Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4- Nr. 44. waren sicherlich schon in Berlin, wo man sie gemalt oder photographiert hat, nnd das soll ja Ihr Bild sein. Ich habe es vom Maler selbst und habe dafür viel Geld bezahlt. Ich bin von dem Kunstwerk ganz begeistert, habe sogar in unserem Verein darüber einen kleinen Vortrag gehalten . . . Besonders dieser tiefe Kummer in der Stirne, der ein Elend vo» Jahrtausenden ausdrnckt. Das ist etwas Gewaltiges. Und das stimmt ja ganz genau mit Ihrem Gesichte überein, ganz derselbe Ausdruck. . . Sagen Sie mir Nur die Pure Wahrheit. Falls Sie das Original des Bildes sind, so wäre mir dieser Zufall besonders wertvoll. Ich werde auch für Sie viel tun können. Ich sehe ja. Sie sind ein ganz anständiger Mensch und genieren sich bloß, daß Sie Modell gestanden haben, das 'heißt, sich für Geld malen ließen." Wlmählich begann mir ihr Mißverständnis einzuleuchten, und ich verstand, um was cs sich handelte. Habe ich doch einst über Sachen wie Modell und Malen in den hebräischen Zeitungen gelesen. Das Gesicht des Kommerzienrates verriet eine innere Aufregung. Es schien in seinem Kopfe alles durcheinanderzugehen. Er sah bald aus mich, bald auf das hernntergenommene Bild, bald auf die übrigen Bilder. Ich weiß tatsächlich heute nicht mehr, woher ich nur den Akut bekommen habe, besonders so eine Sprache, so ein „Hochdeutsch", ich besinne mich nur, daß ich mich von meinem Stuhle erhoben und feierlich das Wort genommen habe: ,Lerr Kommerzienrat, Sie verzeihen, Sie irren sich! .Sie glauben wohl, ich sei derjenige, von dem dieses Bild gezeichnet wurde, und dieser merkwürdige Zufall überraschte Sie. Bleiben Sie nur ruhig. Ich bin es nicht, obgleich das Bild mir, wie noch manchem von „unseren Leuten" wohl ähnlich sein dürste. Sie sind, Herr Kommerzienrat, ein Wohltäter, der für arme Leute viel Gutes tut, für Menschen aber, die Sie niemals zu Gesicht bekommen wollen. SiebewunderendasBilbundverabscheuen den Menschen, das Original! Ihre Wohltätigkeit gehet nicht vom Menschen zu Menschen, vom Herzen zum Herzen . . . Wenn Sie die Wirklichkeit näher kennen würden, brauchten Sie sich nicht für gemaltes Elend zu erwärmen. Kommen Sie doch zu uns herab, Herr Kommerzienrat, da werden Sie viel mehr als auf diesem Bilde sehen, wofür Sie Ihr gutes Herz betätigen können. Ich bin zwar nicht das Original, wie Sie cs meinten, ich bin es aber doch . . ." Kaum hatte ich meine Rede gehalten, da niachte ich mich rasch auf'die Beine und flog davon, wie vom Donner getragen. Natürlich hätte ich diesmal eine reichliche Gabe bekommen, aber ich wollte nichts mehr davon wissen, nur fort, fort!!! Das kann eben mal unser einer. . . Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.- Geehrter Herr Redakteur! Die Worte des Herrn Maxime-le-Maltre haben sicherlich überall, wo man Verständnis für ein freimütig gesprochenes Wort hat, Beachtung gefunden. Freilich — zuerst war ich verletzt; weiß ich doch, d'aß grade wir orthodoxen Juden es am ehrlichsten mit dem Judentume meinen nnd daß wir uns am meisten Opfer für dasselbe auferlegen. Als ich aber die Ausführungen zum zweiten .Male las, da verwandelte sich mein Aerger in eine Anerkennung für den Schreiber, der herzhaft und furchtlos Wunden bloslegt und Mittel zu ihrer Heilung angibt. Für mich ist es, wie ja auch für viele andere Mitglieder unserer Religionsgesellschaft, von jeher eine sorgenvolle Frage, warum eine so große Anzahl unserer Jugend — trotz unserer erstklassigen Realschule mit ihren vom Judentume begeisterten und in ihrer jüdischen Lebensführung