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Neue jüdische Presse · 1907-11-22 · Heft 45 (22.11.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 45 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bon Dr. M. G. Eine der wenigen Städte Rußlands, wo zufolge den Bestimmungen hes Manifestes vom 3. Jpni die Wahlen in , die dritte Reichsduma direkte waren und fast die .einzige Stadt, wo die Zionisten als Partei selbständig auftraten und eine rege Agitation entfalteten, ist unser vielgenanntes -Odessa. Bis kurz vor .den Wahlen war es freilich totenstill auf dem politischen Kampfplatz. Die gedrückte Stimmung, die seit Jahr. und Tag unsere Stadt, den unglücklichen Schauplatz der erfolgreichen Tätigkeit des schwarzen Hunderts, beherrscht, der eiserne Druck des hier zur Zeit geltenden Kriegszustandes, der jede öffentliche Agitation in -Wort und Schrift unmöglich macht, .endlich die Erfahrungen der ersten und zweiten -Duma hatten einen bei unserem parlamentarischen Heißhunger befremdenden politischen Jndifferentismus zur Folge. Dieser Zustand .änderte sich aber dank des tatkräftigen Eingreifens der Zionisten. Bekanntlich .sanktionierte die vierte allrussische Zionistenkonferenz im Haag die Helsingforser Resolutionen über die national-politische Betätigung .der Zionisten und beschloß auch für die Wahlen.in die.dritte Duma: „Die zionistische Organisation in Rußland entwickelt .eine selbstständige politische Tätigkeit, die sie als eines der wichtigsten .Mittel .zur Berwirklichuug der -Aufgaben des Zionismus betrachtet". Diesem Beschlüsse zufolge-entschied.sich das Odessaer zioni- .stische Zentral-Komitee, selbständig in den Wahl-, .kämpf .einzutreten. Ms Kandidat wurde .für die zweite Kurie unser bewährter -Gesinnungsgenosse Wladimir I ab o-t.i n s-k y, ein glänzender Journalist und. chervorragetwer Redner, .aufgestellt. Gegenüber dem- Beschluß des Kadettenkomitees, hier die . Kandida-- --tur -des Herrn. Nikqlsky aufzustellen,. veryffent- , lichte Jabotinsky in den .angesehenen „Odeßkija- >Nowosti" .einen „ein Jude" gezeichneten Brief an die jüdischen Wähler, in welchem er .mit, der - ihn: .eigentümlichen .logischen Schärfe und. Ueberzeugungskraft für -dieWahl eines jüdischen , Kandidaten.eintritt. Dieser Brief .verfehlte seine Wirkung nicht. Jüdische.Assimilgnten von per-- ^schiedenen politischen Lagern .suchten -die Argumente- Jabotinsky's .zu entkräften -und .den Nachweis, zu.führen, daß -es recht.gleichgültig -ist, ob ein- -Jude -oder -Mchtjude rmsere Interessen -in der. ÄPuma. vertreten wird. .All', diese.MMäyde. faßte .-.dann Jabotinsky. .zusammen,pnd. widerlegte sie in, glSn-«N^N:.v,<tzwjdimrnLf', .^NW -Ifc stücke politischer Klugheit, vornehmer Gesinnung und überzeugender Beweisführung. Nachdem die öffentliche Meinung soweit vorbereitet war, trat der sog. „Rat der geistlichen Verwaltung" der jüdischen Gemeinde — entspricht etwa dem Institut der Repräsentantenversammlung in Deutschland — zu einer Beratung zusammen, zu welcher als eventuelle Wahlkandidaten Jabotinsky und ein gewisser Herr Lifschitz, ein assimilatorischer Maskil und „gelehrter Jude" vom Schlage des alten Wos'chod, Mitglied des hiesigen Kadettenkomitees und eifriger Verfechter der Winawer'schen Gruppe, eingeladen wurden. Beide Kandidaten entwickelten vor der Versammlung ihr politisches Credo. Daraufhin faßte die Versammlung einstimmig die prinzipielle Resolution, als Wahlkandidat der zweiten Kurie sei unbedingt ein Jude aufzustellen. Als es zur Abstimmung über die Person des Kandidaten kam, erklärte plötzlich Herr Lifschitz, der schlau genug war, um zu bemerken, daß Jabotinsky im Konkurrenzkampf als Sieger davonging, er erachte es für unter seiner Würde, mit einem Zionisten auf einem Brette zu stehen (als ob man nicht mit den schlimmsten Reaktionären um ein Mandat zu kämpfen pflegt!), und trete daher zurück. Der „Rat" beschloß dann einstimmig, Jabotinsky als seinen Kandidaten aufzustellen. Samstag und Sonntag, 26. und 27. Oktober, fanden große Wahlversammlungen statt, die sich zu großartigen Kundgebungen des zionistischen Programms gestalteten. Besonders zeichnete sich die Versammlung vom Sonntag aus. Die nach Form und Inhalt gleich gediegene Rede Jabotinsky's bedeutete