Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. Nr. 46. FrMkfurkS FstaÄBWS FMilieÄbKlL. Seile 5. und 'blickte' auf die schwarzen Schatten, die aus der Ferne kommen, gleich traurigen, stummen Gästen, die den Tod in den Falten ihrer Gewände tragen. . Lange Stunden saß er oft auf seinem Schloßberg, blickte hinunter, wo so ruhig der See sich wiegte, kalt, mit stählernem Glanz, und grübelte: „Mas ist "aus den Menschen geworden?" . . . Wenn am Himmel das Llbendrot sich entzündete und feurige Farben annahm, dann dünkte es ihn, als tobte irgendwo der rote Feiertag und atmete zum Himmel Feuer und" Blut. Und es schien ihm, als hörte er im Himmel selbst ein Schreien und Stöhnen, und dort würden Hände gestreckt und gerungen, konvulsivisch zuckende Hände ... Da wurde es ihm schrecklich. Ihm schien es plötzlich, als ob die Hinimel, die Natur, die gute, schöne, herzensliebe Natur seiner, des Menschen spotten, böse spotten, stolz und 'fremd . . . Fremd sind die Himmel, fremd ist die Natur, und Menschen irren gleich wilden Tieren und suchen in fremden Fernen. . . Arme kleine Bessie! Was sucht sie. was findet sie, was liebt sie in den schönen Gotteshimmeln, die sich im See spiegeln und vom Blut ihres teuren Volkes glänzen? . . . Arme Bessie! Ihm scheint es, als sei sie allein geblieben und sie wisse noch nichts davon. In seinem Herzen war eine Leere entstanden, Gott hat sich "von ihm abgetvendet, den Himmel hat er verloren. . . Einmal ist er des Nachts in ein Kaffeehaus geraten und hat dort zahlreiche Menschen gefunden. Und es war da so eigen still, als wäre allen ein schreckliches Geheimnis ins Ohr geraunt, daß sie schweigen sollen . . . Mit erschrockene», aufgeregten Gesichtern saß man da und horchte. Einer las über den roten Feiertag, den man irgendwo abgehalten. „U—u—u" so hörte man es durch die Stille des Lokals. Secharja lief mit geballten Fäusten wie ein Wahnsinniger hin und her. „U—u—u" so brüllte er und knirschte mit den Zähnen, durch die Straße lausend, als wären hier Menschenhaufen mit Hacken im Arm und scharfen Messern an der Brust. Er lief hin und her. Tausend Gefühle gleich schwarzen Gluten entzündeten sich und erloschen. Tausend Gedanken hielten einen teuflischen Tanz, verwirrten sich und jagten auseinander . . . Dann lief er zu seiner Bessie und fand sie nicht — die ganze Nacht. Er lief zu seinem Schloßberg, klammerte die Hände an die alte schwarze Mauer, drückte an sie seinen Körper, der in wilden Schmerzen zuckte. Sein brennendes Angesicht preßte er an die alte, kalte Mauer und dachte: „Gott! Vor vierhundert Jahren hat man hier Menschenopfer den Göttern dargcbracht. Und jetzt . . Gott. . . Blut — wieder Blut — ewig, ewig, — Blut und Blut.- Und ein fürchterlicher Abgrund tat sich jählings vor ihm aus, der Llbgrund einer ewig finsteren Nacht. Und eine große, lichte, blitzende, heitere Sonne, welche bis jetzt sein Haupt bestrahlt' hatte, war jetzt gleichsam irgendwo losgebrochen, klingend in den Abgrund gerollt, zerschellt und erloschen. Und ans der finsteren Nacht erhob sich nur ein furchtbares, teuflisches Lachen. „Lügen, Lügen," so schrieen Geister im tiefen Älbgrund und lachten. Gelogen haben ihm die Himmel, gelogen die Propheten . . . Der Funke, der in ihni entzündet und