Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 48 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Seite 2. Frankfurter JsraelitiMeS FamilienblaA. Lazarus verkannte nun diesen Unterschied, indem er eine „Ethik des Judentums" schrieb. Wer der Fehler steckt nicht nur in dem unberechtigten Titel; er durchwirkt dieses ganze Buch. Wir werden es bald sehen. Luftmenschen — Luftjuden. Von Maxime Le Maitre. Nicht vom Luftmenschen des Tages, sondern vom historischen Luftmcnschen soll hier die Rede sein. Zwischen zwei Stühlen sitzen sie, da ist es ihnen zu eng. Auch kleinlaut sind sie und schäme» sich offenbar, zu reden, sie schämen sich augenscheinlich vor sich selbst. Wie aber aus dem Zweistühlen-Druck heraus, wenn sic nicht schreien wollen, weil sie dazu keine Kraft haben? Zu ihrer eigenen Rechtfertigung und, um auch andere nicht zu belästigen, legen sie sich eine Ausrede zurecht. Sie sagen: Wir befinden uns gar nicht zwischen zwei Stühlen, sondern wir schweben in der Lust. — — — — — Juden, historische und politische Juden, sind sie nicht oder wollen cs nicht sein, auch sind sie keine Enkel Hermann des Cheruskers — und doch müssen sie etwas sein, denn die Geschichte fordert ein Bekenntnis. Aber was tun? Wie aus dem Dilemma herauskommen? Wir sind nur Jdeenträger, Sendlinge und Boten der Kultur, wir sind zwar Deutsche, aber noch etwas mehr: Die Verbreiter der Messiasidee.- Daß sie noch mehr als Deutsche sein müssen, ist ihr ganzes Unglück. Der echte Deutsche will gar nicht mehr sein — und auch der echte Jude nicht. Aber was sind sie doch, da die Geschichte ein Bekenntnis verlangt? Luftmenschen. Dem'Luftmenschen des Tages fehlt der ökonomische, dem historischen Luftmenscheu fehlt der kulturpolitische Unterbau. Aber ähnlich sind sie nur einander, nicht gleich. Der Luftmensch des Tages will nicht der Beste und der Gerechteste sein, er prätendiert nicht auf ein „Mehr"; der historische Luftmensch macht aus dem Laster eine Tugend und prätendiert auf ein „Mehr". Dieses Mehr-sein-wollen ist eine faustdicke Unwahrheit und ihr muß im Interesse der Gesamtheit entgegengcarbeitet werden. Dieses historische Lustmenschentum kann uns noch einmal recht gefährlich werden, es kann die Fäden zerreißen, die die Geschichte seit viertausend Jahren gesponnen. Die letzten zehn Jahre jüdischer Geschichte erzählen in einer ziemlich deutlichen Sprache, was diese Luftjuden uns schon zugesetzt. Als das' Judenvolk vor einem Jahrzehnt durch seinen großen Vertreter Theodor Herzl der Menschheit seinen Willen zum nationalen Leben verkünden ließ, da erhoben sich die Lustjuden von links und von rechts und riefen halb zornig, halb ängstlich aus: Wir snrd kein Volk, sondern? — — — Die von links protestierten im Namen der Religion, die von rechts im Namen des „Vaterlandes". Das war keine übele Ironie, aber gleichzeitig ein wunderbares Schauspiel: Juden, die bis dahin nur vom Judentum soviel wußten, daß ihre Söhne keine Offiziere werden können und an den christlichen Weihnachten in ihrem Hause einen christlichen Weihnachtsbaum anzündrten, wurden Plötzlich „religiös" und protestierten gegen den Zionismus im Namen der Religion. So die Juden von links. Wer auch die Juden von rechts, die jeden Tag für das „heilige Volk" beten und xmal täglich in ihren Gebeten ein nationales Bekenntnis ablegen, vergaßen aus lauter deutscher, französischer oder englischer Vaterlandsliebe den Inhalt ihrer Gebete samt dem heiligen Volk und protestierten ebenfalls gegen das Volk und seinen Willen zum Leben. Und beide — die von rechts und die von links — hatten nur ein Argument: Wir sind etwas mehr. Hie Am Kodausch, hie Mission. Gewiß, ein heiliges Volk, aber wenn kein Volk existiert, kann ‘ es auch nicht heilig sein. Nein, sie sind heilige Juden, schr heilig, und vor lauter Heiligkest haben sie ihr Volk