Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-11-22 · Heft 45 (22.11.1907) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 45 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692556--03587-2698297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2. erst Juden seid; wenn ihr von eurem Deputierten verlangt, daß er in erster Reihe euren ökonomischen Interessen diene — so wählet einen anderen". Damit aber Jabotinsky aus den Wahlurnen als Sieger hervorgehe, war es nötig, daß er sämtliche jüdische Wählcrstimmcn auf sich vereinigte/ da es ja von vornherein klar war, daß er auch nicht eine einzige christliche Stimme erhalten würde. Soweit haben wir es aber in Odessa noch nicht gebracht! Als erste wichtige Gegeninstanz kam die organisierte Masse der verschiedenen professionellen Vereine in Betracht, die mit dem ihr eigentümlichen Kadavergehorsam — willig oder unwillig — geschlossen für den sozialdemokratischen Kandidaten stimmte. Dazu kam ein spezieller, für unsere Verhältnisse recht bezeichnender Umstand, der in entscheidender Stunde die Situation zu Ungunsten unserer Freunde verschob. Die Jabotinsky zur Verfügung stehenden „Odeßkija Nowosti" wurde drei Tage vor den Wahlen vom Odessaer General-Gouverneur wegen Veröffentlichung der Bilder der oppositionellen Kandidaten geschlossen, die Jabotinsky freundlich gesinnte Montagszeitung „Odeßkaja Gaseta" wurde vom gleichen Schicksal ereilt. Die einzige übrig gebliebene progressive Zeitung „Nowoje Obosrenje", die für den sozialdemokratischen Kandidaten Maljantowitsch eintrat, benutzte die vom General-Gouverneur auf Grund des hier herrschenden Kriegszustandes geschaffene Situation zu den unflätigsten Ausfällen gegen Jabotinsky und seine Partei. Ganz Odessa las in den letzten Tagen vor den Wahlen die spaltenlangen „Artitel", die von den ungeheuerlichsten Insinuationen gespickt waren! Jabotinsky und seinen Freunden waren die Hände gebunden. Eine parate Erlaubnis für die Herausgabe einer jüdischen und einer russischen Zeitung konnte ihnen nichts nützen, da man keine Druckerei finden konnte, dieauf das Wagnis eingehen wollte, eine für Jabotinsky eintretende Zeitung zu drucken. Daß viele Wähler, die nicht im stände sind, sich gebührend zu orientieren mrd ein selbständiges Urteil zu bilden, unter solchen Umständen bei der dem Massenmenschen eigentümlichen Eigenschaft, das zuletzt gelesene Wort auf sich wirken zu lassen, der Suggestion der faustdicken Verleumdungen sich nicht entziehen konnten, braucht nicht erst gesagt zu werden. Dazu kommt, daß man es nicht verschmäht, auf die Pogrompsychologie der Odessaer Juden zu spielen und den jüdischen Wählern das Pogromgespenst vor Augen zu führen, „für den Fall, daß ein Jude gewähll werde". Es iväre noch zu erwähnen, daß die unglücklichen Einwohner der „Moldawanka", sichere Parteigänger Jabotinstys, sich nicht zu den Unten, hervorwagten. Unter solchen Umständen ist es eher als Erfolg, denn als Niederlage anzusehen, wenn Jabotinsky schließlich doch ca. 1550 Wahlzettel, also gut 30 Prozent sämllicher jüdischer Wahlstimmen, auf sich vereinigte. Wichtiger als dieses Zahlenverhältnis ist die volkserzieherische Bedeutung der ganzen Wahlkampagne. Sie hatte jedenfalls die Wirkung, vaß sie die Zionisten den Massen und die Massen den Zionisten näher brachte. Dank solcher Aktionen gewöhnt sich das Volk daran, in den Zionisten die treuesten und konsequentesten Vertreter des Judentums zu erblicken; die Massen werden durch -derartige nationalpolitische Arbeit in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt und für den allgemeinen Kampf um die Lebensinteressen und die Zukunft des jüdischen Volkes geeinigt und diszipliniert.