Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-12-13 · Heft 48 (13.12.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 48 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692559--03643-2698357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Eeite 4 Nr. 48 Frankfurter JsraelrtiGes Familienblait. wird bleiben, und inan wird nicht vergessen, daß es ein Jude gesprochen, welcher nicht glaubt, sich als Teu sicher, Czesche oder Hole verkleiden zu müssen, um freiheitlich denken und sich freiheitlich betätigen zu können, sondern der Ueberzcugung ist, daß man sich offen und stolz zum jüdischen Volkstum bekennen und trotzdem oder vielmehr auf diesem Wege der Freiheit dienen kann. „Md. Ztg." Wie«. Ueber die Verjudung der Wiener Universität haben die Antisemiten im Rcichsrate in letzter Zeit verschiedentlich Jcrcmiaden angestimnit. Wiees inWirklichkeitmitder angeblich e n Verjudung a u s s i e h t, mögen folgende Ziffern zeigen: Bon den 86 ordentlichen Professoren der philosophischen, juristischen und medizinischen Fakultät sind 78 Christen luib 8 Juden, und von diesen 8 Juden dürften bereits mehrere das Taufwasser über sich haben ergehen lassen. Wien. Der Antisemitismus im Präses s o r e n k o l l e g i n m der ö st e r r. U n i v e r s itat, dieses Thema behandelt v. ö. Professor der Czernowitzer Universität Dr. Eugen Ehrlich in der „Neuen Freien Presse". Wir entnehmen den Ausführungen folgende Stellen: „In den letzten zehn Jahren, also seit den, Jahre 1897/98, sind an den deutschen Universitäten Oesterreichs ernannt worden für ordentliche Lehrkanzeln folgende Juden im weitesten Sinne des Wortes: in Wieii an der rechts- und staatswissenschaftlichcn Fakultät einer, an der medizinischen Fakultät nicinand, an der philosophischen Fakultät einer (seither gestorben); in Prag an der rechts- und staatswissenschaftlichcn Fakultät zwei (davon einer seither gestorben), an der medizinischen Fakultät einer (seither gestorben), an der philosophischen Fakultät niemand; in Graz überhaupt niemand, in Innsbruck einer (an der medizinischen Fakultät), in Czernowitz an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät niemand, an der philosophischen Fakultät zwei. Im Ganzen wurden also in den letzten zehn Jahren für ordentliche Lehrstühle acht Professoren ernannt, die selbst oder deren Vorfahren je jüdischen Glaubens gewesen waren; davon sind drei bereits gestorben, so daß cs sich nur noch um fünf handeln kann. Dem wirklichen Sachverhalt in diesem Augenblick entspricht das Bild jedoch nicht mehr. Es hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Von den hier erwähnten Ernennungen fallen sehr wenige in die letzte Zeit, etwa seit, 1900, und auch diese beruhen zu», Teil auf früheren ^Vorschlägen, so die drei Ernennungen au der rechts- und staatswisscnschaftlichen Fakultät in Wien und in Prag. Jetzt wären sic wohl nicht inehr möglich. Der jetzige Zustand ist wohl der, daß alle rechts- und staatswissenschaftlichcn, sowie alle medizinischen Fakultäten an den deutschen Universitäten Oesterreichs (vielleicht mit Ausnahme der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät in Czernowitz, wo die Verhältnisse nicht ganz klar liegen) stillschweigend, die Universität Graz bereits seit vielen Jahren und auch Jiiiisbruck seit mehreren Jahren ganz offen sich bei ihren Vorschlägen zu einem antisemitischen Programm bekennen. Zumal in Graz sollen bei jedem, der in