mustergiltigcn Lehrern — dcmorthodoxen Judentum verloren geht; und ich habe mich nie damit trösten können, daß bei uns die Resultate der Jugenderziehung im Vergleiche zu andern orthodoxen Gemeinden sehr günstige genannt werden müssen. Die Tatsache ist unbestreitbar: unsere meisten jungen Leute denken und leben, nachdem sie die Schule verlassen haben, so, wie die jüdischen jungen Leute außerhalb der Religionsgesellschaft denken und leben. Prinzipien, Anschauungen und Gewohnheiten haben sich bald dem Einflüsse des orthodoxen Judentums entzogen, und von hier aus bis zur tatsächlichen Frankfurter JsraekiÜsches Fannlienblakt. Verletzung unserer heiligen Gesetze ist dann nur ein kleiner Schritt. Ich habe mich bisher vergebens gefragt, wie dieser Entwickelung unserer Jugend entgegengearbeitet werden kann. Vielleicht hat Herr Maxime-lc-Maitre recht, wenn er die Schuld darin sucht, daß zu wenig das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum jüdischen Volksganzen gepflegt wird. Ich meine: unsere Bibel und unsere jüd. Geschichte müßten die Grundpfeiler des gesamten jüdischen lluterrichts bilden und müßten gelehrt werden, wie man z. B. deutsche Geschichte und deutsche Literatur lehrt: mit der stets wohlbedachten Absicht, die Ueberzeugung von der Größe der Vergangenheit und von der Berechtigung einer glänzenden Zukunst seines Volkes der Jugend einzuimpfen. Wenn die Söhne und' Töchter unserer Religionsgesellschaft sich an den gewaltigen Gestalten der jüdischen Geschichte so berauschten, wie sie es au denen der deutschen Geschichte taten, wenn sie 'die einzigartigen Schönheiten unserer Bibel so genießen lernten, wie die Meisterwerke des deutschen Volkes, dann müßten sie einen Fonds von Begeisterung und Selbstbewußtseiu in sich angcsammelt haben, der sie den Einwirkungen der Außenwelt Stand bieten ließe. Vielleicht ist hier gefehlt worden, vielleicht ist hier der Hebel zur Besserung auzusetzen! — Es sollte mich ireueu, ivenn meine Zeilen Anlaß zu einer Diskussion der so überaus wichtigen Frage geben würden. Mit aller Hochachtung Ben David. Erklärung. lSchluß). Herr Professor Philippson fährt fort: „Man warf ferner der Alliance ihren französischen Name», ihr ausschließlich französisches Domizil und ihre nicht minder ausschließlich französische Zentralleituug vor. Auch das mit Recht. Die Führer der Alliance haben ihr den französischen Charakter gewahrt und solchen auch dem ei»zig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Unterrichtsanstaltcn im Osten, nicht zu deren Vorteil ausgeprägt. Es mar deshalb nicht zu verwundern, daß sich 1871 die englischen Juden in der Anglo-Jewish-Association, 1873 die österreichischen in der „Jsraelilischcn Allianz zu Wien" von der Alliance universelle loslösten."' In einem Wein leitst Herr Philippson der Alliance gegenüber einmal aus ihrer angeblichen Jnternationalität und bann aus ihrem angeblichen französischen Charakter einen Vorwurf her. Denn jetzt spricht er nicht die „irrigen, aber unvermeidlichen Folgerungen" anderen nach, sondern macht sie sich ganz zu eigen, indem er von dem Vorwurf des französischen Namens und der ausschließlich französischen Zentralleitung der Alliance sagt, daß man „auch ihn mit Recht erhoben habe". Der zweite Vorwurf aber ist ebenso grundlos wie der erste. Das Zentralkomitee der Alliance ist nicht ausschließlich französisch nnd ist es nie gewesen. Herr Philippson, der seit Jahren der Alliance Jsraelite Universelle angehört, weiß aus den ihm regelmäßig Angestellten und jedenfalls zugängigcn Jahresberichten der Alliance Jsraelite