Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frankfurter JsraÄNWeS FamikkenblaB. Nr. 46. der er die Verwandlung vom Lumpen zum feurigen Liebhaber und später zum gänzlich unverbesserlichen Trunkenbolde und Schürzenjäger bewirkte. Dagegen hätte der Salomon des Herren Baron mehr Herzlichkeit zum Ausdruck bringen dürfen; das war ein sehr kühler Romeo. Die Episodenrolle des alten Mannes, an dem die Gauner ihre Fingerfertigkeit erproben, fand in Herrn Zucker eine angemessene Vertretung. , Das Publikum bekundete durch zahlreichen Besuch und lebhaften Beifall bei jedem Aktschlüsse, der zulcht sogar ein Mimischer zu nennen war, seine Am teilnahme, und der Verein darf diesen Abend in seinen Annalen als einen seiner erfolgreichsten registrieren. S. Berlin. Die »Popularisierung" der Wiffenschaft durch Zeitschriften, Tagesblättcr und Erzeugnisse belletristischer Art zeitigt wohl nirgends so leicht die 'giftigsten Früchte, als in unserer Metropole. Hier in der mit Sensation geschwängerten Weltstadtluft schwindet nur zu leicht der Zweifel an die Zulänglichkeii eigner Urteilskraft, und Jeder und Jede fühlt sich, berufen, über kaum andeutungsweise begriffene Theorien mit Fug und Recht zu Gericht zu gehen. In einer solchen Atmosphäre gedeiht, wie leicht erklärlich, jene Skepsis, die kalten Sinnes alles Heilige in den Staub zieht und die besonders religiösen Betätigungen ewige Feindschaft schwört. Ist es ein Wunder, wenn sich die Spuren solchen Geistes auch in jüdischen Seelen wicdcrfindcn lassen in Gestalt des Zweifels an der Unverbrüchlichkeit und Ewigkeit unseres Gesetzes. Den Jünglingen und Männern weht der Lufthauch der Verneinung im öffentlichen Leben entgegen; aber auch die Mädchen und Frauen umschmeichelt er, und sie fallen ihm, des Kampfes ungewohnt, nur zu leicht zum Opfer. Es 'war darum ein mit Freude zu begrüßendes Unternehmen des H e r r n R a b b i n e r D r. E. Munk, die diesjährigenDamenvorlesungen für die Frauenwelt der Adaß-Jisrocl-Gem e i n d e und ihre Gäste mit einein Zyklus von Vorlesungen über „Verstaubesmoral und Judentum" zu beginnen. Die lebhafte Spannung, mit der die zahlreiche Zuhörerschast den Ausführungen des verehrten Redners während der 6 für die Behandlung des Themas aufgewendeten Abende folgte, zeugt am Schlagendesten für die Notwendigkeit der Belehrung des weiblichen Geschlechts auf einem solchen scheinbar abseits liegenden Gebiete. Redner hatte sich zur Aufgabe gestellt, angesichts der lebhaften Bewegung unserer Zeit, die Ethik ausschließlich auf verstandesmäßiger Grundlage zu pflegen, in seinen Darlegungen die geschichtliche Entwicklung der Ethik darzutun, damit au dem ewigen Wechsel und der Unbeständigkeit aller bisher versuchten und mit-wissenschaftlichem Nachdrucke vertretenen Systeme die Haltlosigkeit und Unmöglichkeit einer Verstandes-Ethik erkannt werde. Nachdem in den ersten Vorlesungen gezeigt worden war, welcher Art die Triebfedern im Gefühls¬ und Verstandesleben sind, die den Menschen zum moralischen Handeln veranlassen können, wurden die ethischen Systeme der hervorragendesten Philosophen des Altertums, Mittelalters und der Neuzeit auseinandergesctzt. Besondere Behandlung wurde zu teil den Gedankengängcn des Sokrates, der aus seiner Schule hervorgegangenen Cyniker und Cyrcnaiker, des