Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 47 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. Bremerhaven, 2. Dezember. Gestern sprach Herr Dr. W. Unna -Altona in der hiesigen Ortsgruppe. Er skizzierte kurz Pas Entstehen und das Bestehen des Judenhasses und verbreitete sich dann über die Notwendigkeit der Schaffung eines Kulturzentrums und eines jüdischen Bauernstandes behufs'steter Regeneration des im Aussterben begriffenen alten Stammes. Der Vortrag erntete starken Beifall und hatte verschiedene Mitgliedsanmeldungen zur Folge. Die Diskussion war interessant und anregend. Budapest. Es bestehen hier folgende zionistische Vereine: 1) Jvriah (Verein für Mittelschüler), 2) Judäa (Verein für Kausleute, 40 Mitglieder), 3) Makabäa (Verein für Hochschüler, 120 Mitglieder), 4) Herzl (Verein für Bürger, 120 Mitglieder), und 5) Deborah (Frauenverein, 70 Mitglieder). Auch ist der hiesige jüdische Turnverein, dem die Stadt Budapest für seine Turnübungen kostenlos eine Turnhalle zur Verfügung gestellt hat, während die Ueberlassung einer' Turnhalle seitens des übermagyarischen jüdischen Gemeindevorstandes selbstverständlich ausgeschlossen war, zu den zionistischen Vereinen zu zählen. Antwerpen. Der hier vor 2 Jahren gegründete Verein Dorsche Zion (Jcunesse Sioniste), dessen Mitglieder nicht jünger wie 13 und nicht älter wie 18 Jahre sind und dessen Aufgabe es ist, die jüdische Jugend im jüdisch-nationalen Sinne zu beeinflussen, gibt seit einiger Zeit eine Monatsschrift H a l e n m i heraus. London. Der bekannte Zionist Dr. Samuel Daiches, Rabbiner in Sunderland, ein Schüler des Berliner Rabbinerseminars, wurde zum Dozenten für Bibelexcgese, Talmud und Schulchan- Aruch 'am hiesigen Jews College (Rabbinerseminar) gewählt. Samuel Daiches ist der älteste Sohn Rabbi I. §. Daiches in Leeds; er wurde 1878 in Wilna geboren und besuchte die Ilniversitäten Königsberg und Berlin. Rew-Bork. Die amerikanischen Po ale Zion (zionistischen Arbeiter), die in 42 Vereinen organisiert sind und in 11 'Städten eigene Häuser besitzen, haben in den ersten 9 Monaten dieses Jahres 26 000 JL für zionistische Zwecke gesanimclt. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. .Verein Nachlaß Zwi". Vor dichtbesetztem Saale hielt gestern, Mittwoch, der Verein seine Chanukafeier iin Hörsaale der Israel. Religionsgesellschaft ab. Musik- und Gesangsvorträge und Rezitationen eröffneten die Feier, die in dem Festvortrage des Herrn Provinzialrabbiners Dr. C a h n - Fulda über Jüdisches Selb stbewußtsein und Assimilation ihren Höhepunkt hatte. Der Redner führte aus, daß bei den Assimilcmten das jüdische Selbstbewußtsein geschwunden sei, erst die nationale Bewegung habe sie einem Teile derselben wieder gebracht. Die orthodoxen Juden jedoch haben sich stets das Selbstbewüßtsein bewahrt; sie basieren auf der Thora, während die Nationaljuden auf dem Volke basieren. Für sie liegt 'die Weihe des Chanuka in seinen religiösen Momenten, für die Nationaljuden dagegen ist Chanuka ein patriotisches Fest. Die Makkabäcrgeschichte lehrt, daß Fasten, Buße, Gebete das jüdische Volk in jenen Tagen vom Untergange gerettet und zum Siege geführt haben, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß sich damit eine in der Weltgeschichte beispielslose Tapferkeit verband. Der Redner zeigt, wie auch auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft bei den Nichtorthodoxen das Selbstbewußtsein geschwunden