*) Dumapräsrdent Chomjakow über die Judeufrage. Chomjakow äußerte sich dem Korrespondenten der hebräischen Tageszeitung „Heid-Hasman" gegenüber: „Wegen der Jüdenfrage haben wir Oktobristen nichts beschlossen und werden nichts tun. Ist denn jetzt Zeit, sich mit einer so unwichtigen Frage, wie ' ' '*) Siehe zu diesem Briefe „Odessa" unter der Rubrik „Aus aller SBelt". Frankfurter FfraelÜWeS FamilienbkaL. sie die Judenfrage ist, und, die keine direkte Beziehung zum russischen Volke hat, aufzuhalten? Wie können wir für den Nachbar sorgen, ehe wir unser eigenes Haus ausgebaut haben? Die Behauptung, die Juden seien mehr unterdrückt als alle anderen Völker Rußlands, ist nicht wahr. Dasselbe behaupten von sich die Armenier, Tartaren, Grusinier, Polen usw., — und in Wirklichkeit sind doch alle diese Völker in ihren Rechten eingeschränkt. Sollten wir deshalb allgemeine Regierungsfragen bei Seite legen? Die zwecklosen Beschränkungen sind für das russische Volk schädlicher als für die Juden und müssen deshalb bald beseitigt werden. Zum Beispiel die Bestimmung des Ansiedlungsrayons verdirbt die russischen Beamten, die von den Juden Bestechung nehmen, während in Wirklichkeit die Juden überall wohnen. Schlimm ist hierbei nur noch die Aussaugung der armen Juden, die niemanden schaden, seitens der Beamten. Die Juden sind viel fähiger, als die Russen, — und es ist unsere Pflicht, die Schwachen vor den Starken zu schützen. Man darf aus diesem Grunde den Juden nur langsam Freiheiten gegeben, während man inzwischen die Christen zur Konkurrenzfähigkeit gegen die Juden erzieht. Ich w i l l n i ch t l e u g n e n, d a ß i ch höchst zufrieden wäre, wenn ich eines Morgens aufw achte, — und es hieße: Rußland ist ohne Juden. Denn die Juden sind und bleiben ein Wandervolk, das stets wie Parasiten für frenldc Rechnung lebt. Der gesamte Welthandel ist den Juden verkauft. Wir Russen können mit gesetzlichen Beschränkungen da nichts ausrichten, da alle Beschränkungen nicht für die reicheir Juden existieren, sondern nur für die armen. Was die armen Inden a» betrifft, so kenne ich keinen Unterschied zwischen ihnen und den Russen. . . Chomjakow hat noch vielerlei über die Juden geredet. Aber das eben 'Gehörte genügt, um den Präsidenten der Duma und Führer der Oktobristen zu charakterisieren. Auch über die Stellung der Majorität der Duma zur Judenfrage kann man nun nicht mehr im Unklaren sein. Die Woche. Zwei Publikationen sind letztens in diesen Blättern veröffentlicht worden: „Erklärung" seitens der „Alliance Jsraßlite Universelle" hieß die eine, „Erwiderung" von „Professor Dr. Martin Philippson" die zweite. Herr Professor Philippson schrieb ein Buch über die „neueste Geschichte des jüdischen Volkes", in dem verschiedene Anklagen gegen die Alliance Jsraelile Universelle enthalten sind; — deshalb die „Erklärung" der Alliance, deshalb die „Erwiderung" Philippsons. Vorerst die Frage: Hatte Herr Prof. Philippson das Recht, als Ankläger gegen die Alliance aufzutreten? Gewiß! Ein jeder besitzt das Recht, Anklagen gegen eine öffentliche Institution zu erheben, geschweige denn ein Forscher, ei» Historiker — und Professor Philippson. ist als Geschichtsschreiber bekannt. Doch noch mehr: Herr Prof. Philippson ist Jude in einer verantwortlichen Stellung, er ist Vorsitzender des „Verbandes der Deutschen Juden" und besitzt mithin nicht nur das Recht, sondern auch die P f l i ch-t, auf Mißstände im jüdischen Leben aufmerksam zu machen und besonders, wenn es sich um Mißstände einer Institution, die als Repräsentantin der jüdischen Gesamtheit au ft ritt, handelt. Doch wie steht es mit der Stichhaltigkeit der Anklagen? Hier die Anklage: „Als Zeichen der Zusammengehörigkeit aller Juden", schreibt Prof. Philippson, „trat 1860 die Alliance Jsraölite Universelle ins Leben. Ihre Stiftung hatte von vornherein die Besorgnis zahlreicher Glaubensgenossen erregt. Man meinte, sic iverde durch die Meinung von einer förmlichen Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft großen Schaden anrichten. Diese Befürchtung hat sich im vollen Maße bewahrheitet; man darf'sagen, nichts hat den Juden in vielen Ländern solchen Abbruch in der öffentlichen Meinung getan wie die irrigen, aber-unvermeidlichen (?) Folgerungen, die aus der Jnternationalität Nr. 48. der Alliance gezogen wurden." In seiner „Erwiderung" bestätigt Herr Prof. Philippson diese Ansicht: „daß die. Regierungen Rußlands und Rumäniens, sowie die gesamten Judenfeinde und sogar unbefang