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Neue jüdische Presse · 1907-12-06 · Heft 47 (6.12.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 47 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 47, scheinen die jüngsten Hetzreden Dr. Luegers ain Katholikentage gegen die Verjudung der Universitäten und die antisemitischen Agitationen der christlichsoziale» Parteiführer ganz und gar unbekannt zu sein. Diese sozialdemokratische Beschwichtigungspolitik wird aber die jüdische Nationalbewegung nicht abhatten, kraftvoll ihren Weg sortzusetzen. Jsch Jehndi. Grohbritannieu. London. Das Defizit des bedeutendsten jüdischen Wohltätigkeitsvereins Londons, des „Jewish Board of Guardians", dürfte in diesem Jahre fast 200 000 JL betragen; der Verein hat 85 000 JL weniger vereinnahmt und 20 000 Mark mehr verausgabt, als "im Vorjahre. In einer jüngst abgehaltenen Versammlung, die sehr zahlreich besucht war, wurde nach einer Siebe Lord N ätha - niel Rothschild's auf dessen Antrag einstimmig eine Resolution angenommen, „daß die Versammlung des Boards und der Förderer, welche für seine verschiedene Komitees tätig sind ober mit ihnen in Beziehung stehen, nachdem sie sestgestellt haben, daß das ZZerk des Boards in seinem gegenwärtigen Maßstabe ebenso wesentlich für die jüdischen Armen als für die Interessen der Gemeinde ini allgemeinen ist, sich verpflichtet, keine Anstrengung zu. scheuen, um genügend Mittel für die jährlichen Bedürfnisse des Boards aufznbringen." — Die Verdien st e der Inden um Oxford. Israel Abrahams, Dozent der rabbinischcn Literatur in Cambridge, hielt jüngst in Oxford eine öffentliche Vorlesung, worin er auf die verschiedenartigsten Verdienste.hinwies, "die sich die Juden vor ihrer Vertreibung aus England (um 1290) um letztere Stadt erworben haben. So waren z. B. die Inden in Oxford die ersten, die zu jener Zeit daselbst eigenhändig errichtete Häuser für sich selbst ausbauten, die aus massiven Bausteinen bestanden, während alle anderen Gebäude der Stadt nur hölzerne waren. Nach ihrer Vertreibung wurden diese Häuser vom Staate konfisziert und in Lehrhallcn für die Universität umgewandclt. Diese Steinhäuser dienten verschiedenen nichljüdischen Architekten in England als Modelle für ihre späterhin errichteten Gebäude. Unter den damaligen Oxforder Juden befanden sich einige berühmte Aerzte, deren Dienste auch im Auslande zuweilen in Anspruch genonunen wurden. Bemerkenswert ist auch die von Mr. Abrahams erivähute Tatsache, daß die Oxforder Juden ein eigenes Tribunal halten, dessen Existenz von der englischen Regierung gestattet war. Frankreich. Paris. Auch in Algier tritt nunmehr das GefetzüberdieTre nu un gvon Kirche und Staat in Kraft, und zwar am 1. Januar. Die 62 000 Juden Algiers sind meistens unbemittelt, und so haben sich die Vorsteher ihrer Gemeinden veranlaßt gesehen, sich an das Konsistorium in Paris um Subsidien zu wenden. Dio Juden Algiers stellen sich damit unter die Autorität dieser Behörde. — Das erste Mal nach der Trennung von Kirche und Staat haben in Frankreich dieWahlenzumKoüsistorium stattgefundcn. Früher bestand das Konsistorium aus insgesamt 12 Mitgliedern, einem für jede Provinz, einschließlich Algiers; nunmehr entsendet jede Gemeinde nach dein Verhältnis ihrer «stärke Delegierte ins Konsistorium, dcni aber höchstens 200 Mitglieder augehörcn dürfen. Diesmal war zum erste» Male auch so etwas wie ein Wahlkampf zu verspüren. — Die meisten jüdischen Gemeinden Frankreichs haben sich dem Konsistorium unterworfen; nach dein' Gesetz steht es ihnen bekanntlich frei, sich zu Kultusverbänden zusammenzuschlicßen oder nicht. Rußland. Radomisel bei Kieff. Traurige Bilder. In der jetzigen Zeit der Choleragefahr stehen bekanntlich unsere armen Glaubensgenossen von der österreichischen Grenze ab bis zu ihrer Einschiffung unter strengster Kontrolle, und viele Familien, die ihr Hab und Gut verkauft haben, um ihre Reiscspesen zu decken, werden per Schub zurückgcbracht. So "sind 'hier 28 blutarme Faniilien wieder zurnckgekommen. In Zdolbnnowo ist der Bahnhof von derartigen Unglücklichen angefüllt; dieselben sind vollkommen besitzlos, sie haben kaum mehr als das, was sie ' auf dem