Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692555--03574-2698290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 5. Nr. 44 Philippson.nennt die von der Leitung der Alliance Jsraslite Universelle nach langer Erprobung 'eingesetzten Inspektoren mit der herabwürdigenden Bezeichnung „Mietlinge". Will Herr Professor Philippson vielleicht die Rabbiner als „Mietlinge" ihrer Gemeinden, die Gymnasiallehrer als „Mietlinge" des Staates oder der Kommunen ansprechen? Nein, diese alle sind die verehrten und angesehenen Vertrauensmänner der Gemeinden, des Staates, der Städte. Und so sind die Männer, die Herr Philippson als „Mietlinge" herabwiirdigt, unsere erprobten und angesehenen Vertrauensmänner, die ihres schweren Amtes mit reifem Verständnis, mit unübertrefflichem Eifer und mit 'vorbildlicher Hingabe walten! Wenn Herr Philippson den Charakter der Mlianceschulen im Orient „allzu abendländisch und zumal französisch" findet, so übersieht er: Die Orientschulen der Alliauee sind Schulen sui 'generiS, sie sind ihren besonderen Bedürfnissen, die eigenartiger Natur sind, angepaßt, sie sind genau das, was Herr Philippson sagt, daß sie sein sollen, und was er bloß nicht gesehen hat. Herr Philippson beklagt den Mangel an Fortbildungsschulen. Das' Fortbildnngsschnlwesen ist im Morgenland 'wirklich noch nicht systematisch durchzuführen. Einen gewissen Ersatz schassen wir in den Ergänzungskursen (classes supplsmentaires), die wir in verschiedenen Städten, wie Konstantinopel, Salonichi, Smyrna, Tunis, Tanger, Bagdad, Alexandrien, Kairo, den oberen Klassen angegliedert haben. Wenn im übrigen unsere Jungen im Orient unsere Schulen früh verlassen, so geschieht es nicht um des „Schlendrians" willen, sondern ans bitterer Not, iveil sie für Brot zu sorgen haben. Herr Professor Philippson beendet seine Ansführungen folgendermaßen: „Im Dezember 1872 beschloß eine Versammlung in Berlin die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz in Deutschland." Allein das Zentralkomitee der Alliance in Paris wies diesen Plan durchaus zurück, der auch nie verwirklicht worden ist. Leider ließ das Pariser Zentralkomitee sich durch solche Vorgänge und auch durch den Abfall der Engländer und Oesterreicher nicht bestimmen, die speziell französische Färbung der Alliance und den Despotismus des Pariser Zentralkomitees irgendwie zu modifizieren. Dadurch verlor sich in Deutschland das Interesse für sie um so mehr, je schärfer die nationalen Gegensätze zwischen beiden Ländern sich nnglücklicher- Iveise gestalteten." Charakteristisch ist schon der erste Satz, baß „eine" Versammlung — deren nähere Bezeichnung vollständig fehlt — im Dezember 1872 die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz in Deutschland" beschlossen habe. Wer hat denn „beschlossen"? Wer waren die Beschließenden, die ihre Absicht sofort fallen ließen, weil das Zentralkomitee in Paris den Plan zurückwies? Es müssen doch recht schwächliche Herren gewesen sein, die dem Pariser „nein" gegenüber sofort auf ihren Willen verzichteten. In Wahrheit ist jener „Beschluß" nie gefaßt worden, in Wahrheit hatte das Pariser Zentralkomitee nie ^Anlaß gehabt, solchen Beschluß zurückzuweisen. Es ist im Dezember 1872 einmal eine Anregung in der angegebenen Richtung hervorgetreten. Ein Mahnwort des Herrn Sanitätsrat Tsr. Neumann hat genügt, von dem üblen Plan abzuhalten. Was in dem vorstehenden Resümee über den „Jlbfall der Engländer und Oesterreicher" über die „speziell französische Färbung" der Alliance, über den „Despotismus" des Pariser Zentralkomitees gesagt ist, haben wir widerlegt. Aber auch das was Herr Philippson über eine Abnahme des Interesses für die Alliance