aufgeglüht war, der ihn erhoben und ihn gesendet hatte, der Welt einen „Propheten" zu schaffen — der Funken hat nur gelogen. —- „Lüge, Lüge," so schrien die Geister des tiefen Abgrunds und lachten. „O meine Bessie! Meine kleine, arme Bessie! — Meine einsanie, verirrte Bessie! — — Des Morgens kam 'Bessie zu Secharjah, bleich, verstört, mit großen Augen, ihm zu erzählen, was Menschen tun. — Sie wollte auch allein bei dem „Propheten" verweilen» bei ihm Trost suchen. Stärke, dies alles 'zu ertragen. Secharjah aber hat sie nicht gefunden. An der Staffelet hingen wie Fetzen zerschnittene Leinwandstücke. Da entrang sich ihrer Brust ein wilder Schrei. Wehe! der Prophet — der Prophet — kein Prophet mehr da , j, Woback tttiolp, Hofjuwelier« Käiserstr.l, Frankfurts. M. . Inhaber: 34£. W"cL11cLU. Porten, Juwelen, Gotdwaren. ' Auf Wünsch Answahlsendnngen. ■■ — Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. ■ Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Losch.) Samstag, den 30. November (= 24. Kislew): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 20 Min., in Berlin 4 Uhr 46 Min. Wajeischew. Jakob hatte Josef einen bunten Rock machen lassen. Dies erregte Bruderhatz, der sich noch mehr durch Josefs Träume steigerte: Die Garben der Brüder bückten sich vor Josefs Garben, Sonne, Mond und Sterne beugten sich vor ihm. Das legten die Brüder als Stolz und Hochmut aus. Jakob sendet Josef aufs Feld, um sich nach den Brüdern unizusehen. Diese wollen Josef umbringen, verkaufen ihn aber schließlich an eine nach Egypten ziehende Karawane und senden dem Bater den in Blut getauchten Rock Josefs. — Josef wird Diener bei dem Hofbeamten Potiphar, der ihn lieb gewinnt und ihm sein ganzes Haus anvertraut. Die Herrin aber will lüstern Josef zur Sünde verführen. Der standhafte Josef spricht das schöne Wort: „Wie sollte ich ein so großes Nebel begehen und gegen Gott sündigen?" Zuletzt zeiht sie Josef der Verführung. Durch diese Verläunidung komint Josef unschuldig ins Gefängnis. Doch auch dort ist Gott mit ihm; er wird Aufseher über alle Gefangenen. Im Gefängnisse weilen auch der Oberfchenk und Oberbücker des Königs wegen Vergehens im Amte. Sie haben aufregende Träume. Josef deutet sie. Die Deutung wird wahr: Der Schenk lvird wieder in sein Amt eingesetzt, der Mundbäcker gehängt. Der undankbare Mundschenk vergißt in seinem Glücke, den unschuldigen Josef der königl. Gnade zu empfehlen. Ch anuka. Mit Sabbatausgang (30. Nov.) beginnt das 8 Tage dauernde „Weihefest". Es erinnert an die Weihe des Tempels, den die Feinde verunreinigt hatten. Es ist ein Halbfeiertag, Arbeit nicht verboten. Nur durch Gebete und Zeremonien ist Chanuka ausgezeichnet. A. Geschichte. Die Geschichte des Festes spielt ungefähr 200 Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, die Zeit der eigentlichen Kämpfe von 167—64 vor d. I. I. — Es stand damals der 2. Tempel. Die Juden waren mit den schöngeistigen Griechen in Berührung gekommen; geblendet durch deren Künste und Wissenschaften wurden sie Assiinilationsjudcn in des Wortes vollster Bedeutung. Sie schämten sich, Juden zu sein, verleugneten ihr Volkstum und ihre Religion, verspotteten beides, drängten sich den Syrern auf und veranlatzten deren König Antiochus