Plato, Aristoles, Bacc, Hebbel, Kant und Schopenhauer. Auch die ethischen Anschauungen Nietzsches wurden gestreift. (Eine Schilderung der ethischen Systeine von Leibnitz und Spinoza unterblieb, weil diese nur im Zusammenhang mit ' ihrer Metaphisik zu erklären seien.) Es wurde dargctan, daß, wenn in den abgclaufenen 2500 Jahren vergeblich nach. einer unanfechtbaren Welterklärung und Weltanschauung der Verstand der erlesensten Geister der Menschheit gesucht und gerungen habe, die Ursache gelegen sei, in der unausweichlichen Aufgabe aller Philosophen, die Beziehungen der wahrnehmbaren Welt zur nicht wahrnehmbaren, nur denkbaren, auszuführeu und zu erklären, eine Aufgabe, die der Natur der Sache nach unlösbar ist, weil der menschliche Verstand, der selbst von der Natur unablösbar ist, sich nicht über das Reich der Natur emporheben könne. Mithin liege es für ihn außerhalb des Bereichs der Möglichkeit, das, was außerhalb des Rahmens der ihn umschließenden Natur steht, aus sich selbst heraus, aus eigner Kraft zu erschließen und erfassen. Charatteristisch sei nun, daß die Erkenntnis von der Unmöglichkeit,' jemals eine definitive Welterklärung ausstellen zu könne», und damit die Ueberzeugung, daß jeder philosophischen Welterklärung nur zeitweilige, vorübergehende Bedeutung beizumessen sei, von den größten Philosophen der letzten Jahrzehnte unumwunden ausgesprochenwerde. Umso beklagenswerter sei es, daß populäre Schriftsteller unter Verschweigung dieser Erkenntnis der Philosophen zeitweilige, wandelbare Weltanschauungen als das unumstößliche Ergebnis wissenschaftlicher Forschung dem Volke darstellen und aus solche schnell alternde Weltbetrachtungen eine ethische Lehre aufzubaucn, unter dem-BcifaU der Menge versuche». Wenn ferner nach einem bekannten Ausspruche Mommsens Wissenschaft nur diejenige sei, deren Forschung ohne jede Voraussetzung erfolge, wissenschaftliche Forschung also in freien uneingeschränkten Bahnen gehen muß und am allerwenigsten in vorgestcckten Grenzen sich halten darf, dann sei die Möglichkeit einer wahrhaft wissenschaftlichen und wahrheitsmäßigen Berstandes-Ethik umso unwahrscheinlicher, als die meisten Ethiker mit den nun einmal in der Welt bestehenden Begriffen von Gut und Böse als Ausgang und Endziel zu rechnen pflegen, wenn nicht rechnen müssen. Das Judentum betrachte die Begriffe der Sittlichkeit als gegeben! Ihrem Inhalte nachsei die Ethik des Judentums von der praktisch ausführbaren Ethik irgend einer Religion und einer ernsthaft wissenschaftlichen Forschung niemals überragt worden. Sowohl die Gegebenheit der sittlichen Begriffe als auch ihren summarischen Inhalt habe der Prophet Micha (6, 8.) mit den Worten: „Es ist dir verkündet, Mensch, was gut ist, und was Gott von dir verlangt: Recht und Liebesbetätigung zu üben und demütig zu gehen mit deinem Gotte", in scharfen Zügen gezeichnet. Nach Würdigung dieser Klassifikation und nach einer speziellen Darlegung des Begriffes „Trieb zum Bösen" in der jüdischen Auffassung, schloß Redner die Vorlesung mit der eindringlichen Warnung, in der Lektüre modern-populärer Schriften auf der Hut zu sein und den heiligsten Schatz des Judentums vor den Gefahren schwerer Verirrung zu bewahren. bi. Berlin. Am 21. b. Mts. beging der Israel. Fortbildungsverein „Montefiore" sein Stiftungsfest. Die