einen Vorschlag ausgenommen werden soll, förmliche Ahnenproben aufgestellt werden. Als vor etwa zehn Jahren ein Professor, der viele Jahre zuvor aus dem Ausland an eine österreichische Universität gekommen ist, von dort nach Graz berufen wurde und es sich nachträglich zeigte, daß sein Vater ein getaufter Jude gewesen ist, da wurde rückhaltslos erklärt, daß die Berufung durch Irrtum über die Abstammung des Berufenen verursacht worden sei. Ebenso war in einem anderen Falle die Fakultät ganz bestürzt, als nachträglich zutage trat, daß sie in ihren Vorschlag einen Juden aufgenomnien hatte. Gewiß gibt es unter den ordentlichen Professoren au den österreichischen Fakultäten Juden und Personen jüdischer Abstamumng; ganz vereinzelt gibt es solche sogar in Graz. Das sind Reste aus einer früheren Zeit. Groß^ war ihre Zahl nie, am größten wohl in Prag. «sie sind, wie sich aus diesen Darlegungen ergibt, auf den Aussterbeetat gesetzt, denn Ernennungen dieser Art kommen seit längerer Zeit fast gar nicht mehr vor. Ju der Tat gab es ihrer vor zehn oder fünfzehn Jahren mehr als gegenwärtig." Ezervowitz. Die Ausweisung der russischen Juden, die sich in den letzten Jahren in der Bukowina niedergelassen haben, wird von der Behörde unbarmherzig nnd unterschiedslos vorgenommen. Lemberg. Zehn jüdische Mädchen wegen Charakterfestigkeit der Schule verwiesen! Im hiesigen Mädchengymnasium wurde aui 29. November der Gedenktag für die in: ersten polnischen Aufstand (1831) Gefallenen begangen, und sollten zu diesem Zivccke die Schülerinnen in die Kirche geführt werden. Zum ersten Male entstand da unter den jüdischen Schülerinnen — nnd zwar unter denen der 2. Klasse — ein Protest gegen ihre Beteiligung an einem christlichen Gottesdienst. Doch die Leiterin der Anstalt, anstatt den Standpunkt der Mädchen zu würdigen, erging sich aufgeregt in judenseindlichen Aeußerungen. Mehrere jüdische Mädchen ließen sich einschrecken; doch äks Die 15jährige Karach erklärte: „Ich bin eine Jüdin, ich bin eine Zionistin, ich kann nicht gegen mein Gewissen handeln!" da erklärten sich noch 9 weitere Schülerinnen mit diesem mutigen Mädchen solidarisch, — und die Folge war die Ausweisung der zehn Mädchen. Großbritannien. London. Die einzig jüdische Zeitung in Süd-Afrika, „The South Africcan Jewish Chronicle", hat ihr Erscheinen wegen mangelnder Lcscrzahl eingestellt. Rußland. Petersburg. WelchenKurs die russische Regierung in der Iudenfrage stcuert, zeigt deutlich folgender Vorgang. Vor zlvei Jahren hatte der damalige Justizminister die Verfügung getroffen, daß alle Senatsbestimmungen über die Beschränkungen der Juden, welche an die 600 anfzählen, fts zur endgiltigcn Lösung der Judenfrage nicht weiter angewendet werden sollen. Jetzt erließ Justizminister Schtcheglowilow den Befehl, diese Senatsbestimmungen strengstens zu befolgen. Helsingfors (Finnland). Nicht einen Tag läßt seit einiger Zeit die Polizei die Juden, die hier kein Wohnrecht haben, sich hier aufhalten. Palästina. Jerusalem, 1. Dezember. Ungewöhnliche Panik. In den letzten Wochen sind hier einige für Jerusalem nicht unbedeutende Falliments vorgekommcu, die jedoch die „Anglo Palestine Bank" dank der Vorsicht, mit welcher Direktor Dr. Levy arbeitet, nur unerheblich in Mitleidenschaft gezogen haben. Daraufhin fand die hier erscheinende „Haschkafa" nichts Eiligeres zu tun. als die Welt davon in Kenntnis z» setzen. An und für sich wäre die Sache