Epiphanes, gegen die frommen Juden vorzugehen. So wurden Sabbat-Fest- und Neumondfeier, Milo, Speisegesetze, Thorastudium u. s. w. untersagt, Gottes Heiligtum durch Schweinefleisch entweiht. Viele starben den Märtyrertvd, andere flohen. Da sandte Gott durch die Priesterfamilie der Makkabäer Hilfe und Rettung. Maltisjahu und seine 5 Söhne sammelten um sich alle wahren Juden, kämpften siegreich gegen große Uebermacht und zogen zuletzt nach Jerusalem, den Tempel neu zu weihen. Er wurde gereinigt und der goldne Leuchter neu angezündet. Nur ein kleines Krüglein heiligen Oeles war vorhanden, auf einen Tag hinreichend. Durch Gottes Fügung speiste es den Leuchter acht Tage, bis neues Oel bereitet war. Daher der Weisen Anordnung, Chanukalichter anzuzünden. B. Zeremonien. Man zündet allabendlich Lichter an, Oel- oder Kerzenlicht, und zwar frühestens beim Nachtwerben, doch kanns die ganze Nacht noch geschehen: in später Stunde ohne Brocho. Am 1. Abend eines u. s. f. bis zur Zahl 8. Am ersten Abend drei Brochaus: Lehadlik ner-scheoso niffim-Schehechejonu. An den andern Abenden kein Schehechejonu. Man stelle das Licht ans Fenster. Es muß mindestens '/, Stunde brennen; Nachschütten untauglich. Die Brocho unmittelbar vor dem Anzünden sprechen. Auch in Synagoge anzünden; dennoch bleibt das häusliche Anzünden Pflicht. Man zündet am 1. Abend das rechts am Leuchter befindliche Licht, dann stets daS neue linke zuerst an, nach rechts schreitend. Nichts dabei lesen oder arbeiten. — Am Freitag Abend erst Chanuka-, dann Sabbatlicht. Sabbat-Ausgang erst Hawdoloh machen. — Am 8. Tag alles übrige Oel nebst Dochten verbrennen. 6. Gebete. Al-Hanissim — als Dankgebet — im Tischgebet und Schmono-Esrei einzuschalten. Ganz Halle! nach Schachris-Schmono-Esrei. So ganz Chanuka. Auch zu Mincho und Maariw, ebenso in jedem Sabbatschmono-Esrei Sll Haniffim. Wenn vergessen, fchadets nichts. Inhalt von Al Hanissim: im ersten Teil die Leiden, Kämpfe und Siege Israels, iui 2. Teil die Tempel-Wiederweihe und das Oel-Wunder. Thora- Vorlesung: Im 4. Buch Mos. von der Einweihung der StiftShütte, entsprechend der Tempelweihe. — Moaus Zur ist beliebtes Festlied, 5 Strophen, Verfasser unbekannt; etwa 600 Jahre alt. Akrostichon: Atordochai. Spricht außer von Chanuka auch von der Knechtschaft in Egypten, der babhl. Gefangenschaft, dem Aufbau deS 2. Tempels, der Purimgeschichte. — Chanukapsalm: Ps. 30. — Kein Tachanun, kein Zidkoscho Zedek zu Mincho, kein Zidduk-Hadin bei Beerdigung. — Schabbos Chanuko (7. Dez.) Jauzer-Einschaltung. — Neumonds-Einsegnung am heuttgen Sabbat (30. Nov.) Freitag — Rausch Chaudesch Tewes. 2 Seforim ausheben. Mussaf. — Donnerstag (5. Dez.) im Abendgebet erstmals „W'sein Tal umutor". — Sonntag (8. Dez.) Chanukas-hamisbeach, d. i. der letzte Chanukatag._ Offenbacbtr Druckluft=Anlage Telefon 123. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tepplchrelntgung. Kunst und Literatur. Ja hrbuch der Jü di sch-Literarische nGes e l l s ch a f t. (Sitz Frankfurt a. M.) IV. 1609/5667. Frankfurt a. M. I. Kaufsmann 1906. Oktav. 