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Neue jüdische Presse · 1907-12-13 · Heft 48 (13.12.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 48 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48. Frankfurter Fsraelitisches Familienblatt. Seite 5. und schon ° tags vorher herrschte festliches Treiben in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen Madrids, alle Geschäfte ruhten, in den Werkstätten Ivard nicht gearbeitet, die Menge, die sich langsam durch die bedeutendsten Straßen wälzte, hatte so vieles zu sehen, so vieles zu besprechen, die Erwartungen auszntauschen, die man an die Ereignisse des kommenden Tages knüpfte. Doch es gab auch Menschen, die mit bang pochendem Herzen den Schrecknissen des kommenden Tages entgegensahen, die das Grauenvolle des vorigen Autodafes noch nicht vergessen hatten, die noch die Stimmen der unglücklichen Opfer aus den hochloderndcn Nammen zu vernehmen glaubten, die in stundenlangen Todesqualen unablässig schrieen und wimmerten: „sch'ma! sch'ma! sch'ma!" Zwar hatte das hohe geistliche Gericht in seiner Weisheit befohlen, daß den verruchten Ketzern Knebel in den Mund gesteckt tocrde, auf daß sie die Religion der Liebe, die ihnen so viel Liebe erzeigte,'in ihrem maßlosen Undank nicht lästern könnten. — Aber das Feuer hatte die Knebel verzehrt, trotzdem hatte man keine Lästerung bernvmmen, nur das eine Wort „sch'ma! sch'ma! sch'ma!" in allen erdenklichen Tonarten. Und wer sich des Grauens erinnerte, das alle, die Las gehört hatten, erfaßt hatte, dessen Herz erzitterte in bangen Schlägen. — Doch Keiner wagte cs, derartigen Gefühlen Ausdruck zu leihen; mußte doch ein jeder fürchten, durch irgend einen ihm feindlich Gesinnten des Mitleids mit Ketzern, gleichbedeutend mit Ketzerei, beschuldigt zu werden und dann dem gleichen Los wie jene Märtyrer entgegen zu sehen. Es war gegen Abend, die Sonne neigte sich zum Untergang und vergoldete mit ihren letzten Strahlen das wolkenlose Firmament. Purpurn erglühte der Abendhinimel, als wäre er in Blut getaucht. In seinem geöffneten Fenster, das in's' Freie führte, lehnte der Großinquisitor, der Allgewaltige, der die Feier des morgigen Tages zu leiten hatte. Sinnend haftete sein Auge an dem sinkenden, rotglühenden Sonnenball. — Ob er ihn mahnte an jene Glut, die er am kommenden Tage entfachen würde? Da ging die Tür auf, ein Laienbruder trat in's Zimmer und meldete den Prior des Bcnediktinerkloftcrs. „Ich lasse den Herrn Prior bitten," entgcgnete der Großinquisitor, indeni er sich nmwendete und sein Gesicht der Tür zuwandte. Es war ein intelligentes, nicht geradezu unschönes, aber entschieden unsympathisches Angesicht, 'jeder Zug verriet den fanatischen Priester. Die tiefliegenden, stahlgraneu Augen schienen in Mordgier zu funkeln, die große, stark gebogene Nase erinnerte an den Schnabel eines Geiers, mit dem derselbe seinen Feinden die Augen anshacken möchte, der breite Mund mit den schmalen Lippen und den großen gelben Zähnen schien einem Wttstentier zu gehören, das aus Raub ansgeht. Aber seine Stimme klang nicht unsreuudlich, beinahe herzlich, als er dem eben Eintreten'den sein Salve! entgegcnrief. „Seid mit gegrüßt, Herr Prior! Seid willkommen!" Der so freundlich