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Neue jüdische Presse · 1907-12-06 · Heft 47 (6.12.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 47 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Irarrkfirrtse Bfrorlitifdirs fumilirablntt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKttsil und Geschäftsstelle: SranKfurt 3. ITC., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße %etefon 10507. HeraitsgeSer: Galg chsi§. 1 Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - 5. Jahrgang. Freitag, den 1. Tewes 5668 (6. Dezember 1907). No. 47. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die bevorstehenden Gemeindewahlen in Frankfurt a. M. — Brief aus Odessa. — Der alte Spuk. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ein glücklicher Einfall. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die bevorstehenden Gemeindewahlen in Frankfurt. 'Wie vor zwei Jahren ist auch dieses Mal in Frankfurt a. M. anläßlich der Ansschußwahlen ein Wahlkampf zwischen den beiden Parteien entbrannt. Gewiß trägt ein Wahlkampf manche unangenehnie Begleiterscheinung an sich, aber er hat auch das Gute, daß die Gemüter aufgcrüttelt werden, daß es wie ein frischer Luftzug über das träge Feld hinzieht und das Interesse für das Gcmcindelebcn in auch demselben sonst Fernstehenden wachrust. Der Kampf spielt sich zwischen dem liberalen Verein und dem die konservative Richtung vertretenden Zcntralvercine ab und ist darüber entbrannt, weil der Liberale Verein einem Kandidaten der konservativen Partei Bedingungen auferlegcn wollte, die, wenn er sie erfüllt hätte, ihm zwar den Einzug in das Gemeindeparlament ermöglicht, aber ihn dort von vornherein mundtot gemacht hätten. Eine dcr- . artige Bedingung konnte ein Mann von aufrechtem, rückgratfestcm Charakter nicht eingehcn. Der Aufmarsch der Parteien und die Aufstellung der Kandidaten hat sich nunmehr vollzogen. Auf der einen Seite stehen die Liberalen, die von einigen redegewandten Advokaten, deren Namen mit den Gründern der Reform ini Judentum in naher Beziehung stehen, geführt werden, auf der anderen Seite der Zentralverein und die mit ihm verbündeten Zionisten. Zum ersten Male nämlich treten auch diese auf den .Kampfplatz, nachdem sie schon im Sommer zum ersten Male in. der Frage des Synagogcnbaues am Samstag-in die Gemeindeangclcgcnhciten cin- ' gegriffen und dabei sehr wirksam« den Zentralvcrein in seinem Bestreben, die Absicht des Gemeindevorstandes, am Samstag zu bauen, zu verhindern, unterstützt hatten. Jetzt haben die Zionisten sehr geschickt ein Gemeindcprogramm ansgearbeitct, das neben religiösen Fragen auch sozial- . politische Forderungen, wie die Errichtung eines jüdischen Volks Haus cs in Frankfurt enthält und das von den Kandidaten des . Zentralvereins akzeptiert wurde, so daß die Kandidaten des Zentralvereins auch die Kandidaten der Zionisten geworden sind und beide Parteien Schulter an Schulter gegen den gemeinsamen Gegner kämpfen. Der Zentralverein und die von ihm ausgestellten Kandidaten, die Herren Raphael Ettling e r, Dr. med. Zadok Strauß und Hermann S. Kahn erstreben nun nicht etwa nur einseitig die Interessen der konservativen Richtung . zu : fördern, sondern sie haben das Wohl her Gssamtgemeinde im Auge. - Der Verein erstrebt den Ausbau und die Weiterentwicklung derjenigen Institutionen innerhalb der Gemeinden, welche für die konservativen Gemeindemitglieder errichtet sind. Er verlangt daher die Einrichtung eines konservativen Inge n d g o t t e s d i c n st e s, die Förderung des konservativen Religionsunterrichtes, speziell Uebernahme der Rcligionsschule auf die Gemeinde, die bisher bloß mit 3000 Mark unterstützt ist, im übrigen aber auf die Privatwohltätigkeit angewiesen ist, wahrend das liberale Philanthropin 85 000 Mark Zuschuß von der Gemeinde erhält. Der Zentralverein und seine Kandidaten treten ein für Förderung von Wohltätigkeitseinrichtungen in der Gemeinde und zwar vor allem für schleunigste Errichtung eines neuen Krankenhauses. llm ein gedeihliches Gemeindeleben zu ermöglichen, verlangt der Zcntralverein die A bschaffnng des veralteten Gcmcinderegnlativs vom Jahre 1809 und dafür die Schaffung einer den modernen Verhältnissen en sprechenden Gemci '.deversassung. Insbesondere verlangt er unter Anfrechterhaltnng des friihereu, geheimen, direkten und gleichen Wahlrechts eine Aenderung des Wahlverfahrcns des Vorstandes in der Weise, daß derselbe