ene Christen das Eintreten der jüdischen internationalen Verbindung für die dortigen Juden häufig benutzt haben, um diesen den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, ja des Vaterlandsverrates entgegenzuschleudern." Aber Herr Professor Philippson! Ihnen als Historiker wird es doch wohl bekannt sein, daß der Judenhaß — gleichviel in welcher Gestalt — weit früher als '1860 datiert, und die Entstehung der Alliance jst doch eher auf die damals einsetzende Rcaktioit — deren Begleiterscheinung stets eine Zunahme der Judenfeindschast ist — zurückzuführen als umgekehrt. Nun könnten Sie sagen, daß die Entstehung der Alliance den alten Feinden eine neue Beschuldigung bot. Aber der bloße Name „Alliance" kann doch schwerlich 'bei den Völkern Anstoß, ja sogar Furcht erregen; es sei denn, daß die jüdische Solidarität als solche unfern Feinden und Verfolgern Unbehagen verursacht — ist doch ein zerrissenes Volk viel leichter und bequemer zu unterdrücken, als ein ganzes, geeintes —. Doch abgesehen davon, daß der — leider nicht berechtigte — Vorwurf der jüdischen Solidarität sehr alt ist, wird es keinem vernünftigen Menschen, dem die Angst vor den Feinden die Einsicht nicht genoinmen hat, einfallen, uns eine solche Zumutung zu stellen, daß wir alles Schöne Und Gute an uns den Judofoben zuliebe, denen in Wirklichkeit doch unsere ganze Existenz nicht' behagt, ausmerzen. Und gerade Ihnen, Herr Prosessor, müßte es als Forscher bekannt sein, daß die wahren Ursachen des Hasses unserer Feinde in Folgendem zu suchen sind: a) in deren Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit, b) in deren schlechtem Gewissen ob ihres ungeheuren Unrechtes uns gegenüber, c) in unserer Schwäche und Schutzlosigkeit. Niemand hat solchen Respekt vor Macht wie unsere schwarzen Feinde aus der Reaktion. Der Antisemitismus ist am stärksten gerade in denjenigen Ländern, wo die Position der Juden am s ch w ä ch st e n ist; — pnd würden nicht die Juden anderer Länder eine gewisse Macht gebildet haben, jo hätten die Juden Rußlands und Rumäniens eine noch viel schlechtere Behandlung erfahren. Und noch eins: wenn Sie, Herr Professor, die Solidarität der Juden untereinander als Gefahr ansehen, so niüßten Sie konsequenter Weise auch die übrigen Alliancen, die „Anglo-Jdwish-Association" der Juden Englands, die „Israelitische Alliance" der Inden Oesterreichs und den deutschen Hilfsverein, verwerfen; wird doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Einnahmen dieser Organisationen für Unterstützung der Juden anderer »Länder verwendet, Grund genug für unsere übelwollenden Feinde, darin eine Jnternationalität der Juden zu konstatieren. Freilich: der Vorwurf würde auch dann gemacht werden, wenn die Organisationen keinen Pfennig gegeben hätten. Sie sehen, Herr Professor, wie Sie es auch ausangen, die Feinde werden Ihnen Solidarität zu den Juden nachsagen; auch dann, wenn Sie sogar daS Gegenteil davon tun würden. Schon die Tatsache, daß jeder Volksgenosse einesjedenVolkes, auch des unhistorischsten und unkulturellsten, zu seinem Volke hält und sich mit ihm solidarisch erklärt, genügt. Sie der Solidarität mit Ihrem uralten, hochbewerteten und zu Unrecht hart bedrängten Volke zu zeihen. Von der Gefahr der Solidarität sprechen Sie, Herr Professor, von der Gefahr der U n solidarität sollten Sie sprechen; denn wenn erstere uns Ehre macht und Kraft und Macht verleiht, so zieht uns letztere in den Staub und nimmt uns jegliche Macht! So weit von der Jnternationalität, die erste Anklage gegen die Alliance. Nun sind es der Anllagen drei und zwar ad zwei: der überaus französische Charakter in den Institutionen der Alliance; ad drei: die mangelnden Erfolge der Alliance-Schulen. Es würde uns zu weit sühren, wollten wir näher auf diese Anklagen eingehen. Nur zwei Grundübel der Alliance wollen wir hier kurz streifen: In erster Linie fehll der Alliance ein positiv jüdischer Boden, weder ist ihr das wirllich.Religiöse.im -Sinne der Tradition noch, das Nationale eigen, •— und wenn die grie-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.