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Neue jüdische Presse · 1907-11-22 · Heft 45 (22.11.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 45 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 10 (sequence 11)
Language
German
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«Seite 10. seren Ahnen auf natürlichem Wege gehoffte Erlösung mit friedlichen, ja ganz natürlichen Mitteln zn bewerkstelligen, kann auch den Ideen des gesetzestreuen Judentums nicht widersprechen, da er in puncto Messiasglaubens gegen unsere Satzungen und Traditionen nicht verstößt, — und dürfen alle gegen diese Behauptung in's Treffen geführten Zitate als willkürliche Auslegungen und Vernünsteleien dellariert werden. Der gesetzestreue Jude perhorreszirrt also den Zionismus nicht — hegt bloß seine Bedenken gegen die Leitung dieser hochwichtigen, epochemachenden Bewegung, die bedauerlicherweise den inakzeptablen Standpunkt einnimmt, die Judenfrage lediglich durch Pflege des nationalen Momentes lösen zu können. Der glaubenstreue Jude kann dies auf keinen Fall unterstützen, denn seine innerste Ueberzeugung ist die unerschütterliche Wahrheit, daß Judentum ohne religiösen Charakter, ohne Tauroh keinerlei Wert oder Berechtigung besitzt, daß Judentum nur mit Tauroh vereint, seiner Lebensfähigkeit, seines Bestandes sicher und gewiß sein kann. Eine prinzipielle Anerkennung dieses Standpunktes von Seiten der Leitung würde allerdings genügen, die Gegensätze zu sanieren und alle Fraktionen unter einen Hut zu bringen, — mit welchen Mitteln jedoch dies zu erzielen wäre, könnte erst nach eingehender Beratung festgeflellt werden. (Schluß folgt.) Briefe über die hebräische Literatur. Bon Eva Schapira. Perez. Keine kalten Schilderungen. Berllärte, durchgeistigte Bilder. Tief empfundene Regungen. Neue Kunst, neue Sprache. Symbolartige, mystische, seelisch mysteriöse Exaltationen der Helden. Mitempfinden, Miterleben. Wahre, knapp gefaßte Bilder. Begeisterung bis zur Verzückung. Kein Reflektieren, kein Grübeln und Nörgeln. Alles aus dem Herzen. Wahres, dichterisches Empfinden. .Visionen in Gestalten nmgesetzt. In solchem Styl wird vielleicht Perez seine Charakteristik am liebsten haben wollen. Aber er wird schwerlich seine Gestalt umschattet und verdunkelt wie seine Sprache sehen wollen. Des Bildners eigenste Kunst ist, allen verständlich zu sein. Was aber würde Perez sagen, wenn er sich selber in seiner Art geschildert sehen würde, wenn ihm selbst ein großer Teil seines „Jch's" unverständlich bliebe? Würde er sich da in die Lage seines Lesers versetzen, der, hingerissen von dem Wechselspiel seiner Phantasie, plötzlich vor dem Dunkel stehen bleibt und trotz aller Bemühungen nicht aus dem Nebel heraus kann? Auch Perez gehört zu den Kämpfern und Bekämpfern der konventionellen Lügen und der verlogenen Moral. Aber er kämpft mit ganz anderen Waffen, mit spezifisch künstlerischen Mitteln. Es ist die künstlerische Darstellung in kurzgefaßten Bildern. Damit ist er der jüdische Maupassant. Es ist Perezens Vorteil, daß er nach der unmittelbaren Anschauung, ich möchte sagen, nach dem unmittelbaren Erlebnisse schafft. Er verfügt über dichterisches Empfinden in hohem Grade. Gefühlspoesie ist es. Perez möchte zwar plastisch sein; das lebendige Bild ist für ihn das Wichttgste. Allein Perez ist kein Epiker. Das plastische Bild ohne Hervortretung der Stimmung, die rein objektive Darstellung, hinter der der Dichter verschwindet,, blieb Perez versagt. Im Gegentell, allüberall fühlen wir den miterlebenden Dichter, auf jeder Sette den objektiven Einschnitt heraus. Er möchte in Bildern reden, allein diese überhäuft immer der Geist, das Gemüt des Dichters. Sie sind von Gefühl umflutet. Und Perezens Gefühle sind keine gekünstelten, sondern wahre Begeisterung. Man muß nur seine chassidischen Erzählungen lesen, um sich zu überzeug«:, wieviel echte, begeisterte Empfindung Granksurter Fp»«ütisiHrK Kamilientlatt. iu diesen chassidischen Seelen, die sich auch >mS mitteilt, steckt. Lebendige Verzückung im Gegensatz zu ihren kalten Gegnern, den „Misnagdim". Lebensfreude, Gottesanbetung in Trunkenheit des Lebens, in Extafe der Seele — das ist die alleinige wahre Religiosität der „Chassidim". Den