Leibe tragen. Die, welche ohne Paß befunden werden, werden von der Polizei als Strafgefangene überwacht und befördert; die Fahrt geschieht in „Schubwagen", ganz wie bei Gefangenen. — Die ökonomische Lage der Juden im Kicivcr Gouvernement ist die traurigste, welche cs nur geben kann; man kann sagen, fast alle Juden sind subsistenzlos und hungern von Tag zu Tag unaufhörlich. Trotzdeni wollen die Handwerker lieber im Ansiedlungsrahon hungern, als daß sic von ihrem Rechte Gebrauch machen, Beschäftigung in Kiew zu suchen. "Es wagen wohl manchmal einige, in Kiew Arbeit zu suchen, aber in den »leisten Fällen bringen sie es auch dort zu nichts, da ihnen die Mittel, eine anständige Werkstätte einzurichten, fehlen und auch ihr kümmerliches Aussehen und ihre armselige Erscheinung abstoßend auf die Kiewer Einwohner einwirkcn. — Es gibt freilich auch bei uns einige schwerreiche Juden, sogar Millionäre; aber — Reichtum macht hart. I. I. Braun. Miukowlci lPodolien). Einen Progromschrecken hatten die hiesigen Juden letzten Dienstag durchlebt. Ein Torfstarostuild Bauern desselben Dorfes hatte,l'sich vor einiger Zeit bei einein hiesigen jüdischen Schankwirte angetrunken, — und als es ans Bezahlen ging, da hatte der Wirt nicht nur das Nachsehen, sondern einpfing noch die Drohung seitens des Starosten, wenn er die jüdische Frechheit besitze, sein Geld einzuklagen, dann schwöre er, sich zu rächen. Der Wirt hatte die Frechheit, — und am letzten Markttage erschien nun der Starvst mit seinen Bauern, um seinen Schlvnr ivahrzumachen. Schnell war nian dabei, die Kramen zu plündern, — aber ebenso schnell hatten sich die jüdischen jungen Leute vereinigt und die Bauern zurückgeschlagen. Palästina. Jerusalem, 21. Naveinber. Die Teuerung der Lebensmittel ist in der hl. Stadt noch immer im Steigen begriffen. Es ist noch gar nicht abzusehen, wie die arme» Leute ihr Leben fristen werde», wenn es so weiter fortgeht. Es sei denn, daß von irgend einer Seite unerwartete Hilfe kommt. Wie übel zumal die Scphardim, die fast gar keine Chaluka haben, daran sind, läßt sich gar nicht eindringlich genug schildern. Völlige Verzweiflung hatte sich der Armen bemächtigt, als zu der drückenden Teuerung auch noch Wassernot hinzugetreten lvar. Dem ist nun — Gott sei Dank — abgeholsen. Dieser Tage ging ein Regen nieder, der fast alle Zisternen füllte. — Die ungarische Gemeinde geht daran, ihre Kolonie durch Ankauf'eines weiteren, aber noch tiefer gelegenen Terrains zu erweitern. Dagegen erhebt der Verein „Kohelct Jakob", der die jüngere Generation zu Ackerbau hcranzuzichcn strebt, mit Recht Protest. In der hier erscheinenden Wochenschrift '„Habazcleth" Nr. 8 und 9 hebt der Schreiber zunächst hervor, daß die Lage der ganzen 'Kolonie noch mehr aber des neu zu erwerbenden Terrains eine äußerst ungesunde ist. und daß man zweitens mit dem Gelbe — K. 150 000 — auf dem Lande, >vo der Boden ungleich billiger ist, eine ansehnliche Zahl Familien aiisiedeln könnte. Welchen praktischen Vorteil eine solche Siedelung hätte, bas braucht wohl nicht erst näher beleuchtet zu werden. Auch die Chaluka würde mit der Zeit dadurch eine Entlastung erfahre». Es wäre wirklich zu wünschen, daß diese so plausiblen Ausführungen an maßgebender Stelle .ernst in Erwägung gezogen würden. H. Amerika. New Aork. Von der jetzigen Krise werden auch die sieben Brüder Guggeuheim, deren Gesamtvermögen auf 500 Millionen Dollars geschätzt wird, schwer betroffen. Die Guggenheims sind heute die größten Silbern. Bleiproduzentcn der Welt. Den Grundstein zu ihrem Vermögen bildete eine Silbermine, die ihr Vater, der 1848 als 10jähriger Junge nach Amerika kam, für eine Forderung zu übernehmen gezwungen lvar. — Die Vereinigten I iidis ch e u W o h l - täti gkeitsvereinc, deren letztjährige Einnahme 248 000 Dollars betrug, befiudeir sich in einer sehr kritischen Lage. Die Organisation kann den an sie gestellten Anforderungen gegenwärtig nicht genügen und muß in Kürze ihre Tätigkeit für eine Zeitlang aufhebcn, wenn nicht sofort größere Summen aufgebracht werden. Es fand dieser Tage ein großes Meeting statt, auf dem außer den Verwaltungsmitgliederu der Organisation zahlreiche bekannte Philanthropen anwesend waren; hoffentlich gelingt cs den gemeinsamen Anstrengungen, eine zeitweise Schließung des so segensreichen Unternchmcns unnötig zu machen. 