Jsraslite Universelle in Deutschland behauptet, ist nicht zutreffend. Das Interesse für die Alliance Jsraslite Universelle hat sich in Deutschland nicht verloren. Der Zuwachs von tausenden von Mitgliedern, die sich uns in kurzer Zeit neuerdings in Deutschland angeschlossen haben, beweist vas Gegenteil. Weitausschauende und' allzeit getätigte jüdische Wohlfahrts- und Wohltätigkeitspolitik verfolgt die Alliance Jsraslite Universelle. Sie wird ihrer Satzungen immerdar eingedenk bleiben und ihnen in unermüdlicher Arbeit treu sein, zum Segen für die gesamte Jndenheit. Berlin, den 30. Oktober 1907. Das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraslite Universelle Ludw. Max Goldberger. Charles 8. Hällgärten. Paris, den 1. November 1907. Der vorstehenden Erklärung schließt sich vorbehaltlos an Das Präsidium des Zentral-Komitees der Alliance Jsraslite Universelle Narisse Leven. Salomon Reinach. Dr. A. Netter. Jacques Machiels. Erwiderung. Auf die in Ihrem sehr geschätzten Blatte abgedruckte Erklärung der „Alliance israslite universelle" muß ich in Kürze antworten. Frankfurter JsraelitisMs Familienblatt. Zunächst schreibe ich mir als Historiker ^das Recht zrr, über die geschichtlichen Vorgänge und Einrichtungen, die das von mir behandelte Thema umfaßt, mein auf sorgfältiges Studium und reifliche Erwägung begründetes Urteil .abzugeben.1 Zu solchen Vorgängen und 'Einrichtungen gehört auch die Gründung und Leitung der Alliance. Nach dieser grundsätzlichen Verwahrung komme ich auf die hauptsächlichen Berichtigungen, die die Alliance meiner Darstellung zu Teil werden läßt. 1. Daß ihr weit ausholender, internationaler Titel von vornherein lebhafte Besorgnisse erweckte, ist eine geschichtliche Tatsache. Man sehe darüber die Allgenieine Zeitung des Judentums, Jahrgang 1860, S. 557 sf. 612 f. Und zwar fürchtete man schon damals das Vorurteil, das eine dauernde und organisierte Verbindung der Israeliten aller Länder neu Hervorrufen müsse, sofern es die angebliche Solidarität sämtlicher Juden für jedweden Zweck betrifft. Diese Voraussicht hat sich leider in vollem Maße verwirklicht. Nicht nur Ehren-Gödsche, sondern die Antisemiten aller Länder, Frankreichs nicht minder als Deutschlands, haben der 'Alliance eine solche irrtümliche Bedeutung 'beigelegt.'und damit die öffentliche Meinung nicht unwesentlich beeinflußt. Sogar viele sonst unbefangene Christen haben mir selbst gegenüber aus dem Titel der Alliance derartige ebenso schädliche 'wie ^unberechtigte Folgerungen gezogen. Die Leiter der Lllliance wissen selber am besten, daß die Regierungen und die gesamten Judenfeinde Rumäniens und Rußlands das Eintreten dieser internationalen Verbindung für die dortigen Israeliten häufig benutzt haben, um diesen den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, ja des Vaterlandesverrates entgegenzuschleudern. 2. Diese immerhin bedenklichen Tatsachen Hütte man gern in den Kauf genommen, lveun die Alliance wirklich den Charakter einer Vereinigung aller Jslaclrten in völliger Gleichberechtigung gewesen wäre. Mer nein \— sie hat von vornherein den klaren Stempel der,kleinen französischen Minderheit unserer Glaubensgenossenschaft getragen und diesen bewahrt, wenn anch in neueren Tagen — z u einer Zeit, d i e weit außerhalb der in meinem ersten Bande behandelte)« Epoche liegt — die Zahl der auswärtigen Mitglieder des Zentralkomitees vermehrt worden ist. Jeder, der in diesen Dingen Erfahrung besitzt, weiß sehr wohl, daß solche fremden Mitglieder eines Ausschusses teils selten, teils nie die Sitzungen besuchen. Der Sitz des Zentralkomitees aber ist und bleibt Paris, die Geschäftsleitung ist eine ausschließlich französische