Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 47 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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MM Frünkfur^ee FsraÄ ktWeS FmEenblaL. Seite 3. tung?n genreinfam arbeiteten, sich gefreut hat, waren seitensdes Vorstandesdie von demselben ernannten Delegierten, sowie dersich für diesen Zweck gebildete Ortsausschuß fast nur aus Liberalen zusammengesetzt; alle Kommissionenwurden eingeladen, nur die Ritualkommission nicht. Zum Schluß weist Referent auf? die Halsstarrigkeit der Liberalen den berechtigten Wünschen der Frommen gegenüber in de» 40er—70er Jahren hin, der zur Abtrennung eines Teiles der Gemeinbemitglieder führte, sowie auf die bad. Gebetbuchaffäre und das Verhalten des Münchener liberalen Vorstandes gegen bescheidene und durchaus selbstverständige Forderungen seiner orthodoxen Mitglieder. Redner schließt: Grade in jetziger'Zeit müssen wir die Fahne des traditionellen Judentums von neuem entfalten, zum Segen der altehrwürdigen Gemeinde Frankfurt und zu Ehre des wahren Judentums! '(Lebhafter Beifall.) Es spricht nun Herr Dr. meb. Z. Strauß, gleichfalls Kandidat des Zentralvereins. Die Konservativen verlangen das allgemeine, gleiche und geheime direkte Wahlrecht für die Gemeinde und nicht, daß, wie es bisher ist, der Vorstand mit dem Ausschutz Neuwahlen vornimmt. Die Zentralbereinler seien Positive Juden, die wünschen, daß das Judentum, welches Jahrhunderte laug den schärfsten Stürmen Trotzbot, kein Scheinjudentum werde. Die Gemeinde vernachlässige durch ihren liberaleil Vorstand die Interessen des traditionellen Judentums; während das- Philanthropin 85,060 Jk jährlich erhalte, müsse sich die Religionsschnle durch private Mittel erhalten, und sich mit einer Subvention seitens der Gemeinde von wenigen tausend Mark begnügen. Der dritte Kandidat, Herr H e r m a n n K a h n, erklärt, er stehe auf 'dem Boden unserer heiligen Ueberlieferung und werde seine ganze Kraft daran sehen, daß an den Grundpfeilern des Judentums nicht gerüttelt Und das Judentum nicht überwuchert werde von den Schlingpflanzen modernen Firlefanzes. Er nehme weitgehendste Mcksicht aut die Forderungen der Liberalen, müsse aber verlangen, daß in deren gemischtsprachlichen Gottesdienste die Hauptgebete unbedingt hebräisch seien. Redner würde im Ausschuß für die Zentralisation der Wohltätigkeitsvereine mid für eine weitgehende Rücksichtsnahme auf die wirtschaftlich schwach gestellten Mitglieder arbeiten; die Steuern sollen von den Reicheren stärker getragen werden, auch dürfen bei Sterbefällen die Kosten nicht rigoros von armen Verwandten eingezogen werden. Redner erwähnt auch, daß er mit den sozialen Forderungen die Wünsche der Freunde und tüchtigen Mitarbeiter des Zentralvereins,- der Zionisten, erfülle. Es beginnt nun die Debatte. Dr. A. B ä r - Wald: Nur im Kampf wird die Allgemeinheit gefördert, der wir alle dienen. Die Konservativen mögen nur verlangen, was sie wünschen; die Liberalen im Vorstand und Ausschuß werden es ihnen gern bewilligen. Das moderne Leben bringt die Liberalen nicht in Gegensatz zu der Religion, mit der sie mit derselben Treue und Liebe verbunden sind, wie die Konservativen. Der Gehalt, die Ethik und die Moral des Judentums erfüllen die Liberalen mit Begeisterung. Die Liberalen leiden am meisten not, weil sie dem Jndifferentismus ihrer Massen gegenüber stehen, deshalb muß sich die Gemeinde ihrer am meisten annehmen. Wir wollen anerkannt haben, daß wir treue Juden sind. Uns ist darum zu tun, daß die Gebete in der Synagoge verstanden werden, beim wir müssen eine große Partei zurückgewinnen, denn wir müssen den jüdischen Stolz in den Gemütern wachrufen, die uns verloren gegangen. Das Philanthropin, das den Samstag