Universelle, daß gegenwärtig von den 67 Mitgliedern des Zentralkomitees (darunter zwei Ehrenmitglieder) nur 26 (darunter ein Ehrenmitglied) Franzosen, 41 Nichtsranzoscn, unter diesen 23 in Deutschland lebende Deutsche sind. Von einer „ausschließlich französischen Zen'tralleitung" kann man unter solchen Umständen nicht sprechen. Von den übrigen 18 nichtfranzösischen Mitgliedern des Zentral- Komitees sind außerdem so viele von Geburt Deutsche, daß altes in allem der deutsche Teil des Zentral- Komitees mindestens ebenso zahlreich ist tvie der französische. Ebenso ist es unzutreffend, daß die Führer der Alliance den französischen Charakter „auch dem einzig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Unterrichtsanstalten im Osten, ausgeprägt" haben. Es ist richtig, daß in den Allianceschulen des Ostens der französische Sprachunterricht vorzugsweise — gegenüber dem Unterricht in irgend einer anderen europäischen Sprache — gepflegt wird. Aber im Orient ist bis auf ben heutigen Tag französisch die Kultursprache, es ist in der Türkei die zweite Staatssprache; die Kenntnis allein des Französischen ist für den Orientalen im Leben von praktischem Wert und gewährt ihm eine Nutzbare Ueberlegenheit im wirtschaftlichen Fortkommen. Wo die Verhältnisse nur einigermaßen anders liegen, wird namentlich deutscher Sprachunterricht ausgiebig erteilt. Herr Philippson meint, cs sei nicht zu verwundern, daß sich 1871 die englischen Juden in der Anglo-Jewish-Association, 1873 die österreichischen in der Israelitischen Allianz zu Wien von der Alliance Universelle loslöstcn". — Nein, hier ist etlvas ganz anderes verwunderlich: daß nämlich für falsche Folgerungen irrige Mitteilungen als Ursache angeführt werden! Die „Anglo Jewish Association in connection with the Alliance Jsraelite Universelle", wie der volle und richtige Name von Anbeginn und bis heute lautet, ist 1871 entstanden aus der Besorgnis, der Krieg von 1870/71 möchte den Fortgang des segensreichen Werkes der Alliance Jsraelite Universelle stören. Um dieser Möglichkeit zu begegnen, um das Werk der Alliance aufrecht zu erhalten, hat die Anglo Jeivish Association sich gebildet. Das ist in dem ersten Bericht der Anglo Jewish Association 1871/72 ausführlich dargelegt und in der Finna der Gesellschaft für jeden gekennzeichnet. Die Anglo Jewish Association hat nie aufgehört, ihre Mittel den Werken der Alliance Jsraelite Universelle zu widmen, namentlich der Schulunterhaltung, obwohl nur in zwei von den durch das Geld der Anglo Jewish Association mit erhaltenen Schulen überhaupt englischer Sprachunterricht erteilt ioird. Auf eine Anfrage, die wir nach London gerichtet haben, ist uns von der Leitung der Anglo Jeivish Association unter dem 13. Oktober d. I. erwidert worden: „The Anglo Jewish Association was founded to help the Alliance in its hour of need at the time of the Franco-German war. It was also thought .that more money would be obtained in England if there were a separate Association in clear connexion however with the Alliance.—“ „Therehas never been an „Abfall“, and our relations have always been clear and friendly. Indeed mach of our money goes in grants made to Alliance schools.