Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 44 Frankfurter JsraelMfHeS Familienblatt. Seite 3. auf sein am ersten - Neujahrstage eingelangtes Entschuldigungsschreiben keine Antwort erfolgte, was er als ein Einverständnis seines Chefs ansehen mutzte." Lemberg. Zur Reform der Chaluk»b. Vorige Woche fand in Sadowa Wisnia eine zweite Rabbinerversammlung statt, welche im Gegensätze zur ersten ruhig verlief. Es wurde besonders über Reform der Chalukahverteilung beraten. Der in der ersten Versammlung gewählte Herr I. Friedmann wurde „vorläufig auf ein Jahr" pensioniert und^ an seine Stelle Rabbiner Moses Halberstamm, ein Schwiegersohn von Rabbi Moses Weisels, gewählt. Es wurden mehrere Kommissionen gewählt, wobei man das Prinzip befolgte, datz jede Kommission ans 6 Mitgliedern, und zwar aus 3 Rabbinern und 3 Laien zu bestehen habe. Eine Kommission — bestehend aus den Herren Rabbinern von Dombrow und Zurawno und den Herren Mendl Kanner-Sanok, Jakob Schorr- Stryj, Rappaport-Bielitz und Eliezcr Gutwist-Lemberg — wird demnächst nach Palästina reisen, um an Ort und Stelle die Chalukah-Angelegenheit zu studieren und in die Geldverteilung ein System zu bringen. Lemberg. S e l b st w e h r. Bor dem Schwurgerichte in Sanok standen 3l Juden aus Lit- Minsk unter der A n k l a g e des Totschlages. Trotz der sehr widersprechenden Zeugenaussagen und trotzdem die Juden aus Notwehr gehandelt hatten, wurden nur 9 von ihnen freigesprochen, während die übrigen zu Strafen von 8 Tagen bis zu 10 Monaten Kerker verurteilt wurden. Der Sachverhalt ist folgender: Am 10. März versuchten Bauern von der ungarisch-rumänischen Grenze, tvelche in der Litwinsker Holzsäge als Arbciter beschäftigt waren, einen Pogrom zu veranstalten. Die Juden begaben sich sofort zur Gendarmerie, die aber dem Bauernhausen nicht geirachsen war, und den Juden riet, zur Selbstwehr zu greifen. Die Juden organisierte» sich rasch, und in den darauffolgenden Schlägereien wurde cm Bauer getötet, zwei schwer und 15 leicht verletzt. Die Juden trugen blotz geringfügige Verletzungen davon. Alle Juden sind dann verhaftet und bis zur Verhandlung — also mährend 7 Monate — in Untersuchungshaft behalten worden. Ärakau. In Fleisch kalamitäten infolge einer Statthaltcreiverordnung, die den jüdischen Fleischern an den Sonntagen den Fleischvcrkauf gänzlich untersagt, sind die hiesigen Juden gckommen. Es lväre, wenn die Verordnung nicht zurückgenommen wird, in den Sommermonaten unmöglich, von Freitag Nachmittag bis Montag früh koscheres Fleisch zu erhalten. Krakau, llever 20000 Beschneidungen hatte der vor einigen Tagen im 72. Lebensjahre verstorbene Schauchet u. Mohcl Sim0n Jos. Pfeil innerhalb 47 Jahren vollzogen, und zwar sämtlich ohne einen Pfennig Vergütung. Alt-Sambor. Einen schweren Chcrem (Bann) hat die Repräsentanz der hiesigen jüdischen Gemeinde auf diejenigen Gemeindemitglieder ausgesprochen, die anläßlich der bevorstehenden Rabbinerwahl von einem Kandidaten, wie leider mitunter üblich, Bestechung an nehmen. Außerdem wurde verfügt, datz der zu wählende Rabbiner ein: Erklärung zu unterschreiben hat, datz seine Erben keine Berechtigung haben, Nachfolger von ihm zu werden. Großbritannien. London. Legate. Ter am 5. Oktober verstorbene Henry A. Franklin hinterließ jüdischen Institutionen 6600 Pfund (— 133,000 JL); 5400 Pfund von diesem Betrage gelangen, jedoch erst nach dem Tode seiner Witwe zur Auszählung. Bedacht sind u. a. die jüdischen Waisen und die Rothschild-Jndustrie-Schule in Jerusalem (je -50 Pfund jetzt und 250 Pfund später). Niederlande. Amsterdam. Versteigerung einer Bibliothek. Dezember dieses Jahres wird die an Seltenheiten so reiche Hebraica und JUdaica Bibliothek des bekannten Haager Oberrabbiners B. S. Berenstein (gest. 1893), durch die Buchhandlung Gebr. Levisson Firma D. Proops Jz. in Amsterdam zur Versteigerung kommen. Der Katalog umfaßt ungefähr 2300 Nummern, worunter zirka 30 Handschriften, 200 