ein Ereignis in der zionistischen Bewegung, ja im öffentlichen Leben der russischen Inden überhaupt. Tiefer und überzeugender hat noch niemand den Zionismus ersaßt und klargelegt. Es war eine gan^e W.ltanschcunng, eine große historische Konzeption, alle politischen, kulturellen, nationalen und staatlichen Fragen des jüdischen Volkes umfassend, die mit einer .glänzenden Beredsamkeit, tiefem sittlichem Ernst und prophetischem Pathos vor einer 1500köpfigen Menge vorgetragen wurde. Der Eindruck mar unbeschreiblich. Freunde und Gegner sühütat, daß man eine politische und oratorische Kraft ersten Ranges vor . sich .hatte, die berufen wäre, in einer volksvertretenden Körperschaft eine führende Stellung einzunehmen. Jabotinsky entwickelte den Gedanken, daß die nationalpolitische Betätigung in den Golysländern für die Zionisten das Mittel ist, das jüdische Volk zu stärken und zu organisieren, d. h. die Kräfte ins Leben zu rufen, welche für die Realisierung des zionistischen Ideals ersorderlich -sind. Die -Verwirklichung unserer Aufgaben könne nur durch ein.ökonomisch upd kulwrell. gestärktes,. in wyer großen, sechständigen, .nationalen Organisation geschichtetes und gegliedertes .Volk .geschehen; nur .durch die nationale Selbstbestitntisung des -jüdischen Volkes würden die Bedingungen -für ein nor- -M.M_:ÄWeben.in. PgläHna geschaffen werden. Es müsse daher für die Juden Rußlands nicht allein bürgerliche und politische, sondern auch nationale Vollberechtigung angestrebt' werden. Eine nationale Organisation und die Sanktionierung derselben durch den Staat sei aber nur ber euter gründlichen Demokratisierung der Staatsordnung möglich. Die zionistische Organisation Rußlands vertrete daher den Helsingförser Beschlüssen gemäß als politische Plattform: 1. Die allgemeine Demokratisierung der Staatsordnung; 2. vollständige und unbedingte Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung; 3. .Sicherung der Vertretung der Minorität nach dem System der Proportionalitätswahlen: 4. Anerkennung der Wischen Nationalität als eines einheitlichen Ganzen mit dem Rechte der Selbstbestimmung in allen Angelegenheiten des nationalen Lebens: 5. Einberufung einer allrussischen jüdischen Nationalversammlung zur Ausarbeitung der Grundlagen einer nationalen Organisation; 6. Anerkennung der Rechte der nationalen und der Umgangssprache in Schule, Gericht und öffentlichem Leben; 7. überall gültiges Recht, die Sonntagsruhe durch Sabattruhe zu ersetzen. — Diese Forderungen seien es, die die Zionisten Rußlands in ihrer nationalpolitischen Betätigung vertreten. Für sie sind all diese Forderungen nur Mittel zum Zweck, nur unumgängliche Voraussetzungen für unser Endziel: den Judenstaat in PaläjÄna; für andere nationalen Gruppen im Judentum mögen sie das Endziel bedeuten, nichts hindert aber, daß sie vorläufig mit uns Hand in Hand gehen und gemeinsame Sache mit uns machen. Man darf aber nicht glauben, daß Redner in die dritte Reichsduma gehen wolle, um hier schon die Erfüllung dieser Forderungen herbeizuführen. Von dieser Duma sei überhaupt nichts Praktisches zu erwarten. Die Aufgabe der Opposition in der dritten Duma wird es sein, ein autoritatives Zentrum für die gesamte gegenwärtig führerlose und in Desorganisation geratene Freiheitsbewegung zu bilden; den oppositionellen Deputierten wird eS obliegen, die Fahne der konstitutionellen und demokratischen Forderungen in ihrer prinzipiellen Reinheit und Folgerichtigkeit hoch zn halten. Redner speziell wolle in die Duma hingehen, um den nationalen Protest der Juden in die Welt hinausznrnsen; nm unsere Forderungen jetzt schon zu verkünden, damit sie überhaupt jemals berücksichtigt werden. Jetzt schon müsse das Prinzip des Nasionalitätepstaates proklamiert werden, damit man bei gegebener Gelegenheit aus dasselbe zurückkomme. Dies betrachte er als seine einzige Aufgabe in der Duma und lehne es ab, sich für andere Zwecke zu verpflichten. Den anwesenden Hunderten von Handelsgehilsen erllärte er auf eine bezügliche Frage mit stolzer Offenheit: „Es würde mich keinen Pfifferling Listen, hier ein ökonomisches Programm vom Stapel zu lassen. Wenn ihr.aber zunächst Amdelsgehiffen «nd bum

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