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Neue jüdische Presse · 1907-12-06 · Heft 47 (6.12.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 47 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Zur Beruhigung der Bevölkemng ersann Herr Nowitzky ein anderes geniales Mittel. Das Publikum sollte nichts mehr von den bewaffneten Ueberfällen und allerhand Exzessen und Krawallen erfahren. Es begann eine systematische, rücksichtslose Knebelung der Lokalpresse, ein System, dem die Krone aufgesetzt wurde in der öffentlichen Bekanntmachung des General-Gouverneurs vom 24. November, die an der Hand der Darstellung eines bewaffneten Uebcrfalls im Gasthaus „Rotstadt" „eine entstellende Wiedergabe der städtischen Ereignisse" seitens der Tagespreise konstatiert und den Redakteuren mit schweren Strafen droht „für die Verbreitung von falschen Nachrichten, welche einen beunruhigenden Charakter tragen". Und dabei lautete die inkrimmiertc Darstellung, in sämtlichen hiesigen Tageszeitungen, von den radikalen „Odcßkija Nowosti" und dem sozialistischen „Nowoje Obosrenje" bis zum Organ des schlvarzen Hunderts, „Rußkaja Rjetsch", ziemlich gleich und entspricht tatsächlich der Wahrheit. Während so die Welt irre geführt wird, wffsen wir hier ganz gut, woran wir sind. Es ist für uns kein Geheimnis, daß die „Vcrbandsmänner" in -den letzten Tagen wiederum eine sehr rege „Tätigkeit" entfalten und die jüdischen Passanten täglich und stündlich in den belebte st en Straßen der Stadt prügeln, mißhandeln und verwunden. Bald ist es der Gummiknüttel, bald der „eiserne Handschuh", der finnische Dolch oder der „Brauning", der dabei zur Anwendung gelangt. Im Resultate haben wir wiederum eine allgemeine nervöse Unruhe, eine an Verzweiflung grenzende gedrückte Stimmung. Indes unsere Obrigkeit ist nicht ganz untätig. Neben der Kaltstellung der unruhcstiftenden Presse wurde vor einigen Tagen zur Beruhigung der friedlichen Bürger eine noch viel einschneidendere Maßregel getroffen. Die „Rebellion" sollte von Grund aus ausgerottet werden. Zu diesem Zwecke griff man zum alten, bewährten Mittel und verhaftete eine große Anzahl von Personen, welche von subalternen Polizisten und Spitzeln als verdächttg denunziert wurden. Speziell wurden in Studentenkreisen Verhaftungen en masse vorgenommen. Bei diesem Anlaß kam die moralische Verkommenheit der „echt russischen" Studenten zum Vorschein. Die studentische Abteilung des Verbandes des russischen Volkes verschmähte es nicht, zur freiwilligen Spionageorganisatton zu werden und an ihren Studiengenossen schnöden Verrat zu üben. Sie ftelfte eine förmliche Proskriptionsliste der sreffinnigen Studenten auf, und der Polizei erübrigte es dann nur, die Aechtung zu vollstrecken. Daß dabei in erster Reche die jüdischen Studenten auf's Korn genommen wurden, braucht nicht erst gesagt zu werden. Es ist offenbar keine leichte Aufgabe, als Jude an der Odessaer Universität zu studieren, denn zahlreiche Professoren gehören mit Haut und Haar dem „Schwarzen Hundert" an. Wie sehr die jüdischen Studenten von diesen akademischen Lehrern auf Schritt und Tritt chikaniert werden, beweist der Fall des Studenten Sch o r. Diesem hatte der Professor Batujew so sehr zugesetzt, daß er es schließlich nicht mehr ertragen konnte. Während eines öffentlichen Examens geriet er, durch die Chikanen Batujcws zum Aeußcrsten gereizt, in Wut und schleuderte dem Professor ein Tintenfaß an den Kopf. Dieser Fall wurde natürlich zu einer förmlichen Hetze gegen die Mischen Studenten ausgebcutet; der Vorsitzende der Odessaer „echt russischen" Männer wurde dieserhalb beim Premier-Minister und beim Münster der Aufllärung vorstttlig und forderte die Versagung aller Juden von den Universitäten, die anttsemittsche Presse kommentiette den Fall mit besonderem Behagen in ihrer Art usw. — Von dem armen Schor ist seither jede Spur verschwunden. Seine in Odessa lebenden Eltern sM in Heller Verzweiflung; man befürchtet, daß er Selbstmord begangen hat. frankfurter JsraeliÜWeS FamilienblaÜ. Nr. 47. Die geschilderte Perfidie der „echt-russischen". Studenten gegen ihre freisinnigen Kollegen enipörte die anständigen Elemente der