Response», sowie Werke aus allen Zweigei: der hebräischen und jüdischen Literatur. Rußland. Kowel. Hungersnot und Cholera, diese beiden fürchterlichen Gebieter haben bei uns ihren Einzug gehalten. Die Cholera freilich macht uns vorläufig noch nicht viel Sorgen, wohl aber der Hunger. Fleisch leistet sich die Ärmere Bevölkerung schon garnicht mehr, cs ist ein unerschwinglicher Luxus geworden; aber auch Brot und Kartoffel sind sehr teuer. Mit Bangen sehen wir dein Winter entgegen. Bobrinsk. Am 1. November waren es 7 Jahre, seitdem die Jüdische Leih- und'Sparkasse gegründet worden ist. Bereits zwei Monate nach ihrer Gründung hatte sie 429 Mitglieder, und heute zählt sie deren 2681. Ihr heutiges Grundkapital beträgt 26 800 Riibel, der Umsatz des letzten Juhrcs 1520000 Rubel. ustjilny (Wolhynien). Ein Brand hat 56 Häuser in Asche gelegt und mehr wie 100 jüdische Familien obdachlos und arm gemacht. Amerika. New-Aork. Dr. Sicgmund Sonnenfeld, der Direktor der Baron Hirsch-Stiftung („Jca") bereist gegenwärtig Kanada und die Bereinigten Staaten. Das Endziel seiner Reise sind die jüdischen Kolonien in Argentinien. — Achad -- ha - A m (Dr. A. Ginsberg), der berühmte hebräische Schriftsteller, trifft in den nächsten Tagen von Europa aus hier ein. Er will die Judenheit Amerika's in ihrer äußeren und inneren Lage studieren unb gedenkt, eine Vortragstour,icc durch die Vereinigten Staaten zu machen. — Von de»1 „Run" auf die Banken dürfte wohl einzig und allein die Hcbrew Free Loan Association — gewöhnlich „The Little Bank" genannt — nicht berührt worden sein. Diese Bank der New-Dorker Ostend-Juden nimmt nämlich kein Geld an, "sondern leiht zinsenfrei gegen das Giro von ein oder zwei Geschäftsleuten Geld aus. Ihr letzter Status verzeichnet mehr als 15 000 Darlehen im Gesamtbeträge von über 1 Million Mark. Die Direktoren der Bank erhalten kein Gehalt. — Tausend jüdi s ch e n Familien die Wohnung gekündigt, und zwar bereits zun, 15. Novbr., hay die Stadt, da sie infolge der Errichtung der neuen Manhattan-Brücke ihr Eigentum in der Kanalstraßen-Gegend gebraucht. Das Original. (Bon einem jüdischen Schnorrer nacherzählt.) Von A. M. Gonzer. (Deutsch von L. Papi s ch.) Die Geschichte ist mir in Berlin passiert, als ich die Hauptstadt zum ersten Male aufsuchte. Die Namen der meisten hiesigen jüdischen Wohltäter waren mir aus den Jahresberichten der Wohltätigkeits- Vereine, die ich während meiner freien Zeit wohlweißlich verfolge, gut bekannt. Aus denselben war war mir der Name eines dortigen Kommerzienrates N. besonders aufgefallen. Es gab fast kein Wohltätkgkeitsverein, in dem derselbe nicht entweder das Amt eines Vorsitzenden oder Vorstandsmitgliedes bekleidete. Das mußte doch wohl ein wirklich 'herzensguter Mensch sein, dachte ich nur und faßte zugleich den Entschluß, ihn mit meinem ersten Besuche zu beehren. Nun was denken Sie? Der Herr Kominerzienrat hatte wohl große Sehnsucht nach mir gehabt? Natürlich! — Auf unserem „Hotel", wo wir selber ein sogenanntes wohlorganiskertes Adressennachweisbüro für unsere Branche erhalten, habe ich bei einem Kollegen zwar die Adresse ineines Kommerzienrates für ein paar Groschen ermitteln können; meine übrigen Berufsgenossen bezweifelten aber sehr den Erfolg dieses Besuches, da niemand von unseren Leuten zu ihm persönlich zugclassen 'wird. „Man wird immer an das Büro verwiesen. Die haben schon solche Statuten" . . . erklärten sie mir. Mer ich machte mir nichts daraus und begab mich nach dem Tiergartenviertel, wo mein großer Kozin wohnte. „Was wünschen Sic denn hier?" brüllte mich der Portier an, als ich an der Hausglocke läutete, sodaß mir nun doch 'ganz ängstlich zu Mute wurde. Ich faßte mich aber bald wieder. „Ich 'muß zum Herrn Kommerzienrat. — Fa . . ich komme vom Rabbiner. . . Der Herr Kommerzienrat hat ja heute Jahrzeit nach seinem seligen Vater und gebraucht arme Leute zum Beten . . . Verstehen Sie?" Zur Bestätigung meiner Angaben zog ich