Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-11-15 · Heft 44 (15.11.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 44 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692555--03570-2698278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ilramkfirrter 3frorlitifdirs familieiililatt. Hsdaktion nnd Geschäftsstelle: SrsnXfurl a. M.. vilbelerstraße 4/ß, Lcke Llerchstraße feCefou 10507. S-2L-K Herausgeber: Salg Gei^. < —. ■ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I - > ----—S Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkmrft. ■ 5. Jahrgang. Freitag, de« 9. Kislew 5668 (15. November 1907). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Enquöte über den Zionismus. — Die Woche. — Aus allerWelt. — Feuilleton: Das Original. — Sprechsaal. — Wochen- Kalender. — Familien-Nachrichten. Enquete über den Zionismus. (Fortsetzung.) Großherzogliches Landesrabbinat Oldenburg. Dr. Mannheimer: Auf Ihre gefl. Anfragen bin ich gerne bereit, Ihnen meine offene Ansicht mitzuteilcn, von welcher Sie beliebigen Gebrauch machen können, da ich selbst kein Zionist bin, und deshalb in der Lage bin, ganz objektiv die Fragen zu behandeln. ad 1. Der Zionismus widerspricht nach meiner Ansicht in keiner Weise den Ideen des gesetzestreuen Judentums, im Gegenteil, das gesetzestreue Judentum hat allen Grund, den Zionismus zu fördern, da derselbe eine nicht zu unterschätzende Stiitze des altüberlieferteir Judentums bedeutet. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß in allen Gemeinden, wo religiöse Fragen oder Bewegungen auftauchten, die Zionisten stets auf der. Seite der Orthodoxen gestanden haben, weil die Ehrfurcht vor dem Altüberlieferten sie auf diese Seite zog. 2. Ich halte es deshalb für einen großen Fehler, wenn ein gesetzestreuer Jude deil Zionismus bekämpft. 3. Einen Einfluß auf die zionistische Bewegung in positiv-religiöseni Sinne anzustreben, halte ich vorläufig nicht für tunlich. Gerade dadurch, daß die Religiöse Seite iin Zionismus nicht so sehr in den Vordergrund trat, ist es dem Zionismus gelungen, eine große Anzahl jüdischer Jünglinge und Jungfrauen, die schon am Rande der Assimilation angelangt waren, zu begeistern. Die positiv-religiöse Anschauung darf nach meiner Ansicht nicht von außen nach innen in den Zionismus gebracht werden, sondern sie muß sich durch den Einfluß des Misrachi innerhalb des Zionismus allmählich von innen nach außen entfalten. Jeder wirkliche Zionist niuß früher oder später von selbst auf diesen Standpunkt gelangen, sonst war er im Leben kein rechter Zionist. „Nation" ist vorläufig ein Schlagwort, im Endziel ist „Nation" von „Religion" unzertrennlich. Herr Landrabbiner Dr. Loeb, Emden: Zu 1. Meines Erachtens widerspricht der Zionismus nicht den Ideen des gesetzestreuen Judentums. Die Art aber, wie er in vielen Kreisen betätigt wird, halte ich nicht allein mit den Ideen des gesetzestreuen Judentums nicht vereinbar, sondern direkt für eine große Gefahr für das Gesamtjudentum. Die Trennung alles Religiösen vom Nationalen ist absolut verwerflich und mit dem wahren Zionismus, wie ich ihn auffasse, und wie er stets in den Herzen aller gesetzestreuen Juden lebt, nicht zu vereinbaren. Die sogenannten „Nationaljuden" müssen niindestens pietätvoll der jüdischen Religion und ihren Vorschriften begegnen. lind damit komme ich zu Punkt 2. Wenn dies der Fall ist, so können sich die gesetzcstreucn Juden an der zionistischen Arbeit beteiligen und innerhalb der zionistischen Organisation inl Misrachi sich zusannnenschließen. Wenn dies nicht der Fall und nicht möglich sein sollte, so müßten sie sich besonders organisieren und nur in gemeinsamen Fragen mit den anderen Zionisten Zusammengehen und zusammenwirken. Die dritte Frage: „Mit welchen Mitteln usw." ist schwer zu beantworten. Vor allem durch Wort und Schrift, durch unablässige Betonung, auch in öffentlichen Versammlungen, daß das Religiöse vom Nationalen nicht getrennt werden kan», durch Erziehung der Jugend in diesen! positiven zionistischen Programm. Rabbiner Dr. Nacht, Focsani (Rumänien) : Der zionistische Gedanke ist im gesetzcstreucn Judentum begründet und bildet einen wichtigen Bestandteil desselben. Die diesbezüglichen Talmudstellen sind bekannt. Ebenso wurde oft auf die Ansicht des Rabbi Moses ben Nachnian (Ramban) hingewiesen, wonach