außerordentlich rege Beteiligung lieferte einen neuen Beweis für die Beliebtheit, deren sich der Verein in weiten Kreisen erfreut. Herr Dr. Meier Hildesheimer hielt die mit vielem Beifall aufgenoinmene F c st r e b e, an die sich eine lange Reihe musikalischer und deklamatorischer Vorträge anschloß. Die vorzügliche Stimmung, die das Fest beherrschte, hielt die Erschienenen bis zum frühen Morgen beisammen, und wir wollen hoffen, daß auch dseses Fest die Kenntnis von den Zielen und Zwecken des Vereins, die Fortbildung im jüdischen Schrifttum zu fördern und echt jüdische Geselligkeit zu pflegen, in weite Kreise getragen hat. Mülhausen i. Elsas;. In der Generalversammlung der Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsaß- Lothringen konstatierte der Schatzmeister B. Mach einen Vermögensbcstand von 1216 JL Herr Charles Lcvy, der Präsident, teilte den Dorschlag des Elsässisch en Museums in Straßburg, .dem Museum eine jüdische Abteilung hinzuzusügen, mit. — Die Versammlung erklärte sich einstimmig mit dem Vorschläge einverstanden und bestimmte einen Kredit von 400 JL zwecks Erwerbung von jüdischen Altertümern. — Herr A. Gintzburger beantragte, die Regierung um eine Subvention zu ersuchen. — Herr Rechtsanwalt Dr. L. N o r d m a n n ivünscht, daß die Gesellschaft an den zu erwerbenden Gegenständen sich das Eigentumsrecht Vorbehalte und daß sie sich in das Bercinsrcgister eintrageu lasse. Sodann wurde über den Antrag betreffs der außer Gebrauch stehenden S y n a g o g e n in Buschweiler und Watt Weiler verhandelt. — Herr Charles Lcvy erklärte beim Konsistoriuin beantragen zu wollen, daß sämtliche Gegenstände, die einen altertümlichen Wert haben, . der Gesellschaft behufs Konservierung überlassen werden. — Herr- Apotheker Dreyfus empfahl die Inventarisierung sämtlicher Kultusgcgenstände in den Gemeinden, die der Auslösung entgegengehen. — Herr Dr. L. N o r d m a n n bemerkte, man solle auch dafür Sorge tragen, daß besonders wichtige Denkmäler, wie z. B. die Synagoge in Ru fach, unter die klassierten Denkmäler des Landes aufgenommcn werden. — Bezüglich der Urkunden wurde beschlossen, daß dieselben vorläufig durch den Schriftführer in Verwahrung zu nehmen und zu inventarisieren seien, später sollen sie dem Vczirksarchiv zu Colmar zur Aufbewahrung übergeben werde». Der Prophet. Aus dem Jüdischen des A. C h. K a b a k. (Schluß.) Hinter Sccharjah's Wohnung erhob sich ein hoher Schloßbcrg. Auf dem Berge stand eine alte, tieftraurige, verfallene Mauer, wie ein finsteres Andenken aus alten Zeiten, die in tiefe Rätsel versunken waren. Dicht belaubte Bäume bedeckten ihn, in deren Schatten die Seelen uralter Zeiten lebten. Noch wiegen sie sich auf den Zweigen, und alles webt geheimnisvoll. — Auf diesem Berge pflegt Secharjah abends mit Bessie zu sitzen, sie sehen zu, wie die Sonne nntergeht, und der Abend auf die Welt sich senkt, die Stadt entzündet jetzt ihre Lichter, und Phantasien schweben wie lichte Vögel über ihren Häuptern und wehen stunim mit ihren Flügeln. „Nicht wahr, Secharjah, vor wenigen Jahrhunderten noch hat man hier Menschen geopfert" — ragte sie ihn einmal. „Wahr ist's, heute aber wird unter dem Berge ein „Prophet" geschaffen. Verstehst Du's, Bessie? So sind die Menschen. Sie bringen Menschenopfer und schmieden Prophetenseelen. Wie verirrte Flammen wandeln durch die Finsternis die Seelen der Propheten und leuchten weit um sich. — Zu den schwachen, armen, irrenden Menschen kommen die Propheten und tragen in die Herzen ein Feuer, das ihre Seele geholt hat von jener Sonne hoch über den Nebeln.