schnell aus meiner Tasche ein Rödelheimcr Gebetbuch und zeigte es dem Goi. Sie werden es gar nicht glauben, sage ich Ihnen, ich wurde sofort zum Kommerzienrat zugelassen, zu diesem großen Wohltäter, zu dem sich noch kein einziger von uns persönlich herangcwagt hatte. Sie können sich auch kaum vorstellen, was für ein Gesicht der Kozin bei meinem ersten Auftreten geschnitten hat. Er stand wie verblüfft da, ohne einen Ton aussprechen zu können. „Was wollen Sie denn hier eigentlich?" sagte er endlich. „Und wieso wurden Sie zu mir gelassen?" Der Herr Kommerzienrat sah in diesem Moment aus, als ob er vom Schlage gerührt wurde, so sehr war er von meinem Besuche überrascht. „Ew. Hochwohlgeboren, ich bin ein armer Israelit aus Rußland, in Polen, bei Kischenew . . . Ich möchte Ew. Hochwohlgeboren gefl. bitten. . ." Mehr war nicht in »reinen Kräften herauszubringen, denn der Herr Kommerzienrat blickte mich mit einem Gesichte an, als ob er mich ganz zu verschlucken beabsichtigte, wie es die mageren Kühe im Traume Pharaohs mit den fetten Kühen gemacht hatten. „Wer, wer hat Sie denn zu mir geschickt?" „Ich komme aus Polen, in Rußland, bei Kischenew", — wiederholte ich mein gut eingeprägtes Refrain. Das Gesicht des Koinmerzicnrats wurde plötzlich entschieden verändert. „Sagen Sie rnal," fragte er mich in einem Ton, als wenn er sich an etwas erinnere, „ivaren Sie nicht schon einmal hier?" „Niemals!" antioortete ich ruhig und ganz wahrheitsgemäß. „Sagen Sie doch bitte bloß die Wahrheit, ich muß es wissen." Natürlich gab ich wiederum dieselbe Antwort. „Aber um Gotteswillen, Sie kommen mir ja so bekannt vor, ich nruß Sie doch bereits einmal gesehen haben." „Ew. Hochwohlgeboren haben sich wohl geirrt, bin erst das erste Mal in Berlin, bin aus Polen gekommen, von Kischenew in Rußland." In demselben Moment trat ein junges Fräulein ins Zimmer und überreichte etwas dem Kommerzienrat. „Sieh' mal, Kindchen, sieh' Dir mal diesen Mann an, — ist er nicht schon einmal hier gewesen?" Das Mädchen sah mich mit einem verächtlichen Blicke an und antwortete überlegend: «Ich glaube — ja!" Es wurde mir seltsam zu Mute. Zwar war ich mir keiner Schuld bewußt, jedoch quälte mich der Gedanke, wie ich ans dieser Klemme herauskommen könnte. Ich hätte bereits auf die ganze Sache verzichtet. Das Mädchen loarf nun einen Blick auf das Geinälde, das an der Wand des Kabinetts hängt und rief mit einer kreischenden Stimme: „Siehe da, Papa!" Der Kominerzienrat wandte seine Augen dem Wandgemälde zu, dann musterte er uns beide, mich und das Bild. Sein Gesicht schien ruhiger und glaube sogar mitleidcnschaftlicher zu werden. „Ja, richtig . . . Treten Sie bitte näher!" rief er mir zu, „kennen Sie dieses Bild hier?" Ich habe aber an diesem Bilde nichts gefunden als einen armen Juden nrit zerlumpten Kleidern und mit einem Stock in der Hand, das war alles: dagegen der Rahmen gefiel mir besonders gut, ich glaube, er muß aus echtem Golde gewesen sein. „Keine Ahnung!" antioortete ich. „Das kann doch aber unmöglich sein! . . . Haben Sie vielleicht mal Modell gestanden?" Ich schwieg. „Er hat Dich wohl nicht verstanden, Papa!" sagte das Mädchen. „Haben Sie sich inal von einem Maler malen lassen?" „Von einem, der Bilder anfertigt," erklärte der Vater. „Niemals," antwortete ich, ohne das Mindeste von deni Vorgehenden zu verstehen. „Setzen Sic sich bitte," sagte mir der Kommerzienrat, — und das Fräulein wies mir einen Stuhl an. Vater und Tochter flüsterten: „Sie weisen beide eine große Aehnlichkeit auf." „Natürlich, er ist das Original. Solch' eine kolossale Aehnlichkeit . . ." „Zweifellos," bestimmte der Vater, „der versteht bloß nicht, was wir zu ihni sprachen." „Wer so ein sonderbarer Zufall," staunte die Tochter. Der Kommerzienrat griff zum Portemonnaie und sagte wie zu sich selbst: „Habe jetzt nichts passendes, werde schon sehen." „Sie sagen mir wahrscheinlich nicht die volle Wahrheit?" wandte er sich wieder an mich, „Sie