Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 45 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Inhalt der Beilage: Artikel: Enqutzte über den Zionismus. — Briefe über die hebräische Literatur. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. Gedicht: Den Assimilanten. — Bunte Chronik. Enquete über den Zionismus. (Fortsetzung.) Ober-Rabbiner D r. S. H. M a r g u - lies, Florenz: Daß nach meiner Ueberzeugung zwischen gesetzestreuem Judentum und Zionismus kein Widerspruch besteht, habe ich ja durch meine Teilnahme an der zionistischen Bewegung öffentlich bekundet. Worin sollte aber auch dieser Widerspruch bestehen? Wir wollen ja weder gegen die Mächte uns auflehnen, noch mit Waffengewalt Palästina erobern, noch eigenmächtig den Tempel wieder erbauen und den Opferdienst wieder Herstellen. Nur in diesem Falle würden ivir gegen das gesetzestreue Judentum verstoßen. Was wir anstreben, das ist: „Jischuw erez jisroel" und eine gesicherte Heimstätte für unsere verfolgten Brüder, wo sie und auch die uur unter dem moralischen Golus leidenden Juden ganz nach den Vorschriften und Satzungen des überlieferten Judentums sich auslcbcn können. Ein solches Streben steht aber offenbar nicht nur nicht im Gegensatz zum gesetzestreuen Judentum, sondern ist geradezu eine Forderung desselben, eine heilige Pflicht, die es uns auferlegt. Freilich muß aber dann die zionistische Bewegung einen ausgesprochen religiös-nationalen Charakter tragen, und es ist deshalb nicht nur gut, sondern unbedingt notwendig, daß die gesetzestreuen Juden sich zusammenschließcn, um jenen Charakter nicht verwischen zu lassen. Was die Misrachiorganisation tun muß, um diesen Zweck zu erreichen? Sie muß numerisch so stark werden, daß sie bei den Kongressen ihren Anschauungen und Ucberzeugungen zum Siege verhelfen kann. Selbstverständlich muß sie auch über Männer verfügen können, die diesen Ueberzeugungen den geeigneten Ausdruck zu geben und sie mit Wärme und Energie zu verteidigen imstande sind. Rabbiner Dr. B. Königsbergcr, Plesch en: Da es sich im Zionismus nicht um die Aufrichtung des durch die Tradition angekündigten „messianischen Reiches" handelt, sondern um die Lösung einer höchst dringenden sozialen Frage — Not-Frage — (vergl. § 1 des Baseler Programmes), so kann der Zionismus den Ideen des gesetzestreuen Judentums keineswegs widersprechen. Eine Gegenansicht erscheint mir paradox und geradezu unbegreiflich. ad 2. Bei der immensen Liebe zum heiligen Lande, die aus der heiligen Schrift, aus Midrasch, Talmud und jüdischen Kommentaren spricht, dürfen sich die gesetzestreuen Juden der zionistischen Arbeit, soweit sie sich auf Palästina bezieht, keineswegs entziehen. Sie sollen cs aber auch nicht, wenn als Vorarbeit für die Lösung der sozialen Aufgabe für unsere unglücklichen Brüder zunächst ein anderer Landstrich für die Besiedelung ins Auge gefaßt wird. Ich halte es aber nicht für erwünscht, eine Misrachigruppe in dem Sinne zu bilden/daß dadurch eine Spaltung im zionistischen Lager herbeigeführt wird. Der soziale Zweck des Zionismus muß als oberster und wichtigster integer bleiben. 3. Nach einer Erklärung des sel. Herzl bleibt eine Verletzung gesetzestreuer Anschauungen im Zionismus ausgeschlossen. Das kann ja festgelegt werden. Die Förderung des gesetzestreuen Judentums muß eine private, wenn auch heilig-ernste Aufgabe seiner treuen Anhänger bleiben, zu denen auch ich mich zähle. Sie darf sich dann überall, auch im Zionismus, im Stillen mit besonnenem Zielbewußtsein geltend machen. Rabbiner Elias Friedmann, Väg- U j h e l i (Ungarn): Auf Ihre Frage beehre ich mich, Ihnen hiermit meine Meinung mitzuteilen. 