wen Unterricht ausfallen läßt, ist nicht ausgesprochen links, sondern steht in der Mitte. Wenn man die Liberalen nicht frei gewähren läßt, dann wird eine Anzahl von ihnen der Gemeinde den Rücken kehren. Dr. I. Heine mann: Herr Dr. Bärwald hat nicht gesagt, wie weit sein Liberalismus geht, noch wie weit die Bestreitung der liberalen Forderungen seitens der Konservativen gehen soll. Die Konservativen haben die Einrichtung liberaler Gottesdienste grundsätzlich nicht bekämpft; wie kann man da behaupten, daß die Liberalen in 'der Propaganda für ihre Interessen gehindert werden. Dagegen ist von dem liberalen Vorstande der Israel. Religionsschule nicht der Betrag bewilligt worden, der beanttagt worden ist. Die Borstandswahlen werden vollzogen ' ohne Rücksicht auf die Zusammensetzung des von der - Gemeinde gewählten Ausschusses. Herr Dr. Bärwald nennt einen Gottesdienst, der zUm größten Teil deutsch ist und bei dem christliche Choristinnen Mitwirken, den Gottesdienst der gemäßigt liberalen Richtung. Wir wollen aber weiter unsere Eigenart' wahren, nicht nur beständig fremdes kopieren; und damit die hebräische Sprache und mit ihr das Verständnis der Bibel uns nicht verloren gehe, halten wir an der hebräischen Gebetsprache fest. Wenn wir nur eine . Moral'haben, dann wäre zwischen uns und den liberalen Protestanten kaum noch eine Differenz. IM weiteren Verlauf ber Debatte sprachen noch -.die''Hvct«n.JuljuS Weinberg, der zur Wahl 'der ZentrickberetttSkandidlttÄ' «mffordert, Dr. Rudolf Geiger, der besonders ausführt, daß ber liberale Verein von dem streng konservativen Herrn Ettlinger dessen Einverständnis für die Forderungen des liberalen Vereins sich garantieren zu müssen glaubte, Dr. E r n st A u e r b a ch, der vollständige Freiheit der Liberalen in ihrer Tätigkeit verlangte, da sie nur so ihre Elemente für bas Judentum erhalten können, Martin Levigarö, der betonte, daß die Liberalen wohl das Gute wollen, aber ihr System falsch sei, darauf hinwies, daß die Nachkommen der Liberalen von vor 100 Jahren heute größtenteils Christen seien und d?en Liberalen znrief, warum sie die Demokratisierung der Gemeinde-Organisation wohl auf dem Programm haben, aber niemals durchznsetzen suchten. Salo Stern, der auf einen Fall der geringen Konzilianz des liberalen Vereins hinwies (er lehnte einen Konservativen Komvromißkandidaten ab, trotzdem derselbe früher Mitglied seines eigenen Vereines gewesen war), Rosenthal usw. nsw. Es war bereits gegen 1 tihr, als Herr Ettling e r, der Hauptreferent, das Schlußwort ergreifen konnte; er wies die scharfen Angriffe der verschiedenen Herren, insbesondere des Herrn Dr. Auerbach, kurz und energisch zurück. Die Liberalen dürften trotz glänzender und begeisternder Rbetorik ihrer Redner in der Wirkung dieser Reden ohne Einfluß auf die meisten Zuhörer geblieben sein. Nichts Positives war aus den Worten der Herren zu vernehmen. Dagegen mancher Widerspruch: einmal hieß es, daß 'das Philanthropin die mittlere Linie einnehme, dann war es wieder eine Institution, über die der Liberalismus mit Argusaugen warbt. Auch das Argument Dr. Auerbachs, daß den Kindern keine Zeit bleibe, um auch Hebräisch zu lernen, vermochte wesentlich nicht ru zünden. Ebensowenig der Hrnw-is darauf, daß die Steuern größtenteils aus den Taschen der Liberalen kämen — ein Gesichtspunkt, demgemäß man in der Kommunalpolitik üsw. nicht verfährt. Berlin. .Nicht ein einziger jüdischer Großgrundbesitzer fand sich bereit, unserem ausgebildeten Eleven auf seinem Gute eine Stellung Sit gewähren, wo derselbe seine Ausbildung hätte vollenden können, lind' bas, trotzdem die sungen Leute sich in ihrer Stellung als H'osvi'tanten unter der Verwaltung ber königlichen Ansieblungskoinmission so vorzüglich