Wenn der internationale Charakter eine Wahrheit werden sollte, so müßte der Sitz des Zentralkomitees — wie es bei anderen internationalen Verbänden geschieht — in bestimmten größeren Zeiträumen abwechselnd nach den Hauptstädten der wichtigeren in der Alliance vertretenen Länder verlegt werden; wenigstens müßten dort abwechselnd Generalversammlungen der Mliance stattfinden. Nichts davon ist auch nur versucht worden. Solcher Ausschließlichkeit der Leitung entspricht auch die Tätigkeit der Alliance. Ich sehe hier von der eigentlichen Politik ganz ab und erwähne nur, daß in sämtlichen Schulen der 'Alliance,die Unterrichtssprache die französische ist. Nur in vier Schulen wird das Deutsche nebensächlich gelehrt, und Zwar in dreien mit einer so schwachen Stundenzahl, daß das Ergebnis recht geringfügig ist. Lediglich die Goldsch'midtschnle in Konstantinopel hat.deutsche Unterrichtssprache, aber s'.c ist keine eigentliche Schule der Alliance, die ihr nur eine Unterstützung von jährlich etwas über 3000 Frs. znkonimen läßt. Und das alles, obwohl die Handelsnnd Verkehrsinterefsen des Orients in wachsendem Maße nach Deutschland gravitieren, so daß die Verbaiinung des Deutschen aus den Schulen den Zöglingen zum Schaden für ihre zukünftige Erwerbstätlgkeit gereicht: und obwohl die sehr zahlreichen neu cingewanderteu Juden des Orients zumeist einen deutschen Jargon sprechen, sodaß ihren Kindern das Erlernen des Schriftdeutschen das Leichtere und Natürlichere wäre. Wer meine historischen Veröffentlichungen und im besonderen die vorliegende neueste Geschichte des jüdischen Volkes kennt, der weiß, daß ich vom deutschen Chauvinismus himmelweit entfernt bin und zumal dem französischen Volkstum gerechter Weise ein reiches Maß von Würdigung und Sympathie entgegen bringe. Aber deshalb darf ich nicht das ausschließliche Franzosentum der Alliance billigen, das weder ihrer internationalen Bestimmung noch der peränderten Weltlage entspricht. 3. Was ich über die Mängel der Allianceschulen im Orient gesagt habe, 'halte ich in vollem Maße aufrecht. Jeder Kenner der Verhältnisse wird mir darin beipflichten. Um mich hier nicht in Einzelheiten zu verlieren, frage ich die «Alliance nur: Wie kommt es, daß trotz ihrer seit Dezennien bestehenden Schulen die Juden im Orient — mit Ausnahme einzelner besonders begabter oder vom Glück begünstigter Individuen — in dem gleichen Zustande sozialer, ökonomischer und kultureller Minderwertigkeit verbleiben? Und das, während die christlichen Elemente, die Armenier und zumal die Griechen, infolge ihrer ausgezeichneten nnd systematisch gegliederten Untecrichtsanstalten in überraschend glänzendem «und fruchtbarem Aufsteigen begriffen sind. Freilich passen die christlichen Anstalten ihre Unterweisung verständnisvoll den Anschauungen, Ueberliefernngen und Bedürfnissen ihrer Zöglinge an und «nötigen diesen nicht eine ihnen völlig fremde, sie verwirrende und deshalb schädigende, ost geradezu antijüdische Kulturweise öuf._ Dieses letztere System ist notwendigerweise mit Unfruchtbarleit geschlagen. Man sehe die unsäglich verkommenen und schmutzigen, von Trödlern, Hausierern, kleinen Handwerkern und Vermittlern bewohnten Judenviertel der levantinischen und ägyptischen Städte und überzeuge sich da, wie wenig das Erziehungsiverk der Alliance gewirkt hat. Daß da dem für seine Glaubensgemeinschaft warm empfindenden Juden einmal ein bitterer Ausdruck in -die Feder fließt, ist leicht verzeihlich. Die Jrrtümer «und Verfehlungen zahlreicher höherer Angestellten derselben — die «der ganze Orient kennt — hier auszusühren, enthalte ich mich um der Sache willen. Eine persönliche Aufsicht von Mitgliedern des Zentralkomitees