nicht schlimm gewesen; allein die Redaktion des''genanten Blattes begnügte. sich damit nicht, die Tatsache einfach zu registrieren; sondern, um quasi dem Berichte mehr Effekt zu geben, setzte sie an die Spitze desselben die Worte: „New Pork—Jerusalem" (!). Nun kann man sich 'leicht denken, welche Panik dieser sinnlose Zusammenhang in der ganzen Stadt hervorgerusen hat. Das Facit ist, daß sich die Vorgänge von Netv Park auch hier abspielen. Der Andrang zur Bank ist ein gewaltiger. Alles strömt dahin, um sein Guthaben in Sicherheit (!) zu bringen. Eine Woche schon hält dieses Schauspiel an, nnd cs ist noch .gar nicht abzusehen, tvic lange es noch dauern wird. Nach der „Haschkafa" vom 29. v. M. hat die Direktion, da die flüssige Kasse lange nicht mehr ausreicht, alle Depots zu decken, Geld ans London beziehen müssen. Zn ihrer Quasientschuldigung führt die Redaktion aus, daß es nicht ihre Absicht gewesen sei, die Leute zu ängstigen, noch auch der Bank zu schade», und schließt mit der festen Zuversicht, daß die Leitung der Bank ihr, der „Haschkafa", nur Dank wissen wird (!) dafür, daß sie es verursacht hat, das Publikum von der Zahlungssähigkeit der Anglo Palestine Bank zu überzeugen! — Die „Haschkafa" also hat der „National Bank" einen Dienst geleistet und dafür will sie belohnt sein! Das sieht ganz ihrem Redakteur ähnlich. Bei jeder Gelegenheit sucht er,das Judentum zu schmähen, dafür will er wenigstens verhiinmelt werden. H. Jerusalem. Die Ernte war in diesem Jahre im allgemeinen eine sehr ungünstige. Zu den Ausnahmen gehört die Kolonie „Sichron Jakob", in der das Getreide so gut geriet, daß mehrere Kolonisten einen Reinerlös von 3000 bis 4000 Francs erzielten, und die Kolonie „Pesach Tikwoh", die hauptsächlich Orangengärten hat. „Pesach Tikwoh" entwickelte sich übrigens glänzend; mehr wie 200 jüdische Arbeiter und zahlreiche Handwerker haben dort eine auskömmliche Existenz, und 2 Eisenguß-Fabriken und eine Parfümerie-Fabrik sind dort in letzter Zeit errichtet worden. Saffed. Nachdem Herr Wolf Blumberg aus Odessa, der hier auch ein Haus für die Jeschiwa des Sluzker Gaon gekauft hat, 40 000 Francs zum Bau eines jüdischen Krankenhauses gespendet hat, hat sich Baron Edmund von Rothschild in Paris bereit erklärt, die übrigen Baukosten zu tragen. Amerika. New-Uork. Antisemitismus. Ein Herr Abbot hatte im Hotel Renaissance, Besitzer D. H. King jr„ Räume' gemietet, deren er nachträglich nicht bedurfte pnd mit Erlaubnis des Vermieters nun tveiter vermieten wollte. Er vermietete die Räume an einen Juden W. Salomon; doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht; der Eigentümer des Hotels erklärte, daß er keinen Juden in seinem Hause haben wolle. Es kam zur Klage. Ter Advokat des antisemitischen Klägers war ein — Jude, während alle anderen Personen in dein Prozesse Christen Waren. Ter christliche Richter entschied, daß der Kläger init dein angebotenen Mieter hätte zufrieden sein müsse». Der Prior. Historische Erzählung von Friedrich Rott. Wir befinden uns in Spanien im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts, die Inquisition tvar auf ihrer Höhe. — Man ist im Irrtum, wenn man annimmt, daß diese Institution erst im Zeitalter der Kreuzzüge ihren Anfang genommen, ihre Geschichte beginnt bereits unter den Kaisern Thcodosius und Justinian. Mlerdings wurde sie damals noch'nicht mit Blut, geschrieben. Aber der Geist der s. g. Liebe, der das heilige Officium durchdrungen, schritt langsam aber sicher vor. Im Jahre 4215 ließ Papst Jnnocenz III. durch das vierte Lateranconcil die .Aufsuchung und Bestrastmg von Ketzern dem bischöflichen Sendgericht zur Häuptpflicht machen. 