bewährt hatten, daß ihre Einstellung daselbst acrn gesehen worden wäre, wenn eben nicht rituelle Bedenken dem entgcgcngestanden hätten." So zu lesen in dem 8. I a b r e s b c r i ch t d e s V e r -> eins zur Förderung der B'o d e n kn lt n r unter den Juden Deutschlands! Wenn auch bei der Aufzählung der jüdischen Großgrundbesitzer Deutschlands die zehn Finaer der Hände zit viel sein dürsten und wahrscheinlich die fünf Finger einer Hand genügen, so verdient es die Gesinnung dieser wenigen Herren dennoch, festgenagelt zu werden. Sie schließen sich den jüdischen Firmen mit „jnbenreinem" Personal an, — und wie man antisemitische Hotels vor den Pranger der Oefseutlichkeit stellt, so sollte man es auch mit diesen tun. Berlin. ,Jn jenen stillen Gasien" betitelt " sich ein Feuilleton der letzten Nummer des „Roland von Berlin", der sich mit den Berliner Kirchhöfen — nicht Friedhöfen — befaßt. Da heißt es u. a. von dem Kirchhof in der Belleallianzestraße: ..Einen interessanten historischen Rückblick ans die Entwickelung der Familie Men delssobn- Barthöldh gewähren die Denkmäler, die den dersch'iebenen Angehörigen dieses Hauses im Lause der Zeiten gesetzt wurden. Bon dom einfachen weinen Kreuz, das auf dem Grave Felix Mendekssohn-Bartholbvs errichtet ist, gebt ein weiter Weg bis °zu der stolzen, schwarzen Granitwand, die das Erbbegräbnis Franz von Mendelssohns und seiner Gattin. Enole, geborenen Marne',, beschirmt. Eng verwandt dem Dause Mendelssohn sind auch die Angcbörkgen ber Familie Robert Warschauer, die hier ruhen, und nicht minder Adolp K und Marie Oppenheim. Ein paar Gänge weiter schlummern dicht beieinander zwei Schwestern, die einst zu den schönsten Zierden der Berliner Gesellschaft gehörten, Frau Flora Schwabach und . Fra» Melanie von Schönebeck. . . An einer anderen Stelle des weitgedehnten Friedhofes erhebt sich in ernstem Schmuck eine ganz neugeschaffene Begräbnisstätte, die für die Familie des englischen Generalkonsuls von Sch w a b a ch bestimmt ist. Vorläufig hat hier nur ein einziges, müdes Menschenkind seine letzte Ruhe gefunden. Auf dem Stein, der dies eine Grab überragt, stehen die Worte: „Hier ruht unsere liebe Freundin Martha Beer". Georg Beer, der Vater der Toten, aber liegt mit seinem Vater und mit dessen zwei Brüdern, deren einer der berühmte Giacomo Meyerbeer war, auf dem alten F r i e 8 b o s in der Schönhauser Allee begraben. So birgt 'auch noch chas stumme Grab zuweilen ein trauriges Geschick, und was im Leben innig zusammengehört hatte, bas rstht getrennt in jenen stillen Gassen..." Berlin. Aus C'a s n b l a n c a erhält das Deutsche Bureau d. Alliance Jsraelite Universelle nachstehenden Bericht: Die Stadt Settat ist von dem Stamm der Mzamza geplündert Wörden. Die Jsraelittsche Bevölkerung ist geflohen. Der Stamm der Mzamza, ber rings'um Settat wohnhaft ist, hat die gegenwärtige Anarchie und die Bewegungsfreiheit, die ihm die drei im Schaujagebiet lagernden Armeen lassen, dazu benutzt, in jene Stadt einzndringen, sic auszuplündern und fast vollständig zu zerstören. Die jüdische Gemeinde von Settat war schön vor vier Jahren einmal in ähnlicher Weise ausgeplündert worden. Jetzt sind 300—400 Familien wieder ohne Obdach und ohne Brot, ungerechnet die Familien, die von Casablanca nach Settat geflohen waren und dort die Schrecken einer wiederholten Plünderung auszuhalten hatten. Berlin. Ergebnis der Repräsentantenwahlen in der jüd. Gemeinde. Die Beteiligung an den Wahlen betrug ca. 14<Vo aller Wähler. Es wurden ca. 3800 Stimmen abgegeben. Gewählt wurden zu Repräsentanten die Herren: Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Hermann «Senator, Geh. Sanitätsrat Dr. Julius Blumental» Rechtsanwalt Dr. Ignaz Cohn, Fabrikbesitzer Aron Hirsch, Handelsrichter