344 u. 118 S. Die junge Gesellschaft, deren Jahrbücher bislang stets eine Bereicherung der jüdischen Wissenschaft bedeuteten, bietet uns in ihrer neuesten Erscheinung eine Fülle von Materialien für die jüdische Geschichtsschreibung, wie auch selbständige Abhandlungen über einzelne Partien unserer Geschichte. Das interessanteste Stück ist wohl der von Prof. Berliner mitgeteilte Briefwechsel, zwischen Michael und Zunz, der in die geistigen Werkstätten des Mtmeisters Zunz Hineinblicken läßt. Berliner hat schon im Vorworte zu Michaels bibliographischem u. literarischen Wörterbuche „Or Hachajim" (1891) auf den regen Verkehr zwischen Zunz und Michael hingewiesen. Zunz hat von Michael sehr viel Förderung in seinen literarischen Arbeiten erfahren, aus diesem Briefwechsel können wir annähernd beurteilen, wieviel Anteil Michael an den Werken Zunzens hat, in denen wir meistens die große Belesenheit 'des Autors bewunderten. — Sehr bemerkenswert und lehrreich halten wir den Aussatz des rühmlich bekannten Geschichtsforschers Wolf Jawitz' über „Neue jüdische Geschichtsforschung und einige ihrer wichttgstcn Resultate." Wir hören da einen Fachmann über die Methoden der jüdischen Geschichtsforschung sprechen, ein autoritatives Urteil ' über Halevy fällen und allgemein über den Wert der Geschichte der Tradition für den Geschichtsschreiber eine anschauliche Auseinandersetzung. — Dr. Bondi-Mainz bietet eine sehr dankeswerte Mhandlung über den rätselhaften „Herodes und die letzten Ziele seiner „Politik." Herodes' Bedeutung, sein Charakter und 'seine Polüik war bislang in Dunkel gehüllt, Halevy hat dieses Dunkel zerstreut, auf den Ergebnissen seiner Forschung fußend, behandelt auch Bondi dieses Thema in gewohnter gefälliger Weise. Von den größeren Aufsätzen seien noch erwähnt: „Znr Geschichte der Juden in Schweinfurt und dem Vogteidorf Gochsteim im 16. Jahrhundert" von Distriktsrabb. Dr. Salomon Stein in Schweinfurt, „lieber R. Isaak b. Mose's „Or Sarua" von Dr. I. Wellesz in Nagybittse, der seinen Gegenstand ausführlich behandelt und ,,'Raba" von Dr. S. Funk-Boskovitz. Interessant sind die Ausführungen Prof. Dr. Lehmanns (Heidelberg) über „Bibel und Menschenrechte", auch der Aussatz von Dr. H Ehrentreu-München „Sprachliches und Sachliches aus dem Talmud"; beim letzteren wird'man jedoch die Resultate oft schon aus den alten Autoren zitieren können, wie es der Schreiber selbst auch hie und da eingesteht. — Außer den erwähnten sind noch einige Stücke von Wert, und in der hebräischen Abteilung ist "ein Abdruck eines Kommentars zu den Richtern von R. Josef Caro, edirt von S. Epenstein, Dr. B. F. Protest gegen die Wahl des Dr. Wladhslaw Dulemba. Ein Bild des Terrors und der Verbrechen, die zu Gunsten des Dr. Wladhslaw Dulemba anläßlich der Wahl in den österr. Reichsrat im 29. Wahlkreise des Städtebezirkes: Drzezany, Rohatyn, Chodorvw, Brzvzdowce nsw. (in Galizien) verübt wurden. Zugleich ein Appell an das zivilisierte Europa. 66 Seiten. Herausgegeben von der vereinigten ruthenisch - sozialdemokratischen ruthenischen Stadt- und jüdisch-nattonalen Wahlkomitees in Brzezanh. Man meint sich im tiefsten Rußland und nicht in einem konstitutionellen, zivilisierten Staate zu befinden, wenn man diesen Protest, der ein kultirrhistorisches Dokument darstellt, liest. Kein Zwangsmittel ist den höchsten Beamten des Wahlkreises und ihren Helfershelfern zu schlecht gewesen, als daß sie es nicht angewendet hätten.