Studentenschaft. Man. trat zu einer — natürlich nicht erlaubten — Protestversammlung zusammen und beabsichtigte, den Beschluß zu fassen, zum Zeichen des Protestes die Einstellung der Vorlesungen zu erzwingen. Der derzeitige Rektor kam ihnen aber zuvor. Montag, 25. November, morgens, ließ Herr P e t r i c w am Eingänge der Universität, den Anschlag anbringen: „In Anbetracht der Betrebungcn der Studenten, den regelmäßigen Gang der Studien zu stören, erkläre ich die Universität für vorübergehend geschlossen". Gleichzeittg verfügte der' General-Gouverneur die Schließung der Studentenküche. Gestern ist plötzlich der General-Gouverneur Nowitzky gestorben, ein Ereignis, das die geährliche Situation noch verschlimmert hat. Die Verbandsmänner lassen sich natürlich eine so treffliche Gelegenheit nicht nehmen. Bereits während der gestrigen Abendstunden wurden folgende, meistens durch Messerstiche im Rücken verwundete Personen im jüdischen Krankenhaus eingelicfert oezw. von der sanitären Schnellhilse behandelt.^ Eyaim Jankeljewitsch, Pessach Gorer, N. Plauts David Äblin, Sch. Barsky, David. .Krasnow, SM oent Mitilow, G. Burak u. a. m. Heute morgen suchten eine weitere Anzahl verwundeter Personen, denen die erste Hilfe privatim erwiesen wurde, das jüdische Krankenhaus auf. Im Laufe des heutigen Tages wurden ferner mehr oder weniger schwer verwundet und mißhandelt: Makler R. Chaimowitsch, Großmann, die vierzehnjährige Kohan, Beigel, A. Futoransky, Leo Roitmann, Jusefowitsch, Mandclstein und viele andere. In der Stadt herrscht eine - panikartige Stirne mung. Man befürchtet jede. Minute ernste Ausschreitungen. Wer weiß, zu welcher Leichenfeier der Tod Nowitzky's noch Anlaß geben wird. Der alte Spuk. (Zur Reformbesttebung des jüdischen Eherechts.) Es ist eine alte Erfahrung: so pst unsere Assimilauten mit ihrer Weisheit LN Ende waren, meldeten sich deren Apostel mit ihrem Allheilmittel „Reform" und begannen, den Kranken zu kurieren . . . Man kurierte, obgleich man sich dessen bewußt war, daß oas Mittel stets versagte; linb' noch mehr: man wußte erfahrungsgemäß, daß so oft dieses Mittel zur Anwendung gebracht wurde, die.Krankheit um das Zehnfache stieg, ja der Kranke sogar häufig in Lebensgefahr geriet. Nach dem Grund (der Erscheinung zil forschen, siel niemand ein; man kurierte und man rühmte sich dessen, daß der Kranke sich, trotz häufig wiederholender Agonie noch, am Leben befindet. Man kurierte . . . Und jetzt! — Der alte Spuk ist wieder da! Von jenseits der Vogesen rückt das Gespenst wie ein Todesengel heran, und die altersschwachen Reformquacksalber erwachen aus ihrem Halbschlummer und stammeln von einstigen Jugendlicdern . . . Reform des jüdischen Eherechts heißt das Altnculied — wir sagen ,,'llltneulied", denn von einer solchen Reform sprach man hier zu Lande bereits vor 60 Jahren —, von dem jetzt gestammelt wird. Herr Karpeles machte in Nr. 35 seiner „Allgemeinen Zeitung des — lese: seines. . . — Judentums" den Anfang, und Herr,Bernfeld, der ehemalige Großrabbiner Bulgariens — der „Allgemeinen" nachtuend — äußert sich im gleichen Sinne im „Israel. Gemeindeblatt" vom 15. November. (Man hüte sich von dem Bernseld'schen Artikel Gebrauch zu machen, denn: „Nachdruck verboten!"; wer den Artikel benutzen will, der lese den Karpeles'schen Arttkel, der vernünftiger Weise mit keinem Nachdruckverbot versehen und bei weitem besser ist.) Daß Herr Karpeles als erster Wortführer der Negation im Judentum für eine Reform des jüdischen Eherechts zu haben ist, — wem wollte das wundernchmen. Allein, daß auch Herr Bernfeld, der N a -, tionaljude sein will, sich zur Reform schlägt und das gehelligte jüdische Eherecht, eine Grundsäule des Judentums, auf derdas jüdische Familienleben basiert, antasten will, ist mehr .als sonderbar. Ist es vielleicht die revolutionäre Lust der sogenanten „neuen Ethik", die ihn mitgenommen hat, oder ist auch Herr Brrneld mit seiner Weisheit zu Ende ... Doch wir "wollen zur Sache selbst schreiten. Hier die Entstehung! Die französische ZüdenhLit ist?sv güt wie tot; das Religiöse wie das Nationale ist dahin. Die ranzösische JudeUheit wäre längst 'in Vergessenheit geraten, wenn nicht die in Paris