Empfangene verneigte sich tief. „Ich hoffe, Ew. Eminenz nicht zu stören." „Unbesorgt, Herr Prior, Männer wie Ihr, Gotteskämpfer gleich mir, denen unser heiliger Glaube das höchste ist, die stören mich nie, merkt Euch das. — Obgleich" — er fuhr sich mit der großen knochigen Hand über die hohe tief gefurchte Stirn, „nach dein heutigen anstrengenden Tag würde ich der Ruhe bedürfen, werde auch keinen empfangen als Euch, Herr Prior, denn ich bin ja kaum zu mir selbst gekomnien seit Tagesanbruch. — O, diese Ketzer! diese Ketzer! — sic haben es auf dem Gewissen, wenn mir bei der morgigen Feierlichkeit die Kraft versagen würde." Der Prior erblaßte. „Ich würde außerordentlich bedauern, wenn Ew. Eminenz —" „Bedauert nichts, ich iviederhole, seid unbesorgt, Gott wird mir Kraft verleihen, der Herr verläßt die Seinen nicht. —-Doch setzet Euch und saget mir, womit ich Euch gefällig sein könnte, Ihr wisset, daß ich Eure Wünsche gern erfülle." „Ew. Eminenz sind immer überaus gütig gegen mich," erwiderte der Prior, indem er sich in dem ihm angedeuteten Sessel niederließ, während der Andere sich ihm gegenüber in.den. hohen Polstersessel lvarf. (Fortsetzung folgt.). Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrte Redaktion! Herr Schmarja Lewin, weiland Mitglied der russischen Reichsdnma, seit längerer Zeit sich in Deutschland aufhaltend, hat an dem von uns verbreiteten Bericht vom 1. Dezember über die jüngsteil Vorgänge in Odessa Anstoß genommen. Gestützt auf die Tagesberichte von Odessaer Zeitungen, deren Zuverlässigkeit von hier aus zu prüfen er aarnicht in der Lage ist, behauptet Herr Schmarja Lewin, daß unsere bisherigen Meldungen den Tatsachen nicht entsprächen. Wir wollen nun nicht verfehlen, niedriger zu hängen, ivas Herr Schinarja Lewin zu behairpten den Mut hat, daß wir nämlich durch unsere wahrheitsgeinäßen und von Uebertreibungen sich frei haltenden Berichte das .Pogromwesen in Rußland direkt unterstützen. Wir haben nicht gesagt und sagen nicht, daß die Verhältnisse in Odessa normal seien. Wenn aber unser Korrespondent, Herr Rabbiner Dr. Awinowitzki, ein sehr eifriger und vortrefflicher Jude, — nebenbei bemerkt: er gehört zu den Führerii der Zionisten, uns wörtlich am 1. Dezember auf unsere telegraphische Anfrage, was in Odessa geschehen sei, depeschiert: „Unbedeutende Straßenvorfälle, sonst ruhig," so glauben ivir seinem Zeugnis mehr, als den Berichten von Odessaer Blättern, auf die allein Herr Schmarja Lewin sich beruft. Jedenfalls ist es von Interesse, durch Herrn Schmarja Lewin zu erfahren, daß er in Berlin auf Grund verschiedener Odessaer Zeitungen die Telegramnie verfaßt lind verbreitet, durch die ohne Not und ohne Ursache schrecken hervorgerufen wird. Sensationelle Aufbauschungen von an sich bedauerlichen Vorkommnissen mögen im gemeinen Reporterinteresse liegen, — in unserem jüdischen Interesse liegen sie nicht. ___ Ich darf von Ihrer Loyalität erwarten, daß >Lie dieser Richtigstellung gegenüber den Schmarja Lewinschcn Ausstreuungen.in Ihrem geschätzten Blatt Raum gewähren. Mit ausgezeichneter Hochachtung Der Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemcinschaft der Alliance Jsraelite Universelle M. 2t. Klausne r. Sehr geehrte Redaktion! Ich erlaube mir. Sie zu bitten, von folgendem Briefwechsel Kenntnis zu nehmen. B e r l i n - C h a r l o t t e n b u r g, den 9. 