Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 44 scheu 'Organs in ihren Händen), wirksam zu bekämpfen. Denn, solange diese Elemente, die in dem gesetzcstreuen Judentum lediglich den Klerikalismus sehen, die Oberhand haben, wird für unsere Bestrebungen wenig Raum sein. 3. Um die Frage, wie unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Zionismus in positiv-religiösem Sinne beeinflußt werden kann, zu beantworten, dazu fehlt mir, als einem Außenstehenden, die genaue Kenntnis der augenblicklichen Konstellation des Zionismus. Für den Fall, daß die unter 2 erwähnte Eventualität sich verwirklichen ließe, würde eine Erstarkung des religiösen Einflusses von selbst gegeben sein. Rabbiner S. Ph. de Vrics (Haarlem (Holland): Sie fragen nach meiner Ansicht in der Frage über Zionismus und orthodoxes Judentum: Des Oefteren habe ich es betont und ich werde es immer wiederholen, daß es mir gar nicht möglich ist, die Behauptung, der Zionismus sei streitig mit dem traditionellen Judentum, zu begreifen. Nur eins verstehe ich: das gesetzestreue Judentum hat bei jeder neuen Epoche in der Geschichte immer so viel verloren, daß man alles fürchtet, was beim ersten Anblick wie etwas Neues aussieht. Der Zionismus ist aber nicht etwas Neues, und wenn das Judentum sich vor dem Zionismus zu fürchten hat, so muß es, wie mir scheint, das Leben fürchten, und wer dennoch irgcndwelchcn Schaden vom Zionismus fürchtet für das gesetzestreue Judentum, der hat nach meiner Meinung eine doppelte Pflicht. Die eine: Sich an der zionistischen Arbeit zu beteiligen und in der Bewegung Einfluß zu gewinnen. Die andere: Bei dieser Arbeit immer treu die Wacht zu halten, daß das überlieferte Judentum auf keinerlei Weise geschädigt werde. Den Zusammenschluß aller gesetzestreuen Zionisten im Misrachi halte ich gewiß für eine erfreuliche Erscheinung. Und nicht nur zur Abwehr. Den Misrachi erwartet eine schöne Aufgabe bei der kulturellen Arbeit in Palästina. Wenn das gesetzestreue Judentum imstande sein wird, die erforderlichen großen Opfer in Kraft und Geld aufzubringen, damit der Misrachi dort eine leitende Stellung einnehmen kann, so wird er alsdann zweifelsohne Großes leisten in positiv-religiösem Sinne. (Fortsetzung folgt.) Die Woche. Die russischen Verhältnisse sind so verworren, daß man nichts Bestimnites mit verhältnismäßiger Sicherheit sagen kann, alles 'ist in Dunkelheit gehüllt, — und es ist eine weise Politik, die russischen Zustände mit Stillschweigen zu übergehen. Allein die Ereignisse der letzten Tage nötigen eine Betrachtung ab. Eine neue Duma — die dritte int Laufe zweier Jahre — ist gebildet, und es ist nun die Frage aktuell, zu welchen Aussichten sie bei ihrer Zusammensetzilng berechtigt. Die erste Duma, die bei ihrer Eröffnung die, laut der Bezeugung des Zaren, „besten Männer des russischen Volkes repräsentierte", war in den Augen des Dreibundes ,Lofklique, Großadel und Bnreaukratie" als eine „Krantolnaja", als umstürzlerisch verschrieen und wurde aufgelöst, auch die zweite, die arbeitswilliger und viel gemäßigter als die erste in ihren Ansprüchen war, mußte aus eben demselben Grunde gehen. Es kam der bekannte Verfassungsbruch vom 3. Juni, die Grundgesetze wurdeil nach Belieben geändert und interpretiert, und nunmehr haben wir die Dunra nach dem Rezept der „echt russischen" Verbandsführer, die Duma, die sich vorwiegend aus Großgrundbesitzern und derem schwarzen Anhang rekrutiert. Nun sollte man meinen: die Antwort ist angesichts dieser Sachlage gegeben. Weiß doch ein jeder im Voraus, was man von einer reaktionären parlamentarischen Mehrheit zu erwarten hat. Allein — weit gefehlt! Die russische Reaktion arbeitet plan- und sinnlos, kein bestimmtes Programm schwebt ihr vor Augen, nicht einmal der Begriff „konstitutionelle Monarchie" ist ihr klar zu Bewußtsein Frankfurter JsraelrtiDeS Familienblakt. gekommen. So ist z. B. der „Verband des russischen Volkes", der in der Duma durch 35 Abgeordnete vertreten ist, ernstlich bestrebt, die n n b e s ch r ä n k t e S e l b st h e r r s ch a f t des Zaren zu erhalten, — und dieser Verband streckt seine Wurzeln bis zur K r o n e, er wird als die „Zierde" und „Hoffnung" des Landes von den hohen