wäre längst dringend geboten. « Alle jene Dinge habe ich nicht zum ersten Male zur Sprache gebracht, sie sind vielmehr der Mliance ost und in viel schärferer Weise gesagt worden; sie hat nicht darauf gehört und das einmal befolgte System unentwegt fortgesetzt. Wahrlich, nicht die Lust am Tadeln hat mich zu meiner Darlegung veranlaßt, auch keine Gegnerschaft wider die sonst so verdienten und von mir hochgeachteten Männer, die in Paris die Leitung in Händen haben, sondern das brennende Mitleid mit unseren unglücklichen orientalischen Glaubensgenossen, sowie der innige Wunsch, daß hier endlich Besserung geschafft und die großen pekuniären Mittel, die der Alliance zur Verfügung stehen, in angemessener Weise verwendet würden. ~ Endlich möchte ich die Herren bitten, ehe sie berichtigen, sich erst Kenntnis von dem wahren Sachverhalt zu verschaffen. Im November 1872 beschloß in der Tat, aüf Anregung Makowers, eine Versammlung deutscher 'Alliance-Mitglieder in Berlin, eine nur in loserem Zusammenhänge mit dem Zentralkomitee stehende „Israelitische 'Miance in Deutschland" zu begründen. Der Plan scheiterte aber all dem Widerstande des Pariser Zentralkomitees. Das kann jedermann in den jüdischen Blättern jener Zeit lesen; den Verfassern der „Erklärung" scheinen solche nicht zu Gebote gestanden zu haben. Dies ist mein erstes und letztes Wort irr einer Polemik, die bei weiterer Fortsetzung nur schädlich wirken würde. Prof.Dr. Martin;Philippson. Wohack llaiolssr,«"“»“”'!«;» Inhaber: Df rHllSLU. Perlen, Juwelen, Goldwaren. .--7- Auf Wunsch Auswahlsendungen. —- — Siaiser Friedrich Quelle - Ottenbach a. X. - Gegen Gicbt und Rheumatismus bewährt. Wocherr-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 16. November (= 10. Kislew): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 30 Min., in Berlin 5 Uhr — Min. Die Sidra W a j e i z e erzählt zunächst von Jakobs Flucht aus dem Elternhause. Auf freiem Felde muß er übernachten. Im Traume offenbart sich ihm Gott. Er sieht eine Leiter, an der Engel auf und nieder steigen. Gott selbst steht über der Leiter, verspricht Jakob Schutz, das Land Kanaan und leibliche Nachkommen. Jakob nennt den Ort, wo er geschlafen, Bet-El (Gotteshaus), setzt einen Stein zum Denkmal und verspricht alS Gelübde den „Zehnten" (Mauser) von allem, waS Gott ihm geben wird. — Cr kommt in Charan an, trifft außerhalb der Stadt seine Kousine Rachel mit Schafen. Jakob bleibt als Schäfer bei seinem Onkel Laban. Als Lohn für 7 Dienstjahre wird ihm die heißgeliebte Rachel versprochen. Laban bricht jedoch sein Wort und gibt Jakob die weniger geliebte Lea. Jakob dient abermals sieben Jahre und bekommt endlich Rachel. Auch zwei Nebenfrauen, Silpa und Bilha, hat er. Seine Frauen erzeugen ihm nacheinander elf Söhne und eine Tochter (Tina) Die meisten Söhne hat Lea (6). Rachel beneidet sie darum: — Nach den 14 Dienstjahren bekommt Jakob als Hirtenlohn Schafe. Noch sechs Jahre bleibt er bei Laban. Dieser hintergeht ihn oft durch Wortbrüchigkeit und wird zuletzt noch neidisch auf seine Herden, welche sich durch Gottes Segen außerordentlich vermehrt hatten. Jakob bespricht sich mit seinen Frauen, auch erscheint ihm Gott und befiehlt ihm. in die Heimat zurückzukehren. Heimlich entweicht Jakob mit Weib und Kind aus Labans Hause. Dieser setzt ihm mit furchtbaren Rachegedanken nach, wird jedoch von Gott selbst an der Ausführung seiner Pläne gehindert. Laban holt Jakob ein und macht ihm Vorwürfe. Jakob geißelt in scharfen Worten das ganze Verhalten Labans. Sie schließen hierauf einen Freundschaftsbund und scheiden in Frieden von einander. Einsrisch errichteter Steinhügel ist das äußere Zeichen des Bündniffes.