12. 07. Goethestraße 13. gez. Dr. Schmarja Levin. 2ln den Hilfsverein der Deutschen Juden. Berlin. 2lnbei gestatte ich mir. Ihnen einen Brief einzusenden, den Herr M. A. Klausner, Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemcinschaft der Alliance Jsraelitc Universelle an die Zeitungen verschickt hat. Der Ton und die eigenartige Schreibart dieses Zirkulars überheben mich der Mühe, mich mit ihm zu befassen. Ich möchte nur mit Bezugnahme auf folgenden darin enthaltenen denunziatorischcn Passus: „Jedenfalls ist von Interesse, durch Herrn Schmarja Levin zu erfahren, daß er in Berlin auf Grund verschiedener Odessaer Zeitungen die Odessaer „Telegramme" verfaßt und verbreitet, durch die ohne Not und ohne Ursache «chrecken hervorgerufcn wird" und mit Rücksicht darauf, daß der Hilfsverein der Deutschen Juden, ivie bekannt, die Nachrichten über Odessa verbreitet hat, von Ihnen eine Bestätigung haben, daß ich bei diesen Telegrammen unbeteiligt bin. gez. Dr. Schmarja Levin. Herrn Dr. Schmarja Lcvin Charlottenburg. Sehr geehrter Herr! In Beantwortung Ihrer Ilnfrage bestätige ich Ihnen gerne, daß der Hilfsvcrein der Deutschen Juden von Ihnen niemals irgendwelche 'Mitteilungen weder in Form von Telegrammen »och in Form von Berichten zur Weiterverbreitung bezogen oder erhalten hat. Es erübrigt sich also, dies bezüglich der Odessaer Telegramme noch speziell zu erklären. Unsere Telegramnie, an deren Zuverlässigkeit für uns kein Zweifel sein kann, stammen übrigens, wie bei dieser Gelegenheit hervorgehoben sei, von zwei sehr bekannten Bürgern Odessas, an deren Glaubwürdigkeit 31t zweifeln ich keine Veranlassung habe, die begreiflicherweise in Anbetracht des gegenwärtig herrschenden Ltrafsystems in Rußland nicht genannt werden können. Hilssverein der Deutschen Inden, gez. James Simon. Zu diesem Briefwechsel habe ich noch hinzuzufügen, daß ich — mit Ausnahme des Protestbriefes, der nicht den Charakter eines Berichtes trägt — nie tu meinem Leben irgendwelche Berichte an deutsche Zeitungen verschickt noch für ein Publikationsinstitut gearbeitet habe. gez. Dr. Schmarja Levin. Wohack Inhaber; H/L, "WälZäH. Perlen, Juwelen, Goldwarenm — Auf Wunsch Auswahlsendungen. : Maiser Friedrieh Quell© - Offenbach a. M. - Gegen Gicht and Bhenmatismns bewährt. Wochert-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 14. Dezember (= 9. Teures): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang-in Frankfurt a. M. 5 Uhr 15 Min., in Berlin 4 Uhr 42 Min. Jtu Wochenabschnitt W a j i g a s ch finden wir die Fortsetzung der Joscfsgcschichte und deren 'Abschluß. Juda bittet innigst, für Benjamin Sklave sein zu dürfen, tvie es seine Bürgschaft beim Vater ihm zur Pflicht gemacht. 'Run kann Josef sich nicht mehr enthalten, er gibt sich zu erkennen. Bestürzung, 'Weinen, Umarmung und Küssen bringt die aufregende Szene mit sich. 'Auch Pharao vernimmt gern die Kunde. Mit reichen Geschenken und kostbaren Wagen ziehe» die Brüder heiin, dem bekümmerten Bater die glückliche Botschaft zn bringen. Sie sollen ihn mit nach Egypten nehmen. Jakob bleibt erst kalt und sprachlos. Die Erzählung der Brüder, der 2lnblick der königlichen Wagen wirken jedoch überzeugend. Jakob zieht nach Egypten, opfert an der Landesgrenze und bekommt die göttliche Zusicherung, dereinst wieder nach Kanaan gebracht und dort begraben zu werden. Josef fährt entgegen. Unterwegs trifft er den Bater. Lange umarmen sie sich und weinen. Die ganze Familie wohnt nun im Lande Gosen. Fünf Brüder stellt Josef dem Könige vor. 2lls Hirten dürfen sie im Lande wohnen. Auch Jakob hat eine Audienz bei Pharao. Er wird nach seinem 2llter gefragt, und nennt sein Leben ein kurzes, leiderfülltes. Er segnet Pharao. Die Hungersnot dauert fort. Josef versorgt die Teinigeu mit Brot. Die Egypter verbrauchen ihr Geld zum Getreidekauf, dann ihre Herden, endlich ihren Bodenbesitz. Sie vermieten sich schließlich selbst, um Nahrung zn erhalten. Josef bringt alles in Pharaos Besitz. — Die Sidra bringt auch einen Stammbaum der Jakobssamilie. Sie weist einen Personenstand von 70 Seelen aus. Sonntag (15. Dez.) ist 2l f f 0 r 0 - b e t e w e s. (10. Tewes). Es ist ein Taauis Zibbur, d. h. Gcmeindefasttag, darum Pflicht aller religiös Großjährigen, einen ganzen Tag zu fasten. 2ln diesem Tage — ungefähr 600 I. vor I — sing die Belagerung Jerusalems an durch den babylonischen König Nebuchadnezar. Damit fing unser Fall an. — Es ivcrden Selichaus verrichtet, in der Schmono- Esrei Aueinu eingeschalter, endlich Wajchal aus der Thora vorgelesen. Wo zn Mincho zehn Fastende anwesend, wird selbstredend auch zu -Mincho dieser 2lbschnitt verlesen. Offenbarer Druckluft=ünlage Telefon 123. Ottenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tepplchrslnlganff. Briefkasten. B. Nordau ist jetzt 58 Jahre alt. Nordau hieß ursprünglich südfeld; er ivuroe als Sohn des Sprachlehrers Gabriel Südfeld, der von Preußen nach Ungarn ausgewandert war, in Budapest geboren. F. Ttorozynetz. Marken sind uns auch genehm. D. E. Ter Sohn Moses Mendelssohn's Abraham Mendelssohn hatte einen «chwager Saloniou, der sich taufen ließ und de» Namen „Bartholdy" aunahm; dieser, der als preußischer Generalkonsul in Rom lebte und ein Mären deutscher Maler war, verfügte testamentarisch, daß 'Abraham Mendelssohn seinem Namen „Bartholdy" hinznfügte, was auch von der preußischen Regierung gestattet wurde. Die Ausschutzwahleu in der Frankfurter jüdischen Gemeinde. Das Wahlresultat. Bon 6400 Wahlberechtigten stimmten 3812 ab. — Es entfielen auf die Kandidaten des Zentraldereins in Summa 4184 Stimmen, und zwar auf R ap h ae l Ettlinger 1345 (1123 im Ostend und 222 im Westendj, Hermann S. Kahn 1418(1179 ».239), Dr. med. Z. Strauß 1421 (1179 und 242). —Auf die Kandidaten des Freisinnigen Vereins entfielen in Summa 7191 Stimmen, und zwar auf August Bender 2452 (1029 und 1423), Em i l L. H e id enheimer 2350 (961 und 1389), Dr. jur. Richard Merzbach 2389 1988 und 1401). Es sind somit die Kandidaten des Freisinnigen Vereins gewählt. Ilio MOHDIHIOrRnUt d- An3fahrunssstelle besorgen alle Ifiu llibiJybiiyCi UliJ11 verkommenden Kommissionen, fahren Kranke, tragen Kohlen, ersetzen Bediente, befördern Gepäck u. verteilen Zirkulare u. Prospekte iu.w. prompt u. billig. Näh. auf Telephonruf9401,9402u. 2770'

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