vergessen und verraten. — :— — — Wir sind kein Volk, die Juden bilden' kein Volk, sagen und sagten die voll links. Sie sind aber nicht so unverschämt, zu behaupten, daß sie Germanen sind. Also, was sind sie? Deutsche und noch mehr: Die Träger der Messiasidee. Wer ist der Träger der Messiasidce, Sie, ' Herr Zeitgenosse, der kein Stammcsgcnosse sein Ivill und in Wirklichkeit kein Glaubensgenosse ist? Bon wem haben Sie diese historische Mission. Oder halten Sic sich wirklich für den Besten der Besten, für den Würdigsten des Menschengeschlechts? Sind Sie der tragische Held, der geläuterte Märtyrer? Sic lverden ivohl selbst lachen, wenn ich daran glauben werde. Also wozu, Herr Zeitgenosse, der kein Stammesgenosse sein will und kein Glaubensgenosse ist, warum, frage ich, einer aus dem Volke, lügen Sie? Und der lügt doch am meisten, der an sich selbst nicht glaubt. Und beide, sowohl die von rechts als die von links, lügen. Die Rechten sagen: Wir dürfen uns nicht abschließen, wir dürfen uns nicht trennen. Ich aber frage: Sind sie, die sich nicht trennen wollen, mit ihrer nichtjüdischen Uniwelt so eng verbunden, sind sie niit ihrer Uniwelt überhaupt verbunden? Manches fromme Antizionistlein wird sich über diese Fragestellung allein schon empören. Damit aber beweist er noch nicht einmal, daß er mit seiner Außenwelt überhaupt verbunden ist, denn handelt es sich tatsächlich um gesctzestreue Juden, dann gibt es nur eine fixierte Norm inbezug auf ihr Verhalten zu ihrer Umwelt: „Ihr sollt nicht in den Wegen der Andern wandeln!" Was ihn mit seiner Umwelt verbindet, sind die gemeinsamen Staatsinteressen, denn „Gesetz des Staates ist G e s e tz". Sonst aber gibt es kein Moment, das den gcsctzestreuen Juden mit seiner Umwelt bindet' Wir haben andere religiöse und sittliche Normen, unser eigenes Recht, das leider sogar von unseren Gesetzestrcuen nicht mehr gehandhabt wird, und den gesetzestrcuen Juden gerade trennt eine Welt von seiner Umwelt. Wenn nun dieser gesctzestreue Jude gegen eine jüdische Bewegung sein Veto einlegt, weil er mit seiner nichtjüdischen Umwelt zu eng verbunden ist, wenn er im Namen „eines" Vaterlandes gegen die Interessen des jüdischen Volkes arbeitet, so ist die Bezeichnung Hypokrit für einen solchen Juden nicht zu stark. Aber diese zur Schau getragene Hypokrisie ist nicht Ursache, sondern Wirkung. Die Ursache ist: das Luftmenschentum! Enquete über den Zionismus. (Schluß.) Tr. E. Fink, Hamburg: 1. Der Zionismus hat, so mannigfach er sich im Laufe der Jahre entwickeln konnte, nie den Grundsatz verlassen, daß er bestrebt sei, unseren Glaubens- und Stammcsgenossen eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu errichten. Das kann aber den Ideen des gesetzestreuen Judentums unter keinen Umständen widersprechen. Denn wenn Jischuw erez jisrocl für jeden einzelnen Juden schon als schr erstrebenswerte Mizwoh gilt, so muß eine Bewegung, die dieses Ziel für die Gesamtheit der Judenheit erstrebt, zum mindesten aber für eine große Zahl unserer Brüder herbeisühren will, als besonders verdienstvoll geschätzt werden. Es mag dahingestellt bleiben, ob die Geuloh, die wir seit Jahrtausenden erstreben und erflehen, mit der Erreichung des in dem erwähnten Grundgedanken ausgesprochenen Zieles des Zionismus realisiert sein wird. Dahin aber nicht bloß mit inbrünstigen Gebeten» sondern auch mit kraftvoller Tat zu wirken, kann unmöglich mit den Prinzipien des gesetzestreuen Judentums kollidieren. Wenn der Talmud in sehr rationeller Weise uns im allgemeinen warnt: „Ein saumchin al haneis", uns vielmehr anregt, unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu regen, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen, so muß dieser Grundsatz umso mehr Geltung haben, wo es sich um das große Ziel der Erlösung aus dem Golns handelt. Zudem