Fürstlichkeiten, der Szeptcrträger inbegriffen, hingestellt, lind mit Liebes- und Ehrenzeichen förmlich überschüttet . . . Hören wir, was ' eine ultra-reaktionäre Zeitung wie die „St. Peterburskaja Wjcdomosti", deren politischen Zuverlässigkeit selbst die „Rußkoje Snamja", das Organ der „echt russischen Männer", nicht anzwcifelt, über die gegenwärtige Situation sagt: „Die Regierung kann keineswegs einen Sieg davon tragen. Die Gesellschaft wirb eine „rechte" Duma nicht anerkennen, wie sic auch den versammelten Semstwo-Kongreß von Moskau nicht anerkannt hat. Sie wird sagen: das ist nicht unser Parlament, es vertritt nicht den Volkswillcn. Anstatt, daß Beruhigung eintritt, wird die Lage im höchsten Grade gefahrvoll. Auf das Parlament wird man wie auf eine Waffe in den Händen des Ministeriums blicken, und das Parlament wird seine ganze Bedeutung verlieren. Die Deputierten werden nicht als Volksvertreter angesehen werden, sondern als Helsershelfer der Burcaukratie. Die Kluft zwischen Regierung und Gesellschaft wird sich vergrößern; diese und alle unzufriedene Elemente, deren es in Rußland so viele gibt, werden daraus Hinweisen können, daß man ans dem konstitutionellen Wege für das russische Volk nichts erreichen kann, und daß der einzige Weg zur Besserung der Lage eine ndnc Revolution sei. Die gegenwärtige Ruhe ist trügerisch. Daß die schlummernde Revolution nicht in eine aktive übergehe, dafür muß durch weise Maßregeln gesorgt werden. Eine solche Maßregel wäre es, wenn die Negierung mit den konstitutionellen Parteien zusammengchen wollte. Statt dessen sahen wir, baß die Regierung den ganzen Wahlkamps 'hauptsächlich gegen die konstitutionelle demokratische Partei führte. Wir stehen wieder vor der verhängnisvollen Frage: entweder eine Duma, welche der Negierung unerwünscht ist, oder eine Duma, welche dem Lande unerwünscht ist." Daß diese Ausführungen zutreffen, darüber bedarf es keiner weiteren Worte. Es herrschen im Lande noch immer anarchistische Zustände. In der kurzen Spönne Zeit vom 1. bis zum '30. September sind 1300 Personen, die zur Opposition gehören, verurteilt worden, darunter 115 zum Tode. Ebenso bedarf es keines Beweises, daß die Regierung Stolypins keine volksfrcundliche ist und nur im Dienste, des Hofes steht. Denn nur so sind die Verfolgungen und Schikanen gegenüber den demokratischen Parteien zu erklären. Und doch? Und doch glauben wir, daß die Regierung gewisse Konzessionen dem Lande machen wird, und zivar nicht nur aus Angst vor der Revolution, sondern weil das Land die gegenwärtige L a g e n i ch t mehr physisch ^aus halten kann. Stolypin wird sich nicht ausschließlich auf die Rechte stützen, er wird sich nicht scheuen, bisivcilen die Hilfe der verhaßten Kadetten anzunchmen. Die Tatsache, daß die „Rossia", Stolypins Sprachrohr, von der unruhigen Lage des Landes jetzt Notiz zu nehmen beginnt, beweißt, daß man Konzessionen zu machen geneigt ist. Die Regierung wird sich also bemühen, durch kleine Konzessionen die Bevölkerung zu beruhigen und so das Land wirtschaftlich wieder in normale Bahnen zu bringen. Deshalb find gegenwärtig auch keine Pogrome gegen die Juden zu befürchten. Auch dürfen die Juden eine geringe Besserung ihrer rechtlichen Lage erwarten; aber nur das und nicht mehr! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Unliebsames Aufsehen in den hiesigen jüdischen Kreisen hat der Bericht des Pariser Korrespondenten in der Dienstag-Nummer des General-Anzeigers durchweine offene antisemitische Abfassung gemacht. Es heißt nämlich in diesem Berichte: „Der Marinefähnrich Ullmo muß sehr böse Dinge auf dem Gewissen haben, denn die regierenden Dreyfusarden geben sich beispiellos viel Mühe, ihn vor dem Kriegsgericht zu bewahren. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht mail nur einen Zivilisten zu entdecken, den man unter der Anklage der Mitschuld in die Voruntersuchung verwickeln könnte. Alsdann käme der Prozeß vor die bürgerliche Gerichtsbarkeit) vor die Geschworenen, und da — läßt sich viel machen. Auf diesen Mitschuldigen bürgerlichen Standes hat die Kriminalpolizei denn auch von dem Augenblick an fahndeil müssen, da sie in dem Fähnrich Ullmo einen Glaubensgenossen des Häuptmanns Dreyfus erkannte. Bis jetzt vermochte sie "ihn nicht zu entdecken, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn zu erfinden." Cronberg. Die hiesige jüdische Gemeinde hat, da sie nur noch aus drei Personeil besteht, bei der Regierung in Wiesbaden ihre Auflösung bell n t r a g t. Berlin. Das Zential-Komitee der Alliance Jsraelite Universelle hat beschlossen, eine Studienkommission nach Abessinien zu entsenden zur Erforschung der wirtschaftlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Lage der Falaschas. Mit der Leitung der Expedition ist Herr N a h u m beauftragt, Professor am Rabbinerseminar zu Konstontinopel, der in der,Schule für lebende orientalische Sprachen und in dem Rabbinerseminar von Paris seine Ausbildung erhalten hat. Unter den Begleitern des Herrn Nahum wird sich, auch ein israelitischer Arzt befinden. Dresden. In unserem Landtag, deflen Majorität streng konservativ ist, kam am 8. ds. Mts. auch die Frage der Berufung von Juden zu S'ch ö f f e il und Geschworenen zur Sprache. Jnstizministcr Otto gab die Erklärting ab, daß die Ausschließung der 'Juden vom Schöffen- und Gcschioorenen - Amt g e s e tz w i d r i g und u n - gerecht sei. Bamberg. Im Kunstverein ist das Modell nebst den Plänen für deir Neubau der Synagoge, von der Hand des Dipl.-Architekten I. Kronfuß- Bamberg, das von den Preisrichtern mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, ausgestellt. Die Stadt hat der jüd. Gemeinde einen Platz an der Herzog Max-Straße im Werte von mehr als 60 000 JL zu dem billigen Preise von 15 000 JL überlassen. Der Bau, niit dem nächstes Frühjahr begonnen wird, dürfte fast eine halbe Million Mark koste». München. Der neue Friedhof ist vollendet und dürfte in Bälde eingeweiht werden. Er liegt unweit des Zollhauses an der Straße nach Altfreimann. Das ganze 15 Tagwerk umfassende Areal ist mit Anlage versehen und mit einer Mauer umgeben, in der nach Osten ein hohes gewölbtes Portal als Einlaßpforte eingefügt ist. Inmitten des Grundstückes befindet sich das. Friedhofsgebäude, Leichenhaus und Aussegnungshalle. Insterburg. Der Reichskanzler hat dem Kreisrabbiner Dr. B e e r m a n n sür sein Buch „Mein Werk dem Könige, Andachtsbuch sür die jüdischen Soldaten des Heeres" in einem Briefe den Dank ausgesprochen. Das Buch erscheint auf Kosten des Deutsch-Israelit. Gemeinbebundes und der Bnei- Brith-Logen. Breslau. Stiftung. Herr Isaak Schäfer hat seine Häuser Gartensir. 10 und Zimmerstr. 11 unter der Bezeichnung „Isaak und Jenny (geb. Elsncr) Schäfer-Stiftung" der Synagvgengemeindc geschenkt. Aus den Reinerträgen der beiden'Häuser sollen an hiesige wohltätige und gemeinnützige Anstalten laut Stiftungsurkunde entrichtet werden: an die israelitische Altersversorgungsanstalt 12 000 JL, an die isr. Waisenanstalt 6000 JL, an die isr. Krankenverpflegungsanstalt 6000 JL, an den jüdischen Taubstummenverein 1000 JL, an das jüdische Schwesternheint und an die Gesellschaft der Freunde je 3000 JL, an die Gesellschaft der Brüder und die 2. Brüdergesellschaft je 1500 JL, ferner je 300 JL an die israelitische Industrieschule, deir Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder, den israelitischen Jungfrauenverein und das israelitische Lehrerinnenheim. Oesterreich-Ungar«. Wien. Eine bemerkenswerte Entscheidung hat das Gewerbegericht gefällt. In der Klage des Komptoiristen S. gegen seinen früheren Prinzipal F. auf Zahlung eines vollen Monatsgehaltes, da er ihn wegen Ausbleibens am jüdischen Neujahrsfeste ohne Kündigung entlassen habe, erkannte nämlich das Gewerbegericht auf Zahlung des Gehaltes unter folgender Begründung: „Das Handelsgesetz verlangt für die plötzliche Auflösung des Vertrages schwerwiegende Gründe. Zwar erkennt die Gewerbeordnung dlos den Sonntag als Ruhetag, aber das Gericht habe sich der Anschauung nicht verschließen können, daß Kläger der Ansicht sein konnte, daß sein Chef, der selbst Jude ist, ihm das Ausbleiben am jüdischen Neujahrsfeste nicht als ungerechtfertigtes Fernbleiben vom Geschäfte ansehen werde, da nach dem vorliegenden Gutachten die Neujahrstage zu 'den höchsten jüdischen Feiertagen gezählt werden. Er konnte sich in dieser seiner Meinung auch dadurch bestärkt sehen, daß