1232 ernannte jedoch Gregor IX. wegen der Rücksichten, welche die Bischöfe etwa auf ihre Angehörigen nehmen könnten, Dominikaner zu päpstlichen Inquisitoren, zunächst in Deutschland, Aragonien und Oesterreich, dann in der Lombardei und dem südlichen Frankreich. Ausgerüstet mit grauenvoller Strafgewalt, wütete die Inquisition bald mit furchtbarer Grausamkeit und öffnete der persönlichen Rache und Bosheit Tür und Tor. Schon der Verdacht der Ketzerei berechtigte zur Verhaftung. Jeder konnte Jeden anklagen; Mitschuldige nnd Verbrecher konnten als Zeugen Auftreten; die Namen der Zeugen wurden dem Angeklagten verschwiegen; das Geständnis konnte durch die Folter erzwungen werden. Die Strafen, welche die Verurteilten trafen, waren: Verlust der Ehre, der bürgerlichen und kirchlichen Rechte, des Vermögens, lebenslängliche Gefangenschaft im Kerker oder auf der Galeere, und der Tod, meist durch Feuer. Im vierzehnten Jahrhundert hörte die Inquisition in.Frankreich, wo sie zuerst gewütet hatte, auf, und alle Versuche, sie dort wieder herzustellen, namentlich von Paul IV. und dem König Heinrich II. zur Unterdrückung der Hugenotten, blieben ohne Erfolg. Desto länger hielt sie sich in Spanien, wo sie, tvie in Portugal, am grauenvollsten gewütet hat. In Svanie» waren die Juden und Mauren seit 1391 init Geivalt zum Christentum bekehrt worbe«, viele waren jedoch im Herzen dem Glauben der Väter treu geblieben. 1480 wurde unter Ferdinand dem Katholischen und Jsabella die Inquisition in Spanien cingeführt, das Vermögen der Verurteilten verfiel dein Fiskus. Im Jahre 1484 fand das erste Autodafe in Sevilla statt, tvobei sieben Menschen lebendig verbrannt wurden. Schon in den nächsten Jahren wurde» 2000 zum Scheiterhaufen verurteilt, weit mehr flüchteten in die Nachbarländer. Ms Torquemado 1498 sein Amt niederlegte, waren 8800 Menschen lebendig, 6500 im Bildnisse verbrannt, 90 004 mit schweren Büßungen belegt worden. Unter dem zweiten Generalinquisitor, dem Dominikaner Diego Deza (1499—1506) ivurden 1664 lebendig verbrannt, 832 im Bilde, 52 456 mit Pönitenzen bestraft. Unter dem dritten Generalinquisitor, dem Kardinal Franz Zümenes da Cisneros (1507—17) wurden 2536 Personen lebendig, 1368 im Bilde verbrannt, 47 263 mit Bußen heimgesucht. In gleicher Weise entfaltete die Inquisition auch in der Folge ihre blutige Tätigkeit, besonders unter König Philipp II. Nach genauer Berechnung hat sie in den Jahren 1481 bis 1808 im ganzen 31912 Menschen lebendig verbrannt, 17 659 im Bilde und 291456 mit strengen Büßest rasen belegt. * Es war im Juni 1680, König Karl II. hatte zur Feier seiner Vermählung Vorbereitungen zu einem großartigen Auto da Fee getroffen. Aus allen Teilen des Landes hatte er Ketzer herbeischaffen lassen, 118 Personen jeglichen Alters und jeglichen Geschlechtes sollten am 30. Mni in Madrid lebendig verbrannt werden. Wie hätte er auch seine jugendliche Gattin inehr ehren, mehr beglücken können? Schon seit mehreren Wochen arbeiteten sechzehn Meister init ihren Gesellen, um Estraden und Schauplätzen herzurichten für den Hof, den Adel, die Geistlichkeit und das Volk; rechtzeitig war alles vollendet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.