten ihr „System" unbeirrt weiter fort. Bis Oktober 1907 wurde so in aller Gemütsruhe fortgewurstelt, als auf eimnal ein schwerer Stein in das stehende Wasser siel und die halb mit Schimmel überzogene Oberfläche in Bewegung versetzte. Es war diesmal nicht die leichte Feder eines Tagespublizisten, die den Herren zu Leibe rückte, sondern die schwerwiegende Argumentation eines Geschichtsprosessors, des Herrn Dr. M. P h i l i P P s o n, der „sich als Historiker das Recht zuschreibt, über die geschichtlichen Vorgänge und Einrichtungen, die das von ihm behandelte Thema umfaßt, sein auf sorgfältiges Studium und reifliche Erwägung begründetes Urteil abzugeben". Gegen so schweres Geschütz sind auch die — [ mit Verlaub zu melden — etwas harten Pariser Schädel nicht unempfindlich. Aus heller Not ließ man' sich zu einer Erklärung in der jüdischen Presse herbei« und suchte die Beschuldigungen des Herrn Philippsvn, — so gut es ging — zu entkräften. Inwiefern dies den Herren gelungen ist, darüber wird sich der „werte Leser" seine eigene Ansicht gebildet Habens Zum Ueberfluß würde noch diese „Erklärung" in einer „Erwiderung" des Herrn Prof. Philippson kritisch beleuchtet und abgetan. Für Pros. Philippson war damit die Sache erledigt, nicht so aber für die jüdische Oesfentlichkeit. Diese hat ein Interesse daran und ein. Recht-daraus, der Sache auf den Grund zu gehen.? ..? ...... - Wie ist es nun tatsächlich um die von Prof. Philippson erhobenen Beschuldigungen bestellt? Lassen sie sich anfrechtcrhaltcn und in welchem Maße? Hier ist zu bemerken, daß in der historis ch e n Beurteilung der 'Alliance Herr Prof. Philippson wohl nicht das Richtige getroffen hat. Die 1860 gegründete Alliance hatte damals durchaus nicht den rein französisch-nationalen Charakter, den Prof. Philippson an ihr tadelt. Die damalige Alliance ivar weit davon entfernt, ihre Aufgabe lediglich und ausschließlich darin zu erblicken, der französischen Expansionspolitik als Werkzeug zu dienen. Auf die heutige Alliance trifft dies indes durchaus zu. Und so sehr sich die Leiter der Alliance gegen die Behauptung sträuben mögen, daß sie ihren Unterrichtsanstaltcn im Osten den französischen Charakter ausgeprägt haben, so sehr sic versichern mögen, daß das Französische in ihren Schulen nur aus Zwcckmäßigkeitsrücksichten gelehrt wird, so sprechen doch die Tatsachen dagegen. In dieser Richtung ist das unbefangene Zeugnis christlicher französischer Schriftsteller von besonderer Bedeutung. Gaston Bordet („L’influence frangaise en Orient et le protectorat catholique", Revue pol. et pari. Fevr. 1906) sagt: „... Ebenso ist die Alliance Jsraelite Universelle eine sehr französische (tres frangaise) Institution trotz ihres Namens, und die Direktion derselben ist über allem Lob erhaben." Und Henri H a n ß e r („L’influence frangaise en Orient et les ecoles laigues") bemerkt: „Die Schulen der Alliance sind nahe daran, diese jüdische Bevölkerung zu einer der allcrsranzösischstcn in der Levante zu machen." So sorgt die Alliance für die Pflege des französischen Geistes. Wie ist cs nun um das allgcmcine Knlturnivcau der Allianceschulen bestellt? Was geben sie den Zöglingen für das künftige Erwerbsleben mit? Wie steht es speziell mit der j ü d i s ch e n Erziehung der Schüler, mit den jüdischen Lehrfächern? Wer jemals Gelegenheit hatte, ehemalige Allianceschüler kennen zu lernen, weiß, daß das in der Regel Leute sind, die durch das bischen Französisch, das ihnen in der Schule beigebracht wurde, ihrem natürlichen Kreise entfremdet wurden und einen Typus dünkelhafter und prinzipienloser Halbbildung schlimmster Sorte abgeben. Ohne solidere Vorbildung, ohne hinreichende Vorbereitung für irgend eine