0 JtiiiHi’lim. 0 Ein glücklicher Einfall. Ein Chanukah - Festspiel für Kinder von W e r a M a ch s ch e v e s. Personen: Karl, Ernst, Fritz, Arthur, Lotte. Erna, Rosi, Kinder Schneekönigin, Schneeflocken, Auguste. Dienstmädchen, em Schusterjunge. Ort: Berlin W. Zeit: Gegenwart. 1. Szene. Karl, Lotte, Ernst. Später Auguste. In dem Wohnzimmer sitzt Lotte an einem Tische, in einem Buche blätternd. Ernst sitzt mit übergeschlagenen Beinen auf einem Sessel. Karl: (ungeduldig hin- und hergehend; aus die — Uhr sehend): Nanu, es ist schon fünf Minuten über vier, und um Punkt vier hatte ich doch unsere Versammlung angesagt. Wir haben eigentlich keine Verpflichtung, länger zu warten, und ich glaube, die Schneeflocken nebenan, die uns den Neigen, den sie zun: Fest eingeübt haben, heut vortanzen wolle», werden auch bald die Geduld verlieren. A u g u st e: (neugierig den Kopf durch die Tür steckend): Ach, Freileiu Lottcheu eenen Oogenblick! Ob's nu noch nich losjehn kann: die da drin woll'n rin, ick Hab' aber jesagt: nee, weil ick doch '»ich weeß. Lotte: Nun, wir warten auch nicht länger, sie mögen anfangen! Auguste: Wat soll ick nu sagen? Karl: Sagen Sie, sie können kommen. Augu sie: Scheen. fllb.) 2. S z e n e. Die Vorigen. Schneekönigin. Schneeslocken. Reigen. Ernst: (rückt den Tisch zur Seite und ordnet die Stühle, würdevoll): Also wir sind Publikum. (Lotte, Ernst, Karl setzen sich erwartungsvoll hi», Karl klingelt, die Schncekönigin und Schneeflocken (eine beliebige Anzahl Kinder) treten auf, tanzen einen Neigen, wobei sie irgend ein Winterlieb singen und Schneeslocken ausstreuen. Nachdem der Reigen beendet, klatschen die Zuschauer Beifall, die Reigcntänzerinnen tanzend ab, rufen von draußen): Adieu! adieu! K a r l und die andern (erwidern): Adieu! 3. S z c n e. Die Vorige». Nachher Schusterjunge. Karl: Das war doch famos, Kinder! Ernst: Großartig! Wird das 'ne WeihnachtSfrenve sei»! Karl: Nur fatal, daß die andern nicht gekommen sind! (Es klingelt.) Lotte: Horch, wer kommt! TaS werden sic gewiß sein. (Ruft): Auguste! Auguste: Wat wünschen Freilein Lotichen? Lotte: Auguste, wer jetzt kommt, den führen Sie gleich hier herein! (Es klingelt wieder.) Rasch, rasch! Auguste: Ja, ja, ick wer't schon besorjen! (Ab.) (Stimmen draußen.) Schusterjunge (in der halbgeöffneten Tür): Nee aber, ieber Ihnen aber ooch; aber Wie Sc meenen, ick jeh ooch hier rin; soll ick ankloppen? . Auguste (draußen: Na nu jeh doch man, je warten doch uf Dir! (Stößt ihn hinein.) S ch u st e r j u n g e (verwundert): Uf mir? n' Abend! (Alle lachen laut.) Ja ick kann nischt dafor, die Auguste hat jesagt, un da Hab' ick jesagt, meenswejen, un der Meester schickt de Stiebeln! Lotte (außer sich): Ach, das ist ja ein großes Mißverständnis! S ch u st e r j u n g e: Wat, ick bin 'n Mi — Mi Mistverständnis? Ick bin ick un weiter nischt. Mistverständnis! Na, so hat mir noch keener nichbetitclicrt! Lotte (aufgeregt): Auguste, kommen Sie Doch mal schnell her; nehmen Sie den Jungen hier und fertigen Sie ihn ab, das war ein großes Mißverständnis! Schusterjunge: Als wie ickn Mistverständnis! ha, ha, ha, ha! (Ab.) 4. S z e n e. Die Vorigen, Fritz und Arthur. Erna, Rosi, Trudchcn. Ernst (nach draußen): Auguste, wcnn's jetzt klingelt und es ist wieder so ein Junge, so lassen Sie ihn unter keinen Umständen herein! Augu st e (beleidigt)Na, ick bin doch ooch' nich aus Dummsdorf! (Ab.) (Es klingelt. Draußen Lärin.) A u g u st c (draußen): Nee, Se derfen hier nich rin, der junge Herr haben streng befohlen, ick "derf keenen Jungen mehr rinlassen! Arthur (in der halb geöffneten Tür): Na, ich übernehme die Verantwortung! Auguste (eifrig): Ja gewiß, un wenn ick Ihnen rinlasse, denn sagen Se nachher doch, ick bin's gewesen. (Fritz und Arthur kommen.) Fritz: Kinder, das war ja ein Kampf mit dem Drachen, ehe man hier herein konnte! Ernst (vorwurfsvoll): Aber auch so spät zu kommen; Ihr habt sehr viel versäumt! Fritz u. Arthur: Sooo? Wir sind aber doch noch nicht die letzten!

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