-Sie wecken in den Mensche»! eine Sehnsucht nach den Tönen, die ihnen ein Engel sang, da er zum ersten Male ihre Augen öffnete. Und Menschen vergessen ihren Haß, ihren Küm- »ner und Zorn, etwas Hartes, Starres zerschinilzt in ihnen, und es wird ihnen licht und war»»." Schwarze Schatten begannen sich auf die traurige Erde zu senken. Aus der Erde, aus uralten Gräbern »vuchs uralter Menschenhaß . . . Gottes Worte hatte man in sich ausgclöscht, den Menschen vergessen. . Und Secharjah 'sah cs'' wohl, wie über sein Volk Fäuste, böse Fäuste sich ballten. Schwarze Schatten begannen sich auf die traurige Erde zu senken . . . Secharjah konnte nicht arbeiten. Sowie Bessie uin zwölf Uhr inittags mit ihren Noten zu ihm kani, pflegte er sich von der Arbeit loszureißen und aufgeregt zu fragen: „Was gibt cs?" Und sie pflegt ihm dann mit großen Augen zu erzählen von brennenden Dörfern und verwüsteten Städten. Menschen stehen auf und holen aus den Winkeln ihrer Stuben das Brecheisen und aus der untersten Bank die Hacke, u»n ihre Schärfe zu prüfen und können damit still und ruhig geh'n, sie unter dem Gürtel versteckend. — Und dann feiern sie mit Hacke und Eisen ihren furchtbaren roten Feiertag. — Und ihr Volk, ihr armes, schwaches Volk? Mein Gott! Was wird mit ihrein Volke werden, das die Straßen mit Leichen deckt und die Hauser mit seinem warmen Blute bespült? . . . Und ein schwarzer Schreck blickte jetzt zitternd aus ihren Augen. . . Bleich erhob sich Secharjah und lief durch das Zimmer. Und Bessie pflegte daun in Schnierz und Trauer hinznblicken auf den Propheten, auf sein zerfaltetes, weiches Gesicht, das übergossen war mit einem Schein von Liebe, der aus seinen tiefen, schwarzen, traurigen Augen kam... „Secharjah, warum inalst Du nicht?" erinnerte sie ihn, als wäre ihr jede Minute kostbar gewesen, der Prophet solle nur nicht zu spät erscheinen. „Bessie, meine kleine Bessie. — Menschen haben Propheten gesteinigt, ihr Fleisch zerrissen — werden sie dann »»eine Leinwand schonen, werden sie ihr die Pröphetenaugen verzeihen, die auf ihr brennen?" Secharjah, denke nicht so über die Menschen! Ihnen ist es dunkel, dunkel, verstehst du es? Sic werden aber auf Deine Leinwand blicken und die Hand zum Bösen nicht mehr erheben können . . Secharjah." Und einmal, als Bessie zu ihm kam, hat sie den den „Propheten" nicht erkannt. Unter seinen Augen erschienen zwei neue Wulste, und ein Schatten in ihnen atmete tiefen Haß, Haß, der den Frost in die Seele wirst und erschreckend dich befällt, wie wenn Schneemassen von Bergen herab auf dich stürzen . . . „Secharjah! Was hast du getan? Was ist mit Deinem „Propheten" geschehen?" „Mit meinem „Propheten" ist dasselbe geschehen, wie »nit jedenr, der zu Menschen gehen, mit Menschen sprechen will. Die Liebe zu ihnen muß er sich erst lange schmieden in einer dunkelblauen Flamme von Haß, Haß zu dem Menschentier. D i'e blaue Flamme darf niemals erlöschen ..." -'■*& Secharjah konnte jetzt nicht arbeiten. Oft lief er tagelang wie ein Wahnsinniger durch die Straßen