Erwerbstäligkeit, ohne irgend welche nationale oder religiöse Lebcnsanschauung, kennen diese entwurzelten Jünglinge keinen! anderen Drang, als den nach Paris, der Urquelle jener Kultur, von der sie von der Alliance Gnaden leicht gefirnißt wurden. Das Uebel liegt indes keineswegs an dem Mcnschcnmaterial, sondern an dem mangelhaften und verkehrten Erziehungssystem der Alliance- Schulen. — Bor mir liegt ein Brief eines durchaus zuverlässigen, intelligenten imd gewissenhaften Mannes von ausgeprägt sozialem Sinne, der bereits längere Zeit im Orient lebt. Aus diesem Schreiben will ich, nun einige Stellen in wortgetreuer Uebersetzung folgen lassen. Mein Gewährsmann schreibt: „Der Hauptfehler der Alliance-Schulen in Palästina .... liegt daran, daß Direktoren und Lehrer sich absolut für ihren Beruf nicht eignen. Als Direktoren werden bekanntlich junge Leute angestellt, die das Lehrerseminar der Alliance in Paris absolviert haben. Dieses Seminar kenne ich zwar nicht, allein das allgemeine Bildungsniveau seiner ehemaligen Zöglinge, der derzeitigen Direktoren, berechtigt zu einem Rückschluß, der sehr ungünstig für dieses Institut ausfallen muß. . . . Es ist charakteristisch, daß man bei einem Direktor einer Unterrichtsanstalt der Alliance niemals ein Buch findet, nie ein pädagogisches Werk, oder eine pädagogische Zeitschrift sieht. Die Zirkulare, die der Sekretär der Pariser Zentrale periodisch versendet, sind ihre einzige Belehrungsquelle, die sie geradezu wie die Bibel heilig halten und streng besolgen. So sehen die Direktoren aus. Die Lehrer rekrutieren sich aus Absolventen der lokalen Allianceschulen, die noch nicht das Glück hatten, in Paris zu sein.. Ueber ihren Bildungsgrad können Sie sich leicht eine Vorstellung machen. Diese Aermsten leiden gewöhnlich bittere Not. Der Durchschnittsgehalt eines Alliancelehrers übersteigt nicht Fr. 1000 jährlich. Ich kenne Lehrer, die zahlreiche Familien zu ernähren haben und dabei eine Gage von Fr. 50 monallich beziehen. Unter allen Lehrern der Alliance-Schulen in Palästina fand ich keinen einzigen, der es begriffen hätte, daß Pädagogik eine spezielle Wissenschaft ist, die eine besondere Vorbereitung und ein gewisses Quantum Wissen voraussetzt. Unter sämtlichen Lehrern und Direktoren dieser Schulen fand ich nur einen einzigen, der von der Existenz eines hebräischen Dichters Jehudah Löb Gordon gehört hatte und keinen einzigen, dem der Namen Bjalik oder Michah Lebensohn jemals begegnet war. In keiner Alliance-Schule gibt es so etwas wie ein pädagogischer Rat im üblichen Sinne; der Direktor sieht sich das aus Paris erhaltene Zirkular an, trifft seine Anordnungen und die Lehrer gehorchen. Was den Unterricht speziell betrisst, so muß man ihn als ungenügend bezeichnen. Es wird Französisch und Arabisch gelehrt und die Zöglinge verstehen es mehr oder weniger, sich dieser Sprache in der Konversatton zu bedienen: es ist aberfraglich» ob zehn unter tausend von ihnen mit diesen Sprachen — namentlich mit der arabischen — näher vertraut sind. Noch in den höheren Klassen kommt es bisweilen vor, daß die Schüler die vier Rechenspezies nicht kennen. Daß es um den Unterricht in der Geographie und Geschichte nicht eben glänzend bestellt ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Freilich muß ich gestehen, daß die meisten Schüler mehr oder weniger in der französischen Geschichte, ganz besonders in der Geschichte der dritten Republik, beschlagen sind. Es ist mir fast noch kein Allianceschüler begegnet, der nicht wüßte, wie der erste Präsident der dritten Republik hieß, und der ja wüßte, wer der erste König in Israel war." ... Hier berichtet mein Gewährsmann über einen sehr interessanten Vorfall, der sich vor einigen