ist, er geht da besonders auf Cohen's Ethik ein und zeigt dann an einem ihm passierten Erlebnis, welches hohes Maß von Selbstbewußtsein auch 'in wissenschaftlicher Beziehung die Thora dem ihr Vertrauenden gewähre; sind doch ihre 3Yz Jahrtausende alten Gesetze trotz aller Fortschritte noch auf keinem Gebiete übertrosfen ivorden. Redner schließt mit dem Hinweis auf 'Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der in unserer Zeit eine zweite Chanukas Habajis vollzog. Dem Vortrage folgte wiederum ein geselliges Programm, und mit dem Bewußtsein einiger harmonisch verbrachter Stunden schied das Publikum. Frankfurt a. M. Am 1. Chanukaabend hielt der „Vergnügungs-Club junger Leute" sein Chanukau. 1. Stiftungsfest in den oberen Räumen des „Neuen Börsen-Restaurants" ab. Wie der Präsident, Herr Karl Rosenthal, in seiner Begrüßungs-Ansprache erwähnte, ist der Verein bestrebt, gemäß seinen Satzungen die Geselligkeit im Kreise jüdischer junger Leute zu pflegen und zu fördern, besonders, die jüdischen Freudenfeste der Tradition gemäß zu feiern. Diesem Bestreben gemäß wurde zu Anfang der Feier das Chanukalicht mit den dazu vorgeschriebenen Segenssprüchen von Herrn Ferdinand Michel entzündet, woran sich unter begeisterter Teilnahme der Anwesenden das Absingen eines Chanukaliedes nach der Melodie von „Moaus Zur" mit Musikbegleitung anschloß. Hierauf sang Herr Miche l einige Lieder und Herr Bösemann hielt einige humoristische Vorträge. Ein Theaterstück, betitelt „Stille Mebe mit Hindernissen", beschloß das Programm, sowohl den ^Darbietungen der beiden igepWnten Herren, sowie denen von Frau Glücksinann, Frl. Schönauer, Herren Mayer, Ro- Frankfurter Israelitische- FamiRenvlaS. enthal und Bösemann, die in dem Theaterstück mitwirkten, folgte reicher Beifall. Ein Ball chloß die Feier. Frankfurt a. M. Am Samstag, den 30. Nov, hatte die V e r g n ü g u n g s g c s e l l s ch a f t junger Leute (g e g r. 1893) im Saale des „Karlshaus" ihr diesjähriges Chanuka- und Stiftungsfest. Ein Prolog, gesprochen von Fräulein S ii ß, und die Ansprache des Präsidenten eröffnete die Feier. Hierauf folgten Couplets, Duette usw., mit denen Frau Springmann, Frl. Kahn und die Herren Alfred Blumenthal und Leo Böttigh e i m e r lebhaften Beifall errangen. Auch das Theaterstück „Zweimal verheiratet" wurde von seinen Darstellern — Frau Klinger, Frau Springm a n n, Frl. Kahn und die Zerre» A. Blumenthal und Ludwig u. Leo Böttigheimer — in tadelloser Ausführung gegeben. Noch bis zur stützen Morgenstunde waren die Gäste und Freunde des Vereins bei Tanz und fröhlicher Unterhaltung versammelt. Berlin. Der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, dessen Tätigkeit sich bis jetzt nur in den engsten Grenzen bewegte, hält zu einer gedeihlichen Entwicklung seiner Bestrebungen nach seinem 8. Jahresbericht folgendes für notwendig: 1. Die richtige Ausbildung der Eleven, wie sie bisher durch 'das Gut der Bodenkulturgesellschaft ermöglicht wurde. 