1. Der Zionismus widerspricht nicht den Ideen des gesetzestreuen Judentums. Im Gegenteil: Zionismus ist das Ideal des gesetzestreucn Judentums. Was ist denn Zionismus? Zionismus ist die moderne Benennung jener Hoffnung, die seit dem Untergange des jüdischen Staates, seit der Zerstörung Jerusalems und des Heiligtums die Herzen aller Juden, die den Namen Juden verdienen, erfüllte und des Bestrebens, die Verwirklichung dieser, auf die Zukunftsverheißung, die Gott uns durch Moses und durch so viele Propheten zugesichert, gegri'mdeten Hoffnung herbeiführen zu können. Dieses Bestreben kann aber den Ideen des gesetzestreucn Judentums unmöglich widersprechen. Der Jude, der an die Göttlichkeit unserer Thora glaubt und ein menschliches Herz im Busen trägt, jeder Jude, der menschlich fühlt und den der endlose Jammer der Millionen unserer Brüder und Schwestern in Rußland, Runiänien, Marokko, Algier, Tunis, Arabien, Persien usw. rührt, — dieser Jude muß mit Leib und Seele, mit der ganzen Glut seines Herzens die Fahne des Zionismus Hochhalten, damit Gottes Wort, die Thora, voll und ganz betätigt werde und damit "jene Millionen aus den Ländern des traurigsten Elends, der ewigen Schmach, ■ in ihr Land ziehen können, wo sie ein menschenwürdiges, freies Leben führen werden. Ja, angesichts der bittertraurigen Lage dieser unserer Brüder müßte die Förderung des Zionismus auch dann als heiligstes Gebot betrachtet tvcrden, ivenn er mit der Uebertretung einer wichtigen religiösen Satzung verbunden wäre, da es sich doch um die Rettung unzählbarer Menschenleben von: Tode handelt, wo bekanntlich religiöse Satzungen nicht hindern dürfen. Und sonderbar, religiöse Juden, Juden, die um die Erlösung Israels, um den Wiederaufbau Jerusalems und des Heiligtums Bäche von Tränen vergießen, solche Juden wollen den Zionismus als eine schwere Sünde verdammen! „Nicht wir Menschen" — sagen sie, „Gott muß die Erlösung vollziehen und von Wundertaten begleitet muß Er es tun!" — Und doch sagt schon Maimonides (Hilchoth M'lachim XI. 3. und XII. 1—2), daß die Wundertaten nicht unbedingt werden erfolgen müssen. Und haben doch auch drei Propheten Chaggai, Sacharja und Maleachi und haben auch Esra und Nechemja an der Neugründung des jüdischen Staates so regen Anteil genommen, trotzdem auch da keine sichtbaren Wundertaten geschehen sind, und trotzdem sie auf die Wundertaten mindestens soviel Anrecht hatten als wir, da dieselben doch von Worten früherer Propheten hergeleitet werden. Und diese Gottesmänner waren gute, ehrliche Zionisten, ohne sichtbare Wundertaten. Und wie wir wissen, war das Gros des nach Palästina heimgekehrten Volkes in Beziehung der Religiosität durchaus nicht tadellos. Ja, ein großer Teil hätte unseren aufgeklärten Kulturjuden des XX. Jahrhunderts in der Entweihung des Sabbats, in der Schließung von Mischehen usw. Konkurrenz bieten können. Und was taten die genannten Gottesmänner angesichts dieser krassen Gottlosigkeit? Wsentiertcn sie sich, wie unsere Frommen? Blieben sie dem Zionismus fern, wie unsere Frommen es tun, weil ihm auch hochmoderne Juden angehörten? — Sie taten es nicht. Sie waren vielmehr in ihrem Gotteseifer bemüht, die Irrenden durch Belehrung, Liebe, Mut und Entschlossenheit zu Gott, zur Thora zurückzuführen. Und Gott war mit ihnen. Wenn nun gefragt wird, ob der Zionismus den Ideen des gesetzestreuen Judentums widerspricht, mögen Chaggai, Zacharia, und Maleachi und Esra und Nechemja die Frage beantworten. 