die Besiedelung Palästinas seitens der Juden einreligiös es Gebot sei, das für alle Zeiten bindende Kraft hat. Die Befürchtung, die Bestrebungen, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den „messianischen Verheißungen des Judentums", kann nicht ernst genommen werden. Kurzum, der Zionismus mit seiner Berufung auf die jüdische Nationalität und seinen Bestrebungen, diesen Gedanken durch das wiederzugewinnendc Land unserer Väter Ausdruck zu geben, ist jüdisch durch und durch, während von einem Judentum ohne Juden, von einer jüdischen Konfession, aus der man alles Jüdisch-Nationale zu verdrängen sucht, Wohl mit Recht das Wort unserer Weisen gilt: „Kol hoaumer, ein lonu elo tauroh, afilo tauro ein lau" (Jebomaus). 2. Natürlich werden die Gesetzestreuen darauf achten müssen, daß das religiöse Moment, das Judentum, die Tauroh nicht in den Hintergrund gedrängt wird. Der währe jüdisch-nationale Gedanke ist nur denkbar, wenn er mit unserem religiösen Leben Hand in Hand geht. „Jisroel weaureiso chad hu" heißt es ganz richtig in der Sprache der Kabbala. Wenn der Misrachi dies zum Ziele hat, so ist seine Existenzberechtigung begründet, womit die zweite Frage beantwortet ist. 3. Durch Errichtung von. Gymnasien auf religiös-nationaler Grundlage kann dem Zionismus religiöses Leben zugesichert werden. Vergessen wir nicht: Ein gut Teil unserer studierenden Jugend wird dazu angehalten, Jontof nnd Schabbos die Schule zu besuchen. Auch dort, wo Ro. 44. das Schreiben an diesen Tagen wegfällt, wird noch immer, durch das Fernbleiben unserer Kinder von Haus und Synagoge infolge des Schulbesuches, unseren Sabbaten und Festen die nötige Weihe fehlen; jene Weihe, die im innigen Zusammenfassen und völliger Durchdringung unseres religiösen und geselligen Lebens an diesen Tagen ihren Ausdruck findet. Der Sabbat hört aus, jener national-religiöse Tag zu sein, der dem Juden des Golus so viele Festigkeit und Lebenszähigkeit verliehen hat. Mag man noch so sehr bestrebt sein (von gesetzestreuer Seite aus) der religiösen Seite des Sabbat gerecht zu werden, das nationale Moment, Sabbat als ein Tag der Ruhe, geht vollständig verloren. Und hiermit ist dem Sabbat sein ausgeprägtes Merkmal genommen. Mit der Wiederherstellung des Sabbats in religiös-nationalem Sinne, durch Errichtung von jüdischen Gymnasien wird der Zionismus, der doch schließlich auf die Heranwachsende jüdische Jugend angewiesen ist, das religiöse Moment in dem Sinne, wie es der Misrachi haben will, zur Geltung bringen können. Ziehen wir noch in Erwägung, daß in Rumänien, Rußl a n d, zum größten Teile mich in Galizien die jüdischen Gymnasial-Schüler am Sabbat schreiben m ü s s e n und dadurch dem Judentum nach und nach vollständig entfremdet werden, welchem Uebel aber einzig und allein durch Errichtung von jüdischen Gymnasien in obigem Sinne abgeholfen werden kann, so ist die Antwort mif die dritte Frage gegeben. Das betrifft in erster Linie unsere Jugend. Ist diese aber für unsere Bewegung nicht von Bedeutung, ist sie nicht die Hauptsache, die Bürgschaft für das Gelingen unserer zionistischen Bewegung? Ja, sie ist es nach dem alten Prophetenworte: „Wojesch tikwoh teachisro erfchowu bonim ligwulcho". Rabbiner Dr. Jsak Unna, Mannheim: 1. Der offizielle Zionismus, d. h. das Baseler Programm, widerspricht meines Erachtens in keiner Weise den Ideen des gesetzestreuen Judentums. Eine andere Frage ist, wie es sich mit dem reinen Nationalismus verhält, den das Gros der Zionisten für die Grundlage der zionistischen Bestrebungen betrachtet und der darin gipfelt, daß die Juden ein Volk seien, genau wie jedes andere, und daß ihre Nationalität ebenso unabhängig sei von der religiösen Anschauung, wie die anderer Völker. Diese Anschauung ist der des gesetzestreuen Judentums diametral entgegengesetzt imd bedeutet für dasselbe eine schwere Gesichr. 2. Die Frage, ob die gesetzestreuen Juden sich an der zionistischen Arbeit beteiligen sollen, ist darum auch nicht so leicht zu lösen. Es ist das in erster Linie davon abhängig, ob für die Sache die führenden Männer des gesetzestreuen Judentums zu gewinnen sind, die in der Lage wären, den destruktiven Einfluß der Kultnrzionisten, der heute mehr als früher sich geltend macht (ist doch die Leitung des offiziell zionisti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.