Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 48 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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ÜRr: 48 Seite 3. Rabbiner Dr. Samuel Daiches, Sunderland (England): Frage 1. Der Zionismus widerspricht nicht nur nicht den Ideen des gesetzestreuen Judentums, sondern kann sie nur heben und zu ihrer besseren und vollkommeneren Verwirklichring beitragen. Das gesetzestreue Judentum enthält ja in sich die Bestrebungen des Zionismus und sleht um deren Realisierung, als die Möglichmachring des wahren, gesetzestrcuen Judentums. Es ist unnötig, hier auf Einzelheiten einzugehen, auf unsere täglichen Zionsgcbete hinzuweisen und auf das Bewußtsein, das im gesetzestreuen Judentum herrscht, daß nur mit der Wiederherstellung Israels als Volk im Lande seiner Väter und der Reformierung all seiner geistigen Güter' in Palästina die wahre Existenz des Judentunis beginnen kann. Nicht nur d a s j ü d i s ch e V o l k, sondern auch das Judentum, nicht nur die Träger der Torah, sondern auch die Torah ist im Golns, ist das Bewußtsein des gesetzestreuen Judentums. Wie kann da von einem Gegensatz zwischen gesetzestreuem Judentum und Zionismus gesprochen werden? Das gesetzestreue Jude n t u m kann durch den Zionismus nur gestärkt und gehoben werden. Frage 2. Aus meiner Beantwortung der 1. Frage folgt natürlich, daß ich es nicht nur „sür erforderlich", sondern als die heilige Pflicht eines jeden gesetzestreuen Juden erachte, sich an der zionistischen Arbeit zu beteiligen und den Zionismus mit allen Kräften zu fördern. Bevor ich diese Frage (2) — ganz beantworte, möchte ich indes noch ein Wort über den Misrachi sagen. Ich bin der Ansicht, daß es ein idealerer Zustand des Zionismus gewesen iväre, wenn keine Notwendigkeit für die Existenz des Misrachi bestanden hätte. In der zionistischen Bewegung hätten keine Fraktionen bestehen müssen. Alle Juden, die das Wohl ihres Volkes im Herzen haben, die eine Zukunft herbeisehnen würdig unserer Vergangenheit, die ein körperlich und geistig freies, ein schaffendes, produzierendes jüdisches Volk (was nur in Erez Jisroel möglich ist) erstehen sehen wollen, gehören in die zionistische Bewegung. Und innerhalb derselben sollten keine weiteren Teilungen sein. Nichtsdestoweniger haben die, welche glauben, daß gewisse Strömungen im zionistischen Lager die Existenz des „Misrachi" notwendig machen, das vollste Recht zur Behauptung ihrer Ansicht und zur Erhaltung des Misrachi, schon deswegen, weil viele gesetzestreue Juden sich sonst durch gewisse Befürchtungen würden abhalten lassen, dem Zionismus beizutreten. Jetzt, wo der Misrachi existiert, müßte jeder gesetzcstrcuc Jude der z i o n i st i s ch e n Organisation a n g e - hören, entweder außerhalb oder innerhalb des Misrachi. 3. Aus meinen Ausführungen zu Frage 2 ergibt sich, daß kaum Raum da ist für positivreligiöse Beeinflussung der zionistischen Bewegung. Der Zionismus kann nicht in seinem Wesen mit deni gesetzcstreuen Judentum in Widerspruch kommen. Aber die, welche glauben, daß eine Notwendigkeit für derartige Arbeit besteht, können viele Mittel finden. Vor allen Dingen sollten die Misrachisten (nach meiner Ansicht sollten es . alle Zionisten tun) die Jugend zu beeinflussen suchen, das Wesen des Judentums und der jüdischen Kultur in richtiger Beleuchtung darstellcn, mit einem Worte: jüdisch-zionistisch-kulturelle Arbeit tun. Das beste Mittel znr positivreligiösen Beeinflussung der zionistischen Bewegung dürfte indes sein: Die Anwesenheit der gesetzestreuen Juden in der zionistischen Organisation. Je mehr gesetzestreue Juden im zionistischen Lager sein werden, desto größer wird der positiv-religiöse Einfluß auf die zionistischeBewegung sein. Frankfurter JsraelitiWes Fatmlienblakt. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Der Hilfsbereit! derDeutschen Juden und die Teuerung in Palästina. Der Geschäftsführer im Ehrenamt Herr Dr. Paul Nathan weilt seit 14 Tagen in Palästina und hat dem Hilfsverein der Deutschen Juden eingehende Berichte erstattet über die infolge einer Mißernte und des Wassermangels entstandene Teuerung in beit verschiedenen Städten des Landes. Der Hilssverein der Deutschen Juden hat daraufhin Herrn Dr. Nathan sofort die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt, üm eine zweckmäßige Beihilfe zur Mehlbeschaffnng für die ärmere jüdische Bevölkerung in allen Orten, an denen Not herrscht, zu organisieren. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden über die Unruhen in Odessa. Die Nachrichten über die Bluttaten in Odessa am 27. und 30. November werden dem Hilfsverein nunmehr auch brieflich von verschiedenen der angesehensten jüdischen Bürger Odessas bestätigt, deren Gewissenhaftigkeit und Glaubwürdigkeit nicht angezwcifelt werden kann. In gleicher Weise wie diese Nachrichten bestritten worden sind, waren auch von derselben Quelle und gleichzeitig auch von der russischen Telegraphenagentur die Unruhen im August und September bestritten worden. Jetzt liegt Nun dem Hilfsverein eine offizielle Mitteilung des jüdischen Krankenhauses in Odessa vor, wonach mehr als 300 Personen als Opfer der danialigen Unruhen das Krankenhaus haben aufsuchen müssen; außerdem lagen einige 40 au ihren Wunden ini Kraukenhause lange Zeit schwer darnieder. Diese Zahlen geben ein Bild von dem Unifang der Unruhen, das nicht weggeleugnet werden kann. Berlin. Ueber die rapide Abnahme der jüd. Bevölkerung in der Provinz Posen gibt die nachfolgende Vergleichung ein überaus anschauliches Bild. Es hatten jüdische EiiNvohner im Jahre 1840 und im Jahre 1904: Bentschen 307—125, Birnbaum 790—142, Bojanowo 311—64, Bomst 419—90, Borck 591—1'. 7, Fraustadt 558—186, Graetz 1620—319, Kempen 3577—1059, Kvschmin 722—351, Krotoschin 2203—670, Knrnik 1170—168, Lissa 3466—1163, Meseritz 1155—206, Ostrowo 1327—792, Pinne 697— 296, Pieschen 824—463, Rawitsch 1780—560, Rogasen 1650—666, Schrimm 924—593, Schwerin 1568—225, Schwcrsinz 1631—320, Wreschen 1352—469. In, demselben Verhältnis hat auch in den meisten anderen Plätzen Posens die jüdische Bevölkerung abgenommen. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Odessa folgenden Bericht: Am 5. Dezember fanden gelegentlich der Beerdigung eines Verbändlers neue Ausschreitungen gegen die Juden statt. Etwa ein Dutzend Inden wurden wiederum verwundet, die meisten von ihnen durch Dolchstiche. Am anderen Tage besuchten der Stadthauptmann und der Polizeimeister die Verwundeten im Jüdischen Krankenhause und hatten so Gelegenheit, sich von den Ausschreitungen der Verbändler zu überzeugen. Der Stadthauptmann sagte den Verwundeten, daß die