2. Es ist dringend geboten, daß die gesetzestreuen Juden sich an der zionistischen Arbeit beteiligen und innerhalb der zionistischen Organisation im Misrachi sich zusammenschließen. Der Zionismus muß die Religion zur Basis haben. Denn nur die Religion gibt dem Judentum Existenzberechtigung. Ohne Religion ist das Judentum, dessen Fortbestehen überhaupt überflüssig; daher auch die Neubegründung des jüdischen Staates unnötig. Und ohne Religion müßte der dritte jüdische Staat, gleich dem ersten und zweiten einem tragischen Ende entgegeneilen. Soll daher der Zionismus das sein, was er sein muß, wenn er dem Judentum seinen Segen bringen soll, den er zu bringen bemüht ist, — muß er sich auf der Basis der Religion bewegen. Indem aber viele Tausende unserer zionistischen Brüder, weil nicht in ihrem Geiste für sie, sondern in dem atheistischen, religionsfeindlichen, fälschlich Kultur genannten, in Wirklichkeit jedoch entarteten Geiste der Modernität erzogen — indifferent, ja oft feindlich der Religion gegenüberstehen, ist es heiligste Pflicht jener Zionisten, die die hehren Ideale des Zionismus vor Augen haben, sich dem Misrachi anzuschließen, um dem Zionismus den religiösen Charakter und hierdurch den Sieg zu sichern. 3. Ein Einfluß in: positiv-religiösen Sinne kann auf die zionistische Bewegung im Sinne der Belehrung und Aufklärung erzielt werden. Unsere nichtreligiösen zionistischen Brüder stehen der Religion ferne, weil sie die Religion nicht kennen. Weshalb auch ihre Irreligiosität verzeihlich ist. Denn sie sind unschuldige Opfer des modernen, atheistischen Zeitgeistes. — Und da heißt es wieder, dem Beispiele Esras und Nechemia's zu folgen. Auch sie standen einem irreligiösen Judentum gegenüber. Und was taten sie? Sie belehrten die Unwissenden. Sic machten ihnen die Religion zugänglich, sie machten sie mit ihrer Religion bekannt, und damit gründeten sie erst eigentlich den Staat. Freilich genügt heute nicht einfach jene Belehrung, die damals zum Ziele geführt. Heute soll die Belehrung nicht nur die Unkenntnis der Religion zu beseitigen bestrebt sein, sondern es muß heute, inr Zeitalter des Atheismus, in erster Reihe der Gottesglaube gelehrt werden. Denn ohne Gott ist eine Religion undenkbar. Daher soll die Belehrung in erster Reihe gegen den Unglauben gerichtet sein. Unsere modernen Brüder sollen belehrt werden, daß man Gott nicht an der Hand von der Natur abgelauschten Gesetzen in ihrem Kreise zu suchen habe. Sie sollen belehrt werden, daß Gott über, also außerhalb der Natur und ihren von Menschen teils gefundenen, teils nur geahnten Gesetzen, daher auch außerhalb des Kreises des menschlichen Wissens stehe, daß somit das menschliche Wissen, das die engen Grenzen seiner beschränkten Erkenntnis nicht zu überschreiten vermag, zu Gott sich nicht emporschwingen, einen außerhalb der menschlichen Erkenntnis stehenden Gott nicht begreifen, daher dessen Existenz weder begründen, noch widerlegen kann, daß demzufolge die atheistische Wissenschaft eine Willkür, aber keine Wissenschaft, daß somit die Wissenschaft eine Gottesidee auszuschließen unfähig ist. Sie sollen ferner belehrt werden, daß ohne Moral der Bestand der menschlichen Gesellschaft unmöglich ist und daß ohne Gott und Religion eine wirkliche Moral undenkbar ist. Diese Grundsätze sollen unseren modernen zionistischen Brüdern beigebracht werden. Die religiöse Gesinnung und die Betätigung der Religion sind schon Konsequenzen dieser Grundsätze. (S. m. Schrift: „Der Zionismus im Geiste des Judentums".) Oberrabbincr Mozes Glas n er, Kolozsvar (Ungarn): Der Zionismus, die herrschende Kraft, die Geister bewegt, die zersprengten und zerstreuten Glieder des jüdischen Volkes sammelt und vereinigt, und entschieden imstande ist, die von un-