2. Die weitere Ausbildung der Eleven nach Absolvierung der Lehrjahre, wie solche bisher in Deutschland nicht erreichbar war. 3. Die Austeilung eines Gutes an jüdische ausgebildete Landwirte, eine Aufgabe, an die der Verein heranzutreten bisher noch keine Veranlassung hatte, da es an solchen ausgcbildeten Landwirten fehlte. Was die beiden ersten Punkte betrifft, so ist der Verein neuerdings mit einer Gruppe jüdischer Männer aus Mitteldeutschland in Verbindung getreten, unter denen sich der Besitzer eines großen Gutes befindet, das derselbe für Lehrzwecke resp. zur Ausbildung jüdischer Landwirte auszugestalten beabsichtigt. Die Idee ist, daß daselbst neben Söhnen wohlhabender Eltern, die sich später als Pächter und Ansiedler forthelfeu können, auch ärmere Schüler unterrichtet werden, die später bei ihren wohlhabenderen Kollegen sich weiter fortbilden können. Lemberg. Die Wintersaison der Tonbeehalle ist letzten Sonntag mit einem Vortrage Professor Kellner's eröffnet worden. Aus -er Lehrerwelt. Würzburg. Der 43. Jahresbericht der Israel. Lehrerbildungs-Anstalt verzeichnet die Zahl der Seminaristen ini abgelaufenen Schuljahre init 26, von denen 16 die Beköstigung ganz und 8 teilweise bezahlten, während Unterricht und Wohnung allen Seminaristen unentgeltlich gewährt'wurden. Das neue Schuljahr hat mit einer Frequenz von 31 Zöglingen begonnen. Die Ausgaben betrugen 33 200 JL (8201 JL Verpflegung, 732 JL Heizung, 13 500 JL Gehälter, 5770 JL Pensions¬ und Witwengchälter usw.) und die Bilanz schließt mit einem Barbestand von 323 JL Die Anstalt hat ein Vermögen von etwas über 115 000 JL, eine Summe, die für eine gesunde Fundierung einer derartigen Anstalt zu gering ist. Lftrowo (Posen), Nicht bestätigt! Der Minister des Innern hat die Wahl des Rabbiners Dr. Freimann aus Holleschau in Mähren zum Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde nicht bestätigt. (f.) Pr. Stargard. Dr. Sally Gans-Berlin ist zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Berlin-Charlottenburg, den 3. 12. 07 Göthestraße 12. Sehr geehrte Redaktion! Ich bitte Sie ergebenst um die Aufnahme folgender Zeilen in Ihre geschätzte Zeitnng. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Schmarja Lewin. Zu meinem Erstannen habe ich in dem Abendblatt der Vossischen Zeitung vonl Montag, den 2. Dezember, eine Mitteilung des deutschen Bureaus der Alliance Jsraelite Universelle gelesen, wonach in der vergangenen Woche in Odessa „nur ganz unbedeutende Straßenkrawalle vorgekommen seien, die schnell vorüber gingen und kaum beachtet wurden. In der Stadt sei alles ruhig." Gestatten Sie mir, einer solchen Berichterstattung zu widersprechen. Die Nachricht von den Bluttagen in Odessa, wie die Odessaer Zeitungen diese Tage nennen, hat die Runde durch alle russischen Zeitungen gemacht, und die russischen Zeitungen dürfen doch gewiß nicht zuviel schreiben. Sogar diejenigen Zeitungen, die vom verbände der echten Russen" redigiert werden, haben Seite 11. ausführliche Berichte über die Ereignisse gebracht. Zwar herrscht in Odessa in den letzten Jahren ein permanenter Pogrom, diesmal aber muß es sich doch um etwas für Odessa Außergewöhnliches gehandelt haben. Die Odessaer Zeitungen sind allerdings vom Generalgouverneur gewarnt worden und dürfen zusammenhängende Berichte nicht bringen. Sie dürfen auch nicht mehr von den Untaten der Verbändler oder „schwarzen Bande" sprechen, das ist ihnen verboten worden, statt dessen müssen sie sagen „junge Leute". Es genügt aber ein Blick in die Rubrik „Lokales" der Odessaer Zeitung „Odeßkia Rowosti" zu werfen, um über die Bedeutung der Unruhen Gewißheit zu erhalten. Demgegenüber müssen solche Nachrichten, wie sie das deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Unirerselle bringt, als eine direkte Unterstützung des Pogromsysteins in Rußland wirken, und es ist daher die Pflicht eines jeden Kenners der Verhältnisse, gegen derartige Berichte zu protestieren. Kunst und Literatur. Meyers Großes Konversationslexikon. 