Administration nichts gegen den Verband der echt russischen Leute unternehmen könne, weil der Verband eine patriotische Organisation sei. Er riet den Verwundeten, sie möchten doch Anzeige erstatten gegen die, die ihnen die Wunde» beigebracht haben. Das ist natürlich nicht möglich, da man die Verbändler nicht festgenommcn hat. S o in ü s s e n a u ch d i e s e 11 n - taten wieder unbestraft bleiben. Berlin. Der öffentliche Vereinstag der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, der hier am 26. Dezember abgehalten; wird, hat folgendes Programm: 25. Dezember, abends 9 Uhr, ini „Burghotel" (Burgstr. 20): Zwanglose Zusammenkunft. 26. Dezember, vorm. 11 llhr, im Oberlichtsaale der Philharinonie (Bernburgerstr. 22/23): Oeffentliche Hauptversammlung. 1. Begrüßungen und Berichterstattung. 2. Referat Dr. I.. Wohlgemuth „Das Wese» des gesetzestreuen Judentums". 3. Referat Moritz A. Loeb „Gegenwartsaufgaben der geschestreuen Judenheit". 4. Festessen. Darmstadt. 1890 hatte Oberstaatsanwalt Schlippe in einein Erlasse den Amtsanwälten empfohlen, der antisemitischen Bewegung sorgfältige Beachtung zu schenken. 'Auch der Beamtenerlaß des Ministers Finger voni Jahre 1892 richtete sich gegen die Antisenliten; er verbot den Beamten, sich an der antisemitischen Bewegung zu beteiligen. Bon dein antisemitischen Abgeordneten Köhler ist nunmehr ein Antrag auf Beseitigung dieser Erlasse der zweiten hessischen Kammer überreicht worden. Der Gesetzgebungsausschuß beriet den Antrag und beschloß, d i e groß herzogliche Regierung zu ersuchen, beide Erlasse zurückznziehen. Köln a. Rh. Die StollwerckscheSchoko» l a d e n f a b r i k, die bekanntlich auch koschere Schokolade tzerstellt, antwortete, wie wir dem hiesigen Gemeindeblatt entnehmen, einein jüdischen Bewerber, daß sie prinzipiell nur Reisende christlicher Konfession beschäftige. Bremen. Das hiesige Komitee für hilfsbedürftige durchreiseirde Juden, eine Abteilung des Hilfsvcreins der Deutschen Juden, empfiehlt den jüdischen Auswanderern dringend, wenn es ihnen irgend möglich ist, Schiffskarten 2. Klasse zu lösen. Der Preisunterschied ist nur ein geringer, dagegen der Unterschied in Logis und Verpflegung ein großer. Aus zahlreichen Postdampfern des Norddeutschen Lloyd betragen die Kajütenpreise 2. Klasse nach New-Iork gegenwärtig sogar nur 190 n. 200 .15. Ferner macht das Komitee daraus aufmerksam, daß jeder Auswanderer sein Gepäck auf seinen eigenen Namen mitführen imiß und nicht Teile desselben bei einem anderen Auswanderer beipacken darf, da er sonst, wenn z. B. der andere Ansivanderer bei der Landung zurückgewiesen werden sollte, große Schwierigkeiten haben kann, sein beigepacktes Gepäck zurückzuerhalten. Auswanderer, die in London landen wollen, müssen 50 Rubel vorzeigen, in London einen Verwandten haben und einen Brief dieses Verwandten besitzen, in dem sie gebeten werden, nach London zu kommen. Hegenheim. Die Genehmigung zu den Neu- Restaurierungsarbeiten aus dem alten, ehrwürdigen F r i e d h o f e in Hegenheim ist vor kurzer Zeit eingetroffen. Die 'Arbeiten werden im März ausgenommen werden; ini August soll alles fertiggestellt sein. Es handelt sich um die Herstellung einer Friedhofskapelle, in der sich ein Raum für die Taharoh und eine Aufseherwohnung befinden wird, und um die Ausbesserung resp. Erweiterung