Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 48 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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3frurlitif(1|f& familirnlilutt. (!"" Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Viertelsahr-. In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50. sonstige Länder Mk. 2.— t-- ■ - * M-daKtioir und HefchLftsstekle: Frankfurt 2. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Vlerchstraße Gerefo« 10507. Hsrausgebsi!: Sals Hei-s. . Jnsertionspreise: Die diergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uevereinkunft. - ' 5. Jahrgang. Freitag, de« 8. Tewes 5668 (18. Dezember 1967). Ro. 48. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Grundlagen der Jüdischen Religionsphilosophie. — Lustmenschen — Luftjuden. Enqutzte über den Zionismus. —Au §Ja ller Welt. — Feuilleton: Der Prior. — Sprechsaal- — Wochen-Kalender. — Familiennachr i'ch t e n. Die Grundlagen der^j Z Jüdischen Neligionsphikosophie nach Hermann Cohen. Dargelegt und erörtert Bon Dr. Jacob Klatzkin (Jacob b. Elijah.) I. Einleitendes. In der Artikelserie „Hermann Cohen" (40-43, 48, 49 d. Jahrg. 1904 und 2, 3 d. Jahrg. 1905) haben wir uns mit den jüdischen Elementen in der Ethik Cohen's beschäftigt, vorzugsweise mit der prophetischen Gottesidee und Mcfsiasidcc. Wir sahen, wie die Grundgedanken des Judentums in seinem philosophischen System methodisch verwertet werden und konnten somit die Verbindungslinie zwischen seiner Philosophie und der jüdischen Rcligonsphilosophie ziehen. Nun wollen wir uns den Ansichten Cohen's aus dem Gebiete der jüd. Religionsphilosvphie über diese Verbindungslinie hinaus, znwenden. Sie sind zwar in mehreren Aufsätzen zerstreut, doch vermögen sic ein ganzes Bild zu liefern. * . „I üdische Religionsphilosophie" — warum nicht die moderne Bezeichnung „E t h i 1 des Judentums"? Diese Frage führt nns zur Betrachtung des Verhältnisses von Religion und Ethik überhaupt. „Religion und Sittlichkeit machen den -Anspruch, einen und denselben Begriff zu bedeuten. Aber in diesem Doppelwortc wird die Einheit der Kultur zum Rätsel. Religion ist Sittlichkeit. Ist sie aber nichts anderes als Sittlichkeit?" („Religion und Sittlichkeit", Berlin 1907, Verlag M. Poppelauer, S. 6.) „Eine große Strecke geht sie mit dem Sittlichen zusammen, und es könnte scheinen, als ob ihr Weg derselbe wäre, wie der der Sittlichkeit." (Ibidem 2, S. 18.) — Unterscheidet sich nun die Religion mit ihrer Sittlichkeit von der Sittlichkeit der Philosophie? Wir haben bereits in unseren erwähnten Artikeln die M e t h o d e der Ethik zur Genüge kennen gelernt, um nicht mehr daran denken zu sollen, daß die Ethik ein methodisch gleiches Gebiet habe mit der Religion. Wir wissen: die Ethik setzt im System der Philosophie die Logik voraus. Die Ethik ist Logik der Geisteswissenschaft, die der Logik der mathematischen Naturwissenschaft nachgesetzt werden muß; nachgesetzt, nicht aber hintangesetzt: sie hat ja das Privilegium des Primats der praktischen Vernunft. Sie bildet wohl die Spitze, nicht aber )en Anfang. Zunächst das Sein, dann das Sollen; aber auch nicht Sein oder Sollen allein. „In der Verbindung von Logik und Ethik allein ist Wahrheit zu suchen." („Ethik des reinen Willen", Berlin 1904, Verlag Bruno Cassirer,jS. 85.) „Wahrheit, wie die Ethik sie zu denken hat, muß Wahrheit der Erkenntnis sein. Erkenntnis aber ist in erster Linie Logik." „Indessen die Logik allein hat Richtigkeit, Gesetzlichkeit, Allgemeinheit, Notwendigkeit, an sich aber keine Wahrheit. Die Ethik erst bringt die Wahrheit hinzu; sie bringt sie hinzu; sie kann sie nicht aus sich selbst schöpfen." (Ibidem S. 83.) Dieses Verhältnis der Ethik zur Logik läßt uns schon den Grund der Differenz zwischen Ethik und Religion erkennen: Ethik ist' Wissenschaft, Religion aber ist es nicht. Was bleibt aber für die Religion übrig, wenn Wahrheit nur in der Verbindung von Logik und Ethik gesucht werden soll? Und ninimt denn nicht die Religion den Ausdruck Wahrheit ebenfalls in Anspruch? * * * Wir kommen so von der allgemeinen Frage nach dem Verhältnis von Ethik und Religion zum spezifischen Verhältnis von Ethik und jüdischer Religion. Es ist ja der Monotheismus, der die Wahrheit für den einzigen Gott beansprucht. „Gott