“ (Die Anglo Jewish Association wurde gegründet, um der Alliance i» einer Stunde der Not beizustehen, in der Zeit des französisch-deutschen Krieges. Man hat auch geglaubt, daß in England mehr Geld für eine besondere Vereinigung zu erlangen wäre, die gleichwohl in deutlichem Zusammenhang mit der Alliance stünde. — Niemals hat es einen „Abfall" gegeben, nnd unsere Beziehungen sind immer ungetrübt und freundschaftlich gewesen. Tatsächlich wird ein großer Teil unseres Geldes als Zubuße für die Allianccschulen verwendet.) Auch bezüglich der Israelitischen Allianz in Wien ist _ die Darstellung des Herrn Philippson unzutreffend. Die Israelitische Allianz zu Wien hat sich 1873 gebildet, einfach weil das österreichische Staatsgesetz die Bildung von Komitees einer Gesellschaft dcrbictet, deren Zcntralsitz sich außerhalb Oesterreich» bcsindet. Dieser gesetzlichen Vorschrift mußte natürlich Folge gegeben tverden. In Ungarn gilt das eben erwähnte österreichische Staatsgesetz nicht, hier bestehen die alten Alliance-Komitees fort. Dies findet beweiskräftige Bestätigung durch nachstehendes Schreiben, das der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien unter dem 20. Oktober auf unsere Anfrage an uns gerichtet hat: „Sehr geehrte Herren! „Wir danken Ihnen sehr sür die freundliche Mitteilung des auf die Alliance bezüglichen Passus im Buche des Herrn Professor Philippson, den auch wir mit großem Befremden nnd mit Bedauern über die tendenziöse Darstellung gelesen haben.' Wir können gleich der Anglo-Jewish Association nur bestätigen, daß von einer Loslösung oder gar von einem Abfall von der Pariser Organisation bei der Gründung der unsrigen nicht die Rede sein konnte, daß es sich vielmehr neben der Rücksicht ans die Staatsgesetze daruin handelte, größere Mittel für allgemeine jüdische Hilfszwecke in unserem Lande aufzubringen, als cS für ein Komitee eines austvärts domizilierten Vereins möglich gewesen wäre. Während der 35 Jahre unseres Bestehens haben wir uns in permanentem Kontakte und im herzlichsten Einvernehmen mit dem Pariser Zentralkomitee befunden, dessen Mitglied unser Präsident ist, und sind bei allen großen Hilfswerken sür verfolgte Glaubensgenossen mit Paris Hand in Hand gegangen. Ganz absurd erscheint uns die Andeutung des Verfassers, daß der „französische Charakter" der Alliance als nachteilig für deren erziehliche Tätigkeit im Osten angesehen und mit ein Motiv für unsere angebliche Loslösung gewesen wäre." Herr Professor Philippson läßt sich dann weiter vernehmen: „Diese (die Alliancehat in einzelnen Fällen viel Gutes geleistet, oft den Armen und Bedrängten Unterstützung geschafft. Sie hat im Osten Elementarschulen begründet, die indessen nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen; und zwar aus drei Gründen: einmal, weil die Leiter der Alliance zuerst selten, später nie nach dem Orient gingen und das Werk lediglich Mietlingen anvertrantcn, denen cs zumeist entweder air Verständnis oder an Eifer oder an selbstloser Hingabe an ihre Aufgabe fehlte. Zweitens, weil der Charakter der Schulen ein allzu abendländischer und zumal französischer ist, ohne Anpasiung an die besonderen Zustände und Anforderungen des Orients. Drittens, weil sie ohne Fortbildungsschulen blieben und' so die Kinder im bildungsfähigen Alter entließen und dem alten orientalischen Schlendrian überlieferten, dem sie unrettbar wieder verfielen." Die drei Gründe, die Herr Philippson dafür anführt, daß die Elementarschulen der Alliance im Osten angeblich „nicht soviel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen", beweisen nur Unvertrautheit mit dem Schulwerk der Alliance im Osten. Die Leiter der Alliance Jsraelite Universelle haben jederzeit Wert darauf gelegt, ihr Schulwerk, das 142 Schulen in drei Erdteilen umfaßt, unter steter fachmännischer Inspektion zu halten. Sie wissen eben, daß allgemeine Bildung, sei sie noch so groß, nicht imstande ist, die Fachkenntnis zu ersetzen. — Herr