entweder direkt oder durch den Ausschuß gewählt wird. Für den Ausschuß der Gemeinde verlangt er Erweiterung seiner Kompetenzen, Vermehrung der Zahl der Ausschußmitglicder, Verlängerung der Amtsdaucr der Mitglieder, sofortige Wicderwahlbarkeit der Ausscheidenden nach Ablauf ihrer Amtszeit. Im übrigen steht der Zcntralverein und seine Kandidaten ans dem Boden der Gesamtorganisation der d e n t s ch e n I n d e n und fördert daher die Ziele des D e u t s ch - I s r a c l i t i s ch e n G e m e i n d eb u n d e s und des Verbandes Deutscher Juden. Der Zcntralverein hat in den langen Jahren seines Bestehens durchaus Ersprießliches geleistet, seine Kandidaten haben stets mit Ehren und Energie die Gesamtinteressen der Gemeinde:, gewahrt und den Frieden aufrecht zu erhalten gesucht. Der Zentralverein hat sich als Notweridigkeit innerhalb der Gemeinde erwiesen und jeder, der es gut meint mit derselben , muß für ihn und seine Kandidaten cintreten. x. Brief aus Odessa. Seit einigen Wochen kommt der Raine der Residenz des schwarzen Hunderts in der jüdischen Presse weniger häufig vor als früher. Indes, man darf deshalb nicht glauben, daß die Dinge bei uns eine Wendung zum Besseren genommen hätten. Die Aktionen der „Gelbe-Blusen-Männcr" schienen zwar einige Zeit an .Häufigkeit und Umfang etwas Nachlassen zu wollen, allein, es war eben nur Schein. Es herrscht hierin, wie in allen menschlichen Verhältnissen überhaupt, eine Art Ebbe und Flut der psychischen Aktivität. Die letzten Tage brachten iviederum eine Hochflut hooliganis ch e r Wirksamkeit, eine erhöhte Aktivität unseres Pogrompöbels, die die gesamte jüdische Bevölkerung in Todesangst versetzte. Man glaube freilich nicht, daß uns bis vor kurzem eine Ruhepause vergönnt war. Keineswegs. Wenn wir von den sog. „Gelbe- Blusen- Männern" weniger intensiv zu leiden hatten, so hatten wir umsomehr von einem anderen, nicht minder ernsten und verheerenden Uebel, von den sogenannten „Schwarze- Blusen-Männern", auszustehcn. Bekanntlich ist es in letzter Zeit in Rußland zu einer alltäglichen Erscheinung geworden, daß dunkle Ehrenmänner aller Art unter dem idealen Mäntelchen eines politischen Programnles die abscheulichsten Verbrechen gegen Person und Eigentnnl begehen. Am schlimmsten grassiert nun dieses Uebel in der unglückseligen Hauptstadt des Schivarzen Meeres. Eine furchtbare, gut organisierte Bande lichtscheuer Gesellen, die sich als Jünger Kropotkins aufwerfen, treibt hier in ganz fabelhaftem Umfange ihr verbrecherisches Unwesen. Jeder ökonomisch halbwegs widerstandsfähige Bürger, ja häufig auch der noch so unbedeutende Handelsmann oder Handwerker steht in einem förmlichen Tributvcrhältnis zu den sog. Anarchistcn-Kommunisten. Es genügt in der Regel, von dem Gesindel nur die schriftliche Aufforderung zu erhalten, zu bestimmter Stunde und bestimmtem Orte eine bestimmte Summe zu entrichten, und denl mit einleuchtenden Argunientcn bekräftigten Befehle wird widerspruchslos Folge geleistet. Mit diesen Brandschatzungen ist aber die Tätigkeit der entschlossenen Weltverbesserer noch nicht erschöpft. Tie lokale Presse bringt täglich spaltenlangc Berichte über freche bewaffnete Uebersälle und Beraubung offener Geschäfte im Zentrum der Stadt und am Hellen Tage. Bemerkensivert ist die Tatsache, daß diese Enthusiasten der Freiheit und Gleichheit eine merkwürdige Vorliebe für Juden, d. h. für jüdisches Geld, an den Tag legen. Nur selten geschieht es, daß auch ein christliches Geschäft mit dem Besuch der idealistischen Bombenwerfer bedacht wird. Um der eingerissenen Anarchie zu steuern, setzte vor einiger Zeit General-Gouverneur und Stadthauptmann N o w i tz k y eine Kommission ein, der die Ausgabe zugewiesen wurde, die zur Verstärkung des Polizcikontingents erforderlichen Mittel aussindig zu machen. Die Kommission schlug vor, sämtlichen Geschäftsunternehmen eine Steuer in der Höhe von 2»» des Reinertrages aufzuerlcgen, daneben auch für sämtliche sog. Gildcn- und Gewerbescheine (eine in Rußland bestehende Art Gewerbesteuer) eine Abgabe, die 10°'u des Betrages des betreffenden Scheines gleichkommt, einzusühren. Eine Deputation der Kaufmannschaft erklärte indes dem General-Gouverneur, daß diese Maßnahmen in Anbetracht der allgemeinen ökonomischen Depression unmöglich durchgesührt werden können. Seine Exzellenz ließ nun das Projekt fallen und — alles blieb beim alten.

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