domizilierenden großen Organisationen „Jka" und „Alliance" bisivcilen ihr Scheindasein in ünserkrEkiMerüng wach gerufen hätten. Daß sich noch in diesem gesegneten Lande Rabbiner befinden, die die Kühnheit 'besitzen, in jüdischen Rechtsangelegenheiten mitzureden, geschweige denn zu reformieren, das konnte niemanden einfallen. Allein, was undenkbar schien, geschah! Im vergangenen Sommer, an einem heißen Julitage, tauchte plötzlich in Paris eine Rabbinerversammlung auf, die ohne jegliches Mandat, ohne jegliches lieberlegen, wie es die Art des „Hediot" von jeher war, ich die Befugnisse eines San heb rin nahm und den Beschluß faßte, künftighin in den -jüdischen Ehevertrag, die Kethuba, eine Klausel aufzunehmen, wonach die Ehe als Nicht geschlossen gelten soll, wenn sie später vom Zivilgericht geschieden wird und einer der Ehegatten die rituelle Scheidung verweigert. Herr Karpeles vernahm die Kunde von -dieser Großtat der Rabbiner Frankreichs und wurde neidisch: Wie! die totgesagten französischen Juden bringen so etwas zustande, und wir deutsche Juden, die.so viel Jüdisches an uns haben, sollen zurück bleiben? Unmöglich! Doch, wie soll -das geschehen? Ter Rosin'sche Entwurf ist unter den Tisch gefallen und wie sollda eine solche Reform ohne Synode zustande kommen? Aber Herr Karpeles ist ein gewandter Mann,-er weiß guten Rat. (Schluß folgt:) Aus aller Wett. Deutsches Weich. Frankfurt a. M., 4. Dez. Z u e fit er flf f etlichen .Versammlung mit der Tagesordnung „Die bevorstehenden Gem'eindawahl'en" hatte der „Central-Berein isra'el. Gemeind e m i t gl i ed e r" die Mitglieder der israel. Gemeinde aus gestern Abend eingeladen, und hünderte haben der Einladung Folge geleistet. Herr Justizrat Dr. H ech t eröfsnete die Versammlung und -erteilte Herrn Ra ph a e l E t t - linger als Referenten das Wort. Herr E t t l i n g e r betonte eingangs seiner Ausführungen, daß er mehr das religiöse Moment "behandeln wolle; die sozialen'Md wirtschaftlichen Momente würden die 'beiden anderen Ecntralvereins- Kandidaten für die Wahl in den Gemeinde-Ausschuß berücksichtigen. Referent hätte gern'einen Wahlkampf vermieden gesehen; der liberale Verein habe ihm aber in seinem diesbezüglichen Briefe an den Central« verein eine Zumutung gestellt, die jeder rechtdenkende Mensch strikte äbweisen muß, die Zumutung nämlich, daß er allen liberalen Forderungen n i ch t w i d e r s p r e-ch e. Er habe bereits drei Jahre dem 'Ausschuß angehört und' während 'dieser Zeit seine Loyalität den Liberalen gegenüber -bewiesen. So habe er nicht gegen das Gemeinde - Budget gestimmt, das die JnstitUtionen'LerLibeMeN in auffallendem Maße bevorzugt. Man fkhe sich Nur -itaä letzte, von den Konservativen gleichfalls genehmigte, Budget cm; da wurde für liberale Institutionen 157 360 M. im Ordmarium bewilligt. Während: für die Institutionen der Konservativen Nur 88,160 M'Verausgabt wurden, — und dabei betragen die Einnahmen aus ersteren Institutionen 14400 M, die 'ans den letzteren aber 62590 MMn vertrauliches. Zirkular der Liberalen nach dem vorigen Wahlkampfe habe einen Zusammenschluß aller Liberalen „im Hinblick auf die großen Gefahren, welche'der Gemeftide feittms der Konservativen drohen" 'verlangt. -Eine Gefahr drohe der Gemeinde aber von den-Liberalen und nicht von den Konservativen. Der Rosin'sche Gesetzesentwurf habe bezüglich der Minoritäten esdkin Vorstand überlassen, üb er'dkrkn Interesse ' schützen wolle. In Paris haben die Reformer -bereits den Sonntagsgottesdienst eingeführt. Hier 'in-Frankfurt wurde in den 90er Jahren verlangt, daß das -Phikanthropin nicht am Samstag, sonder am Sonntag feiere. In der im Westend zu erbauenden Synagoge' solle der Gottesdienst fast durchweg in deuffcher Sprüche abgehalten werden. Damit diese.Synagoge nicht Mch am Samstag gebaut werde, waren-erst Protestvrrsammlungen nötig, und dann hat nöch der Vvrstand bei diesem Anlässe bemerkt, daß kr 'das 'Bäüen am Sämstüg Nicht ans'rÄigiösen Müüdsn, ’ säubern nur des FAÄiims hälber-Mtkrlässe.iBkü dem jüngsten Verbandstag der deutschen - Inden, /mitdem Medrwr, weil bei dieser Gelegenheit dia verschiedensten Mch-

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