ist wahr, und Gott ist die Wahrheit, das sind die tiefen Ausdrücke, mit denen die Propheten den einzigen Gott erfaßten. Vielleicht darf man sagen, daß charakteristischer noch als die Einzigkeit die Wahrheit für den Gott der Religion gegenüber den Göttern der Mythologie ist. Denn der wahre Gott ist der Grund der Sittlichkeit: die er fordert, und deren Forderungen schlechterdings sein Wesen ausmachen." (Ibidem.) Und dieser Gottesbegriff soll ja — wie wir bereits aus unseren vorigen Erörterungen wissen — auch in der Ethik das Problem der Wahrheit bestimmen. Er bedeutet die Gewährleistung des sittlichen Ideals, die Realisierung der Sittlichkeit. Er bedeutet hier: daß das sittliche Ideal kein Phantom bleibt, sondern immer mehr die Wirklichkeit erobert. Er besagt also die Sicherung des Seins für das Sollen. Somit bildet er jenen Begriff, der den Zusammenhang zwischen Logik und Ethik vollzieht. „Diese Verbindung der Logik und Ethik entspricht dem Grundgesetze der Wahrheit. Und so wird in diesem! genau definierten Sinne der Begriff Gottes der Begriff der W a h rheit." (Ibidem, S. 417.) Wir können also jetzt näher und präziser fragen: worin unterscheidet sich der Begriff des wahren Gottes bei den Propheten als den jüdischen Religionslehrern von dem Gottesbegriff der Ethik als Begriff der Wahrheit. Es ist eben jener Unterschied, den wir zwischen Religion und Sittlichkeit allgemein festgestellt, welcher nun im Gottesbegriffe wurzelt. In der Ethik darf kein miswärtiger Grund gelegt werden. Sie ist autonom, die Religion Heteronom. Die Wahrheit in der Ethik hat, da sie Erkenntnis ist, die Logik zu ihrer Voraussetzung. „Auch bei Platon bildet die Wahrheit zwar eine Steigerung zum Sein; aber das Sein bleibt eben doch die Voraussetzung." Und wenn eine Parallele zwischen dem prophetischen Gottesgedankeu als Gedanken des Guten — „Er hat dir verkündet, o Mensch, was gut ist" (Micha VI, 8) — und dem platonischen Gottesgedankeu als „Idee des Guten" berechtigt ist, so soll man darüber keineswegs die methodische Distanz zwischen diesen zwei Formulierungen des Gottcsbcgriffs vergessen. Bei Platon kommt es auf die Erkenntnis an; „demgeinäß aber auf den Zusammenhang der Idee des Guten mit den mathematischen Naturideen; also auf den Erkenntniswert der Idee auch für das Problem des Guten. Bei den Propheten hingegen schürt nicht der Trieb begrifflicher, wissenschaftlicher Erkenntnis; die wissenschaftliche Forschung liegt jenseits ihres Horizontes; sondern wie Dichter, wie Seher, die aus dem Opfcrwesen emportauchen, lveissagen sie von dem Guten, das der einzige Gott den Menschen kündet. Diese Kunde ist nicht Wissenschaft, nicht Erkenntnis; denn sie wird nicht durch eine wie immer elementare, methodische Forschung gewonnen; sie Prägt sich daher auch nicht in Begriffen aus." „Der prophetische Gedanke des Guten ist nicht und will nicht sein ein Begriff der Erkenntnis, mithin nicht ein Erzeugnis, ein Ergebnis der Erkenntnis, eines Denkens, welches von Grundlagen ausgeht und in regelrechten Folgerungen fortschreitet, sondern wie aus einem Geheimnis heraus entspringt er." (Religion und Sittlichkeit, S. 35.) Freilich ist die messianische Gottesidee die Idee der Menschheit, doch ist die Ethik als Lehre vom Menschen die Erkenntnis dieser Idee, die Menschheitsidee als Realität. „Wenn der mcssianische Gott die Einheit des Menschengeschlechts und die ideale Zukunft der sittlichen Menschheit in ihr zur Entdeckung, und damit die Religion als solche zur Vollendung gebracht hat, so erkennen wir nunmehr in der Idee Gottes diese ihre Bedeutung für die Ethik. Eine Ethik ohne Gott ist imGrunde eine Ethik des Individualismus." Aber „für die Ethik der Menschheit darf ihr unerschütterliches, tiefstes Fundament nicht mehr in der prophetischen Hoffnung der Zukunft liegen, sondern gemäß ihrer Methodik in der Realität der Zukunft." (Ibidem, S. 57.) So sehen wir im prophetischen Gottcsbegriff selbst, den die Ethik ja in sich aufnimmt, die methodische Differenz zwischen Religion und Ethik. Wir können also nur von einer jüdischen Religionsphilosophie sprechen, nicht aber von einer Ethik des Judentums. Ethik ist eine Disziplin in der wissenschaftlichen Erkenntnis, ini Systeni der Philosophie. Religion will es nicht und kann es nicht sein wollen.