der llinfassungsmauer. Die Unternehmer, Gebr. Simon, die s. Zt. auch die Synagoge in St. Ludwig gebaut haben, haben sich wie danials, kontraktlich verpflichtet, an Sabbaten- und Feiertagen nicht arbeiten zu lassen. Die Kosten zum Baue, die zirka 22,000 Mark betragen, sind bekanntlich zum größten Teil durch freiwillige (jährliche und einmalige) Beiträge aufgebracht worden. Da nun durch diese umfangreichen Bauten die Gelder des Friedhofs fast alle aufgebraucht sein werden, so wäre es im höchsten Grade wünschenswert, daß die bisherigen Gönner desselben ihm ihr Interesse auch in Zukunft erhalten möchten. Oesterreich -Ungarn. Wien. Jüdische Studenten beim U n t e r r i ch t s m i n i st e r. Am 29. Nov. empfing der U n t e r r i ch t s m i n i st e r D r. M a r ch e t im Abgeordnctenhause eine vom Abg. Dr. Mahler geführte Deputation der jüdischnationalen Studentenschaft Oesterreichs. Der Sprecher der Deputation jur. Felix Winter st ein (Jvria) begründete in seiner Ansprache die Forderung nach Anerkennung der jüd. Nationalität an den Hochschulen Oesterreichs und verwies insbesondere auf den der akad. Freiheit widersprechenden Zwang, der auf die jüd. Studenten bei Wlegung ihres nationalen Bekenntnisses ausgeübt werde. Der Redner erinnerte den Minister an das 'im Mai gegebene Versprechen auf rasche Erledigung dieser 'Angelegenheit und verwahrte sich gegen die erfolgte Einholung eines Gutachtens des Wiener Kultusvorstandcs, der aus einem reaktionären Wahlrecht hervorgcgangen, keine Berechtigung habe, ein Interpret der Willensineinung der Juden zu sein. Der M i n i st e r anerkannte rückhaltlos die Dringlichkeit und Wichtigkeit dieser Frage, erklärte jedoch, daß wegen der Arbeitshäusung im Ministerium und der Kompliziertheit' der Angelegenheit eine Erledigung vor dem nächsten Sonimersemester nicht erfolgen könne. Der Mgeordnete Doktor Mahler meinte, daß die Kompetenz der Kultusgemeinde sich lediglich auf Sachen des Kultus erstrecke, daß ein Wiener Kultnsvorstand eine, die Judenschasi ganz Oesterreichs bindende Erklärung nicht abgeben könne, daß nur die vom Volke ins Parlament entsendeten Vertreter legitimiert seien, über die nationalen Wünsche und Forderungen eines Volkes 'Aufschluß zu geben. Des weiteren betonte er, daß ein nationales Bekenntnis der Juden keineswegs eine agressive Tendenz gegen eine andere Nation involviere, daß vielmehr eine nationale Lösung der JNdenfrage geeignet sei, die Differenzen zwischen den nationalen Parteien zu verringern, llebrigens handele es sich der Studentenschaft bei Anerkennung ihrer Nationalität nicht um Politik, sondern sie sei ihnen Ehrensache. Der M i n i st e r versprach eine objektive, von fremden! Einflüsse freie Erledigung dieser Angelegenheit und entließ die Deputation mit der Versicherung, daß er auch auf die anderen Mitglieder des Kabinetts in diesem Sinne wirken werde. Wien. In der Debatte über den Mosarykschen Tringlichkeitsantrag ist der Wortflihrer des Jüdischen Klubs, der 'Abgeordnete Dr. Mahler, von allen Rednern vielleicht in der wirksamsten Weise für den Schutz des freien Gedankens gegenüber den klerikalen Bedrohungen eingetreten. Anderthalb Stunden hat Mahler das Haus gefesselt und wiederholt zu lebhaftem Beifall hingerissen. Das schöne Wort „Die Freiheit der Idee ist untrennbar von der Jdee.der Freiheit"