Jacob Weinberg, Kommerzienrat Gerson Simon, Landschaftsmaler Julius Bodenstein, zu Repräsentmiten-Stellvertretern die Herren: Kursmakler Paul S chlo ch aner, Rentter Emil Cohn, Fabrikbesitzer Dr. Max Ginsberg, Jnstizrat Dr. Max Gutt smann, Kaufmann Alexander Hahn, Sanitätsrat Dr. Benno Holz, Stadtverordneter Architekt Siegfr iedKuznitzk. Kaufmann AdolphLewinski, Bankier OskarLoew e n b e r g, Professor -Oberlehrer Dr. Moritz T ü r k, Maurermeister S. Weile. Oesterreich - Ungar«. Wien. Die bestialische Wollust eines Antiseniiten — ein jüdisches Lebenvernichtet! Der Jüd. Klub hat dem Land esvertcidigungsminister folgende Interpellation überreicht: „Sonntag, den 24. d. M. am Nachmittag wurde in der Wiener Stiftskaserne der Rekrut des 51. Infanterieregimentes Michael Herschkowitz von seinem Borgesetzten, dem Korporal Johann Balint, außerhalb des Dienstes erschossen. Wie mehrere Wiener Tagesblätter berichten, ist diese Tötung durchaus nicht auf einen Zufall zurückzuführen, sondern bildet den tragischen Wschluß einer Kette von Quälereien und Schikanen, denen der arme Rekrut seitens seines Vorgesetzten ausgesetzt' war. So machte der Korporal strafweise mit dem Rekruten Gelenksübungen, dann Hebungen mit dem Gewehr, und gab ihm schließlich den Befehl, Marschadjusticrung anzulegen und die Ilebungen fortzusetzen — alles an einem SonntagNachmittag! Schließlich forderte er den Rekruten ans, niederzuknieen, nahm ihm das Gewehr ab und mit dem Ausrufe: „Jetzt bete!" — erschoß er ihn. Es wird nun von offiziöser Seite behauptet, daß diese Ermordung auf einen Zufall zurückzuführen sei, indem die Patrone, die ein „Versager" war, diesmal zufällig losgegangen sei! Wenn wir jedoch dieses Vorgeben des Unteroffiziers gegenüber dem Rekruten Herschkowitz im Znsammenhangc mit seinen früheren systematischen Quälereien bettachten, so können wir zu keinem anderen Schlüsse gelangen, als daß hier ein junges, hoffnungsvolles Leben von einem blutgierigen Individuum vernichtet wurde. Zieht man noch in Bettacht, daß es sich hier um die Ermordung eines jüdischen Soldaten handelt, so läßt sich ermessen, welchen Schikanen der jüdische Soldat seitens seiner Vorgesetzten zu einer Z e i t a n s q e s e tz t i st, da er seine besten Lebensjahre dem Kaiser und dem Staate hingibt. Es ist das nicht der erste Fall, daß ein jüdischer Soldat wegen seiner Konfession in der bluttgsten Weise verfolgt wird. Es muß aber im Interesse des Staates und der jüdischen Staatsbürger diesen Quälereien ein Ende gemacht werden. Die Gefertigten beehren sich, an Eure Exzellenz nachfolgende Anfrage zu richten: 1. Ist Euer Exzellenz die Ermordung des j nd is ch e n Rekruten Herschkowitz bekannt? 2. In welcher Weife gedentt Eure Exzellenz diesen haarsträubenden Zuständen in der Armee ein Ende zu bereiten?" Wien. Juden, die Aufnahme in daS militärärztliche Offizierskorps verweigert! Der Chef des militärärztlichen Offizierskorps General-Oberstabsarzt Dr. v. Uriel, der ein wütender Antisemit ist, sorgt seit seiner Anstellung dafür, daß jüdischen Aspiranten keine Militärstipendien bewilligt werden und schaltet sie von der Anstellung als Oberärzte aus. Infolge dieses Systems sind gegenwärtig 240 Militärarzt st e l l e n u n b e s e tz t. Der Jüdische Klub hat wegen dieser krassen Verletzung der Staatsgrundsätze eine Interpellation cingereicht. Storozynstz (Bukowina) In einer am 1. Dez im Saale des Hotel Central stattgefundenen Bauernversammlung, die von Sozialdemokraten einberufen wurde, referierte ein Genosse aus Czernowitz namens Pistener. Er führte u. a. aus, daß die christlichsoziale Partei weder christlich noch anttsemitisch sei und führte znm Beweise dafür an, daß Lueger mit Rothschild freundschaftlich stehe. — Dem Referenten