6. Auflage. Mehr als 118000 Artikel und Verweisungen auf über 18 210 Seiten Text mit mehr als 11000 'Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1100 Jllnstrationstaseln, sowie 130 Textbeilagen. (20 Bände in Halbleder gebunden zu je 10 JL oder in Prächtband zu je 12 JL Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Wie in den früheren Bänden, findet der Leser auch in dem soeben erschienenen 18. Bande über die Fragen der Gegenwart reiche Belehrung. So geben die Artikel „Sozialismus", „Sozialdemokratie" nsw. eine eingehende Darstellung der sozialen Bewegung, ihrer Geschichte, ihrer Theorien und der durch sie bedingten wirtschaftlichen und politischen Erscheinungen. Eine neue Beilage zeigt die bedeutendsten Sozialisten im Bilde. Die hohe Bedeutung, die in den letzten Dezennien die Statistik aus allen Gebieten des praktischen Lebens wie der Wissenschaft erlangt hat, findet gebührende Beachtung im Artikel „Statistik" mit einer statistischen Darstellung der Methoden, wobei auch die Beilagen: Geschichte der Seeschiffahrt, Statistische llebcrsicht und Staatsformen der Erde genannt seien. Nicht minder belehrend sind die Artikel „Schrift", „Schreibkünste", „Schreibmaschine" mit neuen Beilagen sowie der ebenfalls mit Tafeln und Textbeilagen ausgestattete Artikel „Stenographie". Bon größeren geographischen Artikeln wurden die über Schweiz und Schottland mit neuen Karten versehen. Literatur und Geschichte der betreffenden Länder sind im Anschluß an die geologische, geographische und ethnographische Darstellung eingehend gewürdigt worden. Besondere Beachtung verdienen die Artikel über „Sprache", „Sprachwissenschaft", „Sprachreinigung" usw. mit Sprachenkarte und einer Ilebersicht der Sprachstämme, die in fesselnder Form dem Leser die Entwickelung dieses Wissenszweiges und seine heutige Bedeutung für die Kulturgeschichte vor Augen führen. Im ganzen enthält der neueste 952 Seiten umfassende Band 24 Karten, SO z. T. farbige Tafeln und 20 Beilagen, die ebenso wie der wunderbar klare Text das Prädikat musterhaft verdienen. Rabbiner Dr. S. Carlebach, An Horebs Höhen, zehn Predigten zum Feste der Gesetzgebung. 77 Seiten. Oktav. Lübeck 1907. Zu beziehen durch den Herausgeber. Wir hatten schon oft Gelegenheit, den Predigten des geehrten und gelehrten Verfassers zu begegnen in dem Urteile, welches wir uns über den eloquenten Redner, die geschickte Behandlung des Stoffes, die unvergleichliche Fülle der Gedanken gebildet habe» — darin bestätigt uns auch vorstehende Sammlung. Wir können dieses Urteil in den Worten zusammenfassen: Die Reden des Rabbiner Carlebach, eines Mannes, der, tief durchdrungen von seinem heiligen göttlichen Berufe, völlig in diesem Berufe aufgeht — sie alle sind gleich originell, sie alle haben das eine Bestreben: belehrend zu sein, belehrend auf den Hörer wie auf den Leser zu wirken, sie alle durchweht der eine und selbe Geist: der Geist der lautern Gotteslehre, der alles andere dienstbar gemacht werden müsse, der Geist der geläuterten Gottesfurcht, der gegenüber kein Opfer zu teuer sein darf. Wie geschickt ist das Babel-Bibel-Gewäsch verarbeitet in der zweiten Rede der vorliegenden Sammlung und welch tiefernste Zuriickivcisung erfährt hier der Anschlag und wie vornehm die Ablehnung des Jubels darob, daß dieser Anschlag vereitelt wurde! „Daß ein großer Teil unserer Brüder," sagt der