sprudelnden Quell der Lebensfreude finden sie am Herde des Rabbi. Dort wird die Natur, der Himmel, das mild strahlende Gesicht des Rabbi Ursache der erhabenen Begeisterung. Die Seele taucht in Liebeswonne. Dieser Gegensatz zwischen der begeisterten, verzückten Religiosität der „Chassidim" und der der eisigen, strengen „Misnagdim" ist in großartiger Weise in der Erzählung „Zwischen zwei Bergen" geschildert. Die Torah, die tiefe, trockene Lehre des Brester Rabbiners, ist nur für einzelne Auserkorene, für Gelehrte, während die vereinigende Seelenstimmung' der rabbischen Atmosphäre auf alle lechzende Geister erhebend wirkt. Wenn ich dieser Erzählung inmitten meiner jetzigen Studien gedenke, schwebt mir der kategorische Imperativ Kants mit seinem strengen, unabänderlichen Sittengesetz und Schillers Dichtung vor. Perezens urchassidische Seele will Seelenbefreiung für alle. Er schreibt vom Herzen des Volkes und für's Volk. Alle seine Typen und Büder haben eine volkstümliche Färbung. Es ist die Sprache, das Bekennen der verschiedenen Volksschichten, denen Perez - alle ihre Töne abzulauschen versteht. Ein „Bunze Schweig", der gehetzt, gejagt, gequäll und halberstorben mtt stoischem, Gleichmut alles erträgt, der endlich so niedergedrückt ist, daß er, als er ins Jenseits kommt, wo man ihm zum Ersatz für alle Art Leiden des Diessetts Schätze und Genüsse zur Verfügung stellt, nur nach einem' warmen Butterbrötchen Verlangen trägt, — ein „Bunze Schweig" ist eine ttefe Ironie über das herabgekommenr Selbstbewußtsein, über das erdrückte und erstickte Menschengefühl und Menschenstreben; ist zugleich ein mitfühlendes Erbarmen. Hier macht sich der protestierende, sich auflehnende Geist geltend. Der Einzelne, Gequälte auf Kosten der Großen und Allmächtigen. Am produktivsten ist Perez in Gefühlserzählungen, Gefühlserzählungen — nicht im Sinne der überschwenglichen Sentimentalttüt, sondern in innerer Empfindung und begeisterter Anbetung. Goethe erzählt in „Dichtung und Wahrheit", wie er immer ein Bedürfnis nach Ehrerbietung hatte. Es ist das Bedürfnis der religiösen, gefühlvollen Seele. . . Dies Bedürftiis ist eben Perez eigen. Leider ist Perezens Begeisterung von zn kurzer Dauer; die Enttäuschung nimmt bald die Stelle ein . . um wiederum einenr neuen Enthusiasmus Platz zu machen. Und der Wechsel ist fortdauernd . . . Msdann beginnt das Mysteriöse, das Verborgene, das Umschleierte. ... In heimlichen, prachtvollen Sommernächten Schatten ohne' Köpfe. . . Geister ohne Worte und Worte ohne Geister . . . Ein weiser Ratgeber empfahl einst seinem Zögling für die Interpretation schwieriger Schriftsteller, daß er in zweifelhaften Fällen immer das Gegenteil von dem annehme, was der Sinn der Worte zn sagen scheint. Wohin kämen wir, wenn wir für die Interpretation Perezens diesem Rate Folge geleistet hätten? .... Dieses Mysteriöse, Umschattete, Dunkle im Style Perezens stimmt allerdings mit seiner mystischen Seele und aufs Trefflichste mit dem chassidischen Wesen überein. Allein in seinen volksttimlichen Erzählungen kann es verschiedenartig gedeutet werden, und wird es auch. ... In Perez sehen die Einen einen ausgesprochenen Demokrat, die Anderen den ausgeprägtesten Individualist, die Einen — den Vertreter des Sozialismus, die Anderen — des Anarchismus. Man lobt und schilt ihn den eigentlichen Juden, und man wirft ihm wiederum seine Gleichgültigkett, ja feine Gegnerschaft allem Nationalen und Religiösen im Judentum gegenüber vor.. Wahr ist es, daß Perez eine urjüdische Seele hat,, was sich in allen seinen Schöpfungen offenbart; allein er ist in allem radikal und mag sich so Nr. 45. Gesetz und Tradttton nicht fügen, und es blickt, wenn er sich auch bemüht, objektiv zu schildern, diese seine Eigenart in seinen Schöpfungen doch immer wieder durch. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein „Montefiore" hielt am letzten Mittwoch in der Adler-Loge einen musikalisch-deklamatorischen Abend ab, und wie stets an solchen Abenden, war der Besuch ein so starker, daß bereits vor Z Uhr die Saaltüren geschlossen werden mußten. Die Darbietungen des Abends wurden aber auch im vollsten Umfange den Erwartungen gerecht. An der Spitze des Programms standen 2 Kompositionen eines jungen Frankfurter, des Herrn Max Bertuch, die von ihm persönlich am Klavier vorgetragen wurden; die Hörer nahmen sie beifällig auf. Mit äußerst sympathischer, trefflich geschulter Tenorstimme trug sodann Herr Theo Bachenheimer eine Arie aus Mehuls lieblicher Oper „Joseph in Egypten" vor. Hiermit, wie auch bei seinem 2. Auftreten mit 3 Liedern ersang sich der zu großen Hoffnungen berechtigende Künstler den Dank der Anwesenden. Die 3. sehr gediegene, musikalische Darbietung war ein Cello-Solo von Tschaikowski (Chant sans paroles), das Herr Silvia da Fano, am Klavier von Herrn R. Weill bestens begleitet, stimmungsvoll zu Gehör brachte. Die bedeutungsvollste Programmnummer indessen war die Rezitation einer Anzahl kleiner Dichtungen von Frau Gertrud Marx durch Herrn Dahlberg. Das war für diejenigen, die Sinn und Empfindung für poetische Schönheiten haben, ein kleines Ereignis. Wie Herr Dr. Löffler in einer der Rezitation vorausgeschickten, kurzen Ansprache ausführte, sind die Gedichte von Gertrud Marx, einer in Königsberg wohnenden Dame, erst vor wenigen Wochen in Buchform erschienen. Nach den kleinen Proben zu schließen, die wir am Mittwoch Abend im „Montefiore" zu hören bekamen, dürfte die Gedichtsammlung in weitesten Kreisen freudige Begeisterung wecken. Sind es doch Aeußerungen einer „schönen Seele" in wahrhaft poetischem Gewände. Wer die Aufgabe des Dichters so heilig auffaßt, wie Gertrud Marx in „Dichten heißt", wer den hypermodernen Frauen solch' hoheitsvolle Worte zurust wie sie in „An eine Moderne", und wer von solch' frommem Gottvertrauen beseelt ist, — eine solche Persönlichkeit darf überzeugt sein, baß wir manche, weihevolle Stunde dankbar bei der Lektüre ihres Büchleins verbringen werden. (Für Interessenten wollen wir übrigens mitteilen, daß die Gedichte im Verlage von Carl Freund in Berlin erschienen sind.) Den Beschluß des stimmungsvollen Abends im „Montefiore"-Verein bildete die vorzügliche Rezitation eines Kapitels aus Otto Ernsts köstlichem Buche „Asmus Sempers Jugendland" durch Herrn Ren6 Weiß. Frankfurt a. M. Die religiösen Lehrgedanken in den Psalmen, dieses dankbare, da sehr interessante Thema behandelte Herr Dr. phil. M. Mainzer am letzten Sonntag in dem Verein Tiferes Bachurim. Der Redner zeigte die Hauptgebiete innerhalb deren sich die religiösen Lehrgedanken der Psalmen bewegen — Gott in der Natur, Gott in der Geschichte, das Verhältnis Gottes zum Menschen, das Verhältnis des Menschen zu Gott — und führte die für die Auffassung der religiösen Lehrgedanken markantesten Stellen an. Die sich dem Vorträge anschließende Diskussion, in ber die Herren David Draller, Manfred Rosenblatt, Julius Weil, Möller, Rabbinatskandidat Dreifus, Gottlieb nsw. sprachen, beschäftigte sich hauptsächlich mit den Fragen, was die Psalmen dem Juden sein sollen und warum die Psalmen auch ein Gemeingut der christlichen Kirche geworden sind. Berlin. Der Ausschuß zur Heranbildung jüd. Krankenpflegerinnen erläßt einen Aufruf, in dem es heißt: „Wie im Fluge hat sich die jüdische Schwester in ihrem Wirkungskreise die Herzen erobert, sie hat dem jüdischen Namen Ehre gemacht, und man weiß heute, daß sie tüchtig üstf und keiner anderen nachsteht i Im Einklang damit hat sich allmählich die Nachfrage nach jüdischen Schwestern so gesteigert, daß sie längst nicht mehr befriedigt werden kann. Zwar wird jeder Einsichtige berücksichtigen, daß man einer so jungen Einrichttmg billig Zeit zur Entwicklung lassen muß, allein auf die Dauer.würde das Interesse an der jüdischen Schwesternsache doch eine Abkühlung erleiden, wenn es nicht gelingen sollte-, die nötigen Kräfte zu beschaffen. Zur Abwendung dieser Gefahr bitten wir Sie denn hiermit von neuem, uns bei der Gewinnung geeigneter Damen behilflich zu' sein!: Wir wiederholen : 1. die jüdische Schwester ist durch kein Gelübde gebunden; der Weg zur Ehe steht ihr. immer offen, und auch wenn ihr die Pflegetätigkeit keine innere Befriedigung mehr gewährt, kann, ja soll sie ihr entsagen; 2. die jüdische Schwester nimmt eine bevorzugte soziale Stellung ein; sie wird am Orte ihrer Stationierung standesgemäß und fürsorglich untergebracht und darf auf besten Familienverkehv rechnen;

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