lehrt ja die Erfahrung, daß die Zerstreuung der Juden, der Zwang, unter dem Druck einer Gesetzgebung zu leben, die unsere religiöse Eigenheit lvenig oder gar nicht berücksichtigt, zahllose Glaubensgenossen zum Abfall vonr Judentum, wie wir es auffassen, tagtäglich führt. Man denke nur an die leider so weit ausgebrcitete Entiveihung des Schabbos, von welchem der Talmud in richtiger Würdigung der Verhältnisse sagt, daß „Schekuloh keneged kol hamizwaus" Wenn der Zionismus sein Ziel erreicht, so wären wir in der Lage, die bürgerliche Gesetzgebung im Sinne der Anforderungen unserer Religion zu gestalten und so die Erhaltung des Judentums zu festigen und zu kräftigen. Schließlich läßt es sich nicht verkennen, daß der Zionismus sehr viele unserer Brüder und Schwestern, denen das Judentum früher eine ganz gleichgiltigc Sache, ja, eine überwundene und längst obsolet gewordene Kulturerscheinung war, dem Judentum wieder zugeführt hat. Freilich nicht ohne weiteres dem Judentum nach der Auffassung seiner gesetzestrcuen Anhänger. Schon gewöhnen sich aber selbst die sogenannten „aufgeklärten" Zionisten, manche jüdischen Sitten anzunehmen, und man darf wohl hoffen: „Mitauch schelan lesooh, jowan al lesooh". Vom Standpunkte des gesetzestreuen Judentums aus ist das eine große Errungenschaft. Aus allen diesen Gründen ist Frage 1 entschieden zu verneinen. 2. Da der Zionismus den Ideen des geietzcstreuen Judentums nicht nur nicht widerspricht, sondern diese sogar noch fördert, so müseit alle gesetzestreuen Juden sich an der zionistischen Arbeit beteiligen. Das ist übrigens auch eine Forderung der Klugheit, denn wenn eine so eminent jüdische Bewegung, wie es der Zionismus ist, den gesetzestreuen Juden am Herzen liegt, so müssen sie sich bestreben, einen Einfluß auf die weitere Entwicklung dieser Bewegung zu gewinnen. Das kann aber nur dann geschehen, wenn sie sich l. möglichst zahlreich dem Zionismus anschließen, 2. sich innerhalb der Zionisten zusammenschließen, um viribus uniris ihre Ideen zu verbreiten und ihnen innerhalb der Partei Beachtung, Achtung und Geltung zu verschaffen. In diesem Sinne kann eine umsichtig geleitete zionistische Organisation im Misrachi sehr ersprießlich und wohltätig wirken. 3. Es ist unverkennbar schwierig, einen Einfluß auf die zionistische Bewegung im positivreligiösen Sinne zu gewinnen. Es handelt sich ja hier nicht blos darum, eine gewisse Lebens¬ und Weltanschauung zur Geltung zu bringen, das könnte vielleicht durch das Gewicht schwerwiegender Argumente bewirkt werden. Es sollen vielmehr widerstrebende und apathische Elemente, zur Gestaltung der Lebensführung im Sinne des gesetzestrenen Judentums gewonnen werden, und da heißt es, Opfer bringen an Genuß und Behaglichkeit, da heißt es die natürliche vis insrtiao zu bekämpfen und sich manche Entbehrungen aufzuerlegen. Das ist aber sehr schwierig. Nichtsdestoweniger muß der Versuch gewagt werden, wenn die gesetzestrenen Zionisten einen Einfluß gewinnen wollen auf den Gang und die Gestaltung der zionistischen Bewegung. Denn solange die gesetzestreuen Juden unter den Zionisten — wie bisher — eine so verschwindend kleine Minorität bilden, ist es nicht zu erwarten, daß man auf die von ihnen vertretenen Prinzipien besonders große Rücksichten nehmen werde. — Die gesetzestrenen Zionisten müssen allen ihren Einfluß aufbietcn, um Männer ihres Vertrauens in die Leitung der Ortsgruppen zu briugen. Sie müssen versuchen, die leider noch sehr umfangreich herrschenden Vorurteile gegen das gesetzestreue Judentum zu bekämpfen. Das kany durch öffentliche Borträge und durch Darlegungen in privaten Kreisen in geeigneter Weise geschehen. Schließlich müßte jeder von ihnen sich bestreben, unter seinen außerhalb